Mittwoch, 4. April 2012

Hurtigruten Tag 5 - Trondheim - Rørvik

Säcke mit Zement für Båtsfjord, eine LKW-Ladung Bier nach Kirkenes, eine Palette Kekse für Hammerfest und am Niedergang zur Kombüse stehen drei Wannen voller Rindfleisch. 

Gerade werden an der Reling zwei große Trecker­reifen als Decks­fracht verzurrt, während ein roter Toyota Gabel­stapler auf dem Kai die nächste Palette ans Schiff heranfährt.  

Es ist unglaublich, wieviele verschiedene Güter unser kleiner Deckskran an Bord hievt. Die MS Lofoten ist in erster Linie ein Postschiff und erst danach eine Touristen­attraktion

Die Postschiffe der Hurtigruten sind eine wichtige Lebensader entlang der norwegischen Küste bis hinauf in die Arktis, denn viele der kleinen Häfen sind auf dem Landweg wirtschaftlich kaum zu erreichen.

Wir liegen heute vormittag im Hafen von Trondheim und haben das Schiff fast für uns alleine. Die meisten anderen Passagiere nehmen an einem Stadtrundgang teil, nur wir nicht. Claudia kennt die Stadt wie ihre Westentasche, ich mag nicht latschen und Pieps will die Kombüse nicht aus den Augen verlieren, seit in Ålesund eine halbe Palette Eiscreme an Bord gehievt wurde.

Zum Mittag gibt es wieder ein erstklassiges Buffet, in dem Sättigungsbeilagen, wie Nudeln und Reis, nicht vorkommen und selbst Salat nicht so penetrant in den Vordergrund missioniert wird, wie es manchmal üblich ist. Allenfalls für Diabetiker und Magenkranke wird dezent etwas davon bereitgehalten.

Zum zweiten Mal auf dieser Reise gibt es neben Fischge­richten auch mein absolutes Lieb­lings­essen (außer Ente), nämlich Entrecote. Ich häufe mir den Teller voller Rindfleisch und nehme sogar drei Kartof­fel­spalten und einen Löffel Gersten­graupen dazu. Die einen, weil sie farblich gut zum Fleisch passen und die anderen, weil sie mich an Haggis erinnern.

Für Pieps gibt es Erdbeerkuchen, Eiscreme und ein großes Stück Haut, dass ich für die kleine Maus extra vom Vanillepudding abrollen musste.

Den Nachmittag verbringe ich mit dem Kindle in der Lounge. Wie hingegossen liege ich in meinem grauen Kleid und den schwarzen Overknees von Buffalo Girl in einem der tiefen, weichen Clubsessel. Vermutlich bin ich die einzige an Bord, die nichts von Fjällräven oder Wolfskin im Schrank hat und die außerdem zu jeder Tageszeit ein vollständiges MakeUp trägt.

Die meisten anderen Passagiere, außer Pieps und Claudia, tragen Jeanshosen, Fleecepulli und sehr gerne diese unsäglichen Plastikcrocs. Ich habe das Gefühl, dass niemand diese Kreuzfahrt wirklich ernst nimmt und stelle mir vor, wie Kate in Crocs und Bequemhosen im Rettungsboot der Titanic sitzt, während Leonardo einen roten Fleecepulli trägt, der mit einem albernen Elch bestickt ist. Der Film hätte sicher keine elf Oskars bekommen.

Sollten wir also untergehen, was mir nach der letzten Nacht nicht mehr völlig ausgeschlossen erscheint, dann will ich wenigstens gut aussehen dabei und hoffe, dass die Kamera auf mich hält.

Während ich von diesem Gedanken noch ganz hingerissen bin, kommt ein junges Pärchen in die Lounge. Es sind Fahrgäste, die in Trondheim zugestiegen sind und vermutlich bis Rørvik mit­fahren werden.

Der Stretchrock dieser Tussi ist unverschämt kurz und wir tragen fast die gleichen Overkneestiefel. Sicher ist sie nicht einmal halb so alt wie ich, sieht umwerfend aus und sogar ihr Freund sieht ganz ok aus. Für einen Mann.

Ich kann beide auf Anhieb nicht leiden und hoffe, dass sie nach dem ersten Kind aufgeht wie ein Hefekuchen, während er früh eine Glatze kriegt. Den Rest des Tages habe ich miese Laune.

Gegen Abend habe ich ein echtes Tief. Während wir zu Abend essen, werden wir Folda über­queren und es ist mit rauher See zu rechnen.

In der Ferne sieht man die ersten Brecher an den Klippen zerschellen und weiße Gischt spritzt meterhoch in den dunklen Abend­himmel. Ich habe mir schon einen Fluchtplan überlegt, falls mir schlecht werden sollte. Mir ist schon den ganzen Nachmittag über ein wenig flau und ich esse sogar ein Stückchen trocken Brot, was ich sonst niemals tue.

Der erste Gang ist eine sensationelle Blumenkohlsuppe und schon nach den ersten Löffeln geht es mir besser und das flaue Gefühl ist verschwunden. Ich bin so happy, dass ich nicht übel Lust hätte, ein paar Schritte zu tanzen. Das war also keine Seekrankheit, sondern mir war einfach nur schlecht vor Hunger. Ab jetzt kann ich den Seegang genießen.


Gerade als die geräucherte Lachsforelle aufgetragen wird, verlässt der junge Hühne vom Nebentisch fluchtartig den Saal, ohne die verführerisch glänzende Fischhaut eines zweiten Blickes zu würdigen. Er wurde bis zum Ende der Mahlzeit nicht mehr gesehen. Ebensowenig wie die beiden Ehepaare am Fenster, die nach einem kurzen Blick auf den Fisch wie auf ein geheimes Zeichen hin gemeinsam aufstehen und den Saal verlassen, während am Nebentisch die ersten Gläser umstürzen.

Am Fisch kann es nicht liegen, denn der schmeckt köstlich. Gerade als ich überlege, ein paar der stehen­ge­lassenen Lachs­forellen einzusammeln, wird bereits der dritte Gang aufgetragen, eine fette Süßspeise aus norwegischer Dickmilch.

Ganz überraschend wird das Licht im Saal gedämpft und Charlotta, eine der Kellnerinnen und ein wunder­hübsches Mädchen, singt a capella ein Lied für uns "Fields of Gold". Ich bin nach den ersten Zeilen so berührt, dass mir die Tränen in die Augen schießen und nur mein wasserfestes MakeUp das Schlimmste verhindert. Ich habe Mühe, meine Fassung zu finden, bevor das Licht im Saal wieder angeht.

"Heuls du, Tzwännja....?! Wieso heuls du jetz ei'ntlich...?" kräht Pieps fröhlich in den Saal und informiert die umsitzenden Passagiere über meinen Gemütszustand. Oh, ich liebe Kinder...

Kommentare:

Pieps™ hat gesagt…

... un' ich lieb' dich!

Inka hat gesagt…

Na, da hast Du aber wirklich Glück gehabt, dass das Postschiff nicht nur Zement und Treckerreifen, sondern auch jede Menge Lebensmittel an Bord hatte.
Liebe Grüße
Inka

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Pieps: Ich weiß, Mäuschen. Und ich lieb dich.

@Inka: Ja, ein Glück, häh...?!
Nein, im Ernst. Auf Seereisen sind Mahlzeiten noch
wichtiger als an Land. Aber nicht viel :-)

Anonym hat gesagt…

ich bewundere dich echt dafür, dass du gar nicht seekrank wirst und so guten appetit hast.
Ganz besonders aber für deine humorvollen Berichte.
Lg Jörgel

Anonym hat gesagt…

P.S.: Und du siehst Klasse aus

Grit hat gesagt…

Die stelle mit der Titanic ist der hammer

SoD hat gesagt…

Mir wird schon schlecht wenn ich das alles lese, ich werde ja sogar beim Autofahren seekrank (also wenn ich nicht selbst fahre;))
ohne reisetabletten würde mich da ja nix draufbekommen:D
aber mal ganz unter uns: Titanic wäre ne Stunde kürzer gewesen, wenn die Leute alle was von Jack Woolfskin angehabt hätten, das Zeug saugt sich ratz fatz voll Wasser und ist dann sau schwer, die wären schneller untergegangen...

riese hat gesagt…

also bis jetzt war der beitrag spitze, aber das bild im speisesaal hat mir nu alles versaubeutelt. fahrt mit hurtigruten für mich gestrichen! ! ! !
hallo? svenja fässt einfach so an die decke? ist das schiff für hobbits gebaut oder was? wie soll sich da ein zwei meter mann drauf bewegen können ohne nach ein paar tagen einen kopf wie eine brombeere zu haben? nicht so schön rund aber genau so verbeuelt!
treckerreifen? geil.

Anonym hat gesagt…

Also Svenja, so langsam mache ich mir Sorgen. Wünschst du nun allen sexy Mädchen die ewige Laufmasche ans Bein? Abwarten, wenn die dann 50 sind, hast du sie in Punkto Schönheit weit hinter dir gelassen.
Liebe Grüße Miriam

Anonym hat gesagt…

Also....meine Erfahrung mit Sturmstärke 9-10 im Ärmelkanal war, solange ich nach vorne überm Bug schauen konnte, hatte ich keine Probleme mit Seekrankheit. Wichtig war einen 'stabilen' Horizont als 'Halt' hinter dem links-rechts,rauf-runter schaukelnden Bug bzw.Deck.

viele Spaß!

Lynn

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Jörgel mit PS: Danke schön. Für alles drei :-)

@Grit: Ist aber so, oder? Heute haben die Leute einen anderen Stil. Der reicht nicht mehr für Oscars. Nur noch für DSDS...

@SoD: Es gibt doch Reisetabletten dagegen und die sind völlig problemlos. Und dein Titanic Wolfskin Vergleich ist echt prima. In dem orangenen Rettungsanzug würds auch nicht besser aussehen.

@Riese: Nee, für dich wären die Decks zu niedrig. Viel zu niedrig. Ja, die Schiffe sind echt für Hobbits gebaut :-)

@Miriam: Ich hab tatsächlich eine erstklassige 1A Stutenbissigkeit entwickelt. Mit Prädikat. Aber wenn die 50 sind, dann bin ich irgendwo in den Achtzigern. Der Gedanke hilft mir jetzt also nicht unmittelbar :-)

@Lynn: Neun bis zehn? Boah... Ich wär gestorben. Es war auch so schon örkselig genug und ob da ein Horizont immer hilft. In der Kajüte war nicht mal einer zu sehen.

Funny hat gesagt…

Hobbits! Tzäää :)

Frau M. hat gesagt…

Ist das auf dem Foto die Deckenpaneele, die Claudia ramponiert hat?
Crocks gehören verboten! In den Dingern wollte ich nichtmal tot aufgefunden werden. Ich finde das gut, dass Ihr euch nicht dem Klamottenschlendrian hingebt.
Danke für diesen tollen Reisebericht, Maren

Anonym hat gesagt…

Liebe Svenja,
Ich bin gerade in Australien im Urlaub und habe zufällig Deinen Blog entdeckt, als ich "indisch essen in Kiel" googlte. Und ich freue mich jetzt seit einigen Tagen über meine Entdeckung und verfolge Deine Einträge.
Ich kann mich in vielen Deiner Themen wieder finden: Samstags die Holtenauer, die No- Go- Area oder die uhrzeitmäßig sehr fraglichen After-Work-Parties. Als Motorradfahrerin frage ich mich auch immer wieder, wie Frau Eleganz und Sportlichkeit unserer einen Hut bringen soll.
Du hast mich nun also als neuen Fan gewonnen - einzig Deine essentechnischen Vorlieben sind mir als Vegetarierin doch ein wenig ungeheuer ... ;-)
Ich freue mich auf weitere illustre Geschichten einer Frau in unserer Landeshauptstadt.
Viele herzliche Grüße und Euch dreien noch eine schöne Reise.
Claudia aus Kiel-City

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Funny: Von mittlerem Wuchs natürlich...

@Frau M.: Ja genau, an der Stelle hat Claudie sich einmal zu doll abgestützt, aber das Panel war schon lose (haben wir gesagt). Solche Stellen gab es überall auf den Decks. Sind wohl schon andere auf die geniale Idee gekommen.
Das ist ein gutes Wort "Klamottenschlendrian" :-)

@Claudia aus Kiel City: Danke dir, dann kennst du Kiel ja ebenso wie ich mit all seinen High- und Lowlights. In Australien habe ich eine schöne Zeit verbracht und ein wenig beneide ich dich darum. Ob das einmal ein Ziel für meine KLX und mich wäre? Hmmm, das muss ich mir einmal in Ruhe überlegen.
Ja, als Bikergirl trotzdem weiblich hübsch auszusehen, ist gar nicht so einfach. Das MakeUp an den Wangenpolstern meiner Helme kann eine Geschichte davon erzählen. Gute Reise wünsche ich dir.

grit hat gesagt…

als nächstes will ich ja titanic in 3d gucken-mein absoluter lieblingsfilm-ich glaub an der stelle wenn kate im rettungsboot sitzt werde ich als einzige laut im kino lachen und keiner weiß warum

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Grit: lach...DAS hab ich natürlich nicht gewollt. Aber heute scheint es tatsächlich keinerlei Dresscode mehr zu geben. Warts nur ab, bis ich zu der Stelle mit dem Captain's Dinner komme...
Viel Spaß im Kino, liebe Grit.

Micha hat gesagt…

Hi Svenja,

danke für Deine super Berichte. Bin durch Zufall beim sufen auf Deine site gekommen.
Ich glaub, heut zu Tage ist das nicht mehr so extrem mit der Kleiderordnung.
Aber Crocs??? Geht ja mal gar nicht. Urgs. Die Dinger kommen mir nicht an meine Füße. Ausser ich wäre vielleicht Bademeister. Aber sonst?

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Micha: Nein, eine Kleiderordnung gibt es nicht mehr und das ist sicher auch gut so. Umso freier ist man doch dabei, sich nach eigenen Vorstellungen so anzuziehen, wie man sich wohl fühlt. Und ich könnte das never in Crocs oder Birkenstocks. Nicht mal als Bademeisterin, lach...

Anonym hat gesagt…

Hallo Svenja,
was ich nicht verstanden habe: warum hast Du Dich geschömt transgender zu sein (wegen dem englischen Ehepaar)?
LG Lysan (bin auch TS)

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Lysan: Lies die Stelle noch einmal ganz sorgfältig durch. Es erklärt sich von selbst. Es ist von vielen falsch verstanden worden und ich mag es nicht noch einmal erklären.

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