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Donnerstag, 31. Dezember 2015

Jahresrückblick 2015

Silvestermorgen. Ich stehe vor dem Weinregal im Supermarkt und nehme zwei Flaschen Sekt in die Hand. Wieso eigentlich nicht, denke ich? Es war ein turbulentes Jahr und wenn es je einen Grund zum Feiern gab, dann heute. 


Eine kurze Bestandsaufnahme: Gesund? Bin ich. Mir fehlt nichts. Es ist Jahre her, dass ich zuletzt was hatte, oder überhaupt beim Arzt war.

Beruflich? In diesem Jahr bin ich Chefin geworden, Leiterin der IT-Forensik des LKA, und im Dezember bin ich auch noch befördert worden. Ich könnte platzen vor Stolz. Aber trotzdem ist das nur die Arbeit. Ich habe auch noch ein Leben.

Thema Geld: Schulden, Alimente und Unterhalt haben mich 10 Jahre lang geknechtet, doch seit diesem Jahr bin ich schuldenfrei. Mein Gehalt hat sich damit über Nacht verdoppelt. Sämtliche Schulden beglichen, der Unterhalt bezahlt. Mit einer Insolvenz hätte ich das in 7 Jahren geschafft, aber das ist nicht mein Weg.

Die letzten 10 Jahre habe ich ein kleines Leben geführt. Das möblierte Zimmer, der alte Kleinwagen mit 50 PS, das 250 cc Motorrad. Ich liebe diesen Minimalismus, mein kleines Leben, das ich dafür aber fett bewirtschaften kann: Ich leiste mir gutes Essen, Entrecote und Wein, gebe Geld aus für Bücher, Filme und Musik, kaufe mir Schuhe und Kleider; und dann sind da noch meine Reisen:

Im Mai war ich mit der Enduro, Zelt und Schlafsack in Frankreich und hatte einen tollen Urlaub. Das Schreiben der Reiseberichte ist inzwischen längst zu einem eigenen Hobby geworden.

Am 20. August ist mein neues Leben 10 Jahre alt geworden. Namensänderung, Personenstand, neue Geburtsurkunde, all das liegt lange hinter mir. Schon verrückt. Man liest zwar Geschichten über solche Sachen, aber man glaubt niemals, dass es einem selbst passiert.  

Doch auch wenn man die Vergangenheit hinter sich lässt, bleibt immer irgendwas, woran man festhält. Bei mir ist es das Endurowandern mit Zelt und Schlafsack. Das habe ich schon als Sven geliebt und das liebe ich auch heute noch: Motorradfahren, zelten, fotografieren, am Lagerfeuer sitzen, Fleisch braten, Bier trinken, eine gute Zeit haben. 

Im September bin ich durch die Alpen gefahren, durch Bayern, Österreich, Liechtenstein und die Schweiz, aber davon berichte ich demnächst auf meiner Reiseseite.

Was sonst noch? Ich fotografiere wieder, ein Hobby, das sogar noch älter ist, als das Motorradfahren. Ich habe die Street Photographie für mich entdeckt und auch wenn mir Talent fehlt, Freude macht es trotzdem. Man muss nicht gut in etwas sein, um Spaß daran zu haben. Wer je eine Casting Show gesehen hat, weiß was ich meine.

Fazit: 2015 war ein unglaublich anstrengendes, schönes, beschwerliches, lustiges und ereignisreiches Jahr.
In wenigen Stunden kommt mein gesamter Freundeskreis zur Silvesterparty. Die letzte Zählung der Gästeliste ergab exakt: 1, meine Freundin Claudia. Ein kleiner, aber erlesener Kreis. 

Wir werden Racelette essen, Sekt und Wein trinken, ich werde meine neuen High Heel Pumps tragen, das Feuerwerk fotografieren und später vielleicht die Nachbarn heimsuchen. Ich freue mich auf Silvester.

Ein frohes neues Jahr euch allen.

Samstag, 11. Januar 2014

So ein Tag

"Alles Gute zum Geburtstag," kommt Uli hinter ihrem Tresen hervor und drückt mich herzlich, als ich an diesem Morgen ins Chelsey komme. Im Hintergrund steht Claudia vor einem Tisch mit Blumen und Geschenken und grinst wie ein Honig­kuchen­pferd. Alles ist vorbereitet für mein Geburtstagsfrühstück #52. 


Mit zweiundfünfzig bin ich deutlich in der zweiten Lebenshälfte angekommen und inzwischen habe ich mich mit dem Gedanken vertraut gemacht. Ich merke, dass ich im Kampf um die ewige Jugend allmählich zurückfalle und man sieht mir auch an, dass ich älter werde.

Andererseits ist es so befreiend, nicht mehr ständig jung und hübsch aussehen zu müssen. In meiner Altersklasse bin ich gut im Rennen und das muss genügen, denn das Älterwerden hat auch viele gute Seiten:

» Aussehen und Outfit brauchen nicht mehr mit dem viel jüngerer Frauen zu konkurrieren.
» Bei meiner Garderobe schalte ich allmählich einen Gang zurück.
» Aber: Schlank zu sein, macht Vieles wett und ich kann zumindest weiterhin hübsche Sachen tragen.
» Ich genieße das Single Dasein, ich hab schon genug Stress mit meinen Haaren.
» Ich werde nie wieder in jene Schwierigkeiten geraten, wie sie aus Beziehungen entstehen.
» Mein Einkommen macht es möglich, auf bescheidenem Niveau gut zu leben und nur gute Dinge zu essen.
» Mein nächstes Motorrad darf auch ein bequemes sein (KTM 300 EXC Probe fahren).

Frage: Muss ich in Bezug auf diese Älter-Werden-Sache etwas tun?
Antwort: Nein, ich muss nur gesund bleiben und mich nicht in Schwierigkeiten bringen.

Meine Güte, ist das schön, keine Sorgen zu haben, fit zu sein und glücklich und dann auch noch Geburtstag zu haben und außerdem Wochenende und genügend Geld bei sich, um mehr als ein Glas Sekt zu trinken. Und das Chelsey ist der perfekte Ort dazu, auf dem Frühstücksbogen mache ich ein Kreuzchen bei "Rührei" und schreibe mit dem Kuli dahinter "mit Feta und Tomaten". Uli weiß dann schon Bescheid...

Sonntag, 22. Dezember 2013

Weihnachtseinkäufe

Schnellen Schrittes stöckele ich die Beamten­lauf­bahn hinunter in die Kieler Fußgänger­zone. Heute habe ich dienst­frei, Weihnachts­ein­käufe erledigen. 

Ich lasse mich die Rolltreppe hinauf in den Sophienhof tragen, wo der Weihnachtsmarkt bereits in vollem Gange ist. Hundert bunte Buden mit tausend glitzernden Geschmack­losig­kei­ten, aber heute finde ich alles schön, nichts kitschig, nichts doof, nichts überflüssig, oder albern. Heute mag ich alles und könnte die ganze Welt umarmen.

Oh, schau mal die dunkelrote, gemusterte Strumpfhose bei New Yorker, wie Rotwein mit Spitze. Die müsste toll aussehen zu meinem schwarzen Minikleid. Fünf Minuten später geht es mit der ersten Tüte in der Hand weiter.

Bei Hamann finde ich den pinken Filzstift, den ich gesucht habe und weil die anderen Farben auch so schön sind, nehme ich gleich alle. Ich hab eine Faible für Schreibsachen

Ach, guck mal, die Strickleggings sind ja süß. Dicke Wolle mit allen möglichen bunten Mustern. Die müssten doch zu meinem weißen Strickkleid total schön aussehen im Winterlook zu den weißen Moonboots. Und die Schwarzen mit den Eulen drauf, die nehm ich auch gleich mit.

Nächster Halt Olymp & Hades, eigentlich nicht mein Laden, aber dieser Norwegerpulli im Fenster, der könnte vielleicht auch als Kleid funktionieren. Der Bauchnabel ist bedeckt und der Dubs zum größten Teil auch. Mit einer dicken Strumpfhose und hohen Stiefeln, die ein wenig vom Rest ablenken, könnte das gehen. Praktischerweise bekomme ich hier eine Tüte zum Umhängen, denn die Hände habe ich schon voll.

Inzwischen habe ich all mein Bargeld ausgegeben und noch kein einziges Geschenk gekauft, außer für mich selbst. Vor elf Uhr das erste Mal am Geldautomaten, ich bin wirklich gut in Form heute.

Allmählich bekomme ich Hunger. Der neue Food Court im Sophienhof bietet solch eine Riesenauswahl leckerer Sachen, dass ich mich kaum entscheiden kann. Beef Bombay beim Inder, oder teste ich lieber den neuen Schnitzelpalast? Ich mag indisch, aber gegen ein klassisches, deutsches Gericht, wie das Wiener Schnitzel, hat die Currygang heute keine Chance.

Während ich ein Bier trinke und auf mein Schnitzel warte, möge es groß und frittiert sein, gehe ich in bester Laune die Tüten mit meiner Beute durch. 

Nachdem ich all die Jahre so pleite war, durch Unterhalt und Eheschulden, ist es ein wunderbares Gefühl, sich wieder all die kleinen Dinge leisten zu können, die man im Grund nicht braucht, die aber trotzdem so viel Freude machen. 

2013 war überhaupt ein Premiumjahr. Ich bin kerngesund, der Dienst hat mir Freude gemacht und ich hatte eine sagenhafte Sommerreise mit Motorrad und Zelt zum Nordkap. Viel besser kann ein Leben nicht sein, denke ich, und wenn ich gefragt werde, was ich mir wünsche, dann ist da nicht viel. Ich möchte weiter so gesund und fit bleiben und ich hätte gerne diese einen schwarzen Pumps von Buffalo und dass Kawasaki eine stärkere Einzylinderenduro rausbringt, aber das sind Projekte für ein anderes Weihnachtsfest.

Frohe Weihnachten, ihr Lieben.

PS: Natürlich habe ich auch noch ein paar schöne Geschenke für meine Leute gekauft, aber die darf ich nicht verraten, denn man weiß nie, ob die nicht mitlesen. Nur soviel: Ich war auch bei Saturn!

Freitag, 29. März 2013

Den Weg nicht verlieren


Fotos meiner allerersten Motorradtour nach Schweden 1984. Aufmerksam betrachte ich jedes einzelne Bild und nehme die Details in mich auf. Meine Güte, ist das lange her. 

Das bin ja ich. Mit meiner Enduro, Zelt und Schlafsack in Schweden. Wie sich die Bilder mit denen aus Irland vom letzten Sommer gleichen. Meine Augen brennen, so tief berühren mich die alten Aufnahmen.

Manchmal weiß man nicht, ob man noch auf dem richtigen Weg ist und droht, sich zu verlieren, nicht mehr zu wissen, wer man ist und wo es längs geht. Mir geht es gerade ein wenig so.

Um herauszufinden, wer ich bin, muss ich mich daran erinnern, wer ich war. Was waren meine Träume? Was war mir wichtig? Wie war ich? Was hat mich ausgemacht? 

Dazu brauche ich keinen Therapeuten, sondern nur meine Erinnerungen und ein paar alte Fotos. Ich werde in die Vergangenheit reisen und einen Bericht über meine erste Tour nach Schweden schreiben. Die Erinnerung daran ist noch so lebendig, als wäre es erst letzten Sommer gewesen. 

1984, seit zwei Jahren bin ich Polizist und verdiene 980 DM monatlich. Handy und GPS gibt es noch nicht und im Kino laufen Rambo und Wargames. Die DDR ist noch in vollem Gange und Negerküsse heißen eben so. Ich selbst 22 Jahre alt, fröhlich, unbekümmert und leidenschaftlich hinter Mädchen her.  


Inzwischen lebe ich schon viele Jahre als Svenja, aber im Grunde hat sich nichts geändert: Meine Träume sind noch immer dieselben und die pure Lust am Leben, die Fröhlichkeit und die Abenteuerlust, auf der Enduro mit Zelt und Schlafsack in die Einsamkeit zu fahren, das alles ist noch so wie früher. Ob als Sven oder Svenja, ob in Turnschuhen oder Pumps. Svenja kann alles, was auch Sven konnte, aber sie kann es auch auf hohen Schuhen! 

Fazit: Manchmal braucht man einen kleinen Fingerzeig, um seinen Weg nicht zu verlieren und sich daran zu erinnern, wer man ist und wo es lang geht. Ich bin noch immer ich, als Svenja heute stärker und entschlossener als je zuvor. 

Die Arbeit an dem alten Reisebericht hilft mir dabei, mich zu erinnern und meinen Weg nicht zu verlieren. So wie der Kompass, den Claudia mir auf den Ärmel meiner alten Endurojacke genäht hat.  

Sonntag, 10. März 2013

Svenja erwartet Besuch

Ich gehöre jedenfalls nicht zu diesen Leuten, die das ganze Haus auf den Kopf stellen, nur weil sie Besuch erwarten.  Ich sauge ein­mal kurz durch und das wars. Ich kann Leute nicht ausstehen, die einen Riesenfilm drehen und allen auf die Nerven gehen, nur weil Besuch kommt. Wem das nicht passt, der muss eben wegbleiben! 

Während ich den Staubsauger über den Teppich schiebe, fällt mein Blick auf die Fenster. Zum Glück habe ich die erst letzte Woche gründlich geputzt. Ich werde nur die Scheiben noch einmal kurz überwischen und die Rahmen abseifen. Fertig. Kein großer Aufstand.

Zwei Eimer Meister Proper später strahlt auch der Fußboden im Bad mit den Fenstern um die Wette. Nur die Fugen über der Wanne sehen auf einmal grau dagegen aus. Na und? Ich erwarte ja schließlich nicht den Papst.

Zur Sicherheit fahre ich kurz rüber in den Baumarkt und besorge zwei Tuben Fugenweiß. Neue Fliesen zu kleben, schaffe ich zeitlich nicht mehr und außerdem habe ich keine Ahnung, wie man das macht. 

An der Kasse entdecke ich eine von diesen praktischen Bürsten, mit denen man Heizungsrippen wieder sauber kriegt. Ich hätte die Heizung lieber überlackiert, aber der junge Mann in der Farbenabteilung meint, das würde nicht mehr rechtzeitig trocken werden.

Während ich im Auto nach Hause fahre, rufe ich bei der Stadt Kiel an, wo man sich schlichtweg weigert, die Stadtreinigung mal eben kurz durch die Muhliusstraße fahren zu lassen. Der Beamte ist kurz angebunden, riecht am Telefon, und ist nicht bereit, sich ernsthaft mit meinem Anliegen zu befassen. Vermutlich ist er ein Messie.

Nachdem ich die Heizkörper gereinigt und das Bücherregal über dem Schreibtisch abgeseift habe, nehme ich die Gardinen ab und stecke sie in die Waschmaschine. Die neuen Deko-Schals, die ich auf dem Rückweg im Dänischen Bettenlager besorgt habe, werden sicher schön dazu aussehen.

Ich bin gut in der Zeit und überlege, eben zu IKEA zu fahren und ein paar Kleinigkeiten zu besorgen, aber ich wohne möbliert und wüsste nicht, wohin mit den anderen Möbeln. Ich verwerfe den Gedanken und beschränke mich darauf, den Ohrensessel mit Polsterreiniger zu behandeln. Während der Schaum einwirkt, spreche ich mit der Hausverwaltung:

"Nein," bekomme ich am Telefon die unwirsche Antwort, "die Reinigungsfirma hat keinen Bereitschaftsdienst. Nein, auch keinen Notdienst. Und außerdem haben die gestern erst ihr Treppenhaus gemacht." Ich erkenne einen Messie, wenn ich ihn am Telefon habe.

Rrrrrring.... klingelt es an der Tür. "Pieps!", rufe ich laut. "Machst du mal bitte auf? Dein großer Bruder Kim ist da." Meine Güte, und ich habe noch gar nichts vorbereitet...

Fazit: Ich muss keinen Türken bauen, um irgendwem die perfekte Hausfrau vorzuspielen. Bei mir sieht es eigentlich immer schön aus, auch ohne, dass ich einen Putzfimmel habe. Ich schiebe die Lasagne in den vorgeheizten Ofen und sehe zufrieden auf meine hübsche, kleine Wohnung. 

Montag, 31. Dezember 2012

Jahresrückblick 2012

Was ist nur aus meinen guten Vorsätzen für 2012 geworden? Ich war fest entschlossen, endlich ab­zu­nehmen und dauerhaft unter 83, am besten sogar unter 80 Kilo zu wiegen. Und was ist ge­sche­hen? Ich habe es geschafft!

Inzwischen bin ich seit einer Weile bei 78 kg und fühle mich wie ein total leichtes Mädchen. Zur Belohnung habe ich mir bei ESPRIT diesen roten Fummel gekauft, in dem ich sogar noch leichter wirke. 

2012 sollte ein aktives Motorradjahr werden und was ist passiert? Ich war einen Monat lang mit dem Zelt unterwegs in Dänemark, England, Irland und Wales. Ein halbes Jahr lang sitze ich schon an dem kleinen Reisebericht über die Tour und bin noch immer nicht ganz fertig.

Und die übrigen Vorsätze? Ich hatte mir vor­ge­nommen, das transThema nicht weiter zu vertiefen und das ist mir gut gelungen. Ich bin Svenja, wer sonst?

Nur einmal, und das ausgerechnet im unpassendsten Moment, ist mein Passing aufgeplatzt. Auf dem Weg ins Pub stöckele ich in den Wicklow Mountains an einer Gruppe Jugendlicher vorbei, als einer der  pickeligen Rotzlöffel zu mir rübersieht und lautstark verkündet: "She's a man!"

"No way!", nehmen mich die Mädchen der Gang empört in Schutz und sie müssen es wissen: Beim Schminken habe ich im Waschhaus nämlich mitten unter ihnen gestanden, während wir unsere Gesichter für den Abend gemalt haben. Puh, das ist noch einmal gut gegangen. Den Ausdruck "She's a man" finde ich trotzdem witzig.

Neue Vorsätze für 2013 habe ich noch nicht gefasst. Die müssen nämlich gut durchdacht sein. Und außerdem: Ziele dürfen niemals einfach zu erreichen sein.

Es ist Silvester und in wenigen Stunden ist das Jahr 2012 zu Ende. Inzwischen habe ich mich aufgebrezelt, meine Mähne ausgekämmt, ein flippiges Party Make-up aufgelegt und mich nebenher bereits großzügig am Kochwein bedient. Jetzt muss ich nur noch den Tisch decken, das Raclette aufbauen und jemanden finden, der für mich die Zwiebeln schneidet. Und wo sind eigentlich die Luftschlangen?

Fazit: 2012 war ein tolles Jahr. Ich habe meinen 50. Geburtstag gefeiert, war mit Claudia mit dem Postschiff auf der Hurtigruten unterwegs, bin mit der Enduro durch Irland gefahren, habe 8 kg abgenommen und mein 30-jähriges Dienstjubiläum gefeiert.

Euch wünsche ich einen guten Rutsch ins neue Jahr und ein glückliches, ein gesundes und ein erfolgreiches 2013. Ich bin gespannt, was ich in zwölf Monaten hier zu berichten habe.

Kleid: ESPRIT 69 €
Strumpfhose: Wolford, ein Geschenk
Schuhe Buffalo 69 €
Soviel Spaß zu haben: Einfach unbezahlbar

Mittwoch, 1. August 2012

30 Jahre bei der Polizei

Die Stubentür fliegt auf. Mein Zugführer und zwei Gruppenführer treten ein. Ich springe auf, knalle die Hacken zusammen und brülle mit hochrotem Kopf: "Stube 333 mit vier Beamten vollständig zur Stu­ben­durch­sicht angetreten."

"Rührt euch", brüllt der Zugführer. "SCHRÄNKE AUUUF....!" und zieht dabei das U in die Länge, damit es noch eindrucksvoller wirkt.

Freitags ist Stubendurchgang und erst danach werden wir ins Wochenende entlassen. Das heißt, natürlich nur, wenn keine schweren Verfehlungen festgestellt werden.

Wie das eine Mal, als eine Flasche Punica einen klebrigen Ring in meinem Spind hinter­lassen hatte. Oder als eine Patronenhülse in den Sohlen meiner Stiefel steckte, die ich mir wohl auf dem Schießplatz eingetreten hatte.

Ist das wirklich schon 30 Jahre her? Die Tinte auf meinem Abizeugnis ist noch nicht ganz trocken, da stehe ich am 1. August 1982 vor dem großen Tor der Polizeikaserne in Eutin. Es ist Sonntag. In der Rechten eine Tasche mit Klamotten, in der Linken das Schreiben der Polizei, dass ich angenommen bin und mich ab sofort KKA nennen darf, Kriminalkommissarsanwärter.

Die nächsten Monate lernen wir viel Praktisches, einiges Überlebenswichtige und manches eher Unnütze. Endloses Marschieren durch die Wälder um Eutin, Einsatztraining, Geländeläufe, Selbstverteidigung, Polizeikette, Wasserwerferausbildung, Waffenkunde, Schießausbildung, Einsatztaktik, Kartenkunde, eine Ausbildung zum Rettungsschwimmer, Orientierung mit dem Kompass im Gelände, Erste Hilfe, ein Schreibmaschinenkursus und dazwischen immer wieder Sport und Waldläufe. Außerdem lerne ich wie man ein Bett richtig macht, Parkett spänt und bohnert, Toiletten schrubbt und Hemden auf DIN A4 zusammenlegt. Mein Vater, selbst Offizier der Bundeswehr, nannte das ironisch: Den Prozess der Menschwerdung einleiten.

Nach der Grundausbildung dann mein Studium an der Verwaltungsfachhochschule in Kiel Altenholz. Damals bin ich zum ersten Mal nach Kiel gekommen, in die große Stadt, und habe mich sofort in sie verliebt. Hier möchte ich leben und arbeiten.

Drei Jahre dauert das Studium in Kriminalistik, Kriminologie, Spurensicherung, Strafrecht, Bürgerlichem Recht, Verwaltungsrecht, Einsatzlehre, Staats- und Verfassungsrecht, Verkehrsrecht, Berufsethik, Soziologie, Psychologie und einigen anderen Fächern. Die beste Zeit des Studiums waren die Praktika bei verschiedenen Kripo­dienststellen, denn von Anfang an bin ich gut mit den Kollegen und auch mit dem polizeilichen Gegenüber klargekommen.

Heute bin ich genau 30 Jahre bei der Kripo und ich bin noch immer gerne Polizistin. Es ist ein guter Beruf und ich mag die Tätigkeit, die oft abwechselungsreich und interessant ist, aber immer viel mit Menschen zu tun hat. Und ich genieße die Fürsorge, die ich von meinem Land erhalte, die Unterstützung, das "Zu seinen Beamten halten".

Zweimal habe ich das am eigenen Leib erfahren, zuerst nach meinem schweren Dienstunfall 1993, als ich mir das Genick gebrochen habe und dann bei meinem Switch von Sven zu Svenja. Beide Male hat man mich nicht im Stich gelassen, sondern mit der ganzen Kraft einer großen Behörde unterstützt.

Dafür lasse ich meine Polizei auch niemals hängen: Acht Monate nach dem Unfall war ich zumindest stundenweise wieder im Büro und für diese Sven-zu-Svenja-Sache bin ich dem Dienst keinen einzigen Tag ferngeblieben. Wie sagte mein Vater immer, wenn etwas Unangenehmes bevorstand: Da kneift man die Arschbacken zusammen, dass ein Fünfmarkstück die Prägung verliert und geht da hin!

Manchmal geht mir das Konservative so einer Behörde total auf den Geist. Das Umständliche, der Dienstweg, das Unbewegliche, dann geht mir manches nicht schnell genug. Die Welt verändert sich und wir als Polizei verändern uns mit, aber das können wir leider nicht in Echtzeit, so dass es manchmal eine gefühlte Ewigkeit dauert, bis eine neue Entwicklung bei uns angekommen ist. Aber gerade diese Beständigkeit und Verlässlichkeit ist zugleich auch unsere Stärke.

Neun Innenminister habe ich in den vergangenen 30 Jahren verschlissen, der erste war Uwe Barschel, mein Innenminister während ich noch in der dritten Hundertschaft in Eutin war. Inzwischen habe ich den zehnten am Wickel, Andreas Breitner, der zwei Jahre nachdem ich in Altenholz fertig war, dort angefangen hat. Zehn Jahre lang war unser neuer Innenminister selbst Polizist in Schleswig-Holstein. Ein Kollege also.

Fazit: Zehn Jahre noch, dann werde ich selbst außer Dienst gestellt. Über 40 Jahre werde ich dann gedient haben. Bin jeden Tag aufgestanden, habe mich presentable gemacht und bin fit und ausgeruht, gewaschen und gekämmt zum Dienst erschienen. Habe Aufregendes getan, Bürokram erledigt, habe mich gehauen, mich gelangweilt, bin verletzt worden, habe mich über Innerdienstliches geärgert, über Kollegen aufgeregt, mit ihnen gefeiert und gelacht und bin immer anständig bezahlt worden. Freue ich mich auf meine Pensionierung? Nein, das sicher nicht, aber meine Pension, die habe ich mir dann verdient.

Sonntag, 15. April 2012

Svenjas Haushaltskurs für Spätzünder

Ich stehe am Herd und rühre Meer­rettich in die Sauce für den Tafel­spitz, da klingelt es an meiner Tür. Eine junge Frau, die ich nie zuvor gesehen habe, steht im Flur und sieht mich hilfe­suchend an: "Guten Tag", sagt sie schüchtern. "Können Sie mir bitte helfen? Ich komme nicht an meine Wäsche."

Mir liegt ein wirklich cooler Spruch auf der Zunge, aber erstens bin ich schon über 50 und zweitens redet man neue Nachbarn nicht mit "Baby" an. Jedenfalls nicht beim ersten Treffen. Also sage ich freundlich: "Aber gerne, wo liegt denn das Problem?"

Anja ist meine neue Nachbarin. Sie ist erst letzte Woche eingezogen und hat sich gerade von ihrer Buntwäsche ausge­schlossen. Die Waschmaschine im Keller rückt die 30° Wäsche nicht wieder heraus.

Gemeinsam gehen wir hinunter in die Waschküche, wo der Fehler schnell gefunden ist. Sie hat zu wenig Geld eingeworfen. Nur 20 min. für ein 60 min. Waschprogramm. Typischer Anfängerfehler, denke ich, werfe zwei 50 Cent Stücke nach und die Maschine nimmt sofort wieder Fahrt auf. Anja strahlt, während ich versuche nicht allzu überheblich zu wirken, aber es gelingt mir nicht.

Als Dreingabe erkläre ich meiner Nachbarin auch gleich die Bedienung des Wäschetrockners und würde ihr am liebsten Svenjas kompletten Grundkurs für Hausfrauen verabreichen, aber ich hab einen Tafelspitz auf dem Feuer und muss zurück an meinen Herd.

Was Anja nicht weiß: Als ich 2005 hier eingezogen bin, hatte ich in meinem Leben noch kein Stück Wäsche gewaschen. Warum auch? Ich war schließlich erst 43 und außerdem verheiratet. Und heute, sieben Jahre später, steht eine bezaubernde junge Frau vor meiner Tür und möchte ausgerechnet von mir wissen, ob ich ihr die Waschmaschine erklären kann. Ich fühle mich wie Lena in Oslo. 

Na klar kann ich helfen, denn wer lesen kann, der kann auch Wäsche waschen, ein Unterseeboot fahren und sogar Tafelspitz kochen. Außerdem gibt es nichts, was eine deutsche Kriminal­beamtin nicht kann.

Nachdem ich damals bei meinem ersten Besuch im Waschkeller zweimal sorgfältig die Bedienungsanleitung der Maschinen studiert hatte, angefangen von der Stelle mit "Herzlichen Glückwunsch..." bis dort, wo alles noch einmal auf kisuhaeli steht, konnte ich meine Wäsche selber waschen. Entweder bist du eine echte Vollblut Hausfrau, oder du bist es eben nicht.

Fazit: Ich freue mich, wenn ich helfen kann, aber ich frage mich auch, was das überhaupt für Typen sind, die nicht einmal ihre eigene Wäsche waschen können? Erwachsene Menschen und lassen sich entweder noch von Mama,  oder von ihrem Ehepartner bedienen. Ich finde das beschämend.

PS: Weiß irgend jemand, wie man ein Bügeleisen bedient?

Sonntag, 12. Februar 2012

Frauen ab 50

Als Mann brauchst du nur halbwegs in Form zu bleiben und kannst dich mit etwas Glück in eine Reihe mit dem Marlboromann, Clint Eastwood, oder den coolen Camel Typen aus der Werbung stellen. Du darfst bloß nicht aus dem Leim gehen und auf keinen Fall anfangen,  Strickjacken, Birkenstocks, oder beige zu tragen.

In meinem ersten Leben habe ich dem Alter gelassen entge­gen­ge­sehen, denn was das anging, stand ich voll auf der Gewinner­seite. Meine schwarzen Haare würden allmählich von grauen Strähnen durchzogen werden und mein Gesicht ein paar sympathische Fältchen entwickeln.

Noch mit 65 Jahren würde ich vorm Alters­heim mit jungen­haftem Lächeln von meiner Enduro steigen, den Helm abnehmen, meine graue Mähne ausschütteln und ein strahlendes Gewinner­lächeln auf die umstehende Damen­welt werfen.

Inzwischen ist es aber eher Mutter Beimer und nicht mehr Clint Eastwood, die mir in Aussicht steht. Für Frauen gelten nämlich andere Wertvorstellungen und Idole, was das Altern betrifft. Alter Käse, alter Wein? Wunderbar. Aber ein alter Pfirsich, eine alte Tomate?

In meiner neuen Welt sind Fältchen und graue Haare kein bisschen cool und sympathisch, sondern einfach alt. Jedes Jahr muss ich ein wenig mehr Aufwand betreiben, um halbwegs presentable zum Dienst zu erscheinen. Mein tolles Permanent MakeUp allein reicht dafür schon lange nicht mehr aus und es wird immer deutlicher, dass ich im ewigen Kampf um Jugend und Schönheit immer mehr an Boden verliere.

Während dem Mann im Alter eine breite Auswahl tougher Role Models zur Verfügung steht, sieht das für Frauen wesentlich schwieriger aus. Die bekannten Idole aus Werbung, Funk und Fernsehen sind allesamt erschütternd jung, unnatürlich schlank und beneidenswert sexy. Was immer sie anziehen, was immer sie tun, sie sehen umwerfend dabei aus.

Was also sind meine Möglichkeiten? Aufgeben? Die Pumps gegen Bio-Clogs tauschen, Bequemhosen mit Stretchbündchen tragen und mir die Haare kurz schneiden lassen, weil das irgendwie praktischer ist? Never! Das kann ich nicht machen, damit würde ich mich selbst verraten.

Wohlgemerkt: Weder gegen Birkenstocks, Bequemhosen oder Kurzhaarfrisuren ist irgendetwas einzuwenden, nur für mich ist das nichts.

Wenn Aufzugeben keine Option ist, dann bleibt nur Eines: Eine Kurskorrektur, eine Neuorientierung. Ich muss mich komplett neu erfinden und mein eigenes toughes Role Model einer Frau ab 50 sein, mein eigenes Marlborogirl, in einer Mischung aus Lara Croft, Katherine Hepburn, einem Hauch Laszivität der älteren Sophia Loren und ganz viel Svenja.


Fazit: Älter zu werden ist für Frauen noch unlustiger als für Männer, weil die sichtbaren Zeichen des Alters bei Frauen viel weniger positiv besetzt sind, als bei den Jungs. Mutter Beimers Falten sind nicht halb so cool, wie die Kanten im Gesicht von Clint Eastwood.

Deshalb schaffe ich ab heute mein eigenes Rollenbild einer toughen Frau ab 50. Sie ist stark und unabhängig, altert in Würde, bleibt schlank, pflegt sich und trägt ihren eigenen Style. Cool ist, was SIE gerade trägt. Sie handelt so klug, wie sie es vermag und ist trotzdem jederzeit bereit, etwas völlig Verrücktes zu tun. Das ist meine Agenda Svenja 2012 für das Leben einer Frau ab 50. Und diese Frau bin ich...

Donnerstag, 2. Februar 2012

Yippie ya yeah, Schweinebacke

"Als ob ich was dafür kann, wenn der Typ keine Ahnung von Autos hat.", entrüste ich mich lautstark. "Ich hab doch nur zu ihm gesagt: 'Pass mal auf, Meister. Entweder du kannst Auto fahren, oder du kannst das nicht.'"

"Der Verkäufer hat doch nur höflich darauf hingewiesen, dass es für den Motor eines solchen Sportwagens besser wäre, ihn erst warm zu fahren und nicht gleich mit quiet­schen­den Reifen aus der Halle zu driften."

"Es ist ja wohl nicht meine Schuld, wenn die sich Omas Badezimmerfliesen in ihren Showroom legen, oder? Da gehören Warnschilder hin, so glatt sind die. Und außerdem war der Motor ja gleich warm. Vorne an der Ausfahrt ist schon der Lüfter angesprungen. "

Claudia schüttelt den Kopf: "Hör mal, Tinky Winky. Du kannst nicht überall in Kiel die größten Schlitten probefahren und dann mit einem charmanten 'Ich überlegs mir noch mal.' im kurzen Rock vom Hof stöckeln. Das gehört sich nicht."

"Und warum heißt das dann wohl Probefahrt?", gebe ich leicht rotzig zurück.

Claudia rollt mit den Augen: "Weshalb muss es überhaupt so ein schwerer Wagen sein? Mein Twingo läuft doch auch prima mit seinen 75 PS."

Diesmal bin ich es, die mit den Augen rollt. "Ja, tolle Maschine.", erwidere ich lahm. "So eine hatte ich in meinem Chevy auch. Um die Sitze zu verstellen..."

Claudia seufzt, wie sie es immer tut, wenn sie merkt, dass ich im Recht bin: "Dann fahr doch nächstes Mal wenigstens so lange vorsichtig, bis wir außer Sicht sind. Und lass die Maschine abkühlen, bevor du den Wagen wieder auf den Hof stellst. Die waren ohnehin sauer, weil du die "kurze Probefahrt" um gute fünf Stunden überzogen hast. Der Meister hatte schon die Polizei in der Leitung, als du mit rauchenden Reifen wieder auf den Hof gefahren bist."

"Die sind doch selbst Schuld. Dann sollen sie eben keine nuschelnden Verkäufer einstellen. Ich hatte echt VIER STUNDEN verstanden und nicht eine Viertelstunde. Und dieser blöde Stau vor Bremen der war im Navi nicht angezeigt."

"Nun reg dich mal wieder ab.", lenkt Claudia ein. "Ich bin doch nur froh, dass in diesem anderen schwarzen Flitzer für über 100.000 € extra Schonbezüge und Gummi­matten lagen. Den hättest du ja sonst nie wieder sauber gekriegt."

"ICH? Wieso denn ICH?", komme ich aus der Höhle. "Den sollen die mal schön selbst wieder sauber machen. Ich hab diesem Dressman gleich gesagt, ich fahr lieber alleine Probe, aber er musste ja unbedingt mitkommen. Ich seh ihn noch vor mir in seiner tutigen Maserati Krawatte, wie er flötet: 'Politik des Hauses. Wir stehen unseren Kunden auch während der Testfahrten beratend zur Seite.' Ist doch nicht mein Problem, wenn der Schlipsträger einen schwachen Magen hat.

Egal, morgen nach Dienstschluss brauche ich dich. Zieh dir was Elegantes an, wir müssen zu Porsche. Das Reden überlässt du mir. Du heißt 'Margery' und hälst dich dezent im Hintergrund. Wenn ich dich anspreche, sagst du nur: "Sehr wohl, Milady." und machst die ganze Zeit total auf etepetete. Morgen müssen wir ein bisschen Eindruck schinden, ich brauch die  Karre nämlich übers Wochenende und die sollen uns nicht für irgendwelche Probefahrt-Parasiten halten."

"Wie könnte jemand auch nur auf diese Idee kommen?", erwidert Claudia und schaut mit ironischem Blick über den Goldrand ihrer Brille. "Außerdem hast du doch selbst ein Auto. Wieso also brauchst du den Porsche?"

"Ich war gestern im Lagezentrum und da habe ich gehört, dass zum Wochenende mal wieder eine Cannonball über die Vogelfluglinie reinkommt. Die fahren in Richtung Schweiz weiter. Dafür brauchen wir ja wohl eine vernünftige Karre, oder meinst du, wir können in deinem Twingo mithalten, wo der doch immerhin 75 PS hat?", erwidere ich mit vor Ironie tropfender Stimme.  "Nein," erwidert Claudia und klingt dabei etwas kleinlaut. "Das können wir dann wohl nicht..."

Fazit: Das Pendel schwingt zurück und die Girly Whirly Phase geht ihrem Ende entgegen. Ich entdecke gerade alte Leidenschaften neu, habe mir einen brandneuen Camaro angesehen, werde eine KTM probefahren und habe mir am Wochenende nach langer Zeit wieder Bruce Willis in "Die Hard" angesehen. 

Das ist gerade sowas von cool: Das Leben ist wieder wie früher, nur eben Svenja. Genau SO habe ich mir das gewünscht. Und jetzt rufe ich noch einmal bei Chevy an. Die sollen rote Nummern an den gelben Camaro schrauben. Yippie ya yeah, Schweinebacke...

Sonntag, 22. Januar 2012

Sechs Dinge, die ich nie wieder kaufen werde


Lady Cavendish's Alibi scheint mir mehr als dürftig zu sein, solange sie bei ihrer Behauptung bleibt, sie habe bereits geschlafen, als ihr Mann aus Badger's Drift ins Herrenhaus zurück­ge­kehrt ist. 
  
Während mein Kollege, Inspector Barnaby, ihre Aussage zu Protokoll nimmt, sehe ich mich ein wenig auf dem Landsitz der Cavendishs um, wo ich DCI Barnaby an diesem Abend bei seinen Ermitt­lun­gen begleite.

Die Kamera schwenkt nach links und fährt langsam hinüber in den Salon. Ich betrachte die Einrichtung, sehe Lampen, Möbel, Teppiche, Vasen und viele schöne Dinge.

Dabei fällt mir auf, dass sie etwas gemeinsam haben: Alle machen den Eindruck, als seien sie von hoher Qualität und schon vor langer Zeit angeschafft worden, ohne etwas von ihrer Schönheit und Funktionalität eingebüßt zu haben.

Wenn man es klug anstellt, dann braucht man einige Dinge nur ein einziges Mal im Leben zu kaufen und danach nie wieder. Vielleicht mag ich deshalb keine Sonderangebote. Mein Geld ist knapp und deshalb kaufe ich nur das Beste. Sonderangebote kann ich mir nicht mehr leisten.

Ich formuliere einen Wunsch, betrachte ihn von allen Seiten, hole Informationen ein, wäge Alternativen ab und entscheide mich am Ende für den einen, besten Gegenstand. Der soll es sein. Kein anderer. Der Preis ist nur wichtig, wenn es gleichwertige Alternativen für weniger Geld gibt.

Der alte Lord Cavendish hat die klassischen Empire Leuchter auf dem Kaminsims sicher auch nicht im Sonderangebot erstanden und was die Cavendishs mir an Geld voraushaben, das mache ich mit Geduld wieder wett, denn ich kann warten.

Was sind das für Gegenstände, die man nur ein einziges Mal zu kaufen braucht, wenn man es gleich richtig anstellt? Ich habe keinesfalls Antiquitäten im Sinn, sondern ganz alltägliche Dinge, von denen ich sogar einige bereits besitze.

Lautsprecherboxen. Ein gutes Paar Boxen hält ein Leben lang. Vor 17 Jahren habe ich  PC-Boxen von Cambridge Soundworks gekauft und noch immer stellen sie Vieles in den Schatten, das ich bisher am Computer gehört habe. Heute freue ich mich, dass ich damals etwas Gutes gekauft habe, denn seit ich keinen Fernseher und keine Stereoanlage mehr besitze, sind sie an meinem iMac doppelt wertvoll.

Ein guter Füllfederhalter. Seit 14 Jahren schreibe ich mit einem Pelikan M600 und er wird immer besser. Die Goldfeder ist inzwischen perfekt auf meine Hand eingeschrieben. In zehn oder zwanzig Jahren werde ich ihn sicher einmal zum Füllhalter Doktor zur Inspektion bringen, aber ansonsten scheint er für die Ewigkeit gemacht.

Möbel. Gute Möbel überdauern Jahrhunderte und obwohl ich möbliert wohne, habe ich doch drei eigene Möbelstücke. Einen Ohrensessel, einen Bürosessel aus Büffelleder, der seit 19 Jahren immer schöner wird und dieses wunderschöne Bett aus weißem Palisanderholz, das ich aus Indien über einen Versandhandel für Kolonialmöbel bestellt habe. Massive, alte Handwerksarbeit, unglaublich schwer, stabil und teuer, aber ich werde nie wieder ein anderes Bett kaufen müssen. 

Töpfe und Pfannen. Ein Jahr lang habe ich auf meinen Skeppshult aus gegossenem Roheisen gespart.  In keinem Topf gelingt Daube Provencale besser als in diesem. Und auf meinen Motorradreisen brate ich seit neun Jahren in einer Titanpfanne von Trangia,  die kaum mehr als 100 g wiegt und trotzdem unverwüstlich ist.

Werkzeug. Für mein Motorrad benutze ich nur Markenwerkzeug von Gedore und Hazet. Jeden einzelnen Schlüssel, jede Nuss und jeden Schraubendreher habe ich sorgfältig ausgewählt. Wer soviele Schrauben wie ich mit billigem Werkzeug aus dem Baumarkt ruiniert hat, der weiß, was gutes Werkzeug wert ist.

Messer. Mit meinem  Buck Vanguard bin ich beim Endurowandern jeder Herausforderung gewachsen, vom Schneiden der Entrecotes über Feuerholz machen, bis zur Bekämpfung Aufständischer.

Mein Leben ist übersichtlich und ich möchte nur wenige Dinge besitzen, aber die sollen von höchster Qualität sein. Sie müssen die Zeit überdauern, gut aussehen, Klasse haben und mir lange Freude bereiten. Der Preis ist nicht so wichtig, denn ich habe die Geduld, um lange für meine Wünsche zu sparen.

Fazit: Es gibt sicher noch weitere Gegenstände, die bei kluger Auswahl und angemessener Pflege ein Leben lang halten können und wo das Hochwertige und Teure am Ende das beste Angebot ist. Inzwischen achte ich darauf, möglichst nur noch solche Artikel anzuschaffen. Auf welche Gegenstände mag das noch zutreffen?

Am Ende war es übrigens doch nicht die alte Lady Cavendish, die ihrem Mann hinübergeholfen hat, sondern ein Earl of SoUndSo aus dem Ruderclub, aber die ganze Geschichte war so verworren, dass ich nicht alles verstanden habe. Barnaby hat die Sache letztlich aufgeklärt. Ich habe mehr auf die Einrichtung geachtet...

Mittwoch, 11. Januar 2012

Svenja wird 50

Heute werde ich 50 und kann kaum fassen, welch ein unglaub­lich aufregender und langer Ritt schon hinter mir liegt. Dabei habe ich es wirklich geschafft, auch wenn ich manch­mal verzweifelt war.

Kurze Bestandsaufnahme. Gesundheit? Ich bin total gesund, oder zumindest schlecht untersucht, und habe auch keine Weh­weh­chen außer diesem blöden Genick, das mal zerbrochen war. Inzwischen habe ich ein neues aus Titan und Beckenknochen, das mir fast besser gefällt, als das alte. 

Ich lebe als Frau in einem möblierten 1-Zimmer Apartment mitten in der City, zahle eine lächerlich geringe Miete und habe trotzdem einen begehbaren Kleiderschrank, einen schönen Ohrensessel und einen sensationellen Balkon, wo auf einer alten Expeditionskiste mein heiß geliebter Elektrogrill steht. Und sollte ich doch einmal neue Möbel brauchen, dann ziehe ich eben um. 

Partnerschaft? Nee, ich glaube, das ist nichts mehr für mich. Nach einer Phase der Einsamkeit bin ich heute wieder Single aus Leidenschaft und tue nur, was mir gefällt: Lesen bis der Augenarzt kommt, viel schlafen, endlos am Computer sitzen, wochenlang mit der Enduro zum Zelten fahren, immer nur Fleisch essen und nie wieder Stefan Raab im Fernsehen sehen müssen.

Freunde? Claudia und Pieps und damit der kleinste Freundeskreis der Welt. Zusammen sind wir schon über 120 Jahre alt. Drei coole Girls im besten Alter... :-)

Beruf? Ich bin schon fast 30 Jahre bei der Kripo, aber nie bin ich lieber und unbeschwerter zum Dienst gegangen, als in den vergangenen sechs Jahren. Meine Verwandelung hat dort keine allzu große Rolle gespielt und unser ärztlicher Dienst hat mir geholfen, wo er nur konnte.

Neid? Never. Ich habe doch selbst einmal ein großes Haus besessen und erinnere mich nur zu gut daran: Rasen mähen, Hecke schneiden, Zaun reparieren, Dachrinne reinigen, Heizung kaputt, wieder Rasen mähen, Schnee fegen, Straßenreinigung, Gebühren, Abgaben, nochmal Rasen mähen und dann drückt Wasser durch die Wand...

Mehr als Wohnen kann man nicht und heute brauche ich keine Viertelstunde, um mein Leben in Kiel auf Eis zu legen und mit der Enduro auf Reisen zu gehen: Ich habe keine Tiere und keine Pflanzen, alle Rechnungen werden per Lastschrift bezahlt und ich kriege auch nichts geliefert, das abbestellt werden müsste, keine Milch und keine Zeitung. 

Fazit: Heute ist mein fünfzigster Geburtstag und ich fühle mich glücklich. Mein Leben ist so, wie ich es mir eingerichtet habe. Es gibt darin auch hässliche Depriphasen, aber deren Haltbarkeit übertrifft nur noch selten die von frischen Erdbeeren.

Und würde mir nicht ab und zu ein Fingernagel abbrechen, oder eine Laufmasche meine schönen Strumpfhosen ruinieren, und bekäme Buffalo dann noch diese einen grauen Keilstiefel in 41 wieder rein, dann wäre mein Leben tatsächlich ziemlich perfekt...

Herzlichen Glückwunsch zum Fünfzigsten, liebe Svenja.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Zukunftspläne

Ich bin ein totaler Planungs­freak. Wichtiges und weniger Wichtiges wer­den aufge­schrie­ben, notiert, kal­ku­liert, geplant, festgehalten und nach­bereitet. Das hilft mir, meine Gedanken zu ordnen.

Besonders aktiv bin ich zum Jahreswechsel. Dann schmiede ich neue Pläne, denke nach, for­mu­liere Wünsche und Ab­sich­ten und stelle jedes neue Jahr unter ein eigenes Motto. 2012 wird das Jahr, in dem ich hinter mir aufräume.

Das Thema Gewicht nehme ich mit ins neue Jahr hinüber. In 2011 habe ich es nicht immer geschafft, unter 83 Kilo zu bleiben und um es interessanter zu machen, habe ich das Ziel noch einmal um drei Kilo angeschärft. Ziele dürfen niemals leicht zu erreichen sein.

Das transThema hingegen ist weitgehend durch und soll mit dem Posting zur Personenstandsänderung allmählich erledigt sein. Es beschäftigt mich nur noch selten, so wie mich auch meine Führerscheinprüfung, die Grundausbildung, oder die Zeit im Krankenhaus nicht mehr jeden Tag beschäftigen. Eine Weile sind das wichtige Themen und man erzählt gerne von diesem einen total fiesen Fahrprüfer, der extra die winzigste Parklücke ausgesucht hat und wie man da trotzdem reingekommen ist. Doch irgendwann fährt man schon jahrelang sein eigenes Auto und denkt kaum jemals an die Fahrprüfung zurück. So ähnlich ergeht es mir in meinem siebenten Jahr als Svenja.

Auch über die Vergangenheit werde ich nicht mehr auf eine Weise schreiben, der man den Schmerz über den Verlust von Familie, Freunden und Bekannten anmerkt. Das liegt hinter mir und ich lasse jetzt los. Dieses Ziel wird vermutlich am schwersten zu erreichen sein, aber Ziele dürfen niemals einfach sein.

Die Sache mit den ehelichen Schulden habe ich inzwischen perfekt geregelt, Das knechtet mich nicht länger. Nach zehn Jahren werde ich alles zurückgezahlt haben und sechs davon sind schon um. Dafür schäme ich mich nicht, sondern bin eher stolz darauf, mich nicht in die Insolvenz-Unterhalts-Hartz-IV-Lösung ge­flüch­tet zu haben, sondern in zähen Ver­hand­lungen nach endlosen Mahnbe­scheiden und eini­gen demütigenden Besuchen des Gerichts­voll­zie­hers alles alleine geregelt zu haben: Hingefallen, aufgestanden, Krone gerade gerückt, Nase hoch­ge­zogen und weitergestöckelt.

2012 soll wieder ein extrem aktives Motorradjahr mit mehreren großen Touren werden. Für die Sommerreise habe ich fünf Wochen Urlaub ein­ge­plant, obwohl ich noch nicht einmal genau weiß, wohin es geht. Ich werde viele tausend Kilometer auf meiner Enduro fahren, werde Grenzen überschreiten, Neues bestaunen, nette Menschen kennenlernen und abends vorm Zelt die besten Steaks braten, die ich auftreiben kann. Noch bin ich jung und alles ist möglich. Wenn ich erstmal dreißig bin...

Fazit: 2012 soll ein fulminantes Jahr werden und ich bin schon heute gespannt, ob ich alle Ziele erreichen kann. 

Außerdem hat Claudie für nächstes Jahr eine sagenhafte Über­raschung angekündigt, die mich beinahe umgehauen hat, als ich davon gehört habe. Nur soviel: Es ist nichts Kleines, nichts Selbstgebasteltes und man bräuchte mehr als eine Rolle Geschenkpapier, um es einzuwickeln. Doch das ist Thema für einen anderen Tag. Frohes Neues Jahr, ihr Lieben.

PS: Es hat Irritationen gegeben wegen der "Menschen, die mir nicht gut tun". Es ist keiner meiner Blogleser gemeint. Weder aktuelle, noch frühere...

Montag, 26. Dezember 2011

Svenjas Jahresrückblick


Ohne dass ich es bemerkt habe, sind schon lange Ruhe und Normalität in meinen Alltag ein­ge­kehrt. Ich führe ein ziemlich durch­schnitt­liches, aber sehr ausge­gli­chenes und glück­liches Leben. Ich mache meinen Dienst, genieße die Wochen­enden und bin gut zu mir selbst.

Februar
Ich verbringe eine Woche beim BKA in Wies­baden, lerne einige neue Kollegen kennen und kann es kaum glauben, nicht schon immer als KHK'in Svenja meinen Dienst versehen zu haben.

März
Aus heiterem Himmel überrascht mich eine schlimme depressive Verstimmung. Mein Haus­arzt überweist mich zum Therapeuten, aber ich entscheide mich dagegen und suche allein den Weg zurück ans Licht. Ich brauche einige Wochen bis ich diese merkwürdige Depression überwunden habe, aber letztlich schaffe ich es aus eigener Kraft, wieder gesund  zu werden. Meine Güte, was war das denn?

April
Es geht mir wieder gut. Ein Motor­rad­magazin veröffentlicht einen Artikel über mich, bzw. über meine Website Svendura.de. Ich freue mich so sehr, dass ich jeden Moment vor Stolz zu platzen drohe.
Mai
Mit meiner kleinen Motorradclique verbringe ich ein aufregendes Wochenende auf der dänischen Insel Rømø, wo wir uns mit unseren Enduros am Strand austoben und gemeinsam eine tolle Zeit verbringen.



Juni
Ich habe fünf Wochen Urlaub und fahre mit Pieps zusammen auf dem Motorrad mit Zelt und Schlafsack nach Schottland. Es wird die wunderbare Reise meines Lebens und ich schreibe einen sehr langen und tief empfundenen Reisebericht darüber.

Juli und August
Ich arbeite viel und sitze nach Feierabend meistens auf meinem großen Balkon, wo ich auf dem Elektrogrill kiloweise Steaks atomisiere. Nebenbei arbeite ich zusammen mit Claudia an dem Bericht über meine Schottlandreise.



September 
Mit einem Motorradkumpel fahre ich zum Saisonabschluss für eine Woche mit der Enduro nach Schweden. Die dritte Motorradreise in diesem Jahr.



Oktober
Meine Freundin Claudia feiert ihren 70. Geburtstag und es wird eine ziemlich abgefahrene Partynacht.







November
Ein Schreiben der Pflegeversicherung gibt den Anstoß dazu, endlich meinen Personenstand ändern zu lassen. Die kleine Formalie ist schnell erledigt.

Dezember
Das fünfte Jahr ohne Fernseher und allmählich geht mir der Platz für weitere Bücher aus. Svenja denkt praktisch und kauft ein Amazon Kindle.
Weihnachten feiere ich ein fulminantes Fest in fröhlicher Stimmung mit bestem Essen und bekomme einige wunderschöne Geschenke.








Fazit: Ich habe alle Ziele erreicht, die ich mir für dieses Jahr gesteckt hatte. Außerdem bin ich gesund und schlank geblieben, ernähre mich gut, verzichte weitgehend auf Alkohol und schlafe so gut wie schon immer. Dafür bin ich dankbar und glücklich. Es ging mir nie besser als heute. 2011 war ein gutes Jahr.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Der größte Fan, den Weihnachten je hatte

Freitagmorgen halb sechs und der Radiowecker spielt Wonderful Dream, mein absolutes Lieblings Weihnachtslied.

In bester Laune wühle ich mich aus den Federn und gähne ins Bad. Im Vorbeischweben drehe ich das Radio voll auf, damit ich unter der Dusche weiterhören kann. 

Noch etwas verschlafen springe ich unter die viel zu heiße Brause und verwandele mein Bad in kürzester Zeit in eine Dampfsauna  aus beschla­genen Spiegeln, Musik und guter Laune.

Meine Güte, bin ich gut drauf. So früh am Morgen gehe ich mir damit manchmal selbst auf den Wecker. Ich trockne mich ab, stelle mich kurz auf die Waage und überlege schon, was ich heute anziehen soll. Kurzes Kleid, oder extrem kurzes? Overknees oder Overknees?

Übermorgen ist der vierte Advent und so fröhlich wie in diesem Jahr ist die Weihnachtszeit schon lange nicht mehr gewesen. Im siebenten Jahr ohne Familie habe ich Weihnachten endlich wiederentdeckt, besinnlich, feierlich, fröhlich und so gut gelaunt, wie man nur sein kann.

Den Heiligabend werde ich zuhause mit Claudia verbringen. Ich brate uns eine leckere Knusperente mit Rotkohl und habe auch schon eine besonders edele Flasche Rotwein dazu besorgt. (Für den Preis muss sie jedenfalls edel sein. Ich habe nicht gewusst, dass man mehr als 3 € für eine Flasche Wein ausgeben kann.)

Für den ersten Weihnachtstag habe ich einen Tisch im Ratskeller bestellt, wo ich mir die große Dammwildplatte vornehmen werde und dazu den besten Wein bestelle, den der Ratskeller zu bieten hat. Danach geht es auf die Piste.

Den zweiten Feiertag brauche ich zum Erholen. Ich werde mein langes, rotes Kuschel Nachthemd gar nicht erst ausziehen und es mir zuhause so richtig gemütlich machen. Den ganzen Tag über wird die dicke, rote Weihnachtskerze brennen und iTunes eine endlose Playlist klassischer Weihnachtslieder spielen, bis die Besinnlichkeit mir fast aus den Ohren kommt. Dazu werde ich computern, vielleicht etwas bloggen, mir nebenbei eine halbe Ente braten und nichts tun, außer den ganzen Tag in meinem Ohrensessel zu lümmeln und auf dem neuen Kindle zu lesen.

Fazit: Ich liebe Weihnachten. Es ist ein schönes Fest, ein fröhliches Fest, ein bittersüßes Fest und endlich sage ich wieder aus vollem Herzen: "Der größte Fan, den Weihnachten jemals hatte, das bin ich." 

Fröhliche Weihnachten, ihr Lieben.

Donnerstag, 24. November 2011

Die Personenstandsänderung

"Ich leb' jetzt ja sechs Jahre länger.", platze ich unvermittelt in die Stille hinein. 

Claudia lässt ihr Sudoku sinken und sieht mich fragend an: "Wie kommst du denn darauf?"
"Nur so.", erwidere ich schnippisch. Mit einem Kopfschütteln wendet sie sich wieder ihrem Sudoku zu.

"Und ich könnte einen Mann heiraten.", spiele ich weiter die Geheimnisvolle. "Komplett mit alles: Hochzeitsmarsch, Kirche, weißes Kleid, Eheberatung, Scheidung und fette Alimente. Und den Hund und das Haus behalte diesmal ich!"

"Sag mal, hast du Tabletten genommen?"
"Nein, wieso?"
"Solltest du vielleicht.", murmelt Claudia und glotzt wieder auf ihr langweiliges Sudoku.

Jetzt halte ich es nicht mehr länger aus. Ich ziehe den gelben Briefumschlag vom Gericht hervor und wedele damit aufgeregt vor ihrer Nase herum: "Ich bin endlich eine Frau!", platzt es aufgeregt aus mir heraus.

"Die Personenstandsänderung ist durch? Herzlichen Glückwunsch, meine Liebe. Ich freue mich für dich, aber du warst doch schon immer eine Frau."
"Ja schon, aber nicht so. Jetzt hab ich endlich die totale Gleichberechtigung. Also auch juristisch und so."
"Und so?", fragt Claudia und zieht dabei das "o" fragend in die Länge, obwohl sie genau weiß, dass ich diese Oberlehrermasche absolut nicht leiden kann. "Was soll sich denn noch ändern, außer einigen rechtlichen Aspekten bei der Eheschließung?", hakt sie weiter kritisch nach.
"Na alles eben." erwidere ich aufgebracht und bin erschüttert, wie wenig Claudia in rechtlichen Dingen bewandert ist. "Also, na zum Beispiel, diese ganzen Sachen eben... Einfach ALLES. Das ist total kompliziertes Juristenzeug, das würdest du sowieso nicht verstehen."

"Nein,", sagt Claudia. "Das würde ich wohl nicht."


Und dann nach einer kurzen Pause: "Hör mal, Tinky Winky, das ist wirklich eine schöne Sache mit deiner Personenstandsänderung und ich freue mich von Herzen für dich, aber damit ändert sich sonst gar nichts. Rechtlich haben wir die Gleichstellung mit den Männern doch längst erreicht. Du darfst wählen, Hosen tragen und in manchen Landkreisen sogar Auto fahren. Allerdings  musst du inzwischen auch genauso lange arbeiten wie ein Mann." 

Hosen tragen, Auto fahren. Einer von Claudias typischen Gabelwitzen, wo man sich erst mit der Gabel unterm Arm kratzen muss, damit man lachen kann. "Warum sollte ich denn Hosen tragen? Und arbeiten? Ich bin doch Beamtin.", zahle ich es ihr in gleicher Münze zurück.

"Ach, hör auf mit dem Unsinn. Du weißt doch genau, was ich meine. Tatsächlich ändert sich damit nur sehr wenig. Soweit ich weiß, ist hauptsächlich die Eheschließung davon betroffen: Vorher konntest du eine Frau heiraten, oder mit einem Mann die Lebenspartnerschaft eingehen und jetzt ist es umgekehrt. 

Das Einzige, wo es sich wirklich bezahlt macht, ist bei deiner Autoversicherung. Frauen verursachen weniger Unfälle und zahlen deshalb weniger Haftpflicht. Sie fahren eben besser Auto."

"Frauen fahren besser Auto?", setze ich mit Entrüstung in der Stimme zu meinem alten Standardvortrag an, bis mir gerade rechtzeitig noch einfällt, dass ich ja jetzt für die andere Seite fahre: "Ja, genau, weiß doch jeder.", stimme ich ihr eilig zu. "Ich saß neulich in einem Dienstwagen, den hatte vorher ein Mann gefahren und weißt du, worauf der Innenspiegel eingestellt war? Na? Auf die Heckscheibe. Männer..."

Claudia schüttelt den Kopf und wendet sich endgültig wieder ihrem Zahlenrätsel zu. Sie ist echt meine allerbeste Freundin, aber eine tiefgründige Diskussion über anspruchsvolle Themen kann man mit ihr nicht führen.

Fazit: Ich freue mich sehr über die Personenstandsänderung, denn sie ist ein weiterer Schritt in Richtung Normalität. Tatsächlich aber ändert sich dadurch wenig für mich, denn in Deutschland sind die rechtlichen Konsequenzen gering. Allenfalls beim Strafantritt ist es noch entscheidend dafür, ob man in den Frauen- oder Männerknast kommt.

In einem Land wie Saudi Arabien hingegen, wären die Rechtsfolgen gravierend: Ich dürfte nicht mehr Auto fahren und meine Zeugenaussage wäre vor Gericht nur noch halb soviel wert, wie die eines Mannes. Nein, ich denke, wir haben großes Glück, in einem freien Land wie Deutschland zu leben, wo wir nur ein wenig an unserem Passing zu arbeiten brauchen, um glücklich unser Leben als Frau führen zu können. Ich bin jedenfalls fest entschlossen, genau das zu tun.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Auf dem Weg ins Gericht

Was habe ich nicht alles ändern lassen nachdem aus Sven endlich Svenja gewor­den war? Ein neuer Perso­nal­aus­weis, Führerschein, Krankenver­si­cher­ten­karte, neue Bank- und Kreditkarten, mein Polizei-Dienstausweis, Visiten­kar­ten, Ver­träge, alles gab es neu. Ein tolles Gefühl. Und wie stolz ich jedesmal war, wenn mein schöner neuer Name irgend­wo aufge­taucht ist.

Dieses Glücksgefühl hat sich bis heute nicht abgenützt. Auch sechs Jahre danach freue ich mich noch jeden Tag darüber, endlich als Svenja zu leben und auch so zu heißen. Nur mein Auto, das ist noch immer auf meinen Ex zugelassen. Soll Sven doch meine Knöllchen bezahlen, falls ich mal eines bekommen sollte.

Alles war in bester Ordnung bis neulich dieses Schreiben von der Pflegeversicherung kam. Zur Umstellung meines Tarifes benötigt die LKH eine Kopie der Personen­standsänderung. Ups, so etwas habe ich ja gar nicht. Sollte ich etwas Wichtiges übersehen haben?

Personenstand? Was ist das überhaupt? Das Personen­stands­register wird beim Standesamt geführt und darin wird ein Mensch durch folgende Merkmalen beschrieben: Er hat Vor- und Nachnamen, ist männlich, weiblich, ledig, verheiratet, geschieden oder tot. Dazwischen gibt es nichts.*

Doch ausgerechnet bei der Ausstellung meiner Geburtsurkunde ist es damals mit dem Eintrag "männlich" zu einer ärgerlichen, kleinen Falschbeur­kundung gekommen. Heute, fast 50 Jahre danach, bin ich deshalb auf dem Weg zum Kieler Amtsgericht, um diesen Fehler endlich ausbügeln zu lassen.

Vor zwei Wochen habe ich einen formlosen Antrag auf Personenstandsänderung gestellt und darin knapp auf das Aktenzeichen der Namensänderung verwiesen. Dafür bin ich schon 2006 von Psychiatern, Therapeuten und Gutachtern interviewt und durchleuchtet worden, habe Tests gemacht, Ärzte besucht und alles unternommen was nötig war, um die fehlende Silbe hinter Sven zu bekommen, die immerhin 3.000 € gekostet hat. Wobei mich eine Chantalle-Emanuelle auch nicht mehr gekostet hätte, was vielleicht die Vorliebe vieler Transsexueller für Doppelnamen erklärt.

Die psychiatrischen Gutachten werden verlangt, weil Transsexualität nicht direkt nachweisbar ist und deshalb mit einer Differenzialdiagnose* ausgeschlossen werden soll, dass der Betroffene vielleicht bloß eine Meise hat und deshalb lieber Röcke trägt. (Svenjas Schnelltest zur Erkennung von Transsexualität wird vor Gericht bis heute nicht anerkannt.)

Fazit: Ich freue mich auf die heutige Anhörung und bin gespannt, welche Fragen die Richterin am Kieler Familiengericht mir gleich stellen wird. Vor sechs Jahren war ich schon einmal auf dem Weg zu einer solchen Anhörung, nur dass ich damals noch ganz, ganz anders ausgesehen habe.

* Siehe: Personenstandsgesetz (PStG)
* Differenzialdiagnose: Solange alle anderen möglichen Ursachen ausschließen, bis nur noch eine mögliche Erklärung übrig bleibt. In unserem Fall bedeutet das: Sie fühlt sich dem anderen Geschlecht zugehörig, sie hat sonst keine Meise, also wird sie vermutlich trans sein.

Samstag, 20. August 2011

Happy Anniversary, Svenja

Svenja and the CityHeute ist einer von diesen Tagen: Am 20. August 2005 bin ich mit acht Umzugskartons, ein paar blauen Müllsäcken voller Kla­mot­ten und meinem geliebten Oh­ren­­sessel in ein kleines, möb­liertes Einzimmer­apartment nach Kiel gezogen.

Seitdem wohne ich auf den Tag genau sechs Jahre hier und ebensolange gibt es meinen Blog, Svenja-and-the-City. Anfangs hieß er noch Svenjas Tagebuch und war nicht schwarz, sondern girly whirly rosa.


Ich habe einmal gelesen, die Vergangenheit sei wie ein Theaterstück, zu dem der letzte Vorhang längst gefallen ist. Nur, dass ich die doofe Senfnase bin, die seit sechs Jahren im dunklen Zuschauerraum sitzt und noch immer auf den Vorhang glotzt. Vielleicht öffnet er sich ja wieder...

Nein, das tut er nicht, weil Vorhänge das niemals tun und das ist gut so, denn inzwischen haben alle Akteure längst ihren Text vergessen.

Fazit: Der 20. August ist ein wunderbarer Tag, ist ein doofer Tag, ein glücklicher Tag, ein trauriger Tag und manchmal alles zugleich. Ob ich glücklich bin? Ja, das bin ich. Beinahe jedenfalls. Und wenn es mir einmal nicht so gut gehen sollte, dann habe ich immer noch meinen Freund, Herrn Owusu...

Happy Anniversary, Svenja.

Montag, 21. März 2011

Flashback

SvenjaWas ist nur los mit mir? Vor ein paar Tagen hat mich ganz unvermittelt eine so tiefe Traurig­keit überfallen, dass ich wie unter Schock stand und es mich regelrecht erschreckt hat.

Seitdem sitze ich zuhause in meiner hübschen Wohnung. Die Kaffeemaschine läuft, Kerzen brennen und im Hintergrund läuft leise Klassik­radio. Aber nicht einmal Pachelbels Kanon in D-Dur kann mich heute aufheitern.

Ich muss auf der Stelle etwas unternehmen, sonst versinke ich immer tiefer in dieser blöden Traurigkeit. Aus der Vergangenheit weiß ich, dass Hausarbeit, oder die Gesellschaft fremder Menschen mich schnell ablenken können. Heute müssen es Menschen sein und in der Vergangenheit haben sich besonders jene bewährt, die sich in Schuh­geschäften aufhalten.

Bevor ich losfahre, rufe ich Claudia an, ob sie Lust hat, mitzukommen. Ich muss sie nicht lange überzeugen und kurz darauf sind wir gemeinsam unterwegs nach Raisdorf. Claudia kennt mich schon viele Jahre und merkt sofort, dass es mir nicht gut geht. Mit einem Gefühl, als sei mein Hund gestorben, lenke ich den kleinen Seat schweigend durch den Kieler Stadtverkehr.

Wenige Minuten später stelle ich das Auto im magischen Schuhdreieck zwischen Deichmann, Shoe-for-You und dem Hess-Schuhmarkt ab und betrete zum ersten Mal ein Schuhgeschäft ohne mein breites Grinsen voller Vorfreude auf die schönste Nebensächlichkeit der Welt.

Mit Trauermine schreite ich im ZickZack an sämtlichen Schuhregalen vorbei, ohne eines auszulassen. Außer den Birkenstocks und Turnschuhen natürlich. Die gülden nicht als Schuhe und turnen will ich auch nicht. Ich bin so traurig, dass mir heute gar nichts gefallen kann und ich nicht einmal etwas anprobiere.

Im Geschäft nebenan suche ich ohne echtes Interesse nach einer dünnen Fleecejacke für meine Motorradtour im Sommer. Die Jacke soll klein genug sein, um noch in meine Gepäckrolle zu passen und pink genug, dass ich sie auch leiden mag. „Die Pinke gibt es nur noch in M“, informiert mich eine nette Verkäuferin. „Ja.“, denke ich. „Und zwar in M für Hamster.“, denn ich komme nicht einmal mit dem Unterarm in den Jackenärmel hinein. Ich ärgere mich darüber, dass ich nichts Passendes finde und das ist gut so, denn alles ist besser als diese Traurigkeit. Ärger tut gut. Er überlagert dumpfe Gedanken und frisst Traurigkeit.

Den Hess-Schuhmarkt betrete ich ohne große Erwartungen. Hier gucke ich schon seit Jahren immer wieder, aber die Schuhe waren mir meistens einen Tick zu langweilig und altbacken. "Sowas kann ich noch tragen, wenn ich 30 bin.", denke ich, aber vielleicht ergattere ich wenigstens eine hübsche Strumpfhose im Angebot.

Freudlos und ohne echtes Interesse schreite ich die endlosen Reihen von Schuhen entlang. Trotzdem sind meine Gedanken jetzt nicht mehr ganz so trübe, wie noch vor Stunden. Die Ablenkung tut mir gut. "Claudie, guck mal!", rufe ich plötzlich laut durch den Laden und bin selbst erstaunt über die Freude in meiner Stimme: "Eine ganze Abteilung mit Sonderangeboten von Akira und Buffalo Girl." Buffalos sind meine absoluten Lieblingsschuhe, aber entweder sind sie zu teuer, oder zu klein. Meistens beides. Bei Buffalo ist 41 mehr eine Idee, als eine Größenangabe.



Ohne große Hoffnung probiere ich ein paar wunderschöne Slouchstiefel aus schwarzem Wildleder an. Es ist das letzte Paar und außerdem um die Hälfte reduziert. Ich wollte zwar keine Stiefel mehr kaufen, aber dies ist ein Notfall und da kann ich mich nicht von Grundsätzen gängeln lassen. Die Stiefel passen wie angegossen und ich nehme sie.

Gerade als ich meine Beute glücklich zur Kasse tragen will, entdecke ich die schwarzen Buffalo Stiefel, die ich schon seit Monaten gesucht habe. Es sind flache Overknees aus schwarzem Wildleder mit einem Futter aus hellem Kuschelfell. Die Stiefel sind handschuhweich und wie für mich gemacht. Ich nehme sie.

Die kleine Freude hat mit einem Schlag den Kokon aus Traurigkeit, Trübsinn und Grübelei durchbrochen und innerhalb von Minuten meine Laune deutlich aufgehellt. Ich kann das Dunkle im Hinterkopf noch spüren, aber im Moment hat es keine Macht mehr über mich und glücklich tänzele ich ein paar Schritte vor dem Spiegel umher, wie ich das gerne tue, wenn ich gute Laune habe. Claudia freut sich mit mir, aber am meisten wohl darüber, dass ich endlich einmal wieder gelacht habe.



Dreimal muss ich den Weg zur Kasse proben, bis Claudia endlich das richtige Foto im Kasten hat, weil andauernd irgendwelche mies gelaunten Landeier durchs Bild wanken. Nächstes Mal nehme ich eine Rolle Absperrband mit und werde auch die Angestellten briefen, damit sie nicht so unintelligent in die Kamera glotzen, wenn wir unsere Fotosession machen.

Einem freudlos dreinblickenden Mitfünfziger, der meinetwegen kurz warten muss, schenke ich ein Lächeln, mit dem ich normalerweise Krokusse unter 10 cm Eis hervorlocken kann, aber er starrt nur stumpf zurück. "Merkwürdig.", denke ich, "Licht ist an, aber keiner zuhause." Wie kann jemand an einem so schönen Tag nur dermaßen miese Laune haben? Ich verstehe solche Typen einfach nicht.

Fazit: Mir geht es gerade nicht so gut. Ich hatte einen furchtbaren Flashback* und bin deshalb traurig und deprimiert, aber ich tue selbst etwas dafür, damit es mir bald wieder besser geht. Schuhe kaufen ist ganz sicher kein Mittel gegen tiefe Traurigkeit, aber mir hat es heute geholfen. Mit Claudia habe ich noch lange drüber diskutiert, wie es möglich ist, dass etwas Belangloses eine so starke Wirkung haben konnte. Das kann unmöglich wegen irgendwelcher Schuhe sein. Ist es vielleicht das Erfolgserlebnis? Das Gefühl, etwas gewonnen und fette Beute gemacht zu haben? Mir ist darauf keine Antwort eingefallen. Aber auch wenn so ein Flashback vielleicht schlecht für die Seele ist, für unsere Wirtschaft ist er ein Segen.



*Flashback: Das psychologische Phänomen, wenn durch einen Schlüsselreiz eine ganz starke Erinnerung ausgelöst wird und man vergangene Gefühle noch einmal intensiv neu durchlebt und durchleidet.
siehe: Wikipedia, Flashback, psychologisch