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Donnerstag, 18. Mai 2017

Bretonisches Intermezzo - Kommissar Pieps erster Fall

Commissaire Georges Dupin und ich haben manches gemeinsam: Unser Leibgericht ist Entrecôte, wir sind beide Polizisten, trinken zu viel Kaffee, lieben unsere Arbeit, und sind mitunter etwas eigenwillig. In diesem Sommer zieht es mich in die Bretagne, wo ich auf den Spuren des berühmten Kollegen wandeln werde. Dupin wurde nach einem kleinen Zwischenfall strafversetzt in die Bretagne, genauer ins Finistère, dem Finis Terrae, dem Ende der Erde. 


Der eigentliche Hauptdarsteller der Romane um Kommissar Dupin aber ist die Bretagne. Mit jeder Seite und jedem Kapitel erfahre ich neue interessante Dinge über diese offenbar einzigartige Gegend auf unserem Planeten. Als ehemaligem Pariser Großstadtpolizisten ist Dupin die Bretagne ebenso fremd wie mir. Allein seine Sekretärin Nolwenn klärt uns beide täglich über die Feinheiten der Bretagne auf: "Wussten Sie eigentlich, dass…?“

In jedem der bisherigen Bände steht eine andere Eigenheit der Bretagne im Mittelpunkt. Im dritten Band, Bretonisches Gold, geht es um die Salzbauern der Bretagne, die Paludiers. Während Dupin sich durch den Fall ermittelt, sich beschießen lässt, Verfolgungsfahrten in seinem alten Citroen XM absolviert, Entrecôte isst und zu viel Kaffee trinkt, erfahre ich nebenher alles, was es über Fleur de Sel, das Salz der Bretagne zu wissen gibt. Im Grunde sind diese Krimis ein spannender Reiseführer durch die Bretagne, verpackt in einen Kriminalfall.

Sämtliche im Roman vorkommenden Ortschaften, Personen und Ereignisse haben einen realen Hintergrund. So gibt es die Lieblingsbar des Kommissars in Concarneau tatsächlich und selbst den Austernzüchter und auch das Hotel in Pont Aven, wo Paul Gauguin gewohnt und gemalt hat. 

Pieps und ich werden alles mit eigenen Augen betrachten. Wir werden im Admiral zu Mittag essen, uns von Jean-Luc ein Entrecôte braten lassen, werden am Ufer des Aven sitzen und Austern schlürfen und quer durch die Salzgärten der Paludiers düsen.

Fazit: In diesem Sommer bereisen Pieps und ich die Bretagne auf den Spuren von Kommissar Dupin. Pieps wird weiter an ihrem berühmten „Köpper“ arbeiten, während ich in der Sonne sitze, lese, schreibe und mich um gute Fotos, Entrecôte, Käse und Wein kümmere. Ich muss bloß noch packen, volltanken, Luft prüfen, 6 Kilo abnehmen, eine neue Gaskartusche kaufen und Pieps Bikini finden. Noch 14 Mal schlafen, dann gehts los.

Sonntag, 22. Mai 2016

Sommer im Baltikum

Was fällt einem ein, wenn man an Dänen denkt, an Holländer, oder an Amerikaner? Irgend etwas verbindet doch jeder mit fremden Nationen. Bei mir sind es Smørrebrød, Strand und Gemütlichkeit, bzw. Fahrräder, Käse und Fußball, oder Pickup Trucks, Waffen und die endlose Prairie.

Doch woran denke ich bei Litauern? An Wohnungseinbrüche, Raubüberfälle und die bandenmäßige Begehung von Straftaten aller Art. Wie ist es möglich, dass eine ganze Nation in erster Linie für ihre Straftäter bekannt ist? Das können doch unmöglich alles Ganoven sein?!

Vielleicht liegt es daran, dass ich Polizistin bin, doch andererseits: Wann hatte ich zuletzt mit einem Dänen zu tun? Ich kann mich nicht erinnern, dabei liegt Dänemark gleich um die Ecke und es gibt doppelt so viele Dänen wie Litauer.

Svenja und Pieps beschließen, vor Ort eigene Ermittlungen anzustellen und der Sache auf den Grund zu gehen. Unseren Sommerurlaub werden wir mit Motorrad, Zelt und Schlafsack in Litauen, Lettland und Estland verbringen.

Gleich nach dem Dienst fahre ich rüber zum Kieler Ostuferhafen, um bei DFDS Seaways eine Fährpassage nach Litauen zu buchen. Dieser Hafen wirkt bereits auf den ersten Blick anders, als die übrigen Kieler Häfen. Am Schweden- und am Norwegenkai prägen Skandinavier das Bild, am Ostseekai machen die riesigen Kreuzfahrer aus aller Welt fest und im Scheerhafen löschen Massengutfrachter ihre Ladungen.




Vorbei an Lagerhallen und Kränen fahre ich zum Terminal von DFDS Seaways. Kaum ein PKW ist zu sehen, kein Wohnmobil und keine Touristen. Dafür stehen etwa 100 schwere LKW auf dem Gelände. Die meisten tragen RU für Russland im Kennzeichen, seltener LT, LV oder EST für Litauen, Lettland, oder Estland.

Die Fähre Kiel-Klaipeda ist eine der wichtigsten Verbindungen für den Güterumschlag mit Russland, denn von Klaipeda sind es nur noch 550 km bis an die russische Grenze.

Ich stelle das Auto zwischen zwei LKW ab, doch es sind nicht die üblichen Rostklopfer, die ich mit Russland in Verbindung bringe, sondern ein nagelneuer Volvo und ein hochmoderner DAF XF.

Oben im Führerhaus sitzt ein junger Mann bei offener Tür und frühstückt. Seine Schuhe stehen brav neben der Tür auf einer Matte. Der LKW ist sein Zuhause und sein ganzer Stolz, wie unschwer zu erkennen ist. Er sieht mit ausdruckslosem Gesicht zu, wie ich aussteige und zum Terminal gehe. Ich trage mein übliches Svenja Standardoutfit: Kleid und kniehohe Stiefel.

In der Halle des Terminals stehen junge Männer in Gruppen beisammen. Ihr Einheitslook besteht aus schwarzen Lederjacken zu Jogginghosen, die Köpfe kurz rasiert. Keine einzige Frau ist darunter und sogar hinter dem Buchungsschalter stehen heute nur Männer.

An der Wand hängt eine Tafel., auf der ein Revolver, ein Kampfmesser und ein Gewehr abgebildet sind: „Falls Sie im Besitz einer Waffe sind, müssen Sie diese gemäß ISPS Bestimmungen für die Zeit der Überfahrt dem Purser an der Rezeption aushändigen. Sie erhalten die Waffe bei Ankunft im Hafen zurück.“

Ich buche eine Kabine mit Seeblick und auch zwei Plätze für Pieps und mich am Abendbuffet und für den Brunch am nächsten Morgen. Alles zusammen kostet 277,30 €.

Die jungen Russen winken mir freundlich zu, als ich ein paar Fotos schieße und mit dem Ticket in der Hand zurück zu meinem Auto stöckele.


Fazit: Zu Beginn wusste ich nichts über Litauen, Lettland und Estland, doch je weiter ich mich durch den dicken Reiseführer Baltikum arbeite, desto mehr interessante Orte und Sehenswürdigkeiten entdecke ich. Besonders Litauen hat soviel zu bieten und nicht nur die allseits bekannten Ziele, wie die Wasserburg Trakai und den Berg der Kreuze.

Besonders freue ich mich auf Estland, wo es weit über tausend Herrenhäuser, Burgen, Schlösser und Gutshöfe gibt. Ich werde am Ufer des Peipussee entlangfahren und einen Jokertag auf der Insel Saaremaa zelten.

Das werden aufregende drei Wochen, bevor ich von Tallin mit der Fähre über Helsinki zurück nach Travemünde fahre. Ich kann es kaum erwarten, dass mein Sommer im Baltikum beginnt...


Samstag, 19. März 2016

Saisonstart 2016

Der Winter ist vorüber. Es geht wieder los. Abenteuer, Reisen, Motorradfahren, Zelten, Fotografieren und Schreiben. Im Sommer verbinden sich alle meine Lei­den­schaften zu einer, wenn ich mit Motorrad, Zelt und Schlafsack auf Reisen gehe.


Im Frühling geht es nach Mandø, eine Insel zu der es keine Brücke und keine Fähre gibt. Sie ist nur übers Watt zu erreichen und es macht irren Spaß, mit der Enduro ins Ungewisse zu heizen, weil die Insel vom Festland nicht zu sehen ist. 

Und dann die große Sommerreise: Ich habe eine Schiffspassage für Greeny, Pieps und mich nach Litauen gebucht. Wir werden Vilnius besuchen, durch die Wälder Lettlands düsen und Estlands alte Gutshöfe anschauen. Dort gibt es hunderte historischer Rittergüter, Burgen und Landhäuser. Manche sind als Hotels und Gästehäuser hergerichtet. 

Und das Beste: In den Ländern des Baltikums ist Endurofahren noch möglich und viele Straßen sind nicht asphaltiert. 

Dann im Herbst… Aber das kommt später, dafür ist es noch zu früh. Nur soviel: Im Oktober macht der Autozug seine letzten Fahrten, dann möchte ich an Bord sein. 

Gestern war ich zum Saisonstart in Eckernförde und habe unten am Hafen meine neue Kamera ausprobiert. Es war sonnig, eisekalt und wunderschön. Ein herrlicher Tag, um am Leben zu sein. 

Welche Bedeutung haben die Dinge, die wir gerne tun? Machen sie aus, wer wir sind? Woher kommen unsere Leidenschaften? Ich kenne die Antwort nicht, aber solange ich mich nach jedem Winter wieder auf meine Enduro schwinge, den Motor starte und mit Zelt und Schlafsack ins Abenteuer fahre, solange bin ich noch nicht erledigt.

Dienstag, 25. August 2015

Tafelspitz statt Entrecote

Bevor der Herbst mit Regen und Sturm die Saison beendet, gehen Pieps und ich noch einmal auf Reisen. Diesmal wollen wir in die Alpen. In Österreich war ich schon einmal, aber eher aus Versehen. Ich hatte mich  hoffnungslos im Wald verirrt, irgendwo in Tschechien, und wusste weder vor noch zurück. Als ich schließlich doch wieder aus dem Unterholz gebrochen bin, da war ich in Österreich.



Das Wenige, das ich dort erlebt habe, hat mir gut gefallen. Nette Menschen, gutes Essen, hübsche Landschaft. Das ist ein tolles Ziel für meine Herbstreise. Aber natürlich gibt es immer jemanden, der etwas zu meckern hat:

Pieps: "Nur Karo hat gesacht, ihr Papa hat gesacht, Österreich is voll lamweiläch."
Ich: "Österreich und langweilig? Wiener Schnitzel, Tafelspitz, Salzburger Nockerln, Saftgulasch, Sachertorte, Palatschinken, Käsekrainer, Speckknödel und Backhendl sind langweilig?"
Pieps: "Karo is' wieso doof. Ich hol mein Berkini. Denn könn' wir los."
Ich: "Fast, mein Schatz. Noch vier Mal schlafen, dann fahren wir wieder los."

Die Anreise unternehmen Pieps und ich standesgemäß mit einem Autoreisezug der Österreichischen Bundesbahn. Die ÖBB fährt auf deutschen Gleisen von Hamburg nach Wien und das zu erstaunlich günstigen Preisen. Für Greeny, Pieps und mich kostet es gerade einmal 154 Euro.

Von Österreich fahren wir durch Liechtenstein weiter in die Schweiz. Dort zelten wir zwei Tage  an einem Gletscher in 1.600 m Höhe, bevor wir irgendwann in Lörrach landen und über Nacht mit dem Autozug der Deutschen Bahn zurück nach Hamburg-Altona schlafen.

Fazit: Drei Wochen Österreich und die Schweiz. Ich freue mich auf die kleine Herbstreise. Wir werden uns Hallstatt ansehen, die Riegersburg, den Großglockner, Salzburg, Innsbruck und viele andere tolle Ziele. Auf den Wunsch einer gewissen Maus inspizieren wir sogar die Zotter Schokoladenwerke. Ob Pieps allerdings ihren Bikini brauchen wird, im September in den Alpen? 


Sonntag, 8. März 2015

Ferien an der Loire

Die nächste Reise soll eine Erholungsreise werden, das hatte ich am zweiten Tag in Polen in mein Moleskine geschrieben. Ein richtiger Urlaub mit Lebensart und südlichem Flair, mit gutem Essen und mit ohne viel Abenteuer. Der erste Gedanke, der mir in den Sinn kommt ist: Frankreich!





"Frankreich? Davon weiß ich leider gar nichts", gibt Claudia bedauernd zu: "Ich kenne weder die Geographie, noch die einzelnen Regionen. Das Land ist mir völlig fremd", räumt die beste Freundin von allen beschämt ein. Ein Land, über das Claudia nichts Kluges zu sagen weiß? Mein Interesse ist geweckt.

Dreimal bin ich bisher mit dem Motorrad in Frankreich gewesen: 1982 mit meiner Suzuki DR500, zwei Jahre später auf meiner XT350 und 2010 mit Greeny, meiner KLX250. Die Motorräder, mit denen ich reise, werden immer kleiner.

Woran erinnere ich mich aus den achtziger Jahren? An wunderschöne, schmal geschlängelte Straßen durch liebliche Landschaften, an ein groteskes Überangebot von Campingplätzen, an unglaubliche Sanitäranlagen, die an den Waschraum aus Trainspotting erinnern und an Menschen, mit denen ich mich noch schwieriger verständigen kann, als mit den Polen.

Andererseits ist Frankreich das Heimatland von Entrecote und Blanchet, von Käse und Rotwein, von Lebensfreude und Genuss, kurzum von Erholung für ein älteres Dämchen wie mich. 

Meine Ziele sind die Loire und die Auvergne. Von Kiel fahre ich über Hamburg und Bremen nach Holland, weiter durch Belgien nach Frankeich bis an die Loire, wo ich dem Lauf des Flusses bis in die Auvergne folge. Die Auvergne und die Cevennen sind die am dünnsten besiedelten und einsamsten Regionen Frankreich, in denen mehr Kühe und Schafe leben als Menschen.

Gerade studiere ich Reiseführer, Landkarten und Reiseberichte, klicke mich durch Google Maps, fahre Straßen mit Google Street View ab, suche nach alten Eisenbahntunneln, Schaubergwerken und hübsch gelegenen Campingplätzen. Der aktuelle Stand der Planung? Ich bin schon bis Garrel, ein Dorf kurz hinter Bremen. 

Fazit: Diesen Sommer geht es zum Familienurlaub nach Frankreich: Nur Greeny, Pieps und ich. Pieps ist begeistert, weil sie von jedem "Orlaub" begeistert ist und außerdem Frankreich für das Mutterland von "Onktrekoot, Körsch und Leberwoast" hält. Nun, wir werden sehen...

PS: Tipps und Hinweise zu Frankreich sind sehr willkommen.

Dienstag, 8. Juli 2014

Die Reise nach Masuren

Der Ostblock ist mir nicht geheuer und alles andere als sympathisch: Trostlos und verdrießlich, trist und grau, grell­bunte Reklame auf bröckelndem Beton, hässliche Einfall­straßen in öde Städte, miese Camping­plätze, auf denen sich am Wochenende betrunkene Jugendliche tummeln. Doch, ich habe ein ziemlich klares Bild von Polen. 

"Bist du denn schon einmal dort gewesen?", möchte Claudia wissen und sieht mich dabei mit diesem ruhigen Blick an, der einem total auf die Nerven gehen kann. So ein Blick, wie ihn sonst nur Deutschlehrer drauf haben, die immer zu wissen scheinen, wenn man nur den Klappentext gelesen hat.

"Wieso? Was hat das denn damit zu tun?", gebe ich ausweichend zurück. Wenn man sich nicht sicher ist, ist es immer gut, eine Gegenfrage zu stellen.

"Also, warst du schon einmal in Polen, oder warst du nicht?", bohrt die beste Freundin von allen unerbittlich nach.

Jetzt darf ich auf keinen Fall Schwäche zeigen: "Ne, war ich nicht, aber ich war auch noch nicht am Nordpol und weiß trotzdem, dass es da schweinekalt ist und alles voller Pinguine", erwidere ich schlagfertig und komme mir schon etwas weniger ertappt vor.

"Hör mal, Tinky Winky," setzt Claudia ihre Predigt fort, "du solltest ein Land schon kennen, bevor du in aller Öffentlichkeit solch ein vernichtendes Urteil abgibst. Und am Nordpol gibt es übrigens keine Pinguine, das ist der Südpol", fügt sie klugscheißerisch hinzu.

"Du könntest dir Masuren ansehen, tiefblaue Seen, verlassene Landstriche, sandige Waldwege, alte Allen, Vögel und Geziefer, Sümpfe und Einsamkeit", kommt Claudia ins Schwärmen. "Das ist doch genau das, was du auf deinen Motorradreisen so schätzt."

"Meinst du wirklich, das lohnt sich, da mal hinzufahren?", frage ich misstrauisch.

"Da gibt es so Vieles, das du dir ansehen könntest: Die gewaltige Marienburg, den Elblag Kanal, die Kaschubische Schweiz, die Festung Bytow, die kurische Nehrung, die Biebrza-Sümpfe, die Wälder von Augustow, den Masurischen Kanal, der niemals fertig gestellt wurde, und natürlich Nikolaiken, das Venedig des Nordens."

"Na gut, wir können am Samstag ja mal sehen, ob es so eine Art Reiseführer von der Gegend gibt", lenke ich großmütig ein, denn ich erinnere mich, dass von Claudia auch der Tipp mit Gotland kam und der war gar nicht so schlecht, aber das können wir jetzt noch nicht wissen.

Noch vor vier Jahren habe ich über die Angst vor Polen geschrieben und bin dort nicht hingefahren, aber inzwischen gibt es einige Lichtblicke, denn wir beide haben uns weiterentwickelt, Polen und ich.

Ich durch günstige Lebensumstände und die fleißige Einnahme von Hormonen, und Polen durch den Lauf der Zeit, die Zugehörigkeit zur EU, oder vielleicht steht das Land auch nur auf einer Wasserader, ich weiß es nicht, aber die letzte Gay Pride soll zum ersten Mal eine fröhliche Party ohne Hauerei gewesen sein.

Nun ist mir die Gay Pride als solche völlig piepenhagen, aber sie ist ein wichtiger Indikator für die Toleranz und Aufgeschlossenheit einer Gesellschaft, eine Art Lackmustest, so wie Heidekraut auf sandigen Boden hinweist, denn ich habe keine Lust, verkloppt zu werden, nur weil irgend ein Hinterwäldler glaubt, er habe meinen Exmann entdeckt.

In der Buchhandlung kann ich mich für keinen der Reiseführer entscheiden und jetzt liegen beide aufgeschlagen und mit zahlreichen Markierungen versehen zwischen Infomaterial, Schmierpapier und Textmarkern auf einer Landkarte von Masuren.

Auf dem Bildschirm des iMac ist ein altes Eisenbahnviadukt zu sehen, das nahe der russischen Grenze steht. Wäre es nicht irre, da mit der Enduro rüberzufahren? Keine Ahnung, ob das geht, aber ich werde es herausfinden.

Fazit: Ich freue mich auf Polen und ganz besonders auf Masuren, aber ich bin auch ein klein wenig ängstlich, doch seinen Ängsten und Vorurteilen muss man sich stellen. Immer wieder.

PS: Natürlich bin ich nicht ganz allein unterwegs, denn Pieps und Greeny sind dabei, wie auf allen Reisen...

Samstag, 17. Mai 2014

800 m bis zum Start

Noch acht Mal schlafen, dann geht es wieder los, Pieps und ich fahren nach Gotland. Was als geruhsame Tour in die Sommerfrische gedacht war, habe ich in den letzten Wochen zu einer spannenden Wildnistour aufgebohrt.



Mit der Stena Germanica starten wir am Sonntag nach Göteborg und weil das Schiff fast vor unserer Haustür ablegt, kommen am ersten Reisetag nur 800 m auf den Tacho.

Für den nächsten Morgen wurde auf Wunsch einer gewissen Maus das große Skandinavische Frühstücksbuffet gebucht, so dass wir schon völlig erledigt sein werden, bevor wir überhaupt in Schweden ankommen.

Von Göteborg durchqueren wir Schweden von West nach Ost, zelten unterwegs einmal, und setzen am nächsten Tag mit der Fähre nach Gotland über.

In Visby angekommen, werden wir unser Zelt an der Ostküste aufstellen und drei Tage lang die Insel erkunden. Wir werden Visby anschauen, nach Färö übersetzen, die Grotte von Lummelunda besuchen und uns die Raukar ansehen, merkwürdig geformte Steinsäulen, die am Strand herumstehen.

Von Gotland geht es auf einer anderen Fährlinie nach Nynäshamn, südlich von Stockholm, wo wir eine Nacht in den Schären zelten. In den folgenden Tagen geht es über Sala, Falun und Mora nach Nordwesten bis in das Gebiet des Kungsleden, wo es nur noch Pampa, Schotterpisten und Einsamkeit gibt.

Für diese Reise habe ich viele interessante Schotterstrecken gesammelt, darunter eine still­gelegte Bahnstrecke, und zu einer Route verknüpft. Diese Pisten sind auf Straßenkarten nicht verzeichnet, so dass ich ein kleines GPS Gerät im Cockpit habe, wie es Geocacher benutzen. Nach dem illegalen Grenzübertritt in Tschechien bin ich ganz begeistert von dieser neuen Möglichkeit, mich in Schwierigkeiten zu bringen.

Was noch?
Den Minikanister mit 1,5 Liter V-Power nehme ich wieder mit. Schweden hat zwar genügend Tankstellen, aber oben am Kungsleden ist das Tankstellennetz dünn und außerdem komme ich auf meiner Route durch die Pampa nur durch wenige Orte.

Und noch etwas ist neu: Ich bin ab von Kettenfett! Der zähe Fettklumpen am vorderen Ritzel und die verschmierten Felgen, die will ich nicht mehr. Ich habe die Kette blitzeblank geputzt und schmiere sie ab jetzt mit klarem Sprühöl. Es wird nachberichtet...

Nach Gotland fahre ich mit dem Mountain Marathon Daune, einem etwas dünneren Sommerschlafsack, in dem ich schon in Schottland ganz prächtig gefroren habe. Auch darüber wird nachberichtet...

Hat jemand das tolle neue T-Shirt bemerkt, das mir eine Freundin geschenkt hat? Das kann man sogar auf Google Earth erkennen, so leuchtend orange ist es. Danke noch einmal dafür, Baby!

Jetzt muss ich nur noch den Einkauf für die Kabinenparty erledigen, die Pieps und ich traditionsgemäß auf jeder Schiffspassage feiern: Gebratener Schweinebauch, Senf, Schokolade und Bier. Noch acht Mal schlafen...

PS: Und ich hab nach 11 Jahren eine neue Hose gekauft, dasselbe Modell, aber diesmal in M und nicht XL...

Samstag, 5. April 2014

Nach Gotland ?

Jedes Jahr dieselbe Frage: Wohin fahre ich bloß in Urlaub? Motorrad und Zelt sind klar, aber wohin diesmal? Norwegen, Schottland, Schweden, Frankreich, Irland und England, da war ich überall schon und für eine richtig große Reise fehlt mir dies Jahr das Geld.


"Warum fährst du nicht nach Gotland?", schlägt Claudia vor, die meine miese Laune bemerkt hat.

"Wo soll das denn sein?", gebe ich leicht patzig zurück, "nie gehört." Ich habe wirklich nicht die beste Laune.

"Das ist eine Insel", erwidert sie und legt ihr Sudoku beiseite. "Die größte schwedische Insel, sie liegt in der Ostsee zwischen Schweden und Lettland."

"Ach, das Gotland meinst du", winke ich ab, während ich den Namen verstohlen auf Google Maps eintippe.

"Es ist die Sonneninsel Schwedens mit der alten Hansestadt Visby. Die Stadt ist wunderschön und gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Du kennst sie vielleicht aus dem Fernsehen, viele Szenen der Pippi Langstrumpf Filme, die du so liebst, sind da gedreht worden", versucht sie mich zu begeistern.

"Na gut, ich kann ja mal gucken", erwidere ich gnädig, während Claudia sich kopfschüttelnd wieder diesem merkwürdigen Zahlenrätsel zuwendet, das für mich überhaupt keinen Sinn ergibt, weil man nie weiß, was man in die Felder schreiben soll.

Kurz darauf in der Geobuchhandlung, dem größten Fachgeschäft für Landkarten und Reiseliteratur in Kiel:

"Hallo?", spreche ich den Typen an der Kasse an, von dem ich weiß, dass er der Inhaber ist. "Ich wollte mal fragen, ob es schon was über Gotland gibt. Landkarten, Bücher und so Zeug."

Er sieht mich fassungslos an. 

"Das liegt in Schweden", füge ich erklärend hinzu, "und ich möchte wissen, ob das bereits kartografiert ist, also ob da schon einer war, der ne Landkarte von der Gegend gemalt hat", erkläre ich den offenkundig fremden Fachbegriff.

"Nächstes Mal gehen wir aber wirklich in ein Fachgeschäft", raune ich Claudia ins Ohr, die seit Jahrzehnten ihre Landkarten hier kauft und jetzt bereits mit den Augen rollt. Sie ist wohl ebenso entsetzt über soviel Unkenntnis.

Endlich scheint der Kartenmann verstanden zu haben, denn er geht wortlos zu einem der deckenhohen Regale und sucht eine Auswahl von Landkarten zur Ansicht heraus.

Ich breite die Karten auf dem großen Tisch in der Mitte des Ladens aus und vergleiche das Kartenbild. Alle drei gefallen mir, aber meine Wahl fällt schließlich auf die Radkarte Gotland 1:100.000 und weil ich schon auf der Ecke bin, nehme ich auch noch die von Öland aus derselben Serie mit. Da hat es mir damals auf meiner ersten Schwedenreise ganz gut gefallen.

In diesem Jahr machen Pieps und ich nur eine kleine Reise. Das Fährticket Kiel - Göteborg ist schon gebucht und zum ersten Mal fahre ich mit der Stena Germanica, die mir sonst bloß jeden Abend das Zimmer volltutet, wenn sie unten im Hafen ablegt. Diesmal aber sind Pieps und ich an Bord. Am 25. Mai um 19 Uhr geht es los und ich habe für uns sogar das große Frühstücksbuffet gebucht, denn ich liebe es, an Bord zu frühstücken und danach satt und zufrieden mit der Enduro in den Tag zu starten.

Der Rest der Route steht noch nicht fest. Vielleicht zelten wir einmal wieder auf dem Vildmarks Camp in Hätteboda, ich weiß es noch nicht. Nur dass wir mit der Fähre von Oskarshamn übersetzen werden, das steht schon fest. Aber ob es danach wieder nach Hause geht, oder wir uns noch den Stockholmer Schärengarten ansehen, das mache ich von Lust und Laune, Wetter und Reisekasse abhängig.

Wenn jemand schon einmal auf Gotland war (das liegt in Schweden), dann freue ich mich über Tipps. Könnt ihr ein bestimmtes Camp empfehlen, oder etwas Sehenswertes, oder wenigstens einen guten Imbiss? Ich freu mich über Tipps und Ratschläge, denn jetzt mache ich mich daran, aus einer Idee eine Reise entstehen zu lassen.


Zur Klarstellung: Dieser Beitrag äußert sich nicht abfällig über meinen Lieblings Kartenshop, aber offenkundig ist der kleine Scherz unbeholfen formuliert, oder einfach nicht lustig und deshalb noch einmal ohne Ironie:

Die Geobuchhandlung in Kiel ist sicher die BESTE Fachbuchhandlung für Reisende, Fernreisende,  Touristen und Fernwehspinner aller Art. Man könnte nach einer Karte vom Mare Tranquilitatis fragen und der Typ hinterm Tresen würde ohne mit der Wimper zu zucken eine Karte vom Mond hervorzaubern und vermutlich hätte er sogar verschiedene zur Auswahl. Ich kaufe dort seit Jahren meine Karten und es ist ein Running Gag zwischen uns, dass ich jedes Verkaufsgespräch mit der Frage eröffne, ob es von XYZ schon eine Landkarte gibt...

Samstag, 24. August 2013

Ein unbekanntes Land

Ist der leichte Sommerschlaf­sack warm genug? Wetter Online sagt Nachttemperaturen von 4° C fürs Riesengebirge voraus. Damit verschwindet der leichte Mountain Marathon wieder in meiner Aus­rüs­tungskiste und ich stopfe statt­dessen den Winter­schlafsack in seinen Beutel.

Wie bin ich überhaupt darauf gekommen, nach Tschechien zu reisen? Da war dieser Artikel in der Prager Zeitung über das Verhältnis von Tschechen und Deutschen. Darin wird beklagt, dass wir das Land ignorieren würden, es als Urlaubsland nicht interessant genug fänden und ständig Angst davor hätten, dass unser Auto geklaut wird.

Ich bin so gespannt auf Tschechien. Wie sind die Menschen dort? Freundlich und offen, oder distanziert und zurückhaltend? Ich habe keine Vorstellung, aber schon bald werde ich es wissen.

Für Diebe halte ich die Tschechen nicht. Ich weiß so wenig über diese Leute, dass ich noch nicht einmal Vorurteile habe. Die Existenz des Landes ist bislang schlicht an mir vorbeigegangen und noch gar nicht recht in mein Bewusstsein gedrungen.

Ein Blick auf die Landkarte lässt mich staunen. Nicht nur, dass wir eine gemeinsame Grenze haben, sondern bis dort sind es von Kiel nur 560 km. 

Wartet da vielleicht ein ganz neues, spannendes Urlaubsland darauf, von mir entdeckt zu werden? Um das herauszufinden, mache ich mich an meine üblichen Recherchen. 

Zuerst der Standardcheck, eine Anfrage beim Auswärtigen Amt. Besondere Sicherheitshinweise finde ich in der Datenbank nicht, lediglich im Abschnitt Kriminalität wird vor häufigen Autodiebstählen gewarnt, ansonsten ist es ein sicheres Reiseland.

Jetzt zum ADAC. Wie schätzt mein Automobilclub die Situation für Camper ein? Da ist die Rede von ursprünglichem Charakter und von Lagerfeuerromantik. Sogar Duschen mit Tür seien inzwischen keine Seltenheit mehr. Beunruhigender ist eine andere Meldung des ADAC: In jüngster Zeit nehmen Überfälle auf Touristen entlang der D5 und der D8 zu. Das betrifft mich nicht, denn ich bin fast ausschließlich in der Pampa unterwegs.

Viel wichtiger ist der letzte Check. Svenjas Travel Risk Assessment for Transgender People, eine Gefährdungsanalyse für neue Frauen wie mich. Da bin ich sehr sensibel, schließlich reise ich allein und schlafe im Zelt. Deshalb möchte ich wissen, womit ich rechnen muss, falls mein Passing* unterwegs Risse bekommt und jemand bemerkt, dass Svenja erst 8 Jahre alt ist.

Um die Toleranz einer Gesellschaft gegenüber Menschen wie mir herauszufinden, gibt es einen einfachen Indikator, nämlich den CSD, den Christopher Street Day, die bunte Parade der Lesben, Schwulen und Transgender. 

Findet überhaupt ein CSD statt und wenn ja, wieviel Polizei muss eingesetzt werden, um die feiernden Queers vor feindlichen Übergriffen zu schützen? Der CSD ist der perfekte Lackmustest für die Toleranz einer Gesellschaft. An dieser Stelle ist Polen vor Jahren von meiner Reiseliste geflogen.

Tschechien hingegen ist in dieser Hinsicht völlig unverdächtig. Die Verhältnisse sind nicht mit denen in Russland und Polen zu vergleichen. Viele Themen, die dort noch große Aufreger sind (Abtreibung, Scheidung, Homosexualität), haben für Tschechen wenig Brisanz. Das mag vielleicht daher rühren, dass dieses Land besonders säkular* geprägt ist und die Überzeugungen des Katholizismus in der Bevölkerung wenig verbreitet sind. 

Vergessen sind fehlende Duschvorhänge und vereinzelte Überfälle auf Touristen. Das sind Alltagsprobleme, die mir wenig Sorgen machen. Ich begreife Tschechien zuerst als tolle Chance, ein interessantes, neues Reiseland zu entdecken und diese Chance werde ich nutzen.

Fazit: In wenigen Tagen starte ich mit Motorrad, Zelt und Schlafsack zu einer großen Rundreise durch Tschechien. Ich werde mir Böhmen ansehen, das Riesengebirge, fahre ins Altvatergebirge, das als einer der einsamsten Landstriche gilt und ich werde einen Motorradclub besuchen, der sein Hauptquartier in einer Höhle eingerichtet hat, in die man sogar mit dem Motorrad hineinfahren kann. Ich werde mit Greeny bis zum Clubtresen fahren und dort bestellen wir erstmal ein Glas Milch. Und was dann passiert, das berichte ich, wenn Greeny, Pieps und ich zurück sind aus Böhmen. Bis in zwei Wochen also...

*Passing: Die Eigenschaft, von Fremden nicht als transsexuell erkannt zu werden.
*Lackmustest: ursprünglich ein chemischer Test, aber hier in dem Sinne, dass erkennbar wird, wie eine Situation wirklich einzuordnen ist.
*säkular: weltlich orientiert im Gegensatz zu religiös

Donnerstag, 30. Mai 2013

Unterwegs zum Nordkap

Ich schließe die Wohnungstür, trage das Gepäck in den Fahrstuhl und drücke auf den Knopf für die Tiefgarage, wo Greeny vollgetankt und mit frischen Reifen auf uns wartet.

Jeden Tag höre ich das durch­drin­gen­de Tuten der Color Line, wenn die  Norwegenfähre ablegt und lang­sam durch die Kieler Förde auf die Ost­see hin­aus­fährt. Aber heute werden Pieps und ich oben an Deck stehen und winken wie blöde, während die Enduro fest vertäut im Fahrzeugdeck wartet.

Einen Monat lang Motorrad fahren, zelten, Lagerfeuer machen, Fleisch braten, fotografieren, lesen und schlafen. Einen besseren Urlaub kann ich mir nicht vorstellen. Wenn wir jeden Tag knapp 300 km fahren und keinen Ruhetag einlegen, sind wir noch vor dem Juli zurück in Kiel.

"Das wird ein derbes Svendura Aben­teuer ohne Girly Whirly Faktor. Dafür muss ich körperlich und psychisch absolut fit sein. Der schlimmste Feind ist der Regen, der einem die Laune vermiesen will. Damit muss ich zurecht kommen und trotzdem Spaß haben. Die nötige Erfahrung habe ich und meine Ausrüstung ist bestens. Abends werde ich mich mit einem guten Essen belohnen und mit Pieps am Lager­feuer sitzen."

So steht es wörtlich in meiner Packliste, wo nicht nur Zahnbürste, Zelt und Schlafsack gelistet sind, sondern auch jede Menge Durch­­halte­­parolen und Ver­haltens­­grund­­sätze, vom Zelten bei Hagel­sturm bis zur Bekämpfung Auf­ständischer. (Ein Girly Outfit nehme ich natürlich trotzdem mit, schließlich bin ich über Midsommar irgendwo in Skandinavien unterwegs.)

Für den ersten Abend in Norwegen habe ich zwei besonders fette Entrecotes besorgt, die hinten in meiner Endurojacke stecken. Zwei Tage sind die auch ohne Kühlung haltbar und außerdem werde ich die Biester so atomisieren, dass keine Mikrobe am Leben bleibt.

Fazit: Wenn ihr das lesen könnt, stehe ich schon am Fähranleger und warte auf das Boarding. Solange ich unterwegs bin, wird Claudia ab und zu einen kleinen Kommentar weitergeben. Sie ist nicht nur Chefausrüsterin und Beraterin in allen Outdoor Fragen, sondern auch Heimatbasis und Seelentrösterin, wenn ich wegen des miesen Wetters am liebsten umkehren würde. 

In zwei Tagen steht unser Zelt am Geiranger. Wir sehen uns in einem Monat. 


Donnerstag, 18. April 2013

Reisevorbereitungen


Nachdem das Reisegepäck schon seit Jahren fast bis auf das letzte Gramm optimiert ist, kann ich nur noch bei mir selbst einsparen. Wusstest ihr, dass ich mich für jede meiner Reisen in Form bringe und ein paar Kilo abnehme?

Nach Frankreich bin ich 2010 noch mit 86 kg gefahren, nach Irland letztes Jahr 82 Kilo und in diesem Jahr sollen nicht mehr als 76 Kilo Svenja mit nach Norwegen. Davon trennen mich noch zwei Kilo Greeny wird es danken, denn bei 23 PS zählt jedes Gramm.  

Eine andere Sache macht mir aber viel mehr Gedanken, nämlich die tollen Fotos in den Reiseberichten der Magazine, wo man allein­reisende Globetrotter auf ihren Maschinen weit abgesetzt durch die Landschaft fahren sieht. Wer hat diese Fotos gemacht?

Entweder waren die gar nicht alleine unterwegs und verschweigen den mitrei­senden Foto­grafen, oder es sind technische Tricks im Spiel, die ich noch nicht durchschaue. 

Man könnte mit Stativ und Funkauslöser arbeiten. Das funktioniert perfekt, aber dazu bräuchte ich meine digitale Spiegelreflex. Nein, die ist zu groß und zu schwer. Den Platz im Tankrucksack brauche ich für Entrecote und Bier und außerdem wohnt da Pieps.

Aber diesmal habe ich mir etwas einfallen lassen: Ich habe eine neue Kamera mit einem programmierbaren Selbstauslöser gekauft, die auch FullHD Video aufnehmen kann. Aus den Videos werde ich Standbilder für meinen Reisebericht extrahieren. Außerdem ist der Apparat wasserdicht bis 13 m Tauchtiefe. Nach Irland letzten Sommer wollte ich auf Nummer sicher gehen. Hmpff...

Dazu habe ich ein erstklassiges Reisestativ besorgt, das ich an den schönsten Stellen in die Landschaft stelle und kurz darauf ganz lässig durchs Bild fahren werde.

Fazit: Bevor ich in den Urlaub starte, werde ich noch eine Wochenendtour nach Dänemark fahren, um die Ausrüstung zu testen und neue Aufnahmesituationen zu üben. 

Zumindest eine von uns ist  aber schon komplett reisefertig. Eine liebe Leserin hat für Pieps drei sagenhaft schöne Pullover und Mützen gestrickt, die genau zu Norwegen, Finnland und Schweden passen. Mein Favorit ist der Norwegerpulli, den die süße Schneemaus auf dem Foto trägt. Der ist echt klasse, oder...?!

PS: Solltet ihr irgendwo in der Pampa eine einsame Kamera entdecken: Pfoten weg, das ist meine! Ich bin gleich zurück...

Sonntag, 3. März 2013

Ein kühner Plan

"Wieso sagst du nichts?", fragt Claudia misstrauisch, nachdem ich drei Minuten lang geschwiegen habe.

"Wieso? Darf ich nicht auch einfach mal nach­denken?" erwidere ich genervt und verdrehe theatralisch die Augen.

"Aber natürlich darfst du auch mal nachdenken, Tinky Winky, warum eigentlich nicht? Es ist nur ein wenig ungewohnt."

"Weißt du, ich denke gerade an unsere Hurtig­ruten­reise zurück und da ist eine Sache, die ich partout nicht verstehe. Nämlich wieso sie den ganzen Krempel nicht einfach mit LKW die Küste hochfahren. Die sind doch viel schneller und moderner, als so'n alter Kahn, der sich mühsam durch die Wellen kämpft.", stelle ich mit gewohntem Scharfsinn fest. 

Claudias missbilligender Blick sagt mir, dass sie anderer Meinung ist. Es wäre ja auch ein Wunder, wenn sie mir einmal einfach zustimmen würde und wie ich sie kenne, wird sie auch gleich noch die Ober­lehrerin geben:

"Sag mal, Tinky Winky, hast du auch nur eine ungefähre Vorstellung davon, wieviele Kilometer kurvenreicher Straßen man quer durch die Berge, übers Fjell, durch Tunnel und auf Fähren über die Fjorde fahren müsste, um all die kleinen Häfen zu besuchen und bis ans Nordkap und weiter nach Kirkenes zu gelangen?" Sie spricht provozierend langsam und betont sorgfältig jedes einzelne Wort, wie wenn ich blöde wäre. Da ist sie wieder, die Oberlehrerin. Auf die Frau ist Verlass, sie entäuscht einen niemals.

"Wie weit kann das schon sein?", erwidere ich lässig. "Ich schätze mal so zwei oder drei Tage und vielleicht tausend bis tausenddreihundert Kilometer, oder so ähnlich." 

"Ja, oder so ähnlich." sagt Claudia mit dem gütigen Tonfall einer Mutter, die ihrem Kind, das nur den Weg zum Kinder­gar­ten kennt, zu erklären versucht, wie weit es nach Afrika ist: "Das sind fast 6.500 Kilometer bis Kirkenes, wenn man alle Häfen anfahren will, in denen wir mit der MS Lofoten gewesen sind." 

Ich bin beeindruckt, aber das darf ich mir jetzt natürlich nicht anmerken lassen, stattdessen erwidere ich gelassen: "Ja, so in etwa hatte ich auch geschätzt, aber weißt du was man mal machen müsste, was man echt mal bringen müsste? Diese Strecke an Land nachfahren: Hurtigruten mit Motorrad, Zelt und Schlafsack. Das wäre mal eine wirklich coole Reise...!"

"Ja, sicher.", winkt Claudia kopfschüttelnd ab und wendet sich dabei wieder ihrem Sudoku zu. "Du kommst vielleicht immer auf Ideen..."

Fazit: Ende Mai werden Greeny, Pieps und ich auf der MS Color Fantasy nach Oslo fahren und uns in Norwegen auf die Spur der Hurtigruten begeben. Wir werden der langen, zerklüfteten Küstenlinie folgen und viele der kleinen Häfen wiedersehen, in denen wir mit dem Postschiff angelegt haben. Vielleicht gelingt es uns sogar, die MS Lofoten zu treffen. 

Wir werden am Nordkap zelten und weiter über Kirkenes nach Osten bis an die russische Grenze bei Murmansk fahren, dem entferntesten Punkt unserer Reise. Von dort geht es durch die Finnische Tundra bis nach Turku, wo wir auf die Aland-Inseln übersetzen werden. Durch geschicktes Inselhopping gelangt man an die schwedische Küste nördlich von Stockholm, von wo es nur noch tausend Kilometer durch Schweden und Dänemark bis nach Hause sind.

Donnerstag, 28. Juni 2012

Motorradreise Irland 2012


Eng­land und Schott­land haben mich so be­geis­tert, dass ich jetzt auch Irland und Wales kennen­ler­nen möchte, denn eines ist sicher, Links­ver­kehr, Tea Rooms und Black Pud­ding werden noch einige meiner Reisen beglei­ten. 

Bei schönstem Frühlings­wet­ter starte ich Ende Mai nach Esbjerg, um von dort mit der Fähre nach England zu fahren. 

Bei solchem Wetter macht sogar die Anreise durch Dänemark Spaß. Aus großen Wasser­ka­no­nen bewässern Bauern ihre Felder und manchmal bekomme ich etwas von dem feinen Sprüh­nebel aufs Visier. 

In Ribe lege ich eine kurze Pause ein und setze mich im Erik-Menveds-Vej ins Gras neben mein Motorrad. Ich bin in Gedanken ganz bei meiner beginnenden Reise, als ein Typ mit erwar­tungs­vollem Blick auf mich zuschlendert. 

Frau mit Motorrad gesucht steht fett gedruckt auf seinem Shirt. Ein Pykniker, dessen weiße Arme durch das schwarze T-Shirt perfekt zur Geltung gebracht werden. Ich gebe ihm eine Kost­probe meines bösen Blicks, der sonst für die Festnahme von Päderasten reserviert ist, worauf er sein Grinsen wieder einpackt und den Rückzug antritt. 


Die letzten 32 km bis Esbjerg sind langweilig und windig wie immer, aber dafür bringen sie mich zügig zum Fährterminal. Eine Tafel kündigt das Boarding für 16:15 Uhr an und sowie der Abfertigungsschalter besetzt wird, rolle ich an die Luke heran und gebe dem Mitarbeiter von DFDS mein Ticket, das ich zuhause selbst gedruckt habe. Ich bekomme eine Magnetkarte als Schlüssel für meine Kabinentür und werde durch­ge­lassen. 


Voller Euphorie düse ich auf der Enduro die stählerne Rampe zum Fahr­zeug­deck der Dana Sirena empor und werde ganz nach vorne in den Bug des Schiffes gewunken. Rück­wärts rangiere ich die leichte 250er dicht an die Bordwand heran. 


"Normalerweise sollen die vorwärts eingeparkt werden", spricht mich ein Deck­arbeiter an. "Ich weiß", grinse ich frech zurück und wir müssen beide lachen. Für das Verzurren der Motorräder ist auf dieser Fähre jeder selbst verantwortlich, das Material dazu ist an Bord vorhanden. Ich ergattere einen nagelneuen Spanngurt und verzurre die Green Cow mit wenigen Hand­grif­fen quer über die Sitzbank. Inzwischen habe ich den Bogen raus. Den Helm stülpe ich über den Rück­spie­gel, greife mir als einziges Gepäckstück meinen Tank­rucksack mit dem Wasch­zeug und meinem Abendessen, und mache mich auf den Weg in die Kabine. 


Die Preise auf der Dana Sirena haben es mir angewöhnt, mein eigenes Essen für den Abend an Bord mitzunehmen, denn ich kenne mich: Ab einer gewissen Preislage schmeckt es mir nicht mehr, egal wieviel Geld ich bei mir habe. 

Vermutlich ist dieses das einzige Schiff, wo es im Duty-free-Shop kein Bier gibt, denn ausge­rechnet daran habe ich nicht gedacht und heute abend läuft doch der Grand Prix Eurovision de la Chanson. Auch wenn ich keine Ahnung habe, wer für uns singt, fühle ich mich doch irgend­wie verpflichtet, dem Schlamassel beizuwohnen. Nicole war vorletztes Jahr, oder? 


Als ich die Show auf keinem der sieben Fernsehsender an Bord entdecken kann, wende ich mich erleichtert The Sentry zu, einem Buch, das ich im Duty-free-Shop gekauft habe. Gleich zu Anfang macht darin Pike, der Titelheld des Buches, die Mitglieder einer Streetgang fertig, die einen alten Mann verkloppen. Ich liebe die Stelle, an der Pike dem pickeligen Chef der Homies das Handgelenk bricht und der total zu jammern anfängt. 

Zufrieden mit dem Lauf der Gerechtigkeit knipse ich das Licht aus und lege mich schlafen. Morgen geht es in den Linksverkehr. Ich horche in mich hinein, ob ich aufgeregt bin. Ein wenig, aber nicht so sehr, wie im letzten Jahr.

Fazit: Das wird ein sehr langer Reisebericht und ich möchte den Blog damit nicht über Monate blockieren. Deshalb erscheint er komplett nur auf meiner Motorradseite Svendura.de. In dem Infokasten rechts ticker ich, wenn eine neue Folge fertig ist. Vielleicht habt ihr trotzdem Lust, hier zu kommentieren? Ich freu mich immer sehr über eure Kommentare und außerdem können Pieps und ich dann noch einmal unseren Senf dazugeben. :-)

Dienstag, 15. Mai 2012

Reisepläne 2012 - Irland

Nur noch elfmal schlafen, dann geht es mit dem Motorrad nach Irland und ich weiß nicht, wer diesmal aufge­regter ist: Ich, weil es meine bisher längste Reise wird, oder Pieps, die dauernd von Mouse of the Dance plappert und nur noch rea­giert, wenn man sie O'Pieps nennt. 

Die Reisen auf dem Motorrad mit Zelt und Schlafsack sind noch immer meine große Leiden­schaft. Dieses aben­teuer­liche Gefühl, auf der Enduro durch ein fremdes Land zu düsen, das Zelt jeden Abend  an einem anderen Ort auf­zu­stellen, die Isomatte aus­zu­rollen und später im Gras sitzend Steaks zu braten, die Nacht kuschelig im warmen Schlafsack zu liegen, oh ich liebe das alles so sehr.

Im vergangenen Jahr haben England und Schottland mich begeistert und deshalb möchte ich jetzt auch Wales und Irland kennenlernen.

Ganz nebenbei ist jede Reise auch eine persönliche Bestands­aufnahme. Macht es mir noch Freude, woch­en­lang allein unterwegs zu sein und den halben Tag lang Motorrad zu fahren? Schlafe ich noch immer so gerne im Zelt, oder plagt bereits das Zipperlein und es fällt mir schwer, stundenlang auf dem Boden zu sitzen?

Und bekomme ich es wirklich niemals über, jeden Abend meine geliebten Entrecotes zu braten, zu grillen, oder auf andere Weise zu atomisieren? In Schottland gab es sechzehn Mal Rib-Eye-Steaks, wie mein Lieblingsessen dort heißt. Und am ersten Abend zuhause in Kiel natürlich auch wieder.

Bei aller Vorfreude bin ich vor jeder Reise auch etwas aufgeregt und manchmal fast ein wenig ängstlich. Erst wenn ich auf der Maschine sitze, mit dem Gepäck hinter mir, und der Motor der Kawasaki leise vor sich hinbrummelt, ist jede Unsicherheit verschwunden. Wenn ich dann durch das Tor der Tiefgarage ans Tageslicht rolle, langsam die Gänge hochschalte und nach wenigen Kilometern die Stadt in Richtung Norden verlasse, dann freue ich mich mit jeder Faser auf das bevorstehende Abenteuer. 

Nur noch elfmal schlafen, dann ist es soweit. Ich fahre von Kiel nach Dänemark, nehme in Esbjerg die Fähre nach Harwich, durchquere England von Ost nach West, verbringe ein paar Tage in Wales und nehme dann das Schiff nach Irland. Dort werde ich im Uhrzeigersinn die Küstenlinie abfahren und mir viele der bekannten Ziele ansehen.

Bis dahin muss ich unbedingt mein Englisch noch ein wenig aufpolieren, damit ich in Londonderry, wenn wir abends im Pub die EM gucken, auch etwas zur Unterhaltung beitragen kann. Vielleicht ein kluges Statement zum Nordirlandkonflikt und warum das in meinen Augen alles Blödsinn ist? Oder wie sage ich zum Beispiel, dass ich es erstaunlich finde, wie schlecht hier Fußball gespielt wird und dass Premier League auf deutsch mit Zweite Liga übersetzt wird?

Solange Mouse O'Pieps, die Green Cow und ich auf Reisen sind, werdet ihr eine Weile nichts von uns hören, aber vielleicht schreibt Claudia ab und zu einen Kommentar darüber, wie es uns ergangen ist. Bis bald, ihr Lieben.

Sonntag, 13. Mai 2012

Hurtigruten Tag 12 - Das Captain's Dinner


Die russischen Mädchen sind verschwunden. Sie sind schon früh am Morgen in Ørnes ausgestiegen, während ich noch geschlafen habe. Es ist nicht zu übersehen, dass einige von ihnen den Seegang in dieser Nacht nicht gut vertragen haben.


An diesem Morgen überqueren wir den Polarkreis in südlicher Richtung. Schnee sieht man nur noch ganz vereinzelt auf den Bergspitzen und mit 7° C ist es angenehm mild.

Wir legen in Nesna an, einem winzigen Fischerdorf, wo wir eine norwegische Folkband an Bord nehmen, (5 Musiker, 4 Instrumente), ein rotes Motorboot, (Yamaha 115 PS), 30 Kisten Fisch (Arctic Salmon frozen) und nur eine Palette Spanplatten dafür abliefern. Ein guter Tausch, wie ich finde. 




Während des Mittagessens legen wir in Sandnessjøn an, aber das Buffet nimmt mich so in Anspruch, dass ich von diesem Stop wenig zu berichten weiß. Es gibt Eisbein, Rübenmus und Speckstippe und ich liebe dieses Gericht. Außerdem ist leichtes Essen noch immer das beste Mittel gegen Übergewicht, Seekrankheit und Depressionen.

Auf dem Kai gibt es einen kleinen Supermarkt. Er heißt Narvesen und ist erstaunlich gut besucht. Pausenlos kommen und gehen Kunden durch die eher unscheinbare Eingangstür. Das erinnert mich sehr an Durness in Schottland, diesen winzigen Außenposten am Ende der schottischen Highlands, wo der einzige Laden auf 100 km plötzlich sehr wichtig wird und nicht mehr so austauschbar und beliebig ist, wie zuhause in Kiel.



Den Rest des Nachmittags fahren wir grau in grau durch endlosen Dauerregen. Ich sitze auf dem Oberdeck in der Observation Lounge in meinem Lieblingssessel, trinke ein Munkholm und schreibe, lese und döse abwechselnd. Die anderen Passagiere sind auch ganz ruhig. Sie lesen oder schlafen ebenfalls. Aus einer Ecke höre ich eine leise Unterhaltung in einer fremden Sprache, die ich nicht erkennen kann. Es herrscht eine wunderbar entspannte Stimmung in der warmen Lounge, während der Regen außen gegen die Scheiben peitscht.



Es regnet noch immer, als wir in Brønnøysund einlaufen, wo eine außergewöhnliche Ladung auf uns wartet. Zwölf offene Wannen voller Seefisch, jede von der Größe eines Planschbeckens. Die Behälter sind riesig und werden auf dem Vorschiff als Decksfracht verzurrt. Ich ahne bereits, was es heute abend zum Captain's Dinner gibt.





Beim Ablegen aus Brønnøysund gönne ich mir das einzige 'richtige' Bier dieser Reise, ein Carlsberg vom Faß. Die kleinstmögliche Portion sind 0,4 l für sagenhafte 8,39 €. Für ein Glas Bier! Ich muss verrückt sein, oder Alkoholiker. Vermutlich beides. Aber ich habe bisher so wenig Geld ausgegeben, weil alles bereits im Reisepreis enthalten ist, den sowieso Claudie bezahlt hat, dass ich den 100 NOK Schein ohne schlechtes Gewissen auf den Tresen lege.

Heute ist unser letzter Tag an Bord und ich bin ein wenig traurig, dass die Reise nun zu Ende geht. Aber für 18 Uhr hat die Reederei zum Captain's Dinner geladen. Einige Passagiere in der Lounge unterhalten sich scherzhaft über den Dress Code und mir wird schlagartig klar, dass niemand Anstalten macht, sich für diesen Abend besonders festlich anzuziehen. Das ist meine Chance, denke ich. Meine Chance ein weiteres Mal einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Vielleicht habe ich sogar das Glück, mit den netten Engländern an einem Tisch zu sitzen?

Es ist 17:33 Uhr, noch 27 Minuten, das schaffe ich. In Windeseile raffe ich mein Kindle, die Kamera, Moleskine, Bleistift und Spitzer zusammen und fange Pieps ein. "Pieps, wir müssen uns umziehen." brülle ich. "Captain's Dinner in 26 Minuten.", füge ich erklärend hinzu und renne mit der kleinen Maus im Arm drei Decks tiefer zu unserer Kabine.

Mit dem unfehlbaren Instinkt des Partygirls habe ich zuhause mein Kleines Schwarzes in den Koffer gepackt. Schwarze Wolford Strumpfhose dazu und zur Feier des Tages sogar einen BH. Bis jetzt hatten die Boobs nämlich Urlaub und durften ohne gehen. Schuhe? Mist, keine Pumps an Bord. Aber die schwarzen Ankleboots mit den Keilabsätzen tun es zur Not auch.

Jetzt das Gesicht. Ich streiche eine dünne Schicht flüssige Foundation über das alte 3-Schichten MakeUp und pinsele etwas Bronzepuder drüber. Reicht. Die Augen umrande ich dramatisch mit schwarzem Kajal und male mir die Augenlider zweifarbig in gold und braun. Die Wimperntusche ist noch gut von heute morgen. 

Jetzt noch die Haare über Kopf ausbürsten, etwas Wasser hineinkneten, fertig ist die wilde Mähne. Ich hänge die Creolen an die Ohren, nehme meine Svenja Kette, noch eine Kette, Armreif, einen dezenten Brillantring und fertig. Meine Mitreisenden sind auch schon fertig. Claudia trägt ein braunes Strickkleid mit Wasserfallkragen und passenden Stiefen dazu und Pieps hat sich für ein pfirsichfarbenes Ballkleid entschieden. Fertig.



Auf die Minute pünktlich stöckeln wir in den festlich geschmückten Speisesaal. An der Tür werden wir  bereits von Charlotta mit einem Glas Champagner empfangen. Sie ist unsere Lieblingkellnerin, weil sie so hübsch und freundlich ist und wunderschön singen kann. Beides habe ich ihr schon mehrfach gesagt, wie es meine zurückhaltende Art ist. Aber heute ist sie es, die mir ein Kompliment macht: "You look nice tonight.", sagt sie freundlich. Es kann aber auch sein, dass sie Pieps meint, die frech aus meiner kleinen Abendtasche guckt und ein wenig beleidigt ist, als sie kein eigenes Glas Champagner bekommt.

Die Tische sind mit weißen Decken, polierten Gläsern und drei verschiedenen Bestecken perfekt eingedeckt. Wir werden von den Offizieren in Galauniformen mit goldenen Knöpfen empfangen und ich bin froh, dass ich mich auch ein wenig aufgerüscht habe. Overdressed gibt es nämlich nicht, aber in Jeans und Sweatshirt peinlich underdressed zum Captain's Dinner zu erscheinen, sehr wohl. Der Reiseleiter hält eine kurze Ansprache, stellt uns die Küchenmannschaft vor und bedankt sich noch einmal im Namen der Reederei für unsere Teilnahme an dieser Reise.

Mit feierlichen Minen nehmen die Offiziere ihre Plätze am Kapitänstisch ein. Leider wird durch einen dummen Fehler im Zeremoniell versäumt, Claudia, Pieps und mich gleich dazu zu bitten. Zuerst bin ich etwas pikiert, aber dann geht mir ein Licht auf: Bestimmt soll ich später den Eröffnungstanz mit Kapitän Amundsen machen und man will mich jetzt noch ein wenig im Unklaren lassen, damit nachher die Überraschung noch größer ist. Ich kichere verschwörerisch in mich hinein und tue von jetzt an so, als wenn ich völlig ahnungslos bin. Ich will denen ja nicht die Überraschung kaputtmachen. Ganz Dame widme ich mich dem ersten Gang.

Es gibt eine Roulade aus Lachs, die ebenso lecker wie winzig ist. Etwas undamenhaft vertilge ich sie in vier Bissen. Der nächste Gang ist ein Pfeffersteak auf einem Bett von Auberginen an einer Frechheit von zwei Kartoffeln. Auch sehr lecker, aber ebenso winzig. Der Nachtisch wird im Halbdunkel mit Wunderkerzen hereingetragen und für einen Moment fühle ich mich wie auf dem Traumschiff. 



Es ist eine Eisbombe, oder auch nur ein schlecht aufgetauter Kuchen, aber Charlotta singt dazu Fields of Glory und es ist eine sehr schöne und festliche Stimmung. Kurz danach ist schon alles vorbei und der Tanz mit dem Kapitän fällt aus wegen 'ist nicht'. In einer halben Stunde beginnt ja schon die zweite Sitzung des Captain's Dinner und Pieps fragt etwas zu laut in Richtung Kapitänstisch, ob gewisse Herren dann etwa noch mal Pfeffersteak kriegen. Ich trage die kleine Maus schnell aus dem Saal, weil die Offiziere schon total missbilligend zu uns rübergucken.

Während Claudia in der Kabine ihren Koffer packt, stöckele ich noch einmal durch das abendliche Schiff und sage all meinen Lieblingsplätzen auf Wiedersehen. Tschüss, Eisbärsalon, ich liebe deine gemütlichen, blauen Clubsessel, tschüss, Observation Lounge, bei dir war es immer am ruhigsten und man hatte die beste Aussicht, tschüss Cafeteria, bei dir wars immer schön warm, aber das Bier viel zu teuer, tschüss wunderschöne Blondine aus der Crew mit deiner tollen Löwenmähne. Falls du es dir doch noch überlegst, meine Adresse steht auf der Passagierliste. Seufz. Ich hasse Abschiede, weil immer ein Stück von mir zurückbleibt an jedem Ort, an dem ich einmal übernachtet habe.


An dieser Stelle endet hier im Blog der Reisebericht unserer Fahrt mit Hurtigruten. Es war eine unglaublich schöne, unglaublich besondere Reise. Wer Lust auf eine solche Fahrt bekommen hat und noch mit einem alten Postschiff in die Arktis fahren möchte, der sollte nicht lange zögern, denn die MS Lofoten wird in wenigen Jahren außer Dienst gestellt. Dann fahren aber noch die modernen, großen Schiffe.
Einen vollständigen Reisebericht inklusive der letzten drei Tage, die hier im Blog fehlen, werde ich auf meiner Svendura-Seite posten. Ich ticker euch, wenn er dort online ist.

Montag, 7. Mai 2012

Hurtigruten Tag 11 - Auf den Lofoten


In Harstad nehmen wir zwei Paletten Wandfarbe, eine Ladung Autoreifen und zwei Dutzend Passagiere an Bord. Während der Nacht gab es auf offener See Probleme mit der Maschine, so dass wir jetzt eine Stunde Verspätung haben.




Die neuen Passagiere sind überwiegend norwegische Männer zwischen 40 und 50. Verwegene Gestalten, die von einem Wettangeln kommen. Einige von ihnen tragen Messer am Gürtel. Sie machen sich auf ziemlich unangenehme Weise in der Bar, der Cafeteria und im Eisbärsalon breit, wo Claudia, Pieps und ich sitzen und lesen.



Es ist gegen 9.30 Uhr als wir ablegen und bereits die ersten 0,6 l Gläser Ringnes Pilsener auf den Tischen der Norweger stehen. Um kurz nach zehn holt einer der Männer, ein finster dreinblickender Bursche mit Cowboyhut und einem langen Messer am Gürtel, sein drittes Glas Bier für 72 NOK (ca. 9,50 €). Zwischendurch trinkt er aus einer Whiskyflasche, die er dazu jedesmal aus seinem Rucksack hervorholt.

Auch zwei Frauen gehören zu der Gruppe. Sie sind ebenso laut und prollig und passen perfekt ins Bild. Ausgesprochen unangenehme Zeitgenossen. Die meisten Passagiere sind inzwischen aus dem Eisbärsalon geflüchtet und auch wir verziehen uns ein Deck höher in die Observation Lounge.



Kurz darauf fahren wir in die Risøyrenna, einen 4,5 km langen Kanal durch eine Meeresuntiefe. Letztlich sieht man nur eine Fahrrinne im Meer und wäre sie nicht zu beiden Seiten mit Seezeichen markiert, würde man gar nicht merken, dass man durch einen Kanal fährt.



Das Radarecho auf dem Monitor zeigt uns allerdings, dass der Kapitän sehr genau fahren muss, will er nicht in die Fußstapfen des unrühmlichen Kapitän Schettino treten. Unser Kapitän aber heißt Amundsen und genießt schon daher unser volles Vertrauen.

In Risøyhamm wird ein großes, verschweißtes Paket von Würth ausgeladen und wir füllen den Laderaum mit zwei Paletten Tierfutter in 25 kg Säcken. Nach sagenhaften 9 min. Liegezeit dampfen wir schon wieder ab. Der Kapitän möchte sicher die 42 min. Verspätung wieder hereinholen, aber um ein Haar lassen wir dabei einen der Offiziere an Land zurück, der mit eiligen Schritten aus dem Hafenkontor kommt just in dem Moment, als die Gangway weggezogen wird. Diese wird eigens noch einmal angelegt, Offizier an Bord und weiter gehts.

Das Mittagessen ist heute kein Vergnügen. Der Speisesaal ist overcrowded von zu lauten, zu trinkenden und zu telefonierenden Norwegern, die sich ins Buffet eingekauft haben und sich mehrheitlich wie die Obelixe benehmen. Norwegische Männer lassen sich nicht allein durch ihre guten Manieren, ihren Feinsinn und eine erhabenen Zurückhaltung charakterisieren.

Diese hier benehmen sich jedenfalls wie ausgehungerte Bohrinselarbeiter auf ihrem ersten Urlaub. Betont damenhaft schlinge ich drei Portionen Rentiergulasch in mich hinein und verlasse anschließend feinsinnig und charmant den Speisesaal.



Inzwischen haben wir ungemütliches Wetter mit Regen und Wind von vorn. Bei der Einfahrt in den Raftsund kommt ein Boot achter auf und macht längsseits fest, ohne dass die MS Lofoten wesentlich Fahrt wegnimmt.

Es ist das Ausflugsboot für die Seeadlersafari. Die Passagiere, die diese Exkursion für 99 € gebucht haben, steigen über. "Guck doch einfach nach oben." fordert Claudia mich auf. Ich sehe hoch und tatsächlich, da fliegen zwei Seeadler direkt über uns. Auch ohne Safari kann man sie prima erkennen.

Erstaunlich große Biester, diese Seeadler und ich würde gerne teilnehmen, aber eine Nachfrage beim Reiseleiter bringt die Ernüchterung. Wie ich ihn verstanden habe, wird es wohl nicht gern gesehen, wenn man die Seeadler beim Füttern mit der üblichen Methode (Stück Brot, Angelhaken und 5 m Klaviersaite) aus der Luft fängt. Ich verliere das Interesse und gucke anschließend auch nicht mehr hoch. 





In Svolvær, der größten Stadt der Lofoten, verlassen uns die fröhlichen Norweger. Bis zur letzten Minute vor dem Anlegen haben sie engagiert weitergetrunken. Als sie die Gangway herunterschwanken, hat das nur wenig mit dem Seegang zu tun. Am Kai wartet bereits eine Gruppe neuer, nur auf den ersten Blick angenehmerer Passagiere auf uns. Es ist eine Gruppe russischer Mädchen auf Klassenreise.



Ich zähle 64 Köpfe, bin mir aber nicht sicher, weil sie so aufgeregt durcheinander wuseln. Sie kommen aufs Schiff wie Honig über Ameisen und belegen mit unglaublicher Bravour sämtliche, aber auch wirklich alle Plätze im Eisbärsalon und in der Observation Lounge. Wenigstens bin ich jetzt nicht mehr die Einzige mit hohen Absätzen, denn unter 9 cm trägt kaum eines der russischen Mädchen. "Endlich normale Menschen." seufze ich erleichtert.



Als ich an diesem Abend in der Koje liege und das Licht ausknipse, ist es gerade 20 Uhr. Obwohl ich jede Nacht bis zu zehn Stunden schlafe, bin ich trotzdem oft müde und Claudia ergeht es ebenso. Auch die Schweizer Passagiere, mit denen ich gesprochen habe, machen dieselbe Beobachtung an sich. Eine Erklärung dafür habe ich nicht gefunden. An der guten Seeluft kann es nicht liegen, denn zuhause in Kiel kann ich kein Fenster öffnen, ohne das Zeug in der Bude zu haben, denn ich wohne nur 900 m vom Meer entfernt.

 In dieser Nacht habe ich einen wilden Traum. Ich hänge außen an einem Segelflugzeug, das im wilden Sturzflug auf den Boden zurast und erst im letzten Moment abgefangen wird und wieder steil nach oben schießt. Dann ein kurzer Moment der Schwerelosigkeit, bevor es wieder in den Sturzflug geht.

Von einem Knall in der Kabine werde ich wach. Es ist Claudias schwerer Reisekoffer, der mit Schwung gegen die Kabinentür geknallt ist und sich schon wieder engagiert auf den Rückweg zur gegenüberliegenden Wand macht. Hui, welch ein Seegang. Daher der verrückte Traum. Wir überqueren in dieser Nacht den Vesterfjord und erleben dabei den bisher heftigsten Seegang unserer Reise. Man gewöhnt sich daran und ich schlafe im Nu wieder ein, nachdem der Koffer verkeilt ist.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Hurtigruten Tag 10 - Hammerfest - Hunting the Light


Inzwischen habe ich alle meine Outfits schon mindes­tens einmal angehabt und es geht in die Wie­der­­holung. Ich entscheide mich für ein graues Strick­kleid und die schwar­zen Keil­stiefel. Mit den 9 cm Absätzen bin ich sogar noch einen Tick größer, als die wunder­schöne Blonde aus der Crew, deren strah­lendes 1.000 Watt Lächeln mich jedesmal fast umhaut.

Am Vormittag gibt es eine Infoveranstaltung, auf der uns der Reiseleiter die Landausflüge der kommenden Tage vorstellt und natürlich auch verkaufen will. Ich höre geduldig zu, bin aber nicht interessiert. Weder an der Seeadlersafari, noch an dem Mitternachtskonzert in der Eismeerkathedrale in Tromsø. Ich gehöre zu der Sorte Passagiere, die weder unterhalten, noch animiert, oder sonstwie bespaßt werden müssen. Ich will einfach in Ruhe gelassen und dreimal am Tag üppig verpflegt werden. Für die Unterhaltung sorge ich selber, indem ich schreibe, lese, mich mit Claudia unterhalte, oder stumm die überwältigende Aussicht genieße.



Auf gute Unterhaltung und Gespräche mit anderen Passagieren hätte ich mich gefreut, aber auch am achten Tag an Bord ist es mir noch nicht gelungen, mit jemandem wirklich ins Gespräch zu kommen. Ungewöhnlich, denn sonst gelingt mir das fast immer.

Am späten Vormittag legen wir in Hammerfest an, das sich seit Jahren mit Honningsvåg um den Titel Nördlichste Stadt der Welt streitet. Honningsvåg liegt tatsächlich weiter nördlich, hat aber keine 5.000 Einwohner und ist damit nach norwegischem Recht keine Stadt.



















In Hammerfest haben wir 90 min. Aufenthalt und entscheiden uns für einen kurzen Landausflug. Claudia möchte die Kirche fotografieren, Pieps will eine Schneemaus bauen und ich möchte endlich herausfinden, was es mit diesem geheimnisvollen Eisbärclub auf sich hat, von dem ich schon mehrfach gelesen habe.

Es liegt noch dick Schnee, aber Pieps hat trotzdem kein Glück. Tauwetter hat eingesetzt und der Schnee reicht bestenfalls für eine Matschmaus. Ich bin froh, dass ich die hohen Schuhe anhabe und einigen Vorsprung vor dem Schneematsch habe.

Nachdem Claudia ihre Kirche fotografiert hat, gehen wir kreuz und quer durch den Ort. 90 Minuten sind mehr als genug Zeit, um Hammerfest zu Fuß zu erkunden. Wir kommen an einem Friedhof vorbei, auf dem manche der Grabsteine dick mit Plastikfolie verpackt sind. Damit soll verhindert werden, dass die Steine im Winter bei extremer Kälte platzen.

Die kleine Stadt brummt an diesem 21. März, am Frühlingsanfang. So klein Hammerfest auch ist, für die Bewohner aus weiter Umgebung ist es die einzige Einkaufsmöglichkeit. Der größte, und vermutlich einzige Super­markt des Ortes, ist Coop Mega, ein mittel­großer, moderner Super­markt, doch hier in der Arktis ist es ein Mega­store. Claudie möchte sich neues Kwikk Lunsj kaufen, eine Art norwegisches Kitkat und sowas wie ein Grundnahrungsmittel hier im Norden, ich möchte die Fleischabteilung besichtigen und Pieps will "einfach nur ma so gucken..."

Das Fleisch in den Kühltresen sieht nicht sehr appetitlich aus. Skandinavien ist keine gute Gegend für Fleischesser und die norwegische Arktis am allerwenigsten. Es gibt keine Metzgereien, sondern ausschließlich in Plastik verpacktes Fleisch aus dem Supermarkt. Frischfleischtheken, wie wir sie kennen, sind hier völlig unbekannt.










Die Auswahl an Fisch ist dagegen ganz ausgezeichnet. Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt steht ein Russe mit seinem Auto und verkauft aus dem Kofferraum heraus fangfrische Krabben und Schalentiere zu einem Spottpreis. Sein ganzer Laden besteht nur aus dem Kofferraum seines alten Lada und einem Klapptisch.



Vom Supermarkt gehen wir langsam zurück zum Schiff. Direkt am Anleger entdecke ich die Eingangstür zum Eisbärclub. Eintritt frei, steht auf einem Schild, aber ich finde das nicht bemerkenswerter, als wenn es bei ALDI an der Tür stünde, denn der berühmte Eisbärclub ist in erster Linie ein großer, sehr professionell gemachter Souveniershop. In zweiter Linie gibt es in den hinteren Räumen eine zugegeben sehr nette Ausstellung zum Thema Eisbären und Arktis allgemein. 



Der Besuch der Ausstellung kostet nichts, aber man muss dazu durch den Shop gehen. Das Perfide ist, dass es sogar einige besonders schöne und interessante Souveniers gibt und ich all meine Willenskraft brauche, um nicht diese rote Handysocke mit dem aufgestickten Eisbären zu kaufen. Erneut bin ich ganz hingerissen von meiner eigenen Willensstärke.

Wir halten uns nicht weiter auf. Der Hauptgrund dafür ist das Mittagsbuffet, das in wenigen Minuten an Bord serviert wird. Heute gibt es zwei Fischgerichte, panierten Dorsch und gedünsteten Heilbutt. Ich kann mich nicht entscheiden und nehme beide. 



Nach dem Ablegen in Hammerfest fahren wir im strahlenden Sonnenschein durch die dramatisch schöne Winterlandschaft. Schneebedeckte Felsen ragen bis zu 1.000 m hoch steil aus dem Wasser. Mit 15 Knoten zieht die MS Lofoten stundenlang daran vorbei.

Einige Zeit später taucht eine winzige Ortschaft tief im arktischen Nirgendwo auf. Es ist Øksfjord, ein 500 Seelen Fischerdorf, dessen wenige Häuser sich auf einem schmalen Felsen zwischen der See und dem Øksfjord Fjellet (772 m) dicht aneinander drängen.

Den kurzen Aufenthalt verbringe ich draußen auf dem Bootsdeck. Ich erkenne eine Kirche, einen kleinen Laden und ein verlassenes Hotel mit blinden Scheiben. Der Ort fasziniert mich, weil er so völlig abgelegen im Nichts liegt.

Unser Kran hebt einige große weiße Ballen vom Kai und lässt sie in den Laderaum hinab. Im Vorbeischwenken kann ich gerade noch die Aufschrift lesen, Polarfeed steht auf den Ballen. Später finde ich heraus, dass sich darin Fischfutter für die Lachsaufzucht befindet.



Bei einem unglaublich guten 3-Gänge Menü fahren wir in die Nacht hinein. Als Vorspeise gibt es Rentierfleisch, das zwar sehr mager, aber trotzdem lecker ist, und danach Eismeer Saibling, womit ich  heute zum dritten Mal Fisch esse. So ausgezeichnete Fischgerichte wie auf dieser Reise habe ich nie zuvor gegessen und immerhin komme ich aus Kiel. Verschiedene Sorten Hering und Sardinen, sowie feinsten Räucheraal, der zuhause unverschämt teuer ist, gibt es ohnehin zu jedem Frühstück. Wer Hurtigruten fährt, sollte gerne Fisch essen, auch wenn es genügend Ausweichgerichte an Bord gibt.

In Skjervøy nehmen wir eine Handvoll Passagiere und eine Europalette Arctic Salmon an Bord, bevor wir wieder in die sternklare Nacht hinausfahren. Claudia steht eisern oben auf der Brückennock und friert sich den Dubs ab, Hunting the Light. Sie meint, es sei geradezu ideales Wetter für Polarlicht.



Etwas später besuche ich Claudie, eher aus Mitleid denn aus Neugier, auf der Brücke, weil ich Angst habe, dass sie mir festfriert, aber tatsächlich sehe ich zum ersten Mal im Leben Polarlicht. Mystisch und geheimnisvoll wabert es leicht grünlich in der Ferne vom Horizont bis hoch ins Firmament. Mitten drin stehen Venus und Jupiter so hell und klar am Himmel, wie ich sie nie zuvor gesehen habe. 

Die MS Lofoten fährt mit minimaler Beleuchtung durch die Nacht und überall an Deck stehen dick vermummt die Fotografen in der Dunkelheit, Hunting the Light. Die echten Profis haben in dieser Nacht ihre Stative auf das vibrierende Stahldeck des schwankenden Schiffes gestellt, um mit Langzeitbelichtung gestochen scharfe Fotos zu schießen. Profis eben.



Mit der kleinen Lumix Digitalkamera bekommen wir allerdings auch kein Foto hin, deshalb gibt Claudia mir ein Dia, das sie auf ihrer letzten Hurtigruten Reise mit ihrer Leica M5 gemacht hat. (Noctilux 1:1 auf Kodak Ektachrome 800 belichtet wie 3.200 ASA).

Als ich endlich schlafen gehe, steht Claudia noch immer an Deck und sieht durch ihr Nachtglas empor zum Sternenhimmel. Hunting the Light.