Mittwoch, 28. März 2012

Hurtigruten Tag 2 - Oslo

Der gleißend hell erleuchtete Spie­gelschrank im Bad unserer Kabine ist gemein. Böse und gemein. Er zeigt mir Fältchen und Poren, die ich nie zuvor gesehen habe. Zur Sicherheit gönne ich mir eine extra Schicht MakeUp, schneide meinem Spiegelbild eine Fratze und mache mich auf die Suche nach einem Becher Kaffee an Bord.

Ich schlendere durch die Einkaufspassage des Schiffs und setze mich ins Promenaden Café. Der Kaffee schmeckt prima. Er ist ziemlich stark und mit 20 NOK für den ersten Becher und 10 NOK (1,30 €) für die Refills, sogar erstaunlich günstig. Als Claudie etwas später dazukommt, bin ich just am Boden meines zweiten Bechers. Claudia gönnt sich zu ihrem Kaffee ein Wienerbrød, was Pieps mit Begeisterung aufnimmt. Muss sie sich eben ein neues Frühstück kaufen...

Die Fahrt durch den 100 km langen Oslofjord sehen wir uns bei herrlichem Frühlingswetter durch die Fenster der Observation Lounge an. Dieses Schiff ist so riesig, dass wir mehrere Stockwerke über dem Wasser sind und dabei einen herrlichen Blick auf das sonnige Oslo haben.


Mit hunderten anderer Passagiere stauen, drängeln, stehen und tippeln wir von Bord. Unser Postschiff, die MS Lofoten, entern wir erst morgen in Bergen und deshalb verbringen wir heute eine Nacht in Oslo. Auf dem Parkplatz stehen mehrere Reisebusse bereit, um Reisende zum Flughafen, zum Bahnhof, oder zu ihren Hotels zu bringen. Es ist erst zehn Uhr morgens und damit zu früh, um im Hotel einzuchecken. Vermutlich aus diesem Grund gehört eine Stadtrundfahrt durch Oslo mit zu unserer Hurtigrutenreise.

Ich möchte nichts vorwegnehmen, aber bitte erinnert mich daran, nie, nie, niemals wieder an einer Stadtrundfahrt teilzunehmen. Agnes, die Reiseleiterin im Bus, kommt aus Montabaur und ist eine fröhliche Quasselstrippe, aber schon nach fünf Minuten kommen wir uns vor, wie Oma auf Kaffeefahrt. Dabei sind wir zusammen erst 120 und ich bin doch das Girl, das alleine mit der Enduro durch die Highlands fährt, aber ganz sicher kein Typ für organisierte Rundfahrten im Reisebus.

Unser erster Halt ist die Wintersportanlage Holmenkollen. Der Reisebus entlässt uns auf dem großen Parkplatz in den matschigen Schnee und wir haben 30 Minuten Zeit uns umzusehen. Mir ist kalt, ich habe Angst um meine schönen Schuhe und ich will mich nicht umsehen. Wäre ich bloß im Bus geblieben. Außerdem muss man schon ziemlich bescheuert sein, um auf Skiern diese Schanze herunterzufahren. Endlich geht es weiter.

Der nächste Halt ist ein ganz besonderer. Wir besichtigen den Vigeland-Skulpturenpark in Oslo. Claudia hatte mich bereits gewarnt vor der Darmverschlingung der Nation und als ich sie nur verständnislos ansehe, erleutert sie: "Warte es einfach ab, du wirst sofort wissen, was ich meine."

"Der Bus sammelt uns am gegenüberliegenden Ende des Parks wieder ein.", verkündet Agnes über das Bordmikrofon und schon öffnen sich die automatischen Türen des Busses. Aussteigen und latschen? Das ist doch nicht euer Ernst, oder? Ich hasse latschen. Weshalb buche ich wohl eine Kreuzfahrt? Ich will mit dem Schiff durch die Gegend geschaukelt und dabei dreimal am Tag gut verpflegt werden. Ist das denn zuviel verlangt?

Ohne jede Begeisterung stöckele ich auf meinen 9 cm Absätzen vorsichtig durch den Schnee­matsch. Nur gut, dass ich nicht die Peep Toes angezogen habe.

Falls es so etwas wie einen nationalsozialistischen Phalluskomplex für Bildhauer gibt, Gustav Vigeland hatte ihn. Eine scheußlichere Monstrosität als seinen Monolithen habe ich wohl nie gesehen und Claudias Umschreibung trifft es auf den Punkt. Der Monolith und die nackten Gestalten, die überall im Park verteilt sind, erinnern mich an Kunst aus dem Dritten Reich. Tatsächlich wird Vigeland von Manchen als ein Sympathisant der Nazis bezeichnet. Ich bin erstaunt, wie unkritisch die Wikipedia Artikel in dieser Hinsicht sind.

Vom Vigelandpark geht es weiter zum Vikingskiphuset, in dem mehrere Funde von Wikingerschiffen ausgestellt sind. Als Claudia das Oseberg-Schiff entdeckt, ist sie völlig aus dem Häuschen, weil sie einmal am Institut für Ur- und Frühgeschichte in Berlin gearbeitet hat, wo dieses Schiff ein großes Thema war. Pieps hingegen ist entäuscht. Sie hatte sich Piratenschiffe größer und mit deutlich mehr Totenkopfflaggen vorgestellt.


Schließlich geht auch die schönste Stadtrundfahrt endlich zuende und wir werden vor unserem Hotel abgesetzt. Den wertvollsten Tipp gibt Agnes uns zum Abschied. Sie empfiehlt uns das Restaurant Egon im Hauptbahnhof.

Claudia hat sich nicht lumpen lassen und für uns im Clarion Hotel Royal Christiania eine Suite aus zwei Zimmern und sogar einer Badewanne gebucht. Wir checken ein und machen uns sofort auf den Weg zu Egon. Agnes' Tipp ist Gold wert, denn Oslo ist schrecklich teuer und bei Egon kann man sich vor 18 Uhr in das Pizzabuffet einkaufen. All you can eat für 99 NOK (ca. 13 €). Claudia trinkt dazu einen Apfelsaft und ich ein alkoholfreies Bier. Die kleine Flasche Bier kostet 6,69 €, der Apfelsaft 5,39 € und dabei ist Egon eines der günstigsten Lokale in Norwegen. Ich beschließe, mich mit meinen eigenen Waffen für die unverschämten Preise zu rächen, indem ich so oft zum Buffet latsche, bis ich auch den Preis für das alkoholfreie Bier wieder drin habe und sogar Pieps mir einen verwunderten Blick zuwirft. Das Pizzabuffet bei Egon ist nicht der große Markerschütterer, aber das Brot ist heiß, der Ketchup darauf auch und es wird laufend frisch nachgelegt. Außerdem ist es das einzige Essen, dass wir uns leisten mochten. Als ich die kurz darauf die Preise bei Burger King lese, werde ich fast bewusstlos. Dafür gehe ich in Kiel gepflegt im Ratskeller essen, hmpff...

Gegen Abend verziehen wir uns in unsere Suite. Klugerweise habe ich mir aus dem Supermarkt eine Dose Bier mitgenommen, das ich aus einem der Plastik Zahnputzbecher trinke. Entweder man hat Stil, oder man hat ihn eben nicht.

Nach einer Weile beginnt Claudia ganz unvermittelt, von gekochten Eiern zu fabulieren und wie wunderbar es doch wäre, jetzt ein hartgekochtes Ei zu essen und Pieps stimmt natürlich fröhlich mit ein: "Oh ja, Zimmerservice, Zimmerservice." Mir wird schon bei dem Gedanken an die Preise schlecht und kopf­schüttelnd verschwinde ich im Bad.

Als ich wieder ins Zimmer komme, liegt ein gekochtes Ei auf meinem Kissen und Claudia und Pieps grinsen mich breit an. Claudia hat tatsächlich einen Beutel hartgekochter Eier von zuhause mitgebracht. Eine tolle Idee und zufrieden mampfen wir die Überraschungseier in uns hinein.

Den Rest des Abends zappen wir uns durch die 22 Fernseh­programme, geben dann entnervt auf, weil es hier noch lautere und dümmere Werbung als zuhause gibt. Gute Nacht, liebe Welt. Morgen geht es weiter mit der Bergenbahn und abends sind wir dann endlich auf unserem Postschiff.

Kommentare:

Pieps™ hat gesagt…

Nur in mei'm Überraschungsei wa' ga' kein Schlumpf drin, menno!

Frau M. hat gesagt…

Diese Stadtrundfahrt klingt gar grauselig! Mir wäre es da wohl ganz genauso ergangen wie Dir. Klingt aber alles in allem trotzdem nach viel Spass!

Tally hat gesagt…

Gräm dich nicht Pieps. Freu dich lieber darüber das Claudia so weitsichtig war für die Marschverpflegung zu sogen. Und außerdem ist ja ballt Ostern - da wird bestimmt ein schlumpfiges Ei für dich abfallen.
LG die Schlumpffine aus RD...

Abalone hat gesagt…

Hach, ich liebe Deine Weltenbummler-Geschichten einfach!

Bin schon mächtig gespannt, wie es weiter geht :o)

Sabrina hat gesagt…

Eigentlich hättest du MICH mitnehmen müssen, immerhin spreche ich fließend Norwegisch. *grummel*

gitti hat gesagt…

wow..ich versinke grad in deinem bericht über eure tolle reise *kleinbissalneid* trotz aller "hoppalas" eine zum mitleben einladende reisedoku *ggg @ pieps und claudia*....ausserdem wollt ich mich für deinen lieben und einfühlsamen beitrag in meinem blog bedanken
DANKE und
liebe grüsse aus wien
gitti

Inka hat gesagt…

Oslo gilt bekanntlich als eine der teuersten Städte der Welt. Aber schön ist diese Stadt trotzdem, finde ich. Der Vigeland-Park und das klotzige Rathaus sind zwar auch nicht mein Fall, aber dafür sind die Museumsinsel Bygdoy und der Kai von Aker Brygge mit den vielen Cafés und Kneipen mit Fjordblick traumhaft schön.

bloggefluester hat gesagt…

eine stadtrundfahrt haben wir ganz bewußt nicht gemacht, sie dafür ein bischen zu fuß erkundet ... und schön .. naja, schön find ich oslo nicht ... wir haben damals im thon hotel direkt beim hauptbahnhof genächtigt -allerdings auf der rückreise- und da waren uns die umfallpreise bei b.king egal ... wir hatten nämlich kohldampf auf pommes und burger ;)

lg
bini.

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Pieps: Nein, ein Schlumpf war da nicht drin, aber gut geschmeckt hat es trotzdem, oder...?!

@Frau M: Natürlich war das ein großer Spaß, aber ich kann es kaum erwarten, endlich zum Schiff zu kommen und dass die Reise endlich richtig losgeht.

@Tally: Stümmt, Claudie war wirklich weitsichtig. Dafür hatte ich ein Paket Kochwürste und acht kleine Flaschen Underberg im Koffer. Was sagst du nun...? Und für Pieps ist auf dieser Reise auch so ganz schön viel abgefallen. Ich sage nur "Schrecken des Buffets".

@Abalone: Danke dir. Die Geschichte ist ja nicht so aufregend zu Beginn, weil ja allein die Anreise zum Postschiff länger als zwei Tage dauert, aber das wird noch spannender...

@Sabrina: In echt? Oh, cool. Claudia versteht aber auch das Meiste und hat für mich übersetzt. Und Pieps versteht ja sowieso alles wie sie will.

@Gitti: Meine kleine Reisedoku ersetzt mir das Fotoalbum, das ich früher geklebt und beschrieben hätte. Aber dann hättest du es ja nicht lesen können :-)

@Inka: Ja, das haben wir auch gehört, eine der teuersten Städte der Welt. Aber wir waren ja nur auf der Durchreise und ich war an Oslo selbst gar nicht so interessiert. Die Skulpturen im Parks sind wirklich grässlich. Mal sehen, wie es weitergeht.

@Bini: Ich wollte schon deshalb nicht viel für das Essen ausgeben, weil wir ja die nächsten zwei Wochen rund um die Uhr perfekt verpflegt werden an Bord. Aber den FastFoodAppetit danach kann ich gut verstehen :-)

Anonym hat gesagt…

so lecker das essen an bord auch war, nach zwei wochen war der heißhunger auf nen burger riiiiiiiesig :) ... das EGON haben wir auch gesehen aber pizza war nicht unser ding an dem abend ;) -hihi-

lg
bini.

zimtapfel hat gesagt…

Svenja, wenn sie dich bei der Polizei irgendwann nicht mehr wollen sollten oder dir, wenn es irgendwann in 30 Jahren soweit ist, das Rentnerdasein zu langweilig wird - werd Reiseschriftstellerin! Es findet sich bestimmt ein Verlag, der dich für teuer Geld überall hinschickt und darüber schreiben lässt. Ehrlich, deine Berichte sind ein adäquater Ersatz fürs selber verreisen.
:-)

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Bini: Nein, Pizza ist auch nicht mein Ding, aber Burger auch nicht so sehr Das Essen an Bord ist schon klasse, oder? Aber das darf ich ja noch gar nicht wissen :-)

@Zimtapfel: Oh, danke, wie lieb von dir. Ich hätte es selbst nie gedacht, dass mir das Schreiben einmal soviel Freude machen würde. Danke, lieber Zimtapfel.

Anonym hat gesagt…

Also auch diese Reisebeschreibung ist wie immer einfach grosse Klasse!
Für mich persönlich aber ist das große, zwerchfellerschütternde Highlight immer dann gegeben, wenn ihr beide, Pieps und (Sonja), der armen Claudie das Frühstück weg(fr)esst.
Viele Grüsse DRUKK

Anonym hat gesagt…

Ich meinte natürlich (Svenja)

Eggi hat gesagt…

Boa, das klang ja wie Touri-Abfertigung am Fließband. ;-)

Aber trotzdem: irgendwas haben diese Norwegenreisen was.
Naja, wir werden das dieses Jahr per Motorrad erfahren.

Aber auf die Preise freuen wir uns schon..... *würg*

LG

Eggi

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@DRUKK: Danke schön. Es macht auch viel Spaß, hinterher noch einmal im Reisetagebuch zu blättern und den Bericht daraus abzuschreiben. Und Claudia ist aber auch so noch sattgeworden. :-)

@Eggi: Na, du wirst sehen. Lass dich überraschen. Aber Norwegen ist eine Reise wert.

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