Dienstag, 25. August 2015

Tafelspitz statt Entrecote

Bevor der Herbst mit Regen und Sturm die Saison beendet, gehen Pieps und ich noch einmal auf Reisen. Diesmal wollen wir in die Alpen. In Österreich war ich schon einmal, aber eher aus Versehen. Ich hatte mich  hoffnungslos im Wald verirrt, irgendwo in Tschechien, und wusste weder vor noch zurück. Als ich schließlich doch wieder aus dem Unterholz gebrochen bin, da war ich in Österreich.



Das Wenige, das ich dort erlebt habe, hat mir gut gefallen. Nette Menschen, gutes Essen, hübsche Landschaft. Das ist ein tolles Ziel für meine Herbstreise. Aber natürlich gibt es immer jemanden, der etwas zu meckern hat:

Pieps: "Nur Karo hat gesacht, ihr Papa hat gesacht, Österreich is voll lamweiläch."
Ich: "Österreich und langweilig? Wiener Schnitzel, Tafelspitz, Salzburger Nockerln, Saftgulasch, Sachertorte, Palatschinken, Käsekrainer, Speckknödel und Backhendl sind langweilig?"
Pieps: "Karo is' wieso doof. Ich hol mein Berkini. Denn könn' wir los."
Ich: "Fast, mein Schatz. Noch vier Mal schlafen, dann fahren wir wieder los."

Die Anreise unternehmen Pieps und ich standesgemäß mit einem Autoreisezug der Österreichischen Bundesbahn. Die ÖBB fährt auf deutschen Gleisen von Hamburg nach Wien und das zu erstaunlich günstigen Preisen. Für Greeny, Pieps und mich kostet es gerade einmal 154 Euro.

Von Österreich fahren wir durch Liechtenstein weiter in die Schweiz. Dort zelten wir zwei Tage  an einem Gletscher in 1.600 m Höhe, bevor wir irgendwann in Lörrach landen und über Nacht mit dem Autozug der Deutschen Bahn zurück nach Hamburg-Altona schlafen.

Fazit: Drei Wochen Österreich und die Schweiz. Ich freue mich auf die kleine Herbstreise. Wir werden uns Hallstatt ansehen, die Riegersburg, den Großglockner, Salzburg, Innsbruck und viele andere tolle Ziele. Auf den Wunsch einer gewissen Maus inspizieren wir sogar die Zotter Schokoladenwerke. Ob Pieps allerdings ihren Bikini brauchen wird, im September in den Alpen? 


Sonntag, 8. März 2015

Ferien an der Loire

Die nächste Reise soll eine Erholungsreise werden, das hatte ich am zweiten Tag in Polen in mein Moleskine geschrieben. Ein richtiger Urlaub mit Lebensart und südlichem Flair, mit gutem Essen und mit ohne viel Abenteuer. Der erste Gedanke, der mir in den Sinn kommt ist: Frankreich!





"Frankreich? Davon weiß ich leider gar nichts", gibt Claudia bedauernd zu: "Ich kenne weder die Geographie, noch die einzelnen Regionen. Das Land ist mir völlig fremd", räumt die beste Freundin von allen beschämt ein. Ein Land, über das Claudia nichts Kluges zu sagen weiß? Mein Interesse ist geweckt.

Dreimal bin ich bisher mit dem Motorrad in Frankreich gewesen: 1982 mit meiner Suzuki DR500, zwei Jahre später auf meiner XT350 und 2010 mit Greeny, meiner KLX250. Die Motorräder, mit denen ich reise, werden immer kleiner.

Woran erinnere ich mich aus den achtziger Jahren? An wunderschöne, schmal geschlängelte Straßen durch liebliche Landschaften, an ein groteskes Überangebot von Campingplätzen, an unglaubliche Sanitäranlagen, die an den Waschraum aus Trainspotting erinnern und an Menschen, mit denen ich mich noch schwieriger verständigen kann, als mit den Polen.

Andererseits ist Frankreich das Heimatland von Entrecote und Blanchet, von Käse und Rotwein, von Lebensfreude und Genuss, kurzum von Erholung für ein älteres Dämchen wie mich. 

Meine Ziele sind die Loire und die Auvergne. Von Kiel fahre ich über Hamburg und Bremen nach Holland, weiter durch Belgien nach Frankeich bis an die Loire, wo ich dem Lauf des Flusses bis in die Auvergne folge. Die Auvergne und die Cevennen sind die am dünnsten besiedelten und einsamsten Regionen Frankreich, in denen mehr Kühe und Schafe leben als Menschen.

Gerade studiere ich Reiseführer, Landkarten und Reiseberichte, klicke mich durch Google Maps, fahre Straßen mit Google Street View ab, suche nach alten Eisenbahntunneln, Schaubergwerken und hübsch gelegenen Campingplätzen. Der aktuelle Stand der Planung? Ich bin schon bis Garrel, ein Dorf kurz hinter Bremen. 

Fazit: Diesen Sommer geht es zum Familienurlaub nach Frankreich: Nur Greeny, Pieps und ich. Pieps ist begeistert, weil sie von jedem "Orlaub" begeistert ist und außerdem Frankreich für das Mutterland von "Onktrekoot, Körsch und Leberwoast" hält. Nun, wir werden sehen...

PS: Tipps und Hinweise zu Frankreich sind sehr willkommen.

Donnerstag, 29. Januar 2015

Gedanken zur Street Photographie

Tierfotos? Schon bei dem Gedanken daran schlafe ich ein. Das dürfte das Einzige sein, das sogar noch lang­weiliger ist als Tierfilme.

Natur, Wald, Pflanzen? Das Zeug in den Stollen meiner Enduroreifen? Nett, aber kein Fotomotiv.

Nein, mich fasziniert Street Photographie, die Straßen­fotografie. Plump ausge­drückt und extrem ver­ein­facht: Man fotografiert fremde Menschen in der Stadt.

Der berühmteste Name in diesem Zusammenhang ist Henri Cartier-Bresson, ein französischer Straßen­fotograf des 20. Jh. und Mit­be­gründer der Bildagentur Magnum Photos, die so bekannt ist, dass sogar ein Kultur­banause wie ich von ihr gehört hat. Bresson ist der Altmeister der Straßenfotografie schlechthin.

Prompt habe ich mir einen dicken, teuren, fast 3 kg schweren Bildband gekauft und was soll ich sagen? Die Fotos langweilen mich. Historische Aufnahmen aus den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrtausends, so interessant wie Standbilder aus einem Stummfilm. Sicher ein begnadeter Fotograf, dem keiner heute das Wasser reichen kann, aber mit mir und meiner Zeit haben seine Bilder nichts zu tun. Wenigstens sieht der Wälzer auf meinem Nachttisch beeindruckend und ein wenig nach Bildung aus.

Ich muss meine eigenen Motive finden und ich weiß, dass meine Bilder schwarzweiß sein werden. Farbe ist für meine Reisefotografie, die Schnappschüsse, die ich auf meinen Motorradreisen mache. Was also ist mein Thema, was sind meine Motive, was interessiert mich?

Straßenfotografie interessiert mich, allerdings mag ich keine Menschen fotografieren. Zuerst dachte ich, das sei meine Angst, Fremden die Kamera ins Gesicht zu halten, aber nein, das ist es nicht: Die Scheu kann ich überwinden, aber die Menschen interessieren mich nicht. Wenn einer zufällig ins Bild rennt, ist es ok, aber mein Motiv wird er nicht.

Rannte plötzlich ins Bild...
Gute Street Photographie liefert den "Candid Shot", ein Foto in dem Moment aufgenommen, bevor die Person merkt, dass sie fotografiert wird, oder vielleicht merkt sie es nie, weil es heimlich mit langer Brennweite aufgenommen wurde. Nein, das ist nichts für mich, sowas tut man nicht.

Nun haben wir in Deutschland Das Recht am eigenen Bild, das es in dieser Form nur in Deutschland  und ungefähr noch in Nordkorea gibt, welches bereits das bloße Aufnehmen fremder Menschen verbietet, nicht erst das Veröffentlichen.

Danke Jungs. Ihr Datenschützer seid die Veganer der Digitalen Welt: Ihr habt schon Google Streetview für Deutschland verhindert.  Eure Aufgabe ist es, alles zu verbieten, das nützlich ist, Spaß und Freude macht, ungesund ist, oder einfach nur Genuss verspricht. Ich wette, ihr seid in eurer Schulzeit nie zu Partys eingeladen worden...

Nun könnte ich die Menschen vorher fragen und mir ein Model Release unterschreiben lassen, was beides reichlich weltfremd ist, oder ich lasse es und gestalte Aufnahmen so, dass die Personen darauf nicht zu erkennen sind.

Antiquariat Bücherwurm im Knooper Weg. Dort kann ich stundenlang stöbern.
Auf meinen ersten Streifzügen durch Kiel habe ich schnell gemerkt, wieviel Spaß mir die Street Photographie macht, aber ich merke auch: Die Menschen interessieren mich eigentlich nicht. Sie sind allenfalls Staffage, wenn sie zufällig ins Bild laufen.

Fazit: Mein Thema nenne ich Urban Photography. Szenen meiner Stadt, gerne ohne Leute, aber nicht irgendeiner Stadt, sondern Kiel, schließlich heißt es ja Svenja-and-the-City. Und zu einem Foto gehört immer auch eine Geschichte, sonst ist das Bild nicht komplett.

Ich möchte Details zeigen, ungewohnte Perspektiven, lost places, schmutzige Ecken, eben die Ansichten einer Stadt, die Fremde nie zu sehen kriegen und die nicht auf Postkarten abgebildet werden.

Mein erstes Projekt wird 'Mein Kiez', mein Wohnbereich sein. Die Gegend, in der ich zu Hause bin, jeden Laden kenne und wo ich auf der Straße gegrüßt werde, wenn ich vorbeigehe, zumindest beim Schlachter und in den Bars...

Samstag, 8. November 2014

Warum ich Tschechow liebe

Laute Popmusik spotifyt durch meine Wohnung, während ich zwei Kleider prüfend vor mich halte. Welches ziehe ich heute Abend ins Theater an? Das kleine Schwarze, oder lieber das freche Rote? Und welche Schuhe? Die hohen, oder lieber die flachen von Buffalo mit den 7 cm Stilettos? Heute gibt es Drei Schwestern von Tschechow. Ein Drama, schwere Kost, aber ich mag schwere Kost und Dramen sowieso.  


Doch im Grunde ist nicht das Stück allein die Hauptsache, denn so ein Theaterabend hat mehr zu bieten, allerdings muss er generalstabsmäßig geplant sein: Wer besorgt die Karten? Ok, darum kümmert sich Claudia. Wir sitzen ohnehin seit Jahren auf denselben Plätzen in der dritten Reihe.

Und wer fährt? Du, oder ich, oder Taxi? Claudia fährt, denn ich möchte Wein trinken und Taxi mögen wir beide nicht, weil die Fahrer manchmal so unangenehme Typen sind.

Heute habe ich extra sehr früh Feierabend gemacht, damit ich den Nachmittag vorschlafen kann. Tschechow ist anstrengend und da kann ich keine Müdigkeit gebrauchen und am wenigsten, dass mir die Augenringe durch den Concealer wachsen.

Wie immer kreisen Claudia und ich schon viel zu früh durch die Holtenauer Straße ums Kieler Schauspielhaus herum: Eine Viertelstunde, um einen Parkplatz in Pumpsnähe zu finden und eine weitere Stunde, um im Foyer zu stehen, Wein zu trinken und den eigenen Marktwert einzuschätzen.

Lässig sitze ich auf einem Barhocker im Foyer und mustere möglichst unbeteiligt die weibliche Konkurrenz, die einzeln, paarweise, oder in kleinen Grüppchen eintrifft, während ich an meinem Weinglas nippe.

Genau deshalb mag ich die Klassiker, da bin ich meistens die Jüngste, besonders bei Tschechow. Das war schon im Kirschgarten so. Die meisten sind deutlich älter: Viele Bequemschuhe, ein paar Verwachsene, die üblichen Ökosinger in ihren bunten Bioklamotten, ein paar ungeschickt kombinierte, hübsche Einzelteile, wenige nette Abendkleider. Mein Selbstwertgefühl steigt, ich liebe Tschechow.

"Was will die denn hier?", mache ich Claudia entrüstet auf eine junge Else aufmerksam, die in einem viel zu kurzen Fummel auf hohen Absätzen ins Foyer stöckelt. "Wie kann man so ins Theater gehen?", füge ich missbilligend hinzu, "Die Disco ist nebenan!"

"Ja, so sollte man tatsächlich nur in die Disco und nicht ins Theater gehen, Tinky Winky", erwidert Claudia, während sie mir einen ihrer unergründlichen Blicke zuwirft. Jetzt bin ich froh über mein Outfit und dass ich die Fishnets weggelassen habe, mit denen ich den dezenten Look etwas aufpeppen wollte. Wahre Damen haben sowas nicht nötig, denke ich und spitze instinktiv die Lippen, was mir stets einen leicht zickigen Ausdruck verleiht.



Mit dem zweiten Gong nehmen Claudie und ich unsere Plätze ein. Es wird dunkel im Saal und der Vorhang öffnet sich. Das Licht auf der Bühne zieht mich sofort in seinen Bann, solches Licht gibt es nur im Theater. Dieser wunderbare Guckkasteneffekt, wenn man aus dem Dunkel des Zuschauerraums auf die perfekt ausgeleuchtete Handlung schaut, echte Menschen, die direkt vor einem spielen, sprechen, rufen, schreien, weinen und schwitzen.

Das gibt es nur hier. Oh, ich liebe das Theater. Wenn die jungen Leute nur wüssten, wieviel Spaß ein Theaterabend machen kann mit allem was dazugehört, dann würden sie vielleicht das Dschungelcamp einmal sausen lassen, die tätowierten Füße in ihre besten Sneaker stecken und einen wahren Premiumabend erleben.

Dienstag, 8. Juli 2014

Die Reise nach Masuren

Der Ostblock ist mir nicht geheuer und alles andere als sympathisch: Trostlos und verdrießlich, trist und grau, grell­bunte Reklame auf bröckelndem Beton, hässliche Einfall­straßen in öde Städte, miese Camping­plätze, auf denen sich am Wochenende betrunkene Jugendliche tummeln. Doch, ich habe ein ziemlich klares Bild von Polen. 

"Bist du denn schon einmal dort gewesen?", möchte Claudia wissen und sieht mich dabei mit diesem ruhigen Blick an, der einem total auf die Nerven gehen kann. So ein Blick, wie ihn sonst nur Deutschlehrer drauf haben, die immer zu wissen scheinen, wenn man nur den Klappentext gelesen hat.

"Wieso? Was hat das denn damit zu tun?", gebe ich ausweichend zurück. Wenn man sich nicht sicher ist, ist es immer gut, eine Gegenfrage zu stellen.

"Also, warst du schon einmal in Polen, oder warst du nicht?", bohrt die beste Freundin von allen unerbittlich nach.

Jetzt darf ich auf keinen Fall Schwäche zeigen: "Ne, war ich nicht, aber ich war auch noch nicht am Nordpol und weiß trotzdem, dass es da schweinekalt ist und alles voller Pinguine", erwidere ich schlagfertig und komme mir schon etwas weniger ertappt vor.

"Hör mal, Tinky Winky," setzt Claudia ihre Predigt fort, "du solltest ein Land schon kennen, bevor du in aller Öffentlichkeit solch ein vernichtendes Urteil abgibst. Und am Nordpol gibt es übrigens keine Pinguine, das ist der Südpol", fügt sie klugscheißerisch hinzu.

"Du könntest dir Masuren ansehen, tiefblaue Seen, verlassene Landstriche, sandige Waldwege, alte Allen, Vögel und Geziefer, Sümpfe und Einsamkeit", kommt Claudia ins Schwärmen. "Das ist doch genau das, was du auf deinen Motorradreisen so schätzt."

"Meinst du wirklich, das lohnt sich, da mal hinzufahren?", frage ich misstrauisch.

"Da gibt es so Vieles, das du dir ansehen könntest: Die gewaltige Marienburg, den Elblag Kanal, die Kaschubische Schweiz, die Festung Bytow, die kurische Nehrung, die Biebrza-Sümpfe, die Wälder von Augustow, den Masurischen Kanal, der niemals fertig gestellt wurde, und natürlich Nikolaiken, das Venedig des Nordens."

"Na gut, wir können am Samstag ja mal sehen, ob es so eine Art Reiseführer von der Gegend gibt", lenke ich großmütig ein, denn ich erinnere mich, dass von Claudia auch der Tipp mit Gotland kam und der war gar nicht so schlecht, aber das können wir jetzt noch nicht wissen.

Noch vor vier Jahren habe ich über die Angst vor Polen geschrieben und bin dort nicht hingefahren, aber inzwischen gibt es einige Lichtblicke, denn wir beide haben uns weiterentwickelt, Polen und ich.

Ich durch günstige Lebensumstände und die fleißige Einnahme von Hormonen, und Polen durch den Lauf der Zeit, die Zugehörigkeit zur EU, oder vielleicht steht das Land auch nur auf einer Wasserader, ich weiß es nicht, aber die letzte Gay Pride soll zum ersten Mal eine fröhliche Party ohne Hauerei gewesen sein.

Nun ist mir die Gay Pride als solche völlig piepenhagen, aber sie ist ein wichtiger Indikator für die Toleranz und Aufgeschlossenheit einer Gesellschaft, eine Art Lackmustest, so wie Heidekraut auf sandigen Boden hinweist, denn ich habe keine Lust, verkloppt zu werden, nur weil irgend ein Hinterwäldler glaubt, er habe meinen Exmann entdeckt.

In der Buchhandlung kann ich mich für keinen der Reiseführer entscheiden und jetzt liegen beide aufgeschlagen und mit zahlreichen Markierungen versehen zwischen Infomaterial, Schmierpapier und Textmarkern auf einer Landkarte von Masuren.

Auf dem Bildschirm des iMac ist ein altes Eisenbahnviadukt zu sehen, das nahe der russischen Grenze steht. Wäre es nicht irre, da mit der Enduro rüberzufahren? Keine Ahnung, ob das geht, aber ich werde es herausfinden.

Fazit: Ich freue mich auf Polen und ganz besonders auf Masuren, aber ich bin auch ein klein wenig ängstlich, doch seinen Ängsten und Vorurteilen muss man sich stellen. Immer wieder.

PS: Natürlich bin ich nicht ganz allein unterwegs, denn Pieps und Greeny sind dabei, wie auf allen Reisen...

Freitag, 20. Juni 2014

Alltäglich und banal

Mit der Normalität ist das so eine Sache: Sie ist immer auch ein wenig langweilig. Die aufregende Zeit ist vorbei, in der jeder Schritt vor die Tür von höchster Aufmerksamkeit und ängstlicher Wachsamkeit begleitet war. Heute ist mir kaum noch bewusst, dass ich einmal trans war. Die letzte Situation war so ungewöhnlich, dass ich heute noch darüber lachen muss. 




Aber was hat sich verändert, was ist heute anders als früher, als ich noch Sven war und nicht Svenja? Abgesehen von Klamotten, Busen und MakeUp wenig und das Wenige ist auf das Älterwerden und auf die persönliche Entwicklung zurückzuführen und nicht auf Hormone und hohe Schuhe. Als ich den Switch gemacht habe, war ich erst 43, heute bin ich 52, da soll ein Mensch sich schon verändern.  

Wichtiger ist, was sich nicht verändert hat, die Dinge, für die ich wirklich brenne, sie sind noch immer dieselben: Das Reisen auf meiner Enduro mit Zelt und Schlafsack, Fotoapparat und Notizbuch und später das liebevolle Kombinieren von Texten, Grafiken und Fotos zu einem Reisebericht, die Arbeit am Computer mit Grafiktablett und Photoshop, mit html und css. Das begeistert Svenja ebenso sehr, wie es schon Sven begeistert hat. 

Aber gibt es denn gar nichts, das heute grundlegend anders ist als früher, etwas worin sich das Leben als Frau völlig unterscheidet von dem eines Mannes? 

Vielleicht eine Sache: Ich sehe Frauen und Männer heute völlig anders als früher. Frauen sind nicht mehr die verehrten Lichtgestalten, die es zu erobern gilt und Männer kommen mir heute seltsam oberflächlich vor. Das hängt damit zusammen, dass viele Männer am liebsten über Technik sprechen und selten über Zwischenmenschliches. Frauen langweilt das und so auch mich. 

Und so sitze ich im Café Fiedler beim Frühstück und schwatze mit einer Freundin über Belangloses, Zwischenmenschliches, Schuhe, Mode und Gesundheit, analysiere die neue Beziehung einer Bekannten und bespreche all die Dinge, bei denen ein Mann sich tödlich langweilen würde. 

Am Nebentisch sitzen Frauen, die ähnliche Gespräche führen. Sie sind etwas älter als ich, so dass Schuhthemen zugunsten der Gesundheit allmählich in den Hintergrund treten, aber ansonsten sind es die gleichen Gespräche. Das aktuelle Mediamarkt Prospekt interessiert diese Girls ebenso wenig wie mich selbst. 

Und auch die verstohlenen Blicke und das Getuschel fremder Menschen auf der Straße haben vor Jahren aufgehört. Das geschah so allmählich, dass es mir nicht einmal aufgefallen ist. 

Fazit: Manchmal ist es fast ein bisschen langweilig, so ein handelsübliches Frauenleben, jetzt da der Switch vollzogen und das transThema durch ist. Es wird Zeit, dass ich mir ein neues Abenteuer suche. Irgendetwas Aufregendes...

Samstag, 17. Mai 2014

800 m bis zum Start

Noch acht Mal schlafen, dann geht es wieder los, Pieps und ich fahren nach Gotland. Was als geruhsame Tour in die Sommerfrische gedacht war, habe ich in den letzten Wochen zu einer spannenden Wildnistour aufgebohrt.



Mit der Stena Germanica starten wir am Sonntag nach Göteborg und weil das Schiff fast vor unserer Haustür ablegt, kommen am ersten Reisetag nur 800 m auf den Tacho.

Für den nächsten Morgen wurde auf Wunsch einer gewissen Maus das große Skandinavische Frühstücksbuffet gebucht, so dass wir schon völlig erledigt sein werden, bevor wir überhaupt in Schweden ankommen.

Von Göteborg durchqueren wir Schweden von West nach Ost, zelten unterwegs einmal, und setzen am nächsten Tag mit der Fähre nach Gotland über.

In Visby angekommen, werden wir unser Zelt an der Ostküste aufstellen und drei Tage lang die Insel erkunden. Wir werden Visby anschauen, nach Färö übersetzen, die Grotte von Lummelunda besuchen und uns die Raukar ansehen, merkwürdig geformte Steinsäulen, die am Strand herumstehen.

Von Gotland geht es auf einer anderen Fährlinie nach Nynäshamn, südlich von Stockholm, wo wir eine Nacht in den Schären zelten. In den folgenden Tagen geht es über Sala, Falun und Mora nach Nordwesten bis in das Gebiet des Kungsleden, wo es nur noch Pampa, Schotterpisten und Einsamkeit gibt.

Für diese Reise habe ich viele interessante Schotterstrecken gesammelt, darunter eine still­gelegte Bahnstrecke, und zu einer Route verknüpft. Diese Pisten sind auf Straßenkarten nicht verzeichnet, so dass ich ein kleines GPS Gerät im Cockpit habe, wie es Geocacher benutzen. Nach dem illegalen Grenzübertritt in Tschechien bin ich ganz begeistert von dieser neuen Möglichkeit, mich in Schwierigkeiten zu bringen.

Was noch?
Den Minikanister mit 1,5 Liter V-Power nehme ich wieder mit. Schweden hat zwar genügend Tankstellen, aber oben am Kungsleden ist das Tankstellennetz dünn und außerdem komme ich auf meiner Route durch die Pampa nur durch wenige Orte.

Und noch etwas ist neu: Ich bin ab von Kettenfett! Der zähe Fettklumpen am vorderen Ritzel und die verschmierten Felgen, die will ich nicht mehr. Ich habe die Kette blitzeblank geputzt und schmiere sie ab jetzt mit klarem Sprühöl. Es wird nachberichtet...

Nach Gotland fahre ich mit dem Mountain Marathon Daune, einem etwas dünneren Sommerschlafsack, in dem ich schon in Schottland ganz prächtig gefroren habe. Auch darüber wird nachberichtet...

Hat jemand das tolle neue T-Shirt bemerkt, das mir eine Freundin geschenkt hat? Das kann man sogar auf Google Earth erkennen, so leuchtend orange ist es. Danke noch einmal dafür, Baby!

Jetzt muss ich nur noch den Einkauf für die Kabinenparty erledigen, die Pieps und ich traditionsgemäß auf jeder Schiffspassage feiern: Gebratener Schweinebauch, Senf, Schokolade und Bier. Noch acht Mal schlafen...

PS: Und ich hab nach 11 Jahren eine neue Hose gekauft, dasselbe Modell, aber diesmal in M und nicht XL...

Samstag, 5. April 2014

Nach Gotland ?

Jedes Jahr dieselbe Frage: Wohin fahre ich bloß in Urlaub? Motorrad und Zelt sind klar, aber wohin diesmal? Norwegen, Schottland, Schweden, Frankreich, Irland und England, da war ich überall schon und für eine richtig große Reise fehlt mir dies Jahr das Geld.


"Warum fährst du nicht nach Gotland?", schlägt Claudia vor, die meine miese Laune bemerkt hat.

"Wo soll das denn sein?", gebe ich leicht patzig zurück, "nie gehört." Ich habe wirklich nicht die beste Laune.

"Das ist eine Insel", erwidert sie und legt ihr Sudoku beiseite. "Die größte schwedische Insel, sie liegt in der Ostsee zwischen Schweden und Lettland."

"Ach, das Gotland meinst du", winke ich ab, während ich den Namen verstohlen auf Google Maps eintippe.

"Es ist die Sonneninsel Schwedens mit der alten Hansestadt Visby. Die Stadt ist wunderschön und gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Du kennst sie vielleicht aus dem Fernsehen, viele Szenen der Pippi Langstrumpf Filme, die du so liebst, sind da gedreht worden", versucht sie mich zu begeistern.

"Na gut, ich kann ja mal gucken", erwidere ich gnädig, während Claudia sich kopfschüttelnd wieder diesem merkwürdigen Zahlenrätsel zuwendet, das für mich überhaupt keinen Sinn ergibt, weil man nie weiß, was man in die Felder schreiben soll.

Kurz darauf in der Geobuchhandlung, dem größten Fachgeschäft für Landkarten und Reiseliteratur in Kiel:

"Hallo?", spreche ich den Typen an der Kasse an, von dem ich weiß, dass er der Inhaber ist. "Ich wollte mal fragen, ob es schon was über Gotland gibt. Landkarten, Bücher und so Zeug."

Er sieht mich fassungslos an. 

"Das liegt in Schweden", füge ich erklärend hinzu, "und ich möchte wissen, ob das bereits kartografiert ist, also ob da schon einer war, der ne Landkarte von der Gegend gemalt hat", erkläre ich den offenkundig fremden Fachbegriff.

"Nächstes Mal gehen wir aber wirklich in ein Fachgeschäft", raune ich Claudia ins Ohr, die seit Jahrzehnten ihre Landkarten hier kauft und jetzt bereits mit den Augen rollt. Sie ist wohl ebenso entsetzt über soviel Unkenntnis.

Endlich scheint der Kartenmann verstanden zu haben, denn er geht wortlos zu einem der deckenhohen Regale und sucht eine Auswahl von Landkarten zur Ansicht heraus.

Ich breite die Karten auf dem großen Tisch in der Mitte des Ladens aus und vergleiche das Kartenbild. Alle drei gefallen mir, aber meine Wahl fällt schließlich auf die Radkarte Gotland 1:100.000 und weil ich schon auf der Ecke bin, nehme ich auch noch die von Öland aus derselben Serie mit. Da hat es mir damals auf meiner ersten Schwedenreise ganz gut gefallen.

In diesem Jahr machen Pieps und ich nur eine kleine Reise. Das Fährticket Kiel - Göteborg ist schon gebucht und zum ersten Mal fahre ich mit der Stena Germanica, die mir sonst bloß jeden Abend das Zimmer volltutet, wenn sie unten im Hafen ablegt. Diesmal aber sind Pieps und ich an Bord. Am 25. Mai um 19 Uhr geht es los und ich habe für uns sogar das große Frühstücksbuffet gebucht, denn ich liebe es, an Bord zu frühstücken und danach satt und zufrieden mit der Enduro in den Tag zu starten.

Der Rest der Route steht noch nicht fest. Vielleicht zelten wir einmal wieder auf dem Vildmarks Camp in Hätteboda, ich weiß es noch nicht. Nur dass wir mit der Fähre von Oskarshamn übersetzen werden, das steht schon fest. Aber ob es danach wieder nach Hause geht, oder wir uns noch den Stockholmer Schärengarten ansehen, das mache ich von Lust und Laune, Wetter und Reisekasse abhängig.

Wenn jemand schon einmal auf Gotland war (das liegt in Schweden), dann freue ich mich über Tipps. Könnt ihr ein bestimmtes Camp empfehlen, oder etwas Sehenswertes, oder wenigstens einen guten Imbiss? Ich freu mich über Tipps und Ratschläge, denn jetzt mache ich mich daran, aus einer Idee eine Reise entstehen zu lassen.


Zur Klarstellung: Dieser Beitrag äußert sich nicht abfällig über meinen Lieblings Kartenshop, aber offenkundig ist der kleine Scherz unbeholfen formuliert, oder einfach nicht lustig und deshalb noch einmal ohne Ironie:

Die Geobuchhandlung in Kiel ist sicher die BESTE Fachbuchhandlung für Reisende, Fernreisende,  Touristen und Fernwehspinner aller Art. Man könnte nach einer Karte vom Mare Tranquilitatis fragen und der Typ hinterm Tresen würde ohne mit der Wimper zu zucken eine Karte vom Mond hervorzaubern und vermutlich hätte er sogar verschiedene zur Auswahl. Ich kaufe dort seit Jahren meine Karten und es ist ein Running Gag zwischen uns, dass ich jedes Verkaufsgespräch mit der Frage eröffne, ob es von XYZ schon eine Landkarte gibt...

Freitag, 24. Januar 2014

Nerd-Abend mit Julia

Wer mich kennt, der weiß, dass ich ein Faible für gute Filme habe.

Wichtig ist mir ein solides Dreh­buch mit einer glaubwürdigen Geschich­te. Sie darf gerne an­spruchsvoll sein und sollte stets einen zentralen Kon­flikt bein­hal­ten, der sich im Verlauf der Film­hand­lung weiter entwickelt, ohne den Zuschauer am Ende ratlos zurückzulassen.

Die Charaktere müssen so detaillreich durchge­zeich­net sein, dass ich als Zuschau­erin ihre inneren und äußere Konflikte verstehe und mich in die Figuren hin­ein­ver­setzen kann. Die Protagonisten brauchen nicht mit bekannten Namen besetzt zu sein, es ist oft erfrischender, neue unverbrauchte Gesichter zu erleben. All das, hand­werk­lich gekonnt umgesetzt und drama­tur­gisch sauber inszeniert, nenne ich einen guten Film.

Ich bin nicht auf ein bestimmtes Genre festge­legt, im Grunde mag ich alles, wo Ketten­sägen, Zombies, oder Raumschiffe drin vor­kommen. Oder wenigstens Piraten.

Bisher fanden diese Filmabende statt, wenn ich mit meinen Freundinnen frühmorgens reichlich angetrunken vom Tanzen gekommen bin und für uns alle noch Fischstäbchen gebraten habe, aber inzwischen tanze ich nicht mehr, weil es demütigend ist, wenn man dreißig Jahre älter ist, als die nächst Jüngere auf der Tanzfläche. Nein, Clubs und Discos sind over.

Deshalb habe ich mir etwas Neues ausgedacht, den Nerd-Abend. Er funktioniert ähnlich wie bisher, nur ohne die Tanzerei.

Ich stelle mir den Abend ähnlich vor, wie bei Big Bang Theory, wenn Sheldon und seine Freunde sich asiatisches Essen besorgen, einen Science Fiction Film sehen und sich angeregt darüber austauschen.

Jetzt fehlt nur noch die passende Gesellschaft. Claudia ist in dieser Hinsicht leider keine Hilfe, nicht nur, dass sie kein Blut sehen mag, sondern sie könnte einen Klingonen nicht von einem Zylonen unterscheiden. Claudie steht eher auf Filme von Francois Truffaut, einem Typen von dem außer ihr kein Cineast jemals gehört hat.

Nein, ich brauche Gesellschaft auf meinem Niveau, eine Person mit Anspruch. Ich könnte Julia fragen, sie hat ebenfalls einen erlesenen Geschmack, was Filme angeht, mag Big Bang Theory und außerdem ist sie wie Amy Farah Fowler in hübsch, während ich eher Penny bin, nur mit dunkleren Haaren.

Julia, wenn du das liest, ich hab alles besorgt, was wir für einen 1a Nerd-Abend brauchen, einen Film (World War Z), Blanchet (siehe Foto), Aspirin Plus C (noch drei Streifen in der Packung) und ich besorge uns Essen von Chau's Wok. Ich nehm die Knusperente in Erdnusssauce und du?

Fazit am nächsten Morgen: Es war ein wunderbarer Frauenabend, aber für echtes Big Bang Feeling brauchen wir nächstes Mal mehr Leute, um wirklich alle Facetten der Handlung zu ergründen und detailreich zu reflektieren: "Boah, ey, hast du gesehen, wie der eine Zombie...?!"

Samstag, 11. Januar 2014

So ein Tag

"Alles Gute zum Geburtstag," kommt Uli hinter ihrem Tresen hervor und drückt mich herzlich, als ich an diesem Morgen ins Chelsey komme. Im Hintergrund steht Claudia vor einem Tisch mit Blumen und Geschenken und grinst wie ein Honig­kuchen­pferd. Alles ist vorbereitet für mein Geburtstagsfrühstück #52. 


Mit zweiundfünfzig bin ich deutlich in der zweiten Lebenshälfte angekommen und inzwischen habe ich mich mit dem Gedanken vertraut gemacht. Ich merke, dass ich im Kampf um die ewige Jugend allmählich zurückfalle und man sieht mir auch an, dass ich älter werde.

Andererseits ist es so befreiend, nicht mehr ständig jung und hübsch aussehen zu müssen. In meiner Altersklasse bin ich gut im Rennen und das muss genügen, denn das Älterwerden hat auch viele gute Seiten:

» Aussehen und Outfit brauchen nicht mehr mit dem viel jüngerer Frauen zu konkurrieren.
» Bei meiner Garderobe schalte ich allmählich einen Gang zurück.
» Aber: Schlank zu sein, macht Vieles wett und ich kann zumindest weiterhin hübsche Sachen tragen.
» Ich genieße das Single Dasein, ich hab schon genug Stress mit meinen Haaren.
» Ich werde nie wieder in jene Schwierigkeiten geraten, wie sie aus Beziehungen entstehen.
» Mein Einkommen macht es möglich, auf bescheidenem Niveau gut zu leben und nur gute Dinge zu essen.
» Mein nächstes Motorrad darf auch ein bequemes sein (KTM 300 EXC Probe fahren).

Frage: Muss ich in Bezug auf diese Älter-Werden-Sache etwas tun?
Antwort: Nein, ich muss nur gesund bleiben und mich nicht in Schwierigkeiten bringen.

Meine Güte, ist das schön, keine Sorgen zu haben, fit zu sein und glücklich und dann auch noch Geburtstag zu haben und außerdem Wochenende und genügend Geld bei sich, um mehr als ein Glas Sekt zu trinken. Und das Chelsey ist der perfekte Ort dazu, auf dem Frühstücksbogen mache ich ein Kreuzchen bei "Rührei" und schreibe mit dem Kuli dahinter "mit Feta und Tomaten". Uli weiß dann schon Bescheid...

Sonntag, 22. Dezember 2013

Weihnachtseinkäufe

Schnellen Schrittes stöckele ich die Beamten­lauf­bahn hinunter in die Kieler Fußgänger­zone. Heute habe ich dienst­frei, Weihnachts­ein­käufe erledigen. 

Ich lasse mich die Rolltreppe hinauf in den Sophienhof tragen, wo der Weihnachtsmarkt bereits in vollem Gange ist. Hundert bunte Buden mit tausend glitzernden Geschmack­losig­kei­ten, aber heute finde ich alles schön, nichts kitschig, nichts doof, nichts überflüssig, oder albern. Heute mag ich alles und könnte die ganze Welt umarmen.

Oh, schau mal die dunkelrote, gemusterte Strumpfhose bei New Yorker, wie Rotwein mit Spitze. Die müsste toll aussehen zu meinem schwarzen Minikleid. Fünf Minuten später geht es mit der ersten Tüte in der Hand weiter.

Bei Hamann finde ich den pinken Filzstift, den ich gesucht habe und weil die anderen Farben auch so schön sind, nehme ich gleich alle. Ich hab eine Faible für Schreibsachen

Ach, guck mal, die Strickleggings sind ja süß. Dicke Wolle mit allen möglichen bunten Mustern. Die müssten doch zu meinem weißen Strickkleid total schön aussehen im Winterlook zu den weißen Moonboots. Und die Schwarzen mit den Eulen drauf, die nehm ich auch gleich mit.

Nächster Halt Olymp & Hades, eigentlich nicht mein Laden, aber dieser Norwegerpulli im Fenster, der könnte vielleicht auch als Kleid funktionieren. Der Bauchnabel ist bedeckt und der Dubs zum größten Teil auch. Mit einer dicken Strumpfhose und hohen Stiefeln, die ein wenig vom Rest ablenken, könnte das gehen. Praktischerweise bekomme ich hier eine Tüte zum Umhängen, denn die Hände habe ich schon voll.

Inzwischen habe ich all mein Bargeld ausgegeben und noch kein einziges Geschenk gekauft, außer für mich selbst. Vor elf Uhr das erste Mal am Geldautomaten, ich bin wirklich gut in Form heute.

Allmählich bekomme ich Hunger. Der neue Food Court im Sophienhof bietet solch eine Riesenauswahl leckerer Sachen, dass ich mich kaum entscheiden kann. Beef Bombay beim Inder, oder teste ich lieber den neuen Schnitzelpalast? Ich mag indisch, aber gegen ein klassisches, deutsches Gericht, wie das Wiener Schnitzel, hat die Currygang heute keine Chance.

Während ich ein Bier trinke und auf mein Schnitzel warte, möge es groß und frittiert sein, gehe ich in bester Laune die Tüten mit meiner Beute durch. 

Nachdem ich all die Jahre so pleite war, durch Unterhalt und Eheschulden, ist es ein wunderbares Gefühl, sich wieder all die kleinen Dinge leisten zu können, die man im Grund nicht braucht, die aber trotzdem so viel Freude machen. 

2013 war überhaupt ein Premiumjahr. Ich bin kerngesund, der Dienst hat mir Freude gemacht und ich hatte eine sagenhafte Sommerreise mit Motorrad und Zelt zum Nordkap. Viel besser kann ein Leben nicht sein, denke ich, und wenn ich gefragt werde, was ich mir wünsche, dann ist da nicht viel. Ich möchte weiter so gesund und fit bleiben und ich hätte gerne diese einen schwarzen Pumps von Buffalo und dass Kawasaki eine stärkere Einzylinderenduro rausbringt, aber das sind Projekte für ein anderes Weihnachtsfest.

Frohe Weihnachten, ihr Lieben.

PS: Natürlich habe ich auch noch ein paar schöne Geschenke für meine Leute gekauft, aber die darf ich nicht verraten, denn man weiß nie, ob die nicht mitlesen. Nur soviel: Ich war auch bei Saturn!

Samstag, 24. August 2013

Ein unbekanntes Land

Ist der leichte Sommerschlaf­sack warm genug? Wetter Online sagt Nachttemperaturen von 4° C fürs Riesengebirge voraus. Damit verschwindet der leichte Mountain Marathon wieder in meiner Aus­rüs­tungskiste und ich stopfe statt­dessen den Winter­schlafsack in seinen Beutel.

Wie bin ich überhaupt darauf gekommen, nach Tschechien zu reisen? Da war dieser Artikel in der Prager Zeitung über das Verhältnis von Tschechen und Deutschen. Darin wird beklagt, dass wir das Land ignorieren würden, es als Urlaubsland nicht interessant genug fänden und ständig Angst davor hätten, dass unser Auto geklaut wird.

Ich bin so gespannt auf Tschechien. Wie sind die Menschen dort? Freundlich und offen, oder distanziert und zurückhaltend? Ich habe keine Vorstellung, aber schon bald werde ich es wissen.

Für Diebe halte ich die Tschechen nicht. Ich weiß so wenig über diese Leute, dass ich noch nicht einmal Vorurteile habe. Die Existenz des Landes ist bislang schlicht an mir vorbeigegangen und noch gar nicht recht in mein Bewusstsein gedrungen.

Ein Blick auf die Landkarte lässt mich staunen. Nicht nur, dass wir eine gemeinsame Grenze haben, sondern bis dort sind es von Kiel nur 560 km. 

Wartet da vielleicht ein ganz neues, spannendes Urlaubsland darauf, von mir entdeckt zu werden? Um das herauszufinden, mache ich mich an meine üblichen Recherchen. 

Zuerst der Standardcheck, eine Anfrage beim Auswärtigen Amt. Besondere Sicherheitshinweise finde ich in der Datenbank nicht, lediglich im Abschnitt Kriminalität wird vor häufigen Autodiebstählen gewarnt, ansonsten ist es ein sicheres Reiseland.

Jetzt zum ADAC. Wie schätzt mein Automobilclub die Situation für Camper ein? Da ist die Rede von ursprünglichem Charakter und von Lagerfeuerromantik. Sogar Duschen mit Tür seien inzwischen keine Seltenheit mehr. Beunruhigender ist eine andere Meldung des ADAC: In jüngster Zeit nehmen Überfälle auf Touristen entlang der D5 und der D8 zu. Das betrifft mich nicht, denn ich bin fast ausschließlich in der Pampa unterwegs.

Viel wichtiger ist der letzte Check. Svenjas Travel Risk Assessment for Transgender People, eine Gefährdungsanalyse für neue Frauen wie mich. Da bin ich sehr sensibel, schließlich reise ich allein und schlafe im Zelt. Deshalb möchte ich wissen, womit ich rechnen muss, falls mein Passing* unterwegs Risse bekommt und jemand bemerkt, dass Svenja erst 8 Jahre alt ist.

Um die Toleranz einer Gesellschaft gegenüber Menschen wie mir herauszufinden, gibt es einen einfachen Indikator, nämlich den CSD, den Christopher Street Day, die bunte Parade der Lesben, Schwulen und Transgender. 

Findet überhaupt ein CSD statt und wenn ja, wieviel Polizei muss eingesetzt werden, um die feiernden Queers vor feindlichen Übergriffen zu schützen? Der CSD ist der perfekte Lackmustest für die Toleranz einer Gesellschaft. An dieser Stelle ist Polen vor Jahren von meiner Reiseliste geflogen.

Tschechien hingegen ist in dieser Hinsicht völlig unverdächtig. Die Verhältnisse sind nicht mit denen in Russland und Polen zu vergleichen. Viele Themen, die dort noch große Aufreger sind (Abtreibung, Scheidung, Homosexualität), haben für Tschechen wenig Brisanz. Das mag vielleicht daher rühren, dass dieses Land besonders säkular* geprägt ist und die Überzeugungen des Katholizismus in der Bevölkerung wenig verbreitet sind. 

Vergessen sind fehlende Duschvorhänge und vereinzelte Überfälle auf Touristen. Das sind Alltagsprobleme, die mir wenig Sorgen machen. Ich begreife Tschechien zuerst als tolle Chance, ein interessantes, neues Reiseland zu entdecken und diese Chance werde ich nutzen.

Fazit: In wenigen Tagen starte ich mit Motorrad, Zelt und Schlafsack zu einer großen Rundreise durch Tschechien. Ich werde mir Böhmen ansehen, das Riesengebirge, fahre ins Altvatergebirge, das als einer der einsamsten Landstriche gilt und ich werde einen Motorradclub besuchen, der sein Hauptquartier in einer Höhle eingerichtet hat, in die man sogar mit dem Motorrad hineinfahren kann. Ich werde mit Greeny bis zum Clubtresen fahren und dort bestellen wir erstmal ein Glas Milch. Und was dann passiert, das berichte ich, wenn Greeny, Pieps und ich zurück sind aus Böhmen. Bis in zwei Wochen also...

*Passing: Die Eigenschaft, von Fremden nicht als transsexuell erkannt zu werden.
*Lackmustest: ursprünglich ein chemischer Test, aber hier in dem Sinne, dass erkennbar wird, wie eine Situation wirklich einzuordnen ist.
*säkular: weltlich orientiert im Gegensatz zu religiös

Mittwoch, 26. Juni 2013

Coming Home

Seit ein paar Tagen bin ich aus dem Urlaub zurück. Ich habe den Polarkreis überquert, war auf den Lofoten, in Tromsø, in Hammerfest und am Nord­kap. Einmal waren es bloß noch 2.090 km bis zum Nordpol und ich habe mich gefühlt wie die Adventure Queen herself.

Doch jetzt gibt es einen echten Renovie­rungs­stau bei Greeny, Pieps und mir. Wir haben jede Nacht woanders gezeltet, sind 6550 km Motorrad gefahren, sind nass geworden, haben gefroren und hatten Körperpflege und Wellness nur im Notprogramm. Welch eine tolle Reise das war.

Inzwischen ist die Kawasaki zur Inspektion, liegt die Wäsche wieder aprilfrisch im Schrank, sind die Augenbrauen gezupft, Nägel, Haare und Füße gemacht. Es fehlen nur noch ein paar neue Klamotten, damit ich am Montag nicht in den alten, abgetragenen Sachen zum Dienst gehen muss. Was ich jetzt brauche, ist ein erstklassiger Prädikats Shopping Tag mit jeder Menge Glitzer, Glamour und Girly Whirly.

Pünktlich um 9 Uhr fahre ich die lange Rolltreppe nach oben in den CITTI-Park. H&M öffnet erst in 30 Minuten, also ist noch Zeit genug, um kurz bei ESPRIT vorbeizuschauen. Dort finde ich leider überhaupt nichts. Bis auf ein graues Ballonkleid und zwei Paar schwarze Leggings. Habe ich alles schon, aber ich will nicht unhöflich sein und aus dem Laden gehen, ohne etwas zu kaufen.


Bei H&M entdecke ich ein kobaltblaues Minikleid, das ich unbedingt haben muss, aber es hängen nur noch S und XS auf den viel zu dicht gepackten Kleiderständern. Größen für Hamster. Ich brauche L, eigentlich sogar XL, aber das möchte ich hier nicht outen. Aus reinem Trotz kaufe ich zwei andere Minikleider und ein paar Ballerinas.

Nächster Halt: Vero Moda, mein absoluter Lieblings Klamottenladen. Ich kaufe ein schwarzes Minikleid und ein ziegelrotes T-Shirt, das man mit etwas Fantasie und noch mehr Mut aber auch als Kleid tragen kann, und eine Treggings, eine Mischung aus Trousers (Hosen) und Leggings. Nicht dass ich jemals Hosen tragen würde, aber es ist gut, welche zu besitzen und diese fühlen sich so wunderschön weich an.


Auf dem Rückweg halte ich bei einem Indischen Restaurant und bringe für Claudia, Pieps und mich Chicken Curry, Beef Bombay und Hähnchen in Koriander mit. Jetzt bin ich richtig zu Hause angekommen und fange an, einen kleinen Reisebericht über Pieps' und meine Erlebnisse in Norwegen und anderswo zu schreiben. Über die vielen Kommentare während ich unterwegs war, habe ich mich  schon sehr gefreut.

Fazit: Vieles, das mir sonst so einen Spaß macht, bleibt auf meinen Motorradreisen außen vor. Die flippige Mode, das tolle MakeUp, die schönen Haare, überhaupt das Ganze weibliche Drumherum. Für einige Wochen bin ich dann Svendura, eine toughe Amazone ohne Girly Faktor. Trotzdem liebe ich meine Motorradreisen, aber danach gönne ich mir von dem Rest der Urlaubskasse einen ausgedehnten Shopping Trip und mache mir selbst eine Freude.

Donnerstag, 30. Mai 2013

Unterwegs zum Nordkap

Ich schließe die Wohnungstür, trage das Gepäck in den Fahrstuhl und drücke auf den Knopf für die Tiefgarage, wo Greeny vollgetankt und mit frischen Reifen auf uns wartet.

Jeden Tag höre ich das durch­drin­gen­de Tuten der Color Line, wenn die  Norwegenfähre ablegt und lang­sam durch die Kieler Förde auf die Ost­see hin­aus­fährt. Aber heute werden Pieps und ich oben an Deck stehen und winken wie blöde, während die Enduro fest vertäut im Fahrzeugdeck wartet.

Einen Monat lang Motorrad fahren, zelten, Lagerfeuer machen, Fleisch braten, fotografieren, lesen und schlafen. Einen besseren Urlaub kann ich mir nicht vorstellen. Wenn wir jeden Tag knapp 300 km fahren und keinen Ruhetag einlegen, sind wir noch vor dem Juli zurück in Kiel.

"Das wird ein derbes Svendura Aben­teuer ohne Girly Whirly Faktor. Dafür muss ich körperlich und psychisch absolut fit sein. Der schlimmste Feind ist der Regen, der einem die Laune vermiesen will. Damit muss ich zurecht kommen und trotzdem Spaß haben. Die nötige Erfahrung habe ich und meine Ausrüstung ist bestens. Abends werde ich mich mit einem guten Essen belohnen und mit Pieps am Lager­feuer sitzen."

So steht es wörtlich in meiner Packliste, wo nicht nur Zahnbürste, Zelt und Schlafsack gelistet sind, sondern auch jede Menge Durch­­halte­­parolen und Ver­haltens­­grund­­sätze, vom Zelten bei Hagel­sturm bis zur Bekämpfung Auf­ständischer. (Ein Girly Outfit nehme ich natürlich trotzdem mit, schließlich bin ich über Midsommar irgendwo in Skandinavien unterwegs.)

Für den ersten Abend in Norwegen habe ich zwei besonders fette Entrecotes besorgt, die hinten in meiner Endurojacke stecken. Zwei Tage sind die auch ohne Kühlung haltbar und außerdem werde ich die Biester so atomisieren, dass keine Mikrobe am Leben bleibt.

Fazit: Wenn ihr das lesen könnt, stehe ich schon am Fähranleger und warte auf das Boarding. Solange ich unterwegs bin, wird Claudia ab und zu einen kleinen Kommentar weitergeben. Sie ist nicht nur Chefausrüsterin und Beraterin in allen Outdoor Fragen, sondern auch Heimatbasis und Seelentrösterin, wenn ich wegen des miesen Wetters am liebsten umkehren würde. 

In zwei Tagen steht unser Zelt am Geiranger. Wir sehen uns in einem Monat. 


Donnerstag, 18. April 2013

Reisevorbereitungen


Nachdem das Reisegepäck schon seit Jahren fast bis auf das letzte Gramm optimiert ist, kann ich nur noch bei mir selbst einsparen. Wusstest ihr, dass ich mich für jede meiner Reisen in Form bringe und ein paar Kilo abnehme?

Nach Frankreich bin ich 2010 noch mit 86 kg gefahren, nach Irland letztes Jahr 82 Kilo und in diesem Jahr sollen nicht mehr als 76 Kilo Svenja mit nach Norwegen. Davon trennen mich noch zwei Kilo Greeny wird es danken, denn bei 23 PS zählt jedes Gramm.  

Eine andere Sache macht mir aber viel mehr Gedanken, nämlich die tollen Fotos in den Reiseberichten der Magazine, wo man allein­reisende Globetrotter auf ihren Maschinen weit abgesetzt durch die Landschaft fahren sieht. Wer hat diese Fotos gemacht?

Entweder waren die gar nicht alleine unterwegs und verschweigen den mitrei­senden Foto­grafen, oder es sind technische Tricks im Spiel, die ich noch nicht durchschaue. 

Man könnte mit Stativ und Funkauslöser arbeiten. Das funktioniert perfekt, aber dazu bräuchte ich meine digitale Spiegelreflex. Nein, die ist zu groß und zu schwer. Den Platz im Tankrucksack brauche ich für Entrecote und Bier und außerdem wohnt da Pieps.

Aber diesmal habe ich mir etwas einfallen lassen: Ich habe eine neue Kamera mit einem programmierbaren Selbstauslöser gekauft, die auch FullHD Video aufnehmen kann. Aus den Videos werde ich Standbilder für meinen Reisebericht extrahieren. Außerdem ist der Apparat wasserdicht bis 13 m Tauchtiefe. Nach Irland letzten Sommer wollte ich auf Nummer sicher gehen. Hmpff...

Dazu habe ich ein erstklassiges Reisestativ besorgt, das ich an den schönsten Stellen in die Landschaft stelle und kurz darauf ganz lässig durchs Bild fahren werde.

Fazit: Bevor ich in den Urlaub starte, werde ich noch eine Wochenendtour nach Dänemark fahren, um die Ausrüstung zu testen und neue Aufnahmesituationen zu üben. 

Zumindest eine von uns ist  aber schon komplett reisefertig. Eine liebe Leserin hat für Pieps drei sagenhaft schöne Pullover und Mützen gestrickt, die genau zu Norwegen, Finnland und Schweden passen. Mein Favorit ist der Norwegerpulli, den die süße Schneemaus auf dem Foto trägt. Der ist echt klasse, oder...?!

PS: Solltet ihr irgendwo in der Pampa eine einsame Kamera entdecken: Pfoten weg, das ist meine! Ich bin gleich zurück...