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Sonntag, 13. Mai 2012

Hurtigruten Tag 12 - Das Captain's Dinner


Die russischen Mädchen sind verschwunden. Sie sind schon früh am Morgen in Ørnes ausgestiegen, während ich noch geschlafen habe. Es ist nicht zu übersehen, dass einige von ihnen den Seegang in dieser Nacht nicht gut vertragen haben.


An diesem Morgen überqueren wir den Polarkreis in südlicher Richtung. Schnee sieht man nur noch ganz vereinzelt auf den Bergspitzen und mit 7° C ist es angenehm mild.

Wir legen in Nesna an, einem winzigen Fischerdorf, wo wir eine norwegische Folkband an Bord nehmen, (5 Musiker, 4 Instrumente), ein rotes Motorboot, (Yamaha 115 PS), 30 Kisten Fisch (Arctic Salmon frozen) und nur eine Palette Spanplatten dafür abliefern. Ein guter Tausch, wie ich finde. 




Während des Mittagessens legen wir in Sandnessjøn an, aber das Buffet nimmt mich so in Anspruch, dass ich von diesem Stop wenig zu berichten weiß. Es gibt Eisbein, Rübenmus und Speckstippe und ich liebe dieses Gericht. Außerdem ist leichtes Essen noch immer das beste Mittel gegen Übergewicht, Seekrankheit und Depressionen.

Auf dem Kai gibt es einen kleinen Supermarkt. Er heißt Narvesen und ist erstaunlich gut besucht. Pausenlos kommen und gehen Kunden durch die eher unscheinbare Eingangstür. Das erinnert mich sehr an Durness in Schottland, diesen winzigen Außenposten am Ende der schottischen Highlands, wo der einzige Laden auf 100 km plötzlich sehr wichtig wird und nicht mehr so austauschbar und beliebig ist, wie zuhause in Kiel.



Den Rest des Nachmittags fahren wir grau in grau durch endlosen Dauerregen. Ich sitze auf dem Oberdeck in der Observation Lounge in meinem Lieblingssessel, trinke ein Munkholm und schreibe, lese und döse abwechselnd. Die anderen Passagiere sind auch ganz ruhig. Sie lesen oder schlafen ebenfalls. Aus einer Ecke höre ich eine leise Unterhaltung in einer fremden Sprache, die ich nicht erkennen kann. Es herrscht eine wunderbar entspannte Stimmung in der warmen Lounge, während der Regen außen gegen die Scheiben peitscht.



Es regnet noch immer, als wir in Brønnøysund einlaufen, wo eine außergewöhnliche Ladung auf uns wartet. Zwölf offene Wannen voller Seefisch, jede von der Größe eines Planschbeckens. Die Behälter sind riesig und werden auf dem Vorschiff als Decksfracht verzurrt. Ich ahne bereits, was es heute abend zum Captain's Dinner gibt.





Beim Ablegen aus Brønnøysund gönne ich mir das einzige 'richtige' Bier dieser Reise, ein Carlsberg vom Faß. Die kleinstmögliche Portion sind 0,4 l für sagenhafte 8,39 €. Für ein Glas Bier! Ich muss verrückt sein, oder Alkoholiker. Vermutlich beides. Aber ich habe bisher so wenig Geld ausgegeben, weil alles bereits im Reisepreis enthalten ist, den sowieso Claudie bezahlt hat, dass ich den 100 NOK Schein ohne schlechtes Gewissen auf den Tresen lege.

Heute ist unser letzter Tag an Bord und ich bin ein wenig traurig, dass die Reise nun zu Ende geht. Aber für 18 Uhr hat die Reederei zum Captain's Dinner geladen. Einige Passagiere in der Lounge unterhalten sich scherzhaft über den Dress Code und mir wird schlagartig klar, dass niemand Anstalten macht, sich für diesen Abend besonders festlich anzuziehen. Das ist meine Chance, denke ich. Meine Chance ein weiteres Mal einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Vielleicht habe ich sogar das Glück, mit den netten Engländern an einem Tisch zu sitzen?

Es ist 17:33 Uhr, noch 27 Minuten, das schaffe ich. In Windeseile raffe ich mein Kindle, die Kamera, Moleskine, Bleistift und Spitzer zusammen und fange Pieps ein. "Pieps, wir müssen uns umziehen." brülle ich. "Captain's Dinner in 26 Minuten.", füge ich erklärend hinzu und renne mit der kleinen Maus im Arm drei Decks tiefer zu unserer Kabine.

Mit dem unfehlbaren Instinkt des Partygirls habe ich zuhause mein Kleines Schwarzes in den Koffer gepackt. Schwarze Wolford Strumpfhose dazu und zur Feier des Tages sogar einen BH. Bis jetzt hatten die Boobs nämlich Urlaub und durften ohne gehen. Schuhe? Mist, keine Pumps an Bord. Aber die schwarzen Ankleboots mit den Keilabsätzen tun es zur Not auch.

Jetzt das Gesicht. Ich streiche eine dünne Schicht flüssige Foundation über das alte 3-Schichten MakeUp und pinsele etwas Bronzepuder drüber. Reicht. Die Augen umrande ich dramatisch mit schwarzem Kajal und male mir die Augenlider zweifarbig in gold und braun. Die Wimperntusche ist noch gut von heute morgen. 

Jetzt noch die Haare über Kopf ausbürsten, etwas Wasser hineinkneten, fertig ist die wilde Mähne. Ich hänge die Creolen an die Ohren, nehme meine Svenja Kette, noch eine Kette, Armreif, einen dezenten Brillantring und fertig. Meine Mitreisenden sind auch schon fertig. Claudia trägt ein braunes Strickkleid mit Wasserfallkragen und passenden Stiefen dazu und Pieps hat sich für ein pfirsichfarbenes Ballkleid entschieden. Fertig.



Auf die Minute pünktlich stöckeln wir in den festlich geschmückten Speisesaal. An der Tür werden wir  bereits von Charlotta mit einem Glas Champagner empfangen. Sie ist unsere Lieblingkellnerin, weil sie so hübsch und freundlich ist und wunderschön singen kann. Beides habe ich ihr schon mehrfach gesagt, wie es meine zurückhaltende Art ist. Aber heute ist sie es, die mir ein Kompliment macht: "You look nice tonight.", sagt sie freundlich. Es kann aber auch sein, dass sie Pieps meint, die frech aus meiner kleinen Abendtasche guckt und ein wenig beleidigt ist, als sie kein eigenes Glas Champagner bekommt.

Die Tische sind mit weißen Decken, polierten Gläsern und drei verschiedenen Bestecken perfekt eingedeckt. Wir werden von den Offizieren in Galauniformen mit goldenen Knöpfen empfangen und ich bin froh, dass ich mich auch ein wenig aufgerüscht habe. Overdressed gibt es nämlich nicht, aber in Jeans und Sweatshirt peinlich underdressed zum Captain's Dinner zu erscheinen, sehr wohl. Der Reiseleiter hält eine kurze Ansprache, stellt uns die Küchenmannschaft vor und bedankt sich noch einmal im Namen der Reederei für unsere Teilnahme an dieser Reise.

Mit feierlichen Minen nehmen die Offiziere ihre Plätze am Kapitänstisch ein. Leider wird durch einen dummen Fehler im Zeremoniell versäumt, Claudia, Pieps und mich gleich dazu zu bitten. Zuerst bin ich etwas pikiert, aber dann geht mir ein Licht auf: Bestimmt soll ich später den Eröffnungstanz mit Kapitän Amundsen machen und man will mich jetzt noch ein wenig im Unklaren lassen, damit nachher die Überraschung noch größer ist. Ich kichere verschwörerisch in mich hinein und tue von jetzt an so, als wenn ich völlig ahnungslos bin. Ich will denen ja nicht die Überraschung kaputtmachen. Ganz Dame widme ich mich dem ersten Gang.

Es gibt eine Roulade aus Lachs, die ebenso lecker wie winzig ist. Etwas undamenhaft vertilge ich sie in vier Bissen. Der nächste Gang ist ein Pfeffersteak auf einem Bett von Auberginen an einer Frechheit von zwei Kartoffeln. Auch sehr lecker, aber ebenso winzig. Der Nachtisch wird im Halbdunkel mit Wunderkerzen hereingetragen und für einen Moment fühle ich mich wie auf dem Traumschiff. 



Es ist eine Eisbombe, oder auch nur ein schlecht aufgetauter Kuchen, aber Charlotta singt dazu Fields of Glory und es ist eine sehr schöne und festliche Stimmung. Kurz danach ist schon alles vorbei und der Tanz mit dem Kapitän fällt aus wegen 'ist nicht'. In einer halben Stunde beginnt ja schon die zweite Sitzung des Captain's Dinner und Pieps fragt etwas zu laut in Richtung Kapitänstisch, ob gewisse Herren dann etwa noch mal Pfeffersteak kriegen. Ich trage die kleine Maus schnell aus dem Saal, weil die Offiziere schon total missbilligend zu uns rübergucken.

Während Claudia in der Kabine ihren Koffer packt, stöckele ich noch einmal durch das abendliche Schiff und sage all meinen Lieblingsplätzen auf Wiedersehen. Tschüss, Eisbärsalon, ich liebe deine gemütlichen, blauen Clubsessel, tschüss, Observation Lounge, bei dir war es immer am ruhigsten und man hatte die beste Aussicht, tschüss Cafeteria, bei dir wars immer schön warm, aber das Bier viel zu teuer, tschüss wunderschöne Blondine aus der Crew mit deiner tollen Löwenmähne. Falls du es dir doch noch überlegst, meine Adresse steht auf der Passagierliste. Seufz. Ich hasse Abschiede, weil immer ein Stück von mir zurückbleibt an jedem Ort, an dem ich einmal übernachtet habe.


An dieser Stelle endet hier im Blog der Reisebericht unserer Fahrt mit Hurtigruten. Es war eine unglaublich schöne, unglaublich besondere Reise. Wer Lust auf eine solche Fahrt bekommen hat und noch mit einem alten Postschiff in die Arktis fahren möchte, der sollte nicht lange zögern, denn die MS Lofoten wird in wenigen Jahren außer Dienst gestellt. Dann fahren aber noch die modernen, großen Schiffe.
Einen vollständigen Reisebericht inklusive der letzten drei Tage, die hier im Blog fehlen, werde ich auf meiner Svendura-Seite posten. Ich ticker euch, wenn er dort online ist.

Montag, 7. Mai 2012

Hurtigruten Tag 11 - Auf den Lofoten


In Harstad nehmen wir zwei Paletten Wandfarbe, eine Ladung Autoreifen und zwei Dutzend Passagiere an Bord. Während der Nacht gab es auf offener See Probleme mit der Maschine, so dass wir jetzt eine Stunde Verspätung haben.




Die neuen Passagiere sind überwiegend norwegische Männer zwischen 40 und 50. Verwegene Gestalten, die von einem Wettangeln kommen. Einige von ihnen tragen Messer am Gürtel. Sie machen sich auf ziemlich unangenehme Weise in der Bar, der Cafeteria und im Eisbärsalon breit, wo Claudia, Pieps und ich sitzen und lesen.



Es ist gegen 9.30 Uhr als wir ablegen und bereits die ersten 0,6 l Gläser Ringnes Pilsener auf den Tischen der Norweger stehen. Um kurz nach zehn holt einer der Männer, ein finster dreinblickender Bursche mit Cowboyhut und einem langen Messer am Gürtel, sein drittes Glas Bier für 72 NOK (ca. 9,50 €). Zwischendurch trinkt er aus einer Whiskyflasche, die er dazu jedesmal aus seinem Rucksack hervorholt.

Auch zwei Frauen gehören zu der Gruppe. Sie sind ebenso laut und prollig und passen perfekt ins Bild. Ausgesprochen unangenehme Zeitgenossen. Die meisten Passagiere sind inzwischen aus dem Eisbärsalon geflüchtet und auch wir verziehen uns ein Deck höher in die Observation Lounge.



Kurz darauf fahren wir in die Risøyrenna, einen 4,5 km langen Kanal durch eine Meeresuntiefe. Letztlich sieht man nur eine Fahrrinne im Meer und wäre sie nicht zu beiden Seiten mit Seezeichen markiert, würde man gar nicht merken, dass man durch einen Kanal fährt.



Das Radarecho auf dem Monitor zeigt uns allerdings, dass der Kapitän sehr genau fahren muss, will er nicht in die Fußstapfen des unrühmlichen Kapitän Schettino treten. Unser Kapitän aber heißt Amundsen und genießt schon daher unser volles Vertrauen.

In Risøyhamm wird ein großes, verschweißtes Paket von Würth ausgeladen und wir füllen den Laderaum mit zwei Paletten Tierfutter in 25 kg Säcken. Nach sagenhaften 9 min. Liegezeit dampfen wir schon wieder ab. Der Kapitän möchte sicher die 42 min. Verspätung wieder hereinholen, aber um ein Haar lassen wir dabei einen der Offiziere an Land zurück, der mit eiligen Schritten aus dem Hafenkontor kommt just in dem Moment, als die Gangway weggezogen wird. Diese wird eigens noch einmal angelegt, Offizier an Bord und weiter gehts.

Das Mittagessen ist heute kein Vergnügen. Der Speisesaal ist overcrowded von zu lauten, zu trinkenden und zu telefonierenden Norwegern, die sich ins Buffet eingekauft haben und sich mehrheitlich wie die Obelixe benehmen. Norwegische Männer lassen sich nicht allein durch ihre guten Manieren, ihren Feinsinn und eine erhabenen Zurückhaltung charakterisieren.

Diese hier benehmen sich jedenfalls wie ausgehungerte Bohrinselarbeiter auf ihrem ersten Urlaub. Betont damenhaft schlinge ich drei Portionen Rentiergulasch in mich hinein und verlasse anschließend feinsinnig und charmant den Speisesaal.



Inzwischen haben wir ungemütliches Wetter mit Regen und Wind von vorn. Bei der Einfahrt in den Raftsund kommt ein Boot achter auf und macht längsseits fest, ohne dass die MS Lofoten wesentlich Fahrt wegnimmt.

Es ist das Ausflugsboot für die Seeadlersafari. Die Passagiere, die diese Exkursion für 99 € gebucht haben, steigen über. "Guck doch einfach nach oben." fordert Claudia mich auf. Ich sehe hoch und tatsächlich, da fliegen zwei Seeadler direkt über uns. Auch ohne Safari kann man sie prima erkennen.

Erstaunlich große Biester, diese Seeadler und ich würde gerne teilnehmen, aber eine Nachfrage beim Reiseleiter bringt die Ernüchterung. Wie ich ihn verstanden habe, wird es wohl nicht gern gesehen, wenn man die Seeadler beim Füttern mit der üblichen Methode (Stück Brot, Angelhaken und 5 m Klaviersaite) aus der Luft fängt. Ich verliere das Interesse und gucke anschließend auch nicht mehr hoch. 





In Svolvær, der größten Stadt der Lofoten, verlassen uns die fröhlichen Norweger. Bis zur letzten Minute vor dem Anlegen haben sie engagiert weitergetrunken. Als sie die Gangway herunterschwanken, hat das nur wenig mit dem Seegang zu tun. Am Kai wartet bereits eine Gruppe neuer, nur auf den ersten Blick angenehmerer Passagiere auf uns. Es ist eine Gruppe russischer Mädchen auf Klassenreise.



Ich zähle 64 Köpfe, bin mir aber nicht sicher, weil sie so aufgeregt durcheinander wuseln. Sie kommen aufs Schiff wie Honig über Ameisen und belegen mit unglaublicher Bravour sämtliche, aber auch wirklich alle Plätze im Eisbärsalon und in der Observation Lounge. Wenigstens bin ich jetzt nicht mehr die Einzige mit hohen Absätzen, denn unter 9 cm trägt kaum eines der russischen Mädchen. "Endlich normale Menschen." seufze ich erleichtert.



Als ich an diesem Abend in der Koje liege und das Licht ausknipse, ist es gerade 20 Uhr. Obwohl ich jede Nacht bis zu zehn Stunden schlafe, bin ich trotzdem oft müde und Claudia ergeht es ebenso. Auch die Schweizer Passagiere, mit denen ich gesprochen habe, machen dieselbe Beobachtung an sich. Eine Erklärung dafür habe ich nicht gefunden. An der guten Seeluft kann es nicht liegen, denn zuhause in Kiel kann ich kein Fenster öffnen, ohne das Zeug in der Bude zu haben, denn ich wohne nur 900 m vom Meer entfernt.

 In dieser Nacht habe ich einen wilden Traum. Ich hänge außen an einem Segelflugzeug, das im wilden Sturzflug auf den Boden zurast und erst im letzten Moment abgefangen wird und wieder steil nach oben schießt. Dann ein kurzer Moment der Schwerelosigkeit, bevor es wieder in den Sturzflug geht.

Von einem Knall in der Kabine werde ich wach. Es ist Claudias schwerer Reisekoffer, der mit Schwung gegen die Kabinentür geknallt ist und sich schon wieder engagiert auf den Rückweg zur gegenüberliegenden Wand macht. Hui, welch ein Seegang. Daher der verrückte Traum. Wir überqueren in dieser Nacht den Vesterfjord und erleben dabei den bisher heftigsten Seegang unserer Reise. Man gewöhnt sich daran und ich schlafe im Nu wieder ein, nachdem der Koffer verkeilt ist.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Hurtigruten Tag 10 - Hammerfest - Hunting the Light


Inzwischen habe ich alle meine Outfits schon mindes­tens einmal angehabt und es geht in die Wie­der­­holung. Ich entscheide mich für ein graues Strick­kleid und die schwar­zen Keil­stiefel. Mit den 9 cm Absätzen bin ich sogar noch einen Tick größer, als die wunder­schöne Blonde aus der Crew, deren strah­lendes 1.000 Watt Lächeln mich jedesmal fast umhaut.

Am Vormittag gibt es eine Infoveranstaltung, auf der uns der Reiseleiter die Landausflüge der kommenden Tage vorstellt und natürlich auch verkaufen will. Ich höre geduldig zu, bin aber nicht interessiert. Weder an der Seeadlersafari, noch an dem Mitternachtskonzert in der Eismeerkathedrale in Tromsø. Ich gehöre zu der Sorte Passagiere, die weder unterhalten, noch animiert, oder sonstwie bespaßt werden müssen. Ich will einfach in Ruhe gelassen und dreimal am Tag üppig verpflegt werden. Für die Unterhaltung sorge ich selber, indem ich schreibe, lese, mich mit Claudia unterhalte, oder stumm die überwältigende Aussicht genieße.



Auf gute Unterhaltung und Gespräche mit anderen Passagieren hätte ich mich gefreut, aber auch am achten Tag an Bord ist es mir noch nicht gelungen, mit jemandem wirklich ins Gespräch zu kommen. Ungewöhnlich, denn sonst gelingt mir das fast immer.

Am späten Vormittag legen wir in Hammerfest an, das sich seit Jahren mit Honningsvåg um den Titel Nördlichste Stadt der Welt streitet. Honningsvåg liegt tatsächlich weiter nördlich, hat aber keine 5.000 Einwohner und ist damit nach norwegischem Recht keine Stadt.



















In Hammerfest haben wir 90 min. Aufenthalt und entscheiden uns für einen kurzen Landausflug. Claudia möchte die Kirche fotografieren, Pieps will eine Schneemaus bauen und ich möchte endlich herausfinden, was es mit diesem geheimnisvollen Eisbärclub auf sich hat, von dem ich schon mehrfach gelesen habe.

Es liegt noch dick Schnee, aber Pieps hat trotzdem kein Glück. Tauwetter hat eingesetzt und der Schnee reicht bestenfalls für eine Matschmaus. Ich bin froh, dass ich die hohen Schuhe anhabe und einigen Vorsprung vor dem Schneematsch habe.

Nachdem Claudia ihre Kirche fotografiert hat, gehen wir kreuz und quer durch den Ort. 90 Minuten sind mehr als genug Zeit, um Hammerfest zu Fuß zu erkunden. Wir kommen an einem Friedhof vorbei, auf dem manche der Grabsteine dick mit Plastikfolie verpackt sind. Damit soll verhindert werden, dass die Steine im Winter bei extremer Kälte platzen.

Die kleine Stadt brummt an diesem 21. März, am Frühlingsanfang. So klein Hammerfest auch ist, für die Bewohner aus weiter Umgebung ist es die einzige Einkaufsmöglichkeit. Der größte, und vermutlich einzige Super­markt des Ortes, ist Coop Mega, ein mittel­großer, moderner Super­markt, doch hier in der Arktis ist es ein Mega­store. Claudie möchte sich neues Kwikk Lunsj kaufen, eine Art norwegisches Kitkat und sowas wie ein Grundnahrungsmittel hier im Norden, ich möchte die Fleischabteilung besichtigen und Pieps will "einfach nur ma so gucken..."

Das Fleisch in den Kühltresen sieht nicht sehr appetitlich aus. Skandinavien ist keine gute Gegend für Fleischesser und die norwegische Arktis am allerwenigsten. Es gibt keine Metzgereien, sondern ausschließlich in Plastik verpacktes Fleisch aus dem Supermarkt. Frischfleischtheken, wie wir sie kennen, sind hier völlig unbekannt.










Die Auswahl an Fisch ist dagegen ganz ausgezeichnet. Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt steht ein Russe mit seinem Auto und verkauft aus dem Kofferraum heraus fangfrische Krabben und Schalentiere zu einem Spottpreis. Sein ganzer Laden besteht nur aus dem Kofferraum seines alten Lada und einem Klapptisch.



Vom Supermarkt gehen wir langsam zurück zum Schiff. Direkt am Anleger entdecke ich die Eingangstür zum Eisbärclub. Eintritt frei, steht auf einem Schild, aber ich finde das nicht bemerkenswerter, als wenn es bei ALDI an der Tür stünde, denn der berühmte Eisbärclub ist in erster Linie ein großer, sehr professionell gemachter Souveniershop. In zweiter Linie gibt es in den hinteren Räumen eine zugegeben sehr nette Ausstellung zum Thema Eisbären und Arktis allgemein. 



Der Besuch der Ausstellung kostet nichts, aber man muss dazu durch den Shop gehen. Das Perfide ist, dass es sogar einige besonders schöne und interessante Souveniers gibt und ich all meine Willenskraft brauche, um nicht diese rote Handysocke mit dem aufgestickten Eisbären zu kaufen. Erneut bin ich ganz hingerissen von meiner eigenen Willensstärke.

Wir halten uns nicht weiter auf. Der Hauptgrund dafür ist das Mittagsbuffet, das in wenigen Minuten an Bord serviert wird. Heute gibt es zwei Fischgerichte, panierten Dorsch und gedünsteten Heilbutt. Ich kann mich nicht entscheiden und nehme beide. 



Nach dem Ablegen in Hammerfest fahren wir im strahlenden Sonnenschein durch die dramatisch schöne Winterlandschaft. Schneebedeckte Felsen ragen bis zu 1.000 m hoch steil aus dem Wasser. Mit 15 Knoten zieht die MS Lofoten stundenlang daran vorbei.

Einige Zeit später taucht eine winzige Ortschaft tief im arktischen Nirgendwo auf. Es ist Øksfjord, ein 500 Seelen Fischerdorf, dessen wenige Häuser sich auf einem schmalen Felsen zwischen der See und dem Øksfjord Fjellet (772 m) dicht aneinander drängen.

Den kurzen Aufenthalt verbringe ich draußen auf dem Bootsdeck. Ich erkenne eine Kirche, einen kleinen Laden und ein verlassenes Hotel mit blinden Scheiben. Der Ort fasziniert mich, weil er so völlig abgelegen im Nichts liegt.

Unser Kran hebt einige große weiße Ballen vom Kai und lässt sie in den Laderaum hinab. Im Vorbeischwenken kann ich gerade noch die Aufschrift lesen, Polarfeed steht auf den Ballen. Später finde ich heraus, dass sich darin Fischfutter für die Lachsaufzucht befindet.



Bei einem unglaublich guten 3-Gänge Menü fahren wir in die Nacht hinein. Als Vorspeise gibt es Rentierfleisch, das zwar sehr mager, aber trotzdem lecker ist, und danach Eismeer Saibling, womit ich  heute zum dritten Mal Fisch esse. So ausgezeichnete Fischgerichte wie auf dieser Reise habe ich nie zuvor gegessen und immerhin komme ich aus Kiel. Verschiedene Sorten Hering und Sardinen, sowie feinsten Räucheraal, der zuhause unverschämt teuer ist, gibt es ohnehin zu jedem Frühstück. Wer Hurtigruten fährt, sollte gerne Fisch essen, auch wenn es genügend Ausweichgerichte an Bord gibt.

In Skjervøy nehmen wir eine Handvoll Passagiere und eine Europalette Arctic Salmon an Bord, bevor wir wieder in die sternklare Nacht hinausfahren. Claudia steht eisern oben auf der Brückennock und friert sich den Dubs ab, Hunting the Light. Sie meint, es sei geradezu ideales Wetter für Polarlicht.



Etwas später besuche ich Claudie, eher aus Mitleid denn aus Neugier, auf der Brücke, weil ich Angst habe, dass sie mir festfriert, aber tatsächlich sehe ich zum ersten Mal im Leben Polarlicht. Mystisch und geheimnisvoll wabert es leicht grünlich in der Ferne vom Horizont bis hoch ins Firmament. Mitten drin stehen Venus und Jupiter so hell und klar am Himmel, wie ich sie nie zuvor gesehen habe. 

Die MS Lofoten fährt mit minimaler Beleuchtung durch die Nacht und überall an Deck stehen dick vermummt die Fotografen in der Dunkelheit, Hunting the Light. Die echten Profis haben in dieser Nacht ihre Stative auf das vibrierende Stahldeck des schwankenden Schiffes gestellt, um mit Langzeitbelichtung gestochen scharfe Fotos zu schießen. Profis eben.



Mit der kleinen Lumix Digitalkamera bekommen wir allerdings auch kein Foto hin, deshalb gibt Claudia mir ein Dia, das sie auf ihrer letzten Hurtigruten Reise mit ihrer Leica M5 gemacht hat. (Noctilux 1:1 auf Kodak Ektachrome 800 belichtet wie 3.200 ASA).

Als ich endlich schlafen gehe, steht Claudia noch immer an Deck und sieht durch ihr Nachtglas empor zum Sternenhimmel. Hunting the Light.

Sonntag, 22. April 2012

Hurtigruten Tag 9 - Landgang in Kirkenes


Heute morgen steht ein großes Tablett hauch­dünner Pfann­kuchen auf dem Früh­stücks­buffet und da­ne­ben eine Schüssel mit Hei­del­beer­mar­melade. Claudia ist be­geis­tert, denn sie liebt Pfann­kuchen und beschmiert sie finger­dick mit Marme­lade. Schon bei dem Gedanken kriege ich Hüfte und hole mir statt­dessen nur etwas Hering in Tomaten­sauce und eine Portion Kötbullar.

Nach dem Frühstück gehe ich raus aufs Bootsdeck. Es ist ein herrlich sonniger, beinahe windstiller Tag  bei -2° und ich stehe im kurzen Kleid, Strickstrumpfhosen und Overkneestiefeln in der Brückennock. "Du kannst dir ruhig den Dubs abfrieren, Hauptsache, du siehst gut aus dabei, Baby."

Die Leute neben mir sehen aus, als wollten sie das letzte Stück zum Nordpol noch vor dem Mittgessen zu Fuß erreichen. Fjällräven G1000 Hosen, Kamik Stiefel, Daunenparka von Bergans und Skimütze. Erstaunlich, welche Wirkung die Globetrotter Werbung auf ganz normale Menschen hat. 





Am Vormittag erreichen wir Kirkenes, den äußersten Punkt unserer Reise. Nur zehn Kilometer weiter liegt der russische Eismeerhafen Murmansk. Von hier aus fährt die MS Lofoten die Küste entlang zurück nach Bergen und läuft alle Häfen südgehend noch einmal an. Die Häfen, die man in der Nacht verschlafen hat, erlebt man diesmal bei Tageslicht und umgekehrt.

Wir haben drei Stunden Zeit, bevor das Postschiff wieder ablegt und gehen an Land. Ich lasse das Kleid an, ziehe aber dicke Overknee Stulpen über die Strumpfhose, dazu Schal und Handschuhe. Claudia hat sich extra für diese Reise ein paar Moonboots gekauft, die heute ihren ersten Landgang erleben. Wir sind fertig und stiefeln los.

Die arktische Luft ist trocken kalt und wir sind genau richtig angezogen. Auf unserem Weg nach Kirkenes hinein kommen wir an einem Ein­kaufs­zentrum vorbei.

Spareland steht auf dem Schild und ich bemerke, dass alle Schilder zweisprachig sind, norwegisch und kyrillisch. Die Autos auf dem großen Super­mark­tpark­platz tragen aus­nahms­los russische Kenn­zeichen RUS und sämtliche Kunden scheinen Russen zu sein.

Die Männer tragen schwarze Kunst­leder­mäntel, Pelz­mützen und grimmige Gesichter, die Frauen hingegen einen Look, der auch im Swingerclub wohl­wollend zur Kenntnis ge­nom­men würde.

Supermärkte finde ich auf Reisen besonders interessant. Nirgendwo kann man besser sehen, wovon die Menschen leben und was sie gerne essen. Wir gehen hinein, um die Fleischabteilung zu besichtigen und herauszufinden, ob es hier Entrecote gibt. Gibt es, heißt auch so, ist nicht mal besonders teuer, sieht aber völlig falsch aus. Mein Tipp: Das ist Hohe Rippe, ein Suppenfleisch, das sehr ähnlich aussieht, sehr viel billiger ist und gebraten zäh wie Leder wird. 

In der Arktis werden Straßen und Wege nicht mit Schneefräsen, Salz und Sand restlos geräumt, sondern es bleibt immer eine dünne Schicht aus Schnee und Eis zurück. Wenn man die Rentner mal richtig ärgern will, dann räumt man seinen Gehsteig sauber bis auf den Asphalt und salzt ihn fett ein. Die Rentner sind hier nämlich nicht mit Rollatoren, sondern mit kleinen Schlitten unterwegs, die sie vor sich herschieben. An jeder deutschen Grundstücksgrenze wäre Endstation für Oma, wenn sie mit ihren Schlittenkufen in blanken Granit beißt.



Sogar die Straßen­namen sind kyrillisch beschildert. Ich habe nie gewusst, wie groß der russische Einfluss in dieser Region ist. Man darf sich die Städte der Arktis nicht als besonders schön vorstellen, denn das sind sie nicht. Es sind reine Zweckbauten gegen Kälte, Sturm und Eis. Aber selbst in der trostlos erscheinenden Einkaufsstraße von Kirkenes gibt es natürlich einen Vero Moda. Ich gebe auf. Wo immer ich auch hinkomme, Vero Moda ist schon da.

Auf vielen Parkplätzen sehe ich, dass die abgestellten Autos mit einem Stromkabel verbunden sind. Das sind keine E-Mobile, sondern elektrische Standheizungen, die das Einfrieren des Kühlwassers verhindern sollen.

Immer wieder sehe ich verlassene Fahrzeuge vor den Supermärkten, die mit laufendem Motor auf die Rückkehr des Fahrers warten. Die Leute stellen den Wagen vorm Supermarkt ab, lassen den Motor laufen und gehen einkaufen. Das war mir schon 2007 auf der Norwegentour mit meiner KTM aufgefallen. Offenbar ist Autoklau hier noch nicht so in Mode. Wohin sollte man damit auch verschwinden?

Wir machen uns auf den Rückweg zum Schiff. Claudias Moonboots bewähren sich prächtig. Sie sind warm und halten den Schnee ab. Ich trage Wildlederstiefel, aber das ist in der trockenen Kälte auch ok, denn Schneematsch gibt es hier nicht.

Unterwegs kommen wir an einer Gruppe russischer Trawler vorbei, die hier im Hafen auf das Eintreffen des Kabeljaus in der Barentssee wartet. Die Schiffe sind in so erbärmlichem Zustand, dass ich jeden bewundere, der sich mit solch einem Seelenverkäufer auf die offene See wagt. Allein die Fangausrüstung und die riesigen Scheinwerferbatterien machen einen gepflegten Eindruck. Das Übrige ist Rost und Zerfall.




Pünktlich zum Mittagsbuffet sind wir zurück an Bord. Ich habe einen Mörderhunger und es gibt drei verschiedene Gerichte auf dem Buffet, einen Fischauflauf, Rinderbraten und Rentiergulasch. Ich starte mit Rinderbraten, aber der ist so mager, dass er mich nicht begeistern kann. Ich steige um auf Rentierragout und das ist wirklich lecker. Das Fleisch ist zwar auch mager, aber mit Pilzen und viel Sahne zu einem leckeren Gulasch gekocht. Oh, ich liebe es und setze am Buffet mein ganzes Können ein. Claudia begeistert sich für das Fischragout und Pieps wünscht sich Zimtkuchen mit Eis und Himbeeren.

Nach dem Essen verschwinde ich kurz in der Kabine und hole mir einen Underberg aus der Reiseapotheke. Acht der kleinen Fläschchen habe ich mit in Urlaub genommen und jedes Einzelne muss sorgfältig eingesetzt werden. Heute ist so ein Fall...

Kurz nach Mittag legt die MS Lofoten ab und ich verziehe mich mit dem Underberg und einer Flasche Munkholm alkoholfrei in die Observation Lounge, wo ich mein Kirkenes Abenteuer in das Moleskine schreibe. Draußen zieht die von Eis bedeckte Barentssee vorbei. Die Eisschicht ist jetzt im Frühling aber nur noch sehr dünn und bereitet dem Schiff keine Schwierigkeiten.




Am Nachmittag legen wir in Vardø an, das ich auf dem Hinweg verschlafen habe. Wir haben eine Stunde Aufenthalt, aber ich bleibe an Bord.




Zum Abendessen wird erneut ein 3-Gänge Menü zelebriert und die freundlichen Kellnerinnen tragen mit ihrer netten Art viel zum Gelingen des Dinners bei. Heute gibt es zuerst einen Meeresfrüchtecocktail, danach Hirschbraten und zum Abschluss Seter Rømme, eine Süßspeise aus Sauerrahm.



Es ist gerade neun Uhr abends, als ich in meiner Koje liegend über mich greife und die winzige Leselampe an der Decke ausknipse. Wie immer schlafe ich sofort fest ein und wie in jeder Nacht gibt es die üblichen Unterbrechungen. Da ist das nächtliche Anlegemanöver mit den rückwärts laufenden Maschinen, das Getrampel der Seeleute auf dem Deck über mir und später in der Nacht eine kurze Phase mit stärkerem Seegang. Alles das gehört zu einer Fahrt auf der Hurtigruten dazu. Wir sind schließlich kein Kreuzfahrer, sondern ein Postschiff und müssen alles mögliche Zeug und natürlich auch Menschen schnell und zuverlässig durch die Arktis schippern.

Freitag, 20. April 2012

Hurtigruten Tag 8 - Noch 2000 km bis zum Nordpol


Als das Handy mich am Morgen aus dem Tiefschlaf holt, liegen wir im Hafen von Hammerfest, 1000 km nördlich des Polarkreises. Bis ich gewaschen, angezogen, geschminkt und endlich an Deck bin, sind wir aber schon wieder auf See. 


Für 9 Uhr ist die Begegnung mit einem anderen Hurtigruten Schiff, der MS Trollfjord, auf offener See angekündigt, aber die liegt noch in Havøysund fest und blockiert die einzige Anlegestelle am Kai des winzigen Fischerortes.

Wir dümpeln eine Weile vor der Hafeneinfahrt umher, bis die riesige Trollfjord mit einer knappen Stunde Verspätung an uns vorbeirauscht und wir endlich in Havøysund anlegen können. Innerhalb weniger Minuten werden zwei Paletten Schnaps aus dem Laderaum an die Pier gehievt und mit einem Gabelstapler in eine Halle gefahren. 

Meine Güte, welch ein trostloses, verlassenes Nest am Ende der Welt das ist. Nach 13 Mi­nu­ten werden die Leinen schon wieder los­ge­worfen und wir fahren weiter zum Nordkap. 

Als wir mittags in Honningsvåg festmachen, werden so viele Paletten mit Spirituosen ausgeladen und mit dem Stapler eilig wegge­karrt, dass die Frage erlaubt sein muss, ob sämt­liche 3.500 Bewohner dieses Dorfes engagierte Trinker sind.

Gegenüber der Pier entdecke ich die ICE BAR, eine Bar in der konstant eine Temperatur von -5° herrscht. Vielleicht wird der Schnapps dort zu leckeren Cocktails verarbeitet, aber beson­ders gemütlich klingt das nicht.

Während die Mehrzahl der übrigen Passagiere sich zur Snowscooter Safari aufmacht, bleiben Claudia, Pieps und ich an Bord, wo wir vom Speisesaal aus einen herrlichen und ungestörten Blick aufs Buffet haben. Besonders auf den Kabeljau in geschmorten Auberginen.

Endlich kann ich einmal zum Buffet gehen, ohne mich bei Seegang festhalten zu müssen, denn wir liegen fest vertäut im Hafen von Honningsvåg.

Pieps mag keinen Kabeljau und ich stelle ihr einen süßen Teller mit Schoko­pudding, Nuss­kuchen, Vanille­eis und einer halben Zimt­schnecke zusammen. "Wo is' die annere Hälfte?" meutert die kleine Maus sofort, als sie die halbe Zimt­schnecke bemerkt und guckt mich zutiefst miss­trauisch an.

Während wir beim Essen sitzen, beginnt es zu schneien und das Hinweisschild an der Wand des Lagerhauses "2.110 km til Nordpolen" ist kaum noch zu erkennen.

Nach dem Essen ziehe ich mich in die Observation Lounge zurück und genieße es, aus der Wärme des Salons das Schneetreiben zu beobachten. Claudia löst ein Sudoku und ich wende mich meinem Kindle zu. Genau so stelle ich mir einen Aktivurlaub vor.

Nach einer Weile kommt eine Schweizerin zu uns herüber, mit der ich mich schon einige Male sehr nett unterhalten habe. Wenn sie mit ihrem Mann spricht, versteht man kein einziges Wort, aber für mich schaltet sie die Sprachverschlüsselung aus und ich kann sie ganz normal verstehen. Sie hat vier kleine Täfelchen Schweizer Schokolade, die sie uns schenkt.

Die Eismeerprinzessin freut sich wie eine Schneekönigin und der doofe Tischnachbar von gestern ist verziehen und vergessen. Dem schenkt bestimmt keiner Schokolade, höchstens Lebertran. Aber vielleicht ist er ja gerade deshalb so geworden.


Zur Feier des Tages hole ich mir aus der Caféteria eine kleine Flasche Munkholm, ein alkoholfreies Bier. Ich muss endlich einmal etwas anderes als Leitungswasser trinken. Es schmeckt köstlich und auf jeden Fall besser als Wasser.

Wir legen pünktlich ab und nehmen Kurs auf die Barentssee, die für ihre rauhen Kreuzseen bekannt ist. Der Tag ist grau in grau. Unten blaugraue See und oben ein bleischwerer Himmel. Dazwischen immer wieder Schneeschauer.

Am Nachmittag wird ein Fischer mit Königskrabben zu uns an Bord gebracht. Ein total Wahnsinniger rast bei hohem Seegang, Schneetreiben, Gischt und eisiger Kälte mit einem roten, völlig übermotorisierten Schlauchboot an die MS Lofoten heran und lässt den Fischer übersteigen.

Die Königskrabben sind riesige Biester und sehen ganz schön unheimlich aus. Sie werden bis zu zehn Kilo schwer und der Große auf dem Tisch wiegt gerade erst fünf Kilo. Beim Schnorcheln möchte ich denen lieber nicht begegnen, aber in Knoblauchsauce schon.

Zum Abendessen gibt es das übliche 3-Gänge Menü, allerdings erwartet uns heute eine Besonderheit, es gibt Stockfisch als Hauptgang. Seit Jahren bin ich schon neugierig auf Stockfisch, den ich nie zuvor gegessen habe und ebenso lange warnt Claudia mich schon vor dieser besonderen Delikatesse: "Seine Bekanntheit hat der Stockfisch durch die Haltbarkeit, weniger durch seinen erlesenen Geschmack. Du wirst nicht begeistert sein."

Der Stockfisch sieht trotzdem total lecker aus, als er mit Beilagen perfekt zubereitet auf einem gewärmten Teller serviert wird. Mit Appetit stürze ich mich auf den ersten Bissen, kaue, schmecke, schlucke und bin ernüchtert.

Er ist sehr salzig, schmeckt auf unangenehme Weise fischig und ist bestenfalls essbar im Sinne von genießbar. Man muss Stockfisch schon sehr lieben, um ihn zu mögen. Das war mein erster und letzter Stockfisch.

Trotzdem kann ich es nicht leiden, wenn Claudia immer Recht behält. Deshalb mache ich genussvoll "Hmmmm." und schicke gleich hinterher: "Ich weiß gar nicht, was du hast. Stockfisch schmeckt doch total lecker..."

Montag, 9. April 2012

Hurtigruten Tag 7 - Tromsø und die letzte Fahrt der MS Nordstjernen

Der Eisbären­salon der MS Lofoten hat sich über Nacht in ein Feld­lager verwandelt. Die Kids haben Sessel und Bänke zusammen­ge­schoben und liegen darauf eingemummelt in ihren Schlafsäcken.

Auch das ist Hurtigruten. Die Passagiere, die nur eine Nacht an Bord bleiben, richten sich in den Lounges für die Nacht ein. Kabinen­zwang gibt es nicht und es wird toleriert, dass die Salons zumindest kurzfristig zu Schlafsälen umgestaltet werden. Für Passagiere wie uns, die die volle Reise gebucht haben, ist das mal mehr, mal weniger angenehm, aber die Studenten sind ok und hinter­lassen alles wieder sehr ordentlich.

Am Mittag erreichen wir Tromsø, das Tor zur Arktis. Wir haben vier Stunden Aufenthalt und alle Passagiere verlassen das Schiff, um sich die Stadt anzusehen.

Tromsø ist nicht nur berühmt für die nördlichste Universität der Welt, sondern auch für die Eismeerkathedrale, ebenfalls eine nördlichste der Welt, aber so weit oberhalb des Polarkreises ist irgendwann alles "Nördlichstes der Welt".



Es werden einige sagenhafte Landausflüge angeboten, darunter eine Husky Safari. Claudia, Pieps und ich machen uns auf eigene Faust zu Fuß auf den Weg, die Stadt zu erkunden. Auch in Tromsø ist Claudia der perfekte Guide und führt uns auf direktem Weg zum Polarmuseum der Universität.



Es ist ein kleines Museum in einem hübschen, roten Holzhaus direkt am Hafen. Ich bin auf Anhieb begeistert von der dichten, authentischen Atmosphäre des Museums. Viele Exponate der berühmten Polarexpeditionen sind hier zu sehen und spannende Geschichten zu bestaunen. Sofort ist meine Abenteuerlust geweckt.


Gleich im ersten Saal findet sich der Nachbau einer Trapperhütte. Die Stimmung wirkt so echt, dass ich ganz fasziniert bin. Unter Glas ist das original Reisetagebuch des Trappers Wilhelm Nilsen ausgestellt, der 1910 in dieser Hütte überwintert hat. 

Er hat mit Bleistift in feiner Schreibschrift in ein Moleskine geschrieben. Ich halte mein eigenes Tagebuch daneben und sie sehen sich zum Verwechseln ähnlich. "Ja," erläutert Claudia, "Bleistift ist der einzige Schreibstift, der immer funktioniert und das sogar in der Arktis bei -40°." Das Polarmuseum in Tromsø begeistert mich und ist ganz sicher einen Besuch wert.

Vom Museum aus gehen wir über Nebenstraßen zur Storgata, der Einkaufsstraße. Auf den ersten Blick erscheint sie fremdartig und exotisch. Ganz anders und viel interessanter als die Holsten­straße in Kiel. Es sind überwiegend Holzhäuser mit kleinen Schaufenstern.

Überall liegen Schnee und Eis. Die Autos und sogar die Fahrräder haben Spikes in den Reifen und ich bin erstaunt, wie schnell eine Mutter auf dem vereisten Radweg mit Fahrrad und Kinder­anhänger unterwegs ist.

Dann im Zentrum die Ernüchterung. Dicht nebeneinander finden sich Vero Moda, H&M, Cubus, Intersport und ein Burger King. Ich bin richtig sauer und enttäuscht. Entkommt man diesen Ketten denn wirklich nirgends mehr auf der Welt, nicht einmal in der Arktis? Sehen alle Einkaufsstraßen dieses Planeten inzwischen gleich aus?


Vor dem Fenster eines Spielwarengeschäfts bleibt Pieps stehen und ist fasziniert von den wirklich wunderschönen Spielsachen. Sie ist kaum noch zu beruhigen und hätte so gerne eine Puppe, aber heute ist Sonntag und der Laden ist geschlossen. Ich kann sie ja verstehen und nur mit dem Versprechen auf einen Besuch bei Schönfelder in Kiel bekomme ich die Kleine ohne Geschrei vom Schaufenster weg.


Unterwegs posiere ich noch kurz vor dem Appleshop in Tromsø und informiere mich über neue Hardware. Eigentlich totaler Jungskram, aber vielleicht kann ich meinem Chef dafür zwei Überstunden aus dem Kreuz leiern. Immerhin gehört es zu meinem Job zu wissen, was in der Applewelt vorgeht. Lustig, wie die hier Apple schreiben...


Wir kehren zurück zum Schiff ohne etwas gekauft zu haben. Es ist durchgängig unter 0°, aber es ist windstill und eine trockene Kälte, in der man nicht so leicht friert. Mit den dicken Strickstulpen über der Strumpfhose, dem Minikleid und meinen fake UGG-Boots bin ich warm genug angezogen.


An diesem Abend wird im Speisesaal ein großes Meeresfrüchtebuffet statt des üblichen 3-Gänge Menüs serviert. Ich liebe Fisch und sämtliche Meeresfrüchte und dieses Buffet übertrifft alles, was ich bisher zuvor an Meeresfrüchten gegessen habe

Trotzdem wird es ein richtig doofer Abend. Mehr als zwei Seiten habe ich darüber mit wütender Hand in mein Reisetagebuch geschrieben, aber ich will den Ärger nicht noch einmal durchleben und gebe nur die Kurzfassung:

Der Speisesaal ist überfüllt, so dass wir uns zu einem älteren englischen Ehepaar an den Tisch setzen. Wie immer beginne ich einen netten Small Talk, erzähle, scherze, lobe, frage und merke erst viel zu spät, dass ihr Husband sich vor Abscheu über unsere Anwesenheit fast übergeben muss.

Mein erster Gang zum Buffet bleibt auch mein letzter. Ich bin so gekränkt, dass mir der Appetit vergangen ist und Claudia empfielt ebenfalls, die Beiden zu erlösen und zu verschwinden. Heute abend habe ich mich zum ersten Mal dafür geschämt, Transgender zu sein.

Später am Abend steht uns ein ganz besonderes Ereignis bevor. Wir werden der MS Nordstjernen begegnen, dem einzigen aktiven Schiff der Hurtigruten, das noch älter ist als unsere MS Lofoten.

Die Nordstjernen befindet sich heute auf ihrer letzten Fahrt. Nach ihrer Rückkehr wird sie in Bergen außer Dienst gestellt. 1.552 mal ist das in die Jahre gekommene Schiff von Bergen nach Kirkenes und zurück gefahren und hat dabei 7,4 Millionen Kilometer zurückgelegt.

Die Mannschaft der Lofoten hat für diesen kurzen Moment, in dem die beiden alten Schiffe sich in der völligen Dunkelheit des nördlichen Polarmeers begegnen, eine kleine Party vorbereitet. Gammle Damer er best, Alte Damen sind die Besten, steht auf einem großen weißen Bettlaken, das an der Reling hängt. Die Offiziere stehen mit roten Nebelkerzen bereit und die Küchenmannschaft hat Topfdeckel und Kochlöffel zum Lärmen an Deck geschleppt. 


Gespannt stehe ich an Deck und schaue voraus in die schwarze Nacht. Dann ganz allmählich erscheinen aus völliger Dunkelheit die Positionslichter der MS Nordstjernen. Nebelkerzen werden gezündet und mit großen Suchscheinwerfern tasten die beiden Schiffe sich im Dunkel der Nacht gegenseitig ab. Die Typhoons dröhnen dazu dumpf und ohrenbetäubend laut. Für einen Moment sind wir uns ganz nahe in der Einsamkeit des Polarmeers und ich empfinde zum ersten Mal, auf welcher winzigen Nussschale wir unterwegs sind.



Genau vier Minuten nach dem ersten Auftauchen der Positionslichter ist die Nordstjernen wieder in der Dunkelheit verschwunden. Die Party ist vorbei. Diese beiden Schiffe werden sich nie wieder auf hoher See begegnen, wie sie es soviele Jahre alle paar Tage getan haben.

Jetzt ist die MS Lofoten das dienstälteste Postschiff der Hurtigruten und auch sie soll in wenigen Jahren außer Dienst gestellt werden. Dann bleiben nur die großen, modernen Casinodampfer mit Showprogramm und Black Jack Tischen. Wer noch einmal auf einem der alten Postschiffe fahren möchte, sollte das nicht mehr auf die lange Bank schieben.