Samstag, 10. März 2012

Svenja geht auf Kreuzfahrt

"Was meinst du?", frage ich Claudia und halte abwechselnd zwei knallig bunte Miniröcke vor mich: "Nehme ich den pinken, oder lieber den gelben Jeansmini mit? Der pinke passt perfekt zu Pina Collada, aber der gelbe sieht schöner aus zu Mai Tai." 
 
Claudia sieht mich mit großen Augen ungläubig an und ringt sichtbar um Fassung, bevor sie antwortet: "Keinen von beiden. Wir gehen doch nicht in die Disco. Du brauchst warme Sachen, Daunenmantel, Stiefel, Mütze, Schal und Handschuhe."

"Du hast aber gesagt, du lädst mich zu einer Kreuzfahrt ein und ich weiß genau, wie man da angezogen ist. Die Leute sitzen am Swimming Pool, halten bunte Drinks mit Schirmchen in der Hand und sind braungebrannt, fröhlich, jung und sexy, während sie sich gegenseitig mit Sonnenöl einreiben."

"Ja schon, Tinky Winky, aber du meinst Barbados im Sommer auf der AIDAsol und wir fahren im Winter auf der MS Lofoten über den nörlichen Polarkreis."

"Das klingt aber gar nicht fröhlich.", gebe ich skeptisch zurück.

"Doch, du wirst sehen, das macht sogar viel Spaß. Wir fahren auf einem alten Postschiff die norwegische Küste entlang und vielleicht sehen wir sogar Nordlicht. Das ist wunderschön. Du warst doch so begeistert von Norwegen."

"Also keinen Pool und keine Liegestühle, in denen man wie hingegossen den ganzen Tag mit einem Drink sitzen und sexy aussehen kann?" Ich merke, wie mein Interesse an dieser Reise erlahmt.

"Nein.", seufzt Claudia. "Einen Pool gibt es leider nicht. Der wäre ja auch zugefroren, aber natürlich kannst du dich trotzdem irgendwo hinsetzen und sexy aussehen, wenn es das ist, was du gerne möchtest.

Ganz sicher aber wirst du das Essen lieben. Dreimal pro Tag gibt es Buffet. Mittags und abends mit internationalen Gerichten und sehr viel frischem Fisch. Du kannst zusehen, wie die Fischkisten morgens an Bord gehievt werden und derselbe Fisch abends schon auf deinem Teller liegt. Es gibt Lachs und andere Seefische, Garnelen, Langusten, Krabben und Muscheln. Das liebst du doch."

"Ja, schon, ich mag Fisch, aber farblich passt er zu gar nix.", gebe ich leicht muffelig zurück, auch wenn mein Interesse an dieser Reise gerade wieder zunimmt. "Na gut, ich fahre mit.", gebe ich huldvoll meine Entscheidung bekannt. "Aber ich nehme keine einzige Hose mit." füge ich mit leicht bockigem Unterton hinzu.

"Du machst ja sowieso was du willst, Tinky Winky. Dann nimm wenigstens dicke Strickstrumpfhosen und deine Leggings mit. Wir werden ganz sicher die einzigen Passagiere im Nordmeer sein, die nichts als Kleider und Miniröcke bei sich haben. Aber bitte tu mir einen Gefallen: Lass wenigstens die goldenen Ballerinas hier...

Fazit: Übermorgen fahren Claudia, Pieps und ich mit der Color Fantasy nach Oslo, steigen dort in die Bergenbahn und fahren quer durch Norwegen bis nach Bergen. Dort steigen wir in die MS Lofoten und fahren zwei Wochen die norwegische Küste entlang. Bei Hurtigruten könnt ihr jederzeit sehen, wo wir gerade sind und es gibt sogar eine Webcam auf dem Schiff. Vielleicht wink ich mal...

"Nur weil du ins Nordmeer fährst, musst du ja nicht shice angezogen sein, Baby."

Sonntag, 4. März 2012

Abends im Cabaret

"Und wieviel Plätze hat das Theater insgesamt?", fragt mich eine ältere Dame mit weißen Haaren, die mir schon eine ganze Weile hinterher rennt. Was will die Else von mir? 

"Das weiß ich doch nicht.", gebe ich schnippisch zurück, aber so schnell gibt die Dame nicht auf: "Ist das Stück heute abend sehr nah am Film inszeniert?"

Pass mal auf, Käte, nur weil ich einen roten Pelzmantel, ein Kleid und hohe Schuhe trage, gehöre ich noch lange nicht zum Ensemble. 

Tatsächlich aber presse ich mit einem Rest Höflichkeit hervor: "Keine Ahnung, ich gehöre nicht dazu. Ich bin auch nur Publikum." Sie sieht mich missbilligend an und zieht mit ihren Girls entäuscht von dannen.

Den Film kenne ich nicht einmal. Ich bin nur hier, weil ich das Plakat mit den halb­nackten Tänze­rinnen gesehen habe und weil Claudia mich ein­ge­laden hat. Außerdem gibt es nicht allzu viele Gelegenheiten, zu denen man einen roten Pelz­mantel und High Heels tragen kann. 

An diesem Abend bin ich mit Claudia im Kieler Schauspielhaus, um das Musical Cabaret anzusehen, aber noch bevor der erste Gong zur Vorstellung ertönt, machen wir bereits die merkwürdigsten Bekanntschaften. 

Ein unbekannter Mann mittleren Alters wünscht uns mehrfach einen schönen Abend und versorgt uns schon im nächsten Satz mit der Information, dass seine Freundin ihn heute verlassen habe. Er sei gerade dabei, sie zurückzuerobern  und hält dabei zwei Glas Leitungswasser in der Hand. "Mit Leitungswasser?", frage ich und gebe mir keine Mühe, den Sarkasmus in meiner Stimme zu verbergen. Gerade als er dieses Foto von uns macht, kommt seine Verflossene um die Ecke und verbreitet eine Stimmung, wie Jesus am Karfreitag. Sie ist so eine Baumstreichlerin in einer geringelten Strickstrumpfhose. Vermutlich ist Wasser in diesem Fall wohl doch genau das Richtige.


Kaum ist das hoffnungslose Paar verschwunden, hat Claudia wieder etwas an mir herumzumeckern: "Den Leuten ungefragt Kleidungs- und Beziehungstipps zu geben, das mag gerade noch angehen, aber du solltest wildfremde Menschen wirklich nicht 'Baby' nennen." 

"Na und? Weiß ich vielleicht, wie der Typ in Wirklichkeit heißt? Und seine Else hatte auch vorher schon miese Laune. Da hatte ich ihn noch nicht einmal  Baby genannt und gesagt, wie gut er heute abend aussieht. Ich dachte,  dann freut sie sich vielleicht und nimmt ihn eher wieder zurück. Ich meins ja immer nur gut."

"Ja," seufzt Claudia. "Den beiden hast du ganz sicher den Abend vergoldet, Tinky Winky. Jetzt kommen sie bestimmt wieder miteinander ins Gespräch."

Als es zur Pause klingelt, drängen 408 Leute zu den Ausgängen. Während wir zur Bar stöckeln, rennen die Amateure, wie gewohnt, zuerst zum Lokus. Dabei ist dafür nach dem dritten Gong noch Zeit genug, wenn alle wieder ihre Plätze einnehmen. Die Waschräume sind dann völlig frei und man kann sich später unter großem "Darf ich mal? Entschuldigung. Danke schön." durch die Reihen zwängen, während alle noch einmal aufstehen müssen.

Nach der Vorstellung sitzen wir noch eine Weile in der Künstlerkantine, wo ich einem jungen, ziemlich gut aussehenden Typen vorschwärme, wie gut mir der Clifford Bradshaw in dem Stück gefallen hat. Natürlich weiß ich, dass er selbst der Schauspieler ist, aber weil die Künstler nach dem Abschminken in ihren Alltagsklamotten kaum wiederzuerkennen sind (Wie ich selbst, hmpff...), halte ich die Rolle eine Weile durch, bis wir beide lachen müssen. Es ist Rudi Hindenburg, der nach der Schauspielschule seine erste Spielzeit in Kiel verbringt.

Auf dem Rückweg kommen wir an Krauses Gastspiel vorbei, wo an diesem Abend eine geschlossene Gesellschaft stattfindet. Wir tun so, als wüssten wir das nicht und mischen uns so unauffällig, wie das in einem roten Pelzmantel eben möglich ist, unter die Gäste. Es ist eine Geburtstagsparty, aber alle sind schon viel zu betrunken ist, um noch zu wissen, wer wirklich dazugehört. Nur das Geburtstagskind selbst, ein stocknüchterner Typ im roten Strickpulli, sieht mich misstrauisch an, während ich fleißig seinen Sekt trinke. "Netter Geburtstag, Baby.", proste ich ihm fröhlich zu, weil ich keinen Schimmer habe, wie der Typ heißt. Das Essen haben wir wohl leider verpasst, aber der Sekt ist klasse, reichlich und umsonst.

Fazit: Als ich am frühen Sonntagmorgen aus dem Taxi steige und mit leicht unsicheren Schritten zu meiner Wohnung stöckele, zwitschern schon die ersten Vögel in den Bäumen. Welch ein toller Abend das war. Ich sollte wirklich wieder öfter ins Theater gehen.

Kleid: Pulli von Vero Moda, 19,90 €
Strumpfhose: Wolford Velvet de Luxe 50 (ein Geschenk)
Mantel: Roter Webpelz, Leihgabe von Claudia
Pumps: 5th Avenue, 49,90 €
Soviel Spaß zu haben: Einfach unbezahlbar ...

Sonntag, 12. Februar 2012

Frauen ab 50

Als Mann brauchst du nur halbwegs in Form zu bleiben und kannst dich mit etwas Glück in eine Reihe mit dem Marlboromann, Clint Eastwood, oder den coolen Camel Typen aus der Werbung stellen. Du darfst bloß nicht aus dem Leim gehen und auf keinen Fall anfangen,  Strickjacken, Birkenstocks, oder beige zu tragen.

In meinem ersten Leben habe ich dem Alter gelassen entge­gen­ge­sehen, denn was das anging, stand ich voll auf der Gewinner­seite. Meine schwarzen Haare würden allmählich von grauen Strähnen durchzogen werden und mein Gesicht ein paar sympathische Fältchen entwickeln.

Noch mit 65 Jahren würde ich vorm Alters­heim mit jungen­haftem Lächeln von meiner Enduro steigen, den Helm abnehmen, meine graue Mähne ausschütteln und ein strahlendes Gewinner­lächeln auf die umstehende Damen­welt werfen.

Inzwischen ist es aber eher Mutter Beimer und nicht mehr Clint Eastwood, die mir in Aussicht steht. Für Frauen gelten nämlich andere Wertvorstellungen und Idole, was das Altern betrifft. Alter Käse, alter Wein? Wunderbar. Aber ein alter Pfirsich, eine alte Tomate?

In meiner neuen Welt sind Fältchen und graue Haare kein bisschen cool und sympathisch, sondern einfach alt. Jedes Jahr muss ich ein wenig mehr Aufwand betreiben, um halbwegs presentable zum Dienst zu erscheinen. Mein tolles Permanent MakeUp allein reicht dafür schon lange nicht mehr aus und es wird immer deutlicher, dass ich im ewigen Kampf um Jugend und Schönheit immer mehr an Boden verliere.

Während dem Mann im Alter eine breite Auswahl tougher Role Models zur Verfügung steht, sieht das für Frauen wesentlich schwieriger aus. Die bekannten Idole aus Werbung, Funk und Fernsehen sind allesamt erschütternd jung, unnatürlich schlank und beneidenswert sexy. Was immer sie anziehen, was immer sie tun, sie sehen umwerfend dabei aus.

Was also sind meine Möglichkeiten? Aufgeben? Die Pumps gegen Bio-Clogs tauschen, Bequemhosen mit Stretchbündchen tragen und mir die Haare kurz schneiden lassen, weil das irgendwie praktischer ist? Never! Das kann ich nicht machen, damit würde ich mich selbst verraten.

Wohlgemerkt: Weder gegen Birkenstocks, Bequemhosen oder Kurzhaarfrisuren ist irgendetwas einzuwenden, nur für mich ist das nichts.

Wenn Aufzugeben keine Option ist, dann bleibt nur Eines: Eine Kurskorrektur, eine Neuorientierung. Ich muss mich komplett neu erfinden und mein eigenes toughes Role Model einer Frau ab 50 sein, mein eigenes Marlborogirl, in einer Mischung aus Lara Croft, Katherine Hepburn, einem Hauch Laszivität der älteren Sophia Loren und ganz viel Svenja.


Fazit: Älter zu werden ist für Frauen noch unlustiger als für Männer, weil die sichtbaren Zeichen des Alters bei Frauen viel weniger positiv besetzt sind, als bei den Jungs. Mutter Beimers Falten sind nicht halb so cool, wie die Kanten im Gesicht von Clint Eastwood.

Deshalb schaffe ich ab heute mein eigenes Rollenbild einer toughen Frau ab 50. Sie ist stark und unabhängig, altert in Würde, bleibt schlank, pflegt sich und trägt ihren eigenen Style. Cool ist, was SIE gerade trägt. Sie handelt so klug, wie sie es vermag und ist trotzdem jederzeit bereit, etwas völlig Verrücktes zu tun. Das ist meine Agenda Svenja 2012 für das Leben einer Frau ab 50. Und diese Frau bin ich...

Donnerstag, 2. Februar 2012

Yippie ya yeah, Schweinebacke

"Als ob ich was dafür kann, wenn der Typ keine Ahnung von Autos hat.", entrüste ich mich lautstark. "Ich hab doch nur zu ihm gesagt: 'Pass mal auf, Meister. Entweder du kannst Auto fahren, oder du kannst das nicht.'"

"Der Verkäufer hat doch nur höflich darauf hingewiesen, dass es für den Motor eines solchen Sportwagens besser wäre, ihn erst warm zu fahren und nicht gleich mit quiet­schen­den Reifen aus der Halle zu driften."

"Es ist ja wohl nicht meine Schuld, wenn die sich Omas Badezimmerfliesen in ihren Showroom legen, oder? Da gehören Warnschilder hin, so glatt sind die. Und außerdem war der Motor ja gleich warm. Vorne an der Ausfahrt ist schon der Lüfter angesprungen. "

Claudia schüttelt den Kopf: "Hör mal, Tinky Winky. Du kannst nicht überall in Kiel die größten Schlitten probefahren und dann mit einem charmanten 'Ich überlegs mir noch mal.' im kurzen Rock vom Hof stöckeln. Das gehört sich nicht."

"Und warum heißt das dann wohl Probefahrt?", gebe ich leicht rotzig zurück.

Claudia rollt mit den Augen: "Weshalb muss es überhaupt so ein schwerer Wagen sein? Mein Twingo läuft doch auch prima mit seinen 75 PS."

Diesmal bin ich es, die mit den Augen rollt. "Ja, tolle Maschine.", erwidere ich lahm. "So eine hatte ich in meinem Chevy auch. Um die Sitze zu verstellen..."

Claudia seufzt, wie sie es immer tut, wenn sie merkt, dass ich im Recht bin: "Dann fahr doch nächstes Mal wenigstens so lange vorsichtig, bis wir außer Sicht sind. Und lass die Maschine abkühlen, bevor du den Wagen wieder auf den Hof stellst. Die waren ohnehin sauer, weil du die "kurze Probefahrt" um gute fünf Stunden überzogen hast. Der Meister hatte schon die Polizei in der Leitung, als du mit rauchenden Reifen wieder auf den Hof gefahren bist."

"Die sind doch selbst Schuld. Dann sollen sie eben keine nuschelnden Verkäufer einstellen. Ich hatte echt VIER STUNDEN verstanden und nicht eine Viertelstunde. Und dieser blöde Stau vor Bremen der war im Navi nicht angezeigt."

"Nun reg dich mal wieder ab.", lenkt Claudia ein. "Ich bin doch nur froh, dass in diesem anderen schwarzen Flitzer für über 100.000 € extra Schonbezüge und Gummi­matten lagen. Den hättest du ja sonst nie wieder sauber gekriegt."

"ICH? Wieso denn ICH?", komme ich aus der Höhle. "Den sollen die mal schön selbst wieder sauber machen. Ich hab diesem Dressman gleich gesagt, ich fahr lieber alleine Probe, aber er musste ja unbedingt mitkommen. Ich seh ihn noch vor mir in seiner tutigen Maserati Krawatte, wie er flötet: 'Politik des Hauses. Wir stehen unseren Kunden auch während der Testfahrten beratend zur Seite.' Ist doch nicht mein Problem, wenn der Schlipsträger einen schwachen Magen hat.

Egal, morgen nach Dienstschluss brauche ich dich. Zieh dir was Elegantes an, wir müssen zu Porsche. Das Reden überlässt du mir. Du heißt 'Margery' und hälst dich dezent im Hintergrund. Wenn ich dich anspreche, sagst du nur: "Sehr wohl, Milady." und machst die ganze Zeit total auf etepetete. Morgen müssen wir ein bisschen Eindruck schinden, ich brauch die  Karre nämlich übers Wochenende und die sollen uns nicht für irgendwelche Probefahrt-Parasiten halten."

"Wie könnte jemand auch nur auf diese Idee kommen?", erwidert Claudia und schaut mit ironischem Blick über den Goldrand ihrer Brille. "Außerdem hast du doch selbst ein Auto. Wieso also brauchst du den Porsche?"

"Ich war gestern im Lagezentrum und da habe ich gehört, dass zum Wochenende mal wieder eine Cannonball über die Vogelfluglinie reinkommt. Die fahren in Richtung Schweiz weiter. Dafür brauchen wir ja wohl eine vernünftige Karre, oder meinst du, wir können in deinem Twingo mithalten, wo der doch immerhin 75 PS hat?", erwidere ich mit vor Ironie tropfender Stimme.  "Nein," erwidert Claudia und klingt dabei etwas kleinlaut. "Das können wir dann wohl nicht..."

Fazit: Das Pendel schwingt zurück und die Girly Whirly Phase geht ihrem Ende entgegen. Ich entdecke gerade alte Leidenschaften neu, habe mir einen brandneuen Camaro angesehen, werde eine KTM probefahren und habe mir am Wochenende nach langer Zeit wieder Bruce Willis in "Die Hard" angesehen. 

Das ist gerade sowas von cool: Das Leben ist wieder wie früher, nur eben Svenja. Genau SO habe ich mir das gewünscht. Und jetzt rufe ich noch einmal bei Chevy an. Die sollen rote Nummern an den gelben Camaro schrauben. Yippie ya yeah, Schweinebacke...

Sonntag, 29. Januar 2012

Das Outing - 75 Monate danach

"Einen Moment Ruhe bitte, ihr Lieben.", rufe ich in die Runde und klopfe ener­gisch an mein Glas. Unter vielen "Psst!" und "Svenja will eine Rede halten." kehrt allmählich Ruhe ein.

"Sechs Jahre und drei Monate ist es her, dass ich euch am Ende der Frühbe­sprechung darum bat, noch einen Moment sitzen zu bleiben, weil ich eine Kleinigkeit anzusagen hatte." 

Ich nehme das Portraitfoto eines Mannes mit Dreitagebart aus meiner Mappe und halte es den Kollegen entgegen. 

"Kennt ihr diesen hier noch? Das war Sven. Seit meinem Outing ist eine Menge passiert und ich denke, ihr erinnert euch noch gut an das gruselige erste Jahr, als ich bei der Klamottenwahl ein paarmal ziemlich daneben gelegen habe, oder?!" Erleichtertes Gelächter, ich merke, wie das Eis bricht. Für die anderen ist das Thema vermutlich schwieriger als für mich.

"Ich möchte euch heute einmal danke sagen für euren Beistand und eure Geduld. Ich weiß, dass es zu Anfang nicht immer einfach war. Aber durch die tatkräftige Unterstützung unserer Krankenabteilung und mit der Hilfe von Douglas, Deichmann und H&M habe ich es dann ja doch noch ganz gut hinbekommen."

Ich sitze im Kreis meiner Kollegen in einem Besprechungsraum  des LKA und fühle mich rundherum wohl. Heute gebe ich auf meinen 50. Geburtstag nachträglich ein Essen für die Kollegen aus. Vom Partyservice unserer Küche habe ich ein Spanferkel anliefern lassen und das Essen war absolut erstklassig. Jetzt sitzen alle satt und zufrieden an ihren Tischen und hören mir aufmerksam zu.

"Ja," sagt Wolf, ein Kollege mit dem ich schon vor 20 Jahren auf dem Wagen gesessen habe, "und ich erinnere mich noch, wie wir in deinem roten Chevy Pickup zum Einsatz gefahren sind und du bei rot quer über diese riesige Kreuzung in Neumünster gedriftet bist. Wochenlang waren die schwarzen Striche zu sehen." "Stimmt, ich erinnere mich daran.", erwidere ich lachend. "Aber das war ich gar nicht,  das war noch Sven."

"Ja," erwidert Jens trocken, "und heute kannst du nicht mal mehr richtig Autofahren." Alle lachen. "Hmpff...", mache ich ein angemessenes Geräusch und gucke leicht säuerlich in die Runde.

"Jedenfalls wollte ich heute einfach mal danke sagen. Ich denke, dass haben wir zusammen ziemlich gut hinbekommen."

"Auch wenn wir dich manchmal noch ER nennen? Das ist ist aber nicht böse gemeint.", wendet eine Kollegin ein. "Man muss sich ja erst mal daran gewöhnen."

"Erst einmal daran gewöhnen...", erwidere ich leicht knurrig. "Sechs Jahre! In dieser Zeit bringe ich einem Schimpansen das Klavier­spielen bei. Vielleicht nicht auf Konzert­niveau, aber für kleinere Auftritte reicht es ganz sicher. Das sollte doch wirklich Zeit genug sein, um sich allmählich umzugewöhnen."
 
"Die Hauptsache ist doch aber, dass du glücklich bist.", sagt ausgerechnet ein Kollege, von dem ich das am wenigsten erwartet hatte. "Stimmt.", sage ich, "Und das bin ich."

Fazit: Die Landespolizei Schleswig-Holstein ist ein ziemlich moderner und aufgeklärter Haufen. Natürlich sind wir keine Kuscheltruppe und dumme Sprüche gab es hinter meinem Rücken vermutlich genug, aber ich habe mich nicht unterkriegen lassen und mich immer wieder durchgebissen. Aber solange noch Kollegen in Karottenjeans, Oberhemd und Leibchen zum Dienst kommen, werde ich nie die schrägste Gestalt in unserem Laden sein... :-)

Sonntag, 22. Januar 2012

Sechs Dinge, die ich nie wieder kaufen werde


Lady Cavendish's Alibi scheint mir mehr als dürftig zu sein, solange sie bei ihrer Behauptung bleibt, sie habe bereits geschlafen, als ihr Mann aus Badger's Drift ins Herrenhaus zurück­ge­kehrt ist. 
  
Während mein Kollege, Inspector Barnaby, ihre Aussage zu Protokoll nimmt, sehe ich mich ein wenig auf dem Landsitz der Cavendishs um, wo ich DCI Barnaby an diesem Abend bei seinen Ermitt­lun­gen begleite.

Die Kamera schwenkt nach links und fährt langsam hinüber in den Salon. Ich betrachte die Einrichtung, sehe Lampen, Möbel, Teppiche, Vasen und viele schöne Dinge.

Dabei fällt mir auf, dass sie etwas gemeinsam haben: Alle machen den Eindruck, als seien sie von hoher Qualität und schon vor langer Zeit angeschafft worden, ohne etwas von ihrer Schönheit und Funktionalität eingebüßt zu haben.

Wenn man es klug anstellt, dann braucht man einige Dinge nur ein einziges Mal im Leben zu kaufen und danach nie wieder. Vielleicht mag ich deshalb keine Sonderangebote. Mein Geld ist knapp und deshalb kaufe ich nur das Beste. Sonderangebote kann ich mir nicht mehr leisten.

Ich formuliere einen Wunsch, betrachte ihn von allen Seiten, hole Informationen ein, wäge Alternativen ab und entscheide mich am Ende für den einen, besten Gegenstand. Der soll es sein. Kein anderer. Der Preis ist nur wichtig, wenn es gleichwertige Alternativen für weniger Geld gibt.

Der alte Lord Cavendish hat die klassischen Empire Leuchter auf dem Kaminsims sicher auch nicht im Sonderangebot erstanden und was die Cavendishs mir an Geld voraushaben, das mache ich mit Geduld wieder wett, denn ich kann warten.

Was sind das für Gegenstände, die man nur ein einziges Mal zu kaufen braucht, wenn man es gleich richtig anstellt? Ich habe keinesfalls Antiquitäten im Sinn, sondern ganz alltägliche Dinge, von denen ich sogar einige bereits besitze.

Lautsprecherboxen. Ein gutes Paar Boxen hält ein Leben lang. Vor 17 Jahren habe ich  PC-Boxen von Cambridge Soundworks gekauft und noch immer stellen sie Vieles in den Schatten, das ich bisher am Computer gehört habe. Heute freue ich mich, dass ich damals etwas Gutes gekauft habe, denn seit ich keinen Fernseher und keine Stereoanlage mehr besitze, sind sie an meinem iMac doppelt wertvoll.

Ein guter Füllfederhalter. Seit 14 Jahren schreibe ich mit einem Pelikan M600 und er wird immer besser. Die Goldfeder ist inzwischen perfekt auf meine Hand eingeschrieben. In zehn oder zwanzig Jahren werde ich ihn sicher einmal zum Füllhalter Doktor zur Inspektion bringen, aber ansonsten scheint er für die Ewigkeit gemacht.

Möbel. Gute Möbel überdauern Jahrhunderte und obwohl ich möbliert wohne, habe ich doch drei eigene Möbelstücke. Einen Ohrensessel, einen Bürosessel aus Büffelleder, der seit 19 Jahren immer schöner wird und dieses wunderschöne Bett aus weißem Palisanderholz, das ich aus Indien über einen Versandhandel für Kolonialmöbel bestellt habe. Massive, alte Handwerksarbeit, unglaublich schwer, stabil und teuer, aber ich werde nie wieder ein anderes Bett kaufen müssen. 

Töpfe und Pfannen. Ein Jahr lang habe ich auf meinen Skeppshult aus gegossenem Roheisen gespart.  In keinem Topf gelingt Daube Provencale besser als in diesem. Und auf meinen Motorradreisen brate ich seit neun Jahren in einer Titanpfanne von Trangia,  die kaum mehr als 100 g wiegt und trotzdem unverwüstlich ist.

Werkzeug. Für mein Motorrad benutze ich nur Markenwerkzeug von Gedore und Hazet. Jeden einzelnen Schlüssel, jede Nuss und jeden Schraubendreher habe ich sorgfältig ausgewählt. Wer soviele Schrauben wie ich mit billigem Werkzeug aus dem Baumarkt ruiniert hat, der weiß, was gutes Werkzeug wert ist.

Messer. Mit meinem  Buck Vanguard bin ich beim Endurowandern jeder Herausforderung gewachsen, vom Schneiden der Entrecotes über Feuerholz machen, bis zur Bekämpfung Aufständischer.

Mein Leben ist übersichtlich und ich möchte nur wenige Dinge besitzen, aber die sollen von höchster Qualität sein. Sie müssen die Zeit überdauern, gut aussehen, Klasse haben und mir lange Freude bereiten. Der Preis ist nicht so wichtig, denn ich habe die Geduld, um lange für meine Wünsche zu sparen.

Fazit: Es gibt sicher noch weitere Gegenstände, die bei kluger Auswahl und angemessener Pflege ein Leben lang halten können und wo das Hochwertige und Teure am Ende das beste Angebot ist. Inzwischen achte ich darauf, möglichst nur noch solche Artikel anzuschaffen. Auf welche Gegenstände mag das noch zutreffen?

Am Ende war es übrigens doch nicht die alte Lady Cavendish, die ihrem Mann hinübergeholfen hat, sondern ein Earl of SoUndSo aus dem Ruderclub, aber die ganze Geschichte war so verworren, dass ich nicht alles verstanden habe. Barnaby hat die Sache letztlich aufgeklärt. Ich habe mehr auf die Einrichtung geachtet...

Mittwoch, 11. Januar 2012

Svenja wird 50

Heute werde ich 50 und kann kaum fassen, welch ein unglaub­lich aufregender und langer Ritt schon hinter mir liegt. Dabei habe ich es wirklich geschafft, auch wenn ich manch­mal verzweifelt war.

Kurze Bestandsaufnahme. Gesundheit? Ich bin total gesund, oder zumindest schlecht untersucht, und habe auch keine Weh­weh­chen außer diesem blöden Genick, das mal zerbrochen war. Inzwischen habe ich ein neues aus Titan und Beckenknochen, das mir fast besser gefällt, als das alte. 

Ich lebe als Frau in einem möblierten 1-Zimmer Apartment mitten in der City, zahle eine lächerlich geringe Miete und habe trotzdem einen begehbaren Kleiderschrank, einen schönen Ohrensessel und einen sensationellen Balkon, wo auf einer alten Expeditionskiste mein heiß geliebter Elektrogrill steht. Und sollte ich doch einmal neue Möbel brauchen, dann ziehe ich eben um. 

Partnerschaft? Nee, ich glaube, das ist nichts mehr für mich. Nach einer Phase der Einsamkeit bin ich heute wieder Single aus Leidenschaft und tue nur, was mir gefällt: Lesen bis der Augenarzt kommt, viel schlafen, endlos am Computer sitzen, wochenlang mit der Enduro zum Zelten fahren, immer nur Fleisch essen und nie wieder Stefan Raab im Fernsehen sehen müssen.

Freunde? Claudia und Pieps und damit der kleinste Freundeskreis der Welt. Zusammen sind wir schon über 120 Jahre alt. Drei coole Girls im besten Alter... :-)

Beruf? Ich bin schon fast 30 Jahre bei der Kripo, aber nie bin ich lieber und unbeschwerter zum Dienst gegangen, als in den vergangenen sechs Jahren. Meine Verwandelung hat dort keine allzu große Rolle gespielt und unser ärztlicher Dienst hat mir geholfen, wo er nur konnte.

Neid? Never. Ich habe doch selbst einmal ein großes Haus besessen und erinnere mich nur zu gut daran: Rasen mähen, Hecke schneiden, Zaun reparieren, Dachrinne reinigen, Heizung kaputt, wieder Rasen mähen, Schnee fegen, Straßenreinigung, Gebühren, Abgaben, nochmal Rasen mähen und dann drückt Wasser durch die Wand...

Mehr als Wohnen kann man nicht und heute brauche ich keine Viertelstunde, um mein Leben in Kiel auf Eis zu legen und mit der Enduro auf Reisen zu gehen: Ich habe keine Tiere und keine Pflanzen, alle Rechnungen werden per Lastschrift bezahlt und ich kriege auch nichts geliefert, das abbestellt werden müsste, keine Milch und keine Zeitung. 

Fazit: Heute ist mein fünfzigster Geburtstag und ich fühle mich glücklich. Mein Leben ist so, wie ich es mir eingerichtet habe. Es gibt darin auch hässliche Depriphasen, aber deren Haltbarkeit übertrifft nur noch selten die von frischen Erdbeeren.

Und würde mir nicht ab und zu ein Fingernagel abbrechen, oder eine Laufmasche meine schönen Strumpfhosen ruinieren, und bekäme Buffalo dann noch diese einen grauen Keilstiefel in 41 wieder rein, dann wäre mein Leben tatsächlich ziemlich perfekt...

Herzlichen Glückwunsch zum Fünfzigsten, liebe Svenja.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Zukunftspläne

Ich bin ein totaler Planungs­freak. Wichtiges und weniger Wichtiges wer­den aufge­schrie­ben, notiert, kal­ku­liert, geplant, festgehalten und nach­bereitet. Das hilft mir, meine Gedanken zu ordnen.

Besonders aktiv bin ich zum Jahreswechsel. Dann schmiede ich neue Pläne, denke nach, for­mu­liere Wünsche und Ab­sich­ten und stelle jedes neue Jahr unter ein eigenes Motto. 2012 wird das Jahr, in dem ich hinter mir aufräume.

Das Thema Gewicht nehme ich mit ins neue Jahr hinüber. In 2011 habe ich es nicht immer geschafft, unter 83 Kilo zu bleiben und um es interessanter zu machen, habe ich das Ziel noch einmal um drei Kilo angeschärft. Ziele dürfen niemals leicht zu erreichen sein.

Das transThema hingegen ist weitgehend durch und soll mit dem Posting zur Personenstandsänderung allmählich erledigt sein. Es beschäftigt mich nur noch selten, so wie mich auch meine Führerscheinprüfung, die Grundausbildung, oder die Zeit im Krankenhaus nicht mehr jeden Tag beschäftigen. Eine Weile sind das wichtige Themen und man erzählt gerne von diesem einen total fiesen Fahrprüfer, der extra die winzigste Parklücke ausgesucht hat und wie man da trotzdem reingekommen ist. Doch irgendwann fährt man schon jahrelang sein eigenes Auto und denkt kaum jemals an die Fahrprüfung zurück. So ähnlich ergeht es mir in meinem siebenten Jahr als Svenja.

Auch über die Vergangenheit werde ich nicht mehr auf eine Weise schreiben, der man den Schmerz über den Verlust von Familie, Freunden und Bekannten anmerkt. Das liegt hinter mir und ich lasse jetzt los. Dieses Ziel wird vermutlich am schwersten zu erreichen sein, aber Ziele dürfen niemals einfach sein.

Die Sache mit den ehelichen Schulden habe ich inzwischen perfekt geregelt, Das knechtet mich nicht länger. Nach zehn Jahren werde ich alles zurückgezahlt haben und sechs davon sind schon um. Dafür schäme ich mich nicht, sondern bin eher stolz darauf, mich nicht in die Insolvenz-Unterhalts-Hartz-IV-Lösung ge­flüch­tet zu haben, sondern in zähen Ver­hand­lungen nach endlosen Mahnbe­scheiden und eini­gen demütigenden Besuchen des Gerichts­voll­zie­hers alles alleine geregelt zu haben: Hingefallen, aufgestanden, Krone gerade gerückt, Nase hoch­ge­zogen und weitergestöckelt.

2012 soll wieder ein extrem aktives Motorradjahr mit mehreren großen Touren werden. Für die Sommerreise habe ich fünf Wochen Urlaub ein­ge­plant, obwohl ich noch nicht einmal genau weiß, wohin es geht. Ich werde viele tausend Kilometer auf meiner Enduro fahren, werde Grenzen überschreiten, Neues bestaunen, nette Menschen kennenlernen und abends vorm Zelt die besten Steaks braten, die ich auftreiben kann. Noch bin ich jung und alles ist möglich. Wenn ich erstmal dreißig bin...

Fazit: 2012 soll ein fulminantes Jahr werden und ich bin schon heute gespannt, ob ich alle Ziele erreichen kann. 

Außerdem hat Claudie für nächstes Jahr eine sagenhafte Über­raschung angekündigt, die mich beinahe umgehauen hat, als ich davon gehört habe. Nur soviel: Es ist nichts Kleines, nichts Selbstgebasteltes und man bräuchte mehr als eine Rolle Geschenkpapier, um es einzuwickeln. Doch das ist Thema für einen anderen Tag. Frohes Neues Jahr, ihr Lieben.

PS: Es hat Irritationen gegeben wegen der "Menschen, die mir nicht gut tun". Es ist keiner meiner Blogleser gemeint. Weder aktuelle, noch frühere...

Montag, 26. Dezember 2011

Svenjas Jahresrückblick


Ohne dass ich es bemerkt habe, sind schon lange Ruhe und Normalität in meinen Alltag ein­ge­kehrt. Ich führe ein ziemlich durch­schnitt­liches, aber sehr ausge­gli­chenes und glück­liches Leben. Ich mache meinen Dienst, genieße die Wochen­enden und bin gut zu mir selbst.

Februar
Ich verbringe eine Woche beim BKA in Wies­baden, lerne einige neue Kollegen kennen und kann es kaum glauben, nicht schon immer als KHK'in Svenja meinen Dienst versehen zu haben.

März
Aus heiterem Himmel überrascht mich eine schlimme depressive Verstimmung. Mein Haus­arzt überweist mich zum Therapeuten, aber ich entscheide mich dagegen und suche allein den Weg zurück ans Licht. Ich brauche einige Wochen bis ich diese merkwürdige Depression überwunden habe, aber letztlich schaffe ich es aus eigener Kraft, wieder gesund  zu werden. Meine Güte, was war das denn?

April
Es geht mir wieder gut. Ein Motor­rad­magazin veröffentlicht einen Artikel über mich, bzw. über meine Website Svendura.de. Ich freue mich so sehr, dass ich jeden Moment vor Stolz zu platzen drohe.
Mai
Mit meiner kleinen Motorradclique verbringe ich ein aufregendes Wochenende auf der dänischen Insel Rømø, wo wir uns mit unseren Enduros am Strand austoben und gemeinsam eine tolle Zeit verbringen.



Juni
Ich habe fünf Wochen Urlaub und fahre mit Pieps zusammen auf dem Motorrad mit Zelt und Schlafsack nach Schottland. Es wird die wunderbare Reise meines Lebens und ich schreibe einen sehr langen und tief empfundenen Reisebericht darüber.

Juli und August
Ich arbeite viel und sitze nach Feierabend meistens auf meinem großen Balkon, wo ich auf dem Elektrogrill kiloweise Steaks atomisiere. Nebenbei arbeite ich zusammen mit Claudia an dem Bericht über meine Schottlandreise.



September 
Mit einem Motorradkumpel fahre ich zum Saisonabschluss für eine Woche mit der Enduro nach Schweden. Die dritte Motorradreise in diesem Jahr.



Oktober
Meine Freundin Claudia feiert ihren 70. Geburtstag und es wird eine ziemlich abgefahrene Partynacht.







November
Ein Schreiben der Pflegeversicherung gibt den Anstoß dazu, endlich meinen Personenstand ändern zu lassen. Die kleine Formalie ist schnell erledigt.

Dezember
Das fünfte Jahr ohne Fernseher und allmählich geht mir der Platz für weitere Bücher aus. Svenja denkt praktisch und kauft ein Amazon Kindle.
Weihnachten feiere ich ein fulminantes Fest in fröhlicher Stimmung mit bestem Essen und bekomme einige wunderschöne Geschenke.








Fazit: Ich habe alle Ziele erreicht, die ich mir für dieses Jahr gesteckt hatte. Außerdem bin ich gesund und schlank geblieben, ernähre mich gut, verzichte weitgehend auf Alkohol und schlafe so gut wie schon immer. Dafür bin ich dankbar und glücklich. Es ging mir nie besser als heute. 2011 war ein gutes Jahr.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Der größte Fan, den Weihnachten je hatte

Freitagmorgen halb sechs und der Radiowecker spielt Wonderful Dream, mein absolutes Lieblings Weihnachtslied.

In bester Laune wühle ich mich aus den Federn und gähne ins Bad. Im Vorbeischweben drehe ich das Radio voll auf, damit ich unter der Dusche weiterhören kann. 

Noch etwas verschlafen springe ich unter die viel zu heiße Brause und verwandele mein Bad in kürzester Zeit in eine Dampfsauna  aus beschla­genen Spiegeln, Musik und guter Laune.

Meine Güte, bin ich gut drauf. So früh am Morgen gehe ich mir damit manchmal selbst auf den Wecker. Ich trockne mich ab, stelle mich kurz auf die Waage und überlege schon, was ich heute anziehen soll. Kurzes Kleid, oder extrem kurzes? Overknees oder Overknees?

Übermorgen ist der vierte Advent und so fröhlich wie in diesem Jahr ist die Weihnachtszeit schon lange nicht mehr gewesen. Im siebenten Jahr ohne Familie habe ich Weihnachten endlich wiederentdeckt, besinnlich, feierlich, fröhlich und so gut gelaunt, wie man nur sein kann.

Den Heiligabend werde ich zuhause mit Claudia verbringen. Ich brate uns eine leckere Knusperente mit Rotkohl und habe auch schon eine besonders edele Flasche Rotwein dazu besorgt. (Für den Preis muss sie jedenfalls edel sein. Ich habe nicht gewusst, dass man mehr als 3 € für eine Flasche Wein ausgeben kann.)

Für den ersten Weihnachtstag habe ich einen Tisch im Ratskeller bestellt, wo ich mir die große Dammwildplatte vornehmen werde und dazu den besten Wein bestelle, den der Ratskeller zu bieten hat. Danach geht es auf die Piste.

Den zweiten Feiertag brauche ich zum Erholen. Ich werde mein langes, rotes Kuschel Nachthemd gar nicht erst ausziehen und es mir zuhause so richtig gemütlich machen. Den ganzen Tag über wird die dicke, rote Weihnachtskerze brennen und iTunes eine endlose Playlist klassischer Weihnachtslieder spielen, bis die Besinnlichkeit mir fast aus den Ohren kommt. Dazu werde ich computern, vielleicht etwas bloggen, mir nebenbei eine halbe Ente braten und nichts tun, außer den ganzen Tag in meinem Ohrensessel zu lümmeln und auf dem neuen Kindle zu lesen.

Fazit: Ich liebe Weihnachten. Es ist ein schönes Fest, ein fröhliches Fest, ein bittersüßes Fest und endlich sage ich wieder aus vollem Herzen: "Der größte Fan, den Weihnachten jemals hatte, das bin ich." 

Fröhliche Weihnachten, ihr Lieben.

Montag, 5. Dezember 2011

Svenja unboxing the Kindle

"Guten Tag, Svenja, wir freuen uns, dass Sie sich für den Kindle entschieden haben.", steht auf dem Display meines neuen Amazon Kindle. Der kennt mich schon und dabei habe ich noch gar nichts gemacht. Oh, ich liebe es, ein neues Spielzeug auszu­packen. Ganz darüber hinweg bin ich wohl doch noch nicht.

Sofort fällt mir der hochwertige Eindruck auf, den das Gerät auf mich macht. Es fasst sich sehr gut an, irgendwie warm und nicht zu glatt und kein bisschen nach Billigplastik.

Nach dem Einschalten ist das Display sofort da. Wow, der Kindle reagiert sehr schnell auf meine Eingaben. In einem einfachen Dialog richte ich das Gerät ein. Es fragt nach meiner WiFi Verbindung und ich muss mit der Bildschirm­tastatur den WPA Key eingeben.

Das Eingeben des Schlüssels ist total einfach, denn die Bildschirmtastatur lässt sich mit dem Cursorkreuz sehr gut bedienen. Das ist zwar zuerst ein wenig umständlich, aber wer so oft wie ich in der Spielhalle seinen Namen bei Space Invaders in die High Score Liste eingegeben hat, der bewältigt das im Schlaf. Dabei fällt immer wieder auf, wie nimble and quick der Kindle reagiert. Das kenne ich von meinem iPod Touch anders. Der reagiert langsamer.

Zwei Sekunden später bin ich bereits online. "Inhalte werden geladen", erscheint auf dem Display. Vor ein paar Tagen habe ich mir bei Amazon nämlich schon zwei Leseproben auf den Kindle schicken lassen, bevor ich ihn überhaupt hatte. Die Biographie von Steve Jobs und das Fantasyepos A Game of Thrones und beide werden jetzt automatisch geladen. Wenige Sekunden später erscheinen die Leseproben bereits auf dem Display. Wow, ist das cool. Whispersync nennt Amazon diese Technik.

Das Display ist unglaublich scharf und steht völlig ruhig. Die Technik nennt sich Electronik Ink, kurz eInk, oder auch Liquid Paper.

Leider gibt mein Schnappschuss den wirklichen Bildeindruck der Anzeige nicht überzeugend wieder, aber das liegt an meinem Foto.

Der wahre Eindruck ist einer gedruckten Buch­seite sehr ähnlich und wie bei einem Buch, braucht man auch für den Kindle genügend Licht zum Lesen, denn das Display ist nicht hinter­leuchtet und deshalb perfekt für die Augen.

Die Bedienung des Kindle ist babyeierleicht, denn die Menüs erklären sich von selbst. Die Bedie­nungs­anleitung liegt kluger­weise gleich auf dem Bildschirm, aber es stand nichts darin, dass ich nicht auch selbst herausgefunden hätte.

Fazit: Bis jetzt bin ich noch in der Test-, Spiel- und Begeisterungsphase, aber der erste Ein­druck meines neuen E-Book Readers ist sogar etwas besser als erhofft. Jetzt muss ich erstmal ein paar hundert Seiten lesen und danach weiß ich, ob ich das Papier gedruckter Bücher vermisse, oder eben nicht. 

Samstag, 3. Dezember 2011

After Work Svenja Style

Jeden Tag derselbe Rhythmus: Auf­stehen, anziehen, zum Dienst, nach Hause, einkaufen, Haus­ar­beit, essen, schlafen und am näch­sten Morgen dasselbe von vorn. Dabei mag ich meine Arbeit und gehe ausge­sprochen gerne zum Dienst, aber manchmal ist mir das allein zu wenig.

Ich könnte zu einer der After Work Partys gehen, auf denen sich moderne Menschen aus Werbung, Beratung und Medien­branche immer wieder donnerstags zum Feiern treffen, nur meistens schlafe ich um diese Zeit schon längst.

Zweimal habe ich es ausprobiert und war einmal sogar naiv genug, bereits um 22 Uhr im Trafo aufzutauchen, wo ich eine geschlagene Stunde allein mit dem Barmann am Tresen saß, bis endlich die anderen Gäste, fröhlich, ausgeruht und perfekt gestylt, aufgetaucht sind.

Heute aber liege ich prima in der Zeit. Es ist erst 16 Uhr, als ich meine Haustür aufschließe, mit etwas Puder das MakeUp ausbessere und sofort wieder losstöckele. So schnell die spitzen Absätze tragen, klackere ich den Knooper Weg hinunter zum Chelsey, wo gleich meine eigene kleine After Work Party stattfindet.

Das Ganze ist wirklich keine große Sache, aber für mich ist es genau so perfekt: Gleich nach dem Dienst treffen wir uns mit zwei, drei Freundinnen, je nachdem wer gerade Zeit hat, und lassen gemeinsam den Arbeitstag hinter uns. Es wird geredet, gelacht und erzählt, wir trinken etwas Wein oder Kaffee und ich esse jedes Mal einen dieser leckeren Tramezzinis mit Thunfisch, die Eddy so unvergleichlich gut hinbekommt.

Fazit: Wenn ich gegen 20 Uhr von meiner kleinen After Work Party nach Hause komme, dann bin ich total ausgeglichen und zufrieden. Ich kicke die Pumps von den Füßen, ziehe meinen Nickianzug an und habe das gute Gefühl, dass ich etwas von meinem Tag hatte und heute nicht nur für die Arbeit gelebt habe. Mich zu unterhalten, gemeinsam etwas zu trinken, zu lachen und einfach eine gute Zeit zu haben, das ist After Work Svenja Style :-)

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Svenja bestellt ein Amazon Kindle

Ich mag Bücher und das nicht nur wegen ihres Inhalts. Sie riechen gut, fassen sich gut an und man kann sie prima in der Wohnung herumliegen lassen, um Besucher mit seinem Literaturverständnis zu beeindrucken. Wo bei anderen nur die HörZu liegt, habe ich neben mei­nem Ohrensessel sorgfältig den neuen John Sinclair  drapiert.

Beim Kauf eines eBook Readers geht es aber weniger um die Entscheidung für ein Gerät, sondern darum, sich für eine der beiden eBook-Welten zu entscheiden, für Amazon, oder für den Rest der Welt. Der Kindle ist an das Bücher­an­gebot von Amazon gebunden, während die übrigen Geräte aus verschiedenen Quellen mit Lesestoff gefüttert werden können. So gesehen klingt es unlogisch, sich den Kindle zu kaufen.

Dennoch fiel mir die Entscheidung für Amazon leicht, und das nicht nur, weil ich dort schon seit 1998 einkaufe und in dieser Zeit kein einziges Mal entäuscht worden bin, sondern auch aus ganz handfesten Gründen.

Große Auswahl
Die Auswahl an eBooks kann Ende 2011 noch nicht mit dem Angebot gedruckter Bücher mithalten, aber sie holt atemberaubend schnell auf und die Verfügbarkeit englischer und deutscher Bücher erscheint mir bei Amazon am größten und am besten sortiert zu sein.

Kostenlose Leseproben
Ich bin nur zwei Mausklicks und fünf Sekunden entfernt von einer kostenlosen Leseprobe auf meinem Kindle. Das ist sowas von kewl. Ich entdecke ein Buch, betrachte das Cover, lese die Inhaltsangabe und vertiefe mich in die Rezensionen. Falls ich jetzt noch unsicher bin, klicke ich auf Jetzt Leseprobe schicken. Das kann ich entweder direkt auf dem Kindle machen, oder an einem beliebigen Computer. Wenige Sekunden später habe ich das erste Kapitel auf meinem Kindle.

Rezensionen
Bei Amazon kann jeder Kunde Kritiken schreiben und die sind nicht nur sehr hilfreich, sondern haben oft auch einen hohen Unterhaltungswert. Ich selbst habe vom Jeansmini bis zum Raquelettegrill schon alles mögliche besprochen. Obwohl ich manchmal erstaunt bin, nach welchen Kriterien einige Rezensenten ihre Bewertungen vergeben. (Wie kann ein Buch zuviel Blut, zuviele Monster und zuwenig Handlung haben? Und wie kann jemand von "tief empfunden, anspruchsvoller Erzählweise und moderner Romantik" schreiben und trotzdem fünf Sterne vergeben?)

Rückgabe
Sollte ich beim Kauf doch einmal daneben gegriffen haben, kann ich das Buch innerhalb einer Woche zurückgeben. Amazon entfernt das Buch aus meiner Bibliothek, löscht es vom Kindle und erstattet mir den Kaufpreis. Ich glaube zwar nicht, dass ich das jemals nutzen werde, aber es gibt mir zusätzliche Sicherheit beim Bestellen teurer Bücher.

Zahlung per Lastschrift
Um ein Haar hätte ich mir den neuen Kobo Touch zugelegt und dann auch meine Bücher bei Kobo gekauft, aber eines der Gegenargumente war die ausschließliche Zahlung per Kreditkarte oder Paypal (megaätz!). Amazon hingegen zieht das Geld von meinem Girokonto ein, nachdem die Ware versendet wurde.

Der Kindle
Ich habe mich mit dem 99 € Kindle für das kleinste und günstigste Modell mit eInk Display entschieden. Das kleine Gerät wiegt nur 170 g und ist 114 mm breit. Den werde ich zum Lesen sicher leicht in einer Hand halten können, wie ich es so gerne tue. Das hervorragende eInk Display ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben und steht dem Eindruck von Druckfarbe auf Papier kaum nach.

Fazit: Ich werde dem eBook eine echte Chance einräumen und bin schon sehr gespannt darauf, wie sich das Leseerlebnis auf lange Sicht vom Lesen eines gedruckten Buches unterscheidet. Dennoch soll mich der Kindle nicht ganz davon abhalten, auch künftig einige Bücher aus Papier zu kaufen.

Vergangene Weihnachten habe ich mir einen echten Skeppshult geschenkt und in diesem Jahr habe ich mir ein Amazon Kindle bestellt. Seit ich keinen Fernseher mehr habe, ist das Lesen wieder sehr wichtig für mich und es vergeht kein Monat, in dem ich nicht einige Bücher kaufe. Inzwischen sind Buchhandlungen für mich so gefährlich wie Schuhgeschäfte: Wenn ich erstmal drin bin, wirds teuer...

Sonntag, 27. November 2011

Svenja im Wirtshaus

Wir stehen draußen vorm Wirtshaus und mir ist kalt. Wir haben zwei Plätze für das große Brunchbuffet gebucht und ich will endlich rein, aber Claudia muss noch etwas loswerden: "Hör zu, Tinky Winky, du weißt doch noch, wie wir uns am Buffet beneh­men, oder?", fragt sie mich und guckt schon jetzt irgendwie total miss­bil­ligend, obwohl ich noch gar nichts gemacht habe. Schließlich stehen wir ja noch draußen.

Ich weiß, was Claudia hören will und ohne jede Betonung leiere ich hastig meinen Text herunter: "Wir dürfen soviel essen, wie wir wollen und wir könn' immer wieder nach­nehmen. Und des­halb brauch ich auch meinen Teller nicht so vollzuhäufen, dass mir der Krab­bensalat wieder auf die Stie­fel tropft.", verdrehe ich die Augen.

Und es bedeutet auch nicht," setzt Claudia unbeirrt ihren Vortrag fort, "dass du dich so maßlos mit Aufschnitt, Bra­ten, Fisch und Krabben voll­stop­fen musst, wie damals im Chagall und du nachher wieder jammerst: Mir ist so schlecht, ich muss raus, ich will nachhause.", äfft sie albern meine Stimme nach.

Oh, wie ich das hasse, wenn Leute Stimmen nachmachen, um einen möglichst blöd aussehen zu lassen, dabei hatte ich im Chagall nur eine gastritische Verstimmung, weil ich in der Woche vorher immer soviel gearbeitet habe. Aber Claudia ist noch nicht fertig: "Und es ist auch NICHT so, dass alles verloren ist, was du nicht mehr in dich hineinstopfen kannst.", fährt Claudia in ihrem Spießer­vortrag fort, den ich bestimmt schon tausendmal gehört habe. "Und es ist dem Gastwirt gegenüber sehr unhöflich, wenn du nur bergeweise Roastbeef, Braten, Lachs und Krabben auf den Teller häufst und überhaupt kein Brot nimmst."

"Ich hatte WOHL Brot genommen letztes Mal.", gebe ich entrüstet zurück. "Ich wusste ja nur nicht, dass man das mitessen soll. Ich dachte, es ist wie auf dem Weihnachtsmarkt, wo wir Champig­nons mit Knob­lauch­sauce in diesen essbaren Scha­len hatten. Die haben wir hinterher ja auch weg­ge­schmissen.", bekomme ich allmählich wieder Oberwasser.

Mit einem Kopfschütteln öffnet Claudia die Tür zum Wirtshaus und wir dürfen endlich reingehen. Am Ende kann ich sie eben doch immer überzeugen.

Eine Kellnerin im feschen Dirndl weist uns einen prima Platz oben auf der Gallerie zu und schenkt uns gleich die ersten Becher Kaffee ein.

Von hier oben habe ich das Buffet genau im Blick und sehe sofort, wenn etwas Neues hingestellt wird. Ich bin nämlich ein totaler Gastronomieprofi mit Schwerpunkt auf Buffets und weiß natürlich ganz genau, wie man sich da benimmt und worauf es ankommt.


Die Amateure erkennt man von hier oben sofort, weil sie schon zu Anfang gleich Fleischsalat und Mettwurst nehmen. Und jede Menge Brot natürlich. Dabei ist das Billigzeug immer bis zuletzt da, aber bei Krabben und Roastbeef machen sie später eine lange Nase. Amateure, denke ich und fülle mir den Teller bis zum Rand mit Roastbeef. Obenauf lege ich eine winzige Scheibe Brot, damit es für den Gastwirt höflich aussieht und damit Claudia nicht gleich wieder rumzetert.

Und natürlich möchte man gerne auch den Preis fürs Buffet wieder reinholen und da liege ich schon nach dem ersten Teller Bratenaufschnitt ganz gut im Rennen.

Die 14,90 € für den Groupon dürfte ich auch ohne die drei Becher Kaffee und den Orangensaft längst wieder drin haben. Wir sind also auf jeden Fall schon auf der sicheren Seite.

Puh, bin ich satt. Ich kann gleich nicht mehr. Aus­ge­rechnet jetzt kommen noch einmal zwei frische Schwei­ne­braten heiß aus der Küche und der Haufen mit dem Roastbeef wird auch nicht kleiner.

Und die Fischplatte, was ist mit der Fischplatte? Davon hatte ich fast noch gar nichts. Ich könnte heulen, das ist doch alles bezahlt, das kann man doch nicht hierlassen. Einmal muss ich noch gehen. Ich werde dazu einen meiner geheimen Profitricks anwenden und mir einen Linie Aquavit zur Verdauung und ein Glas Wein zum Zeitschinden bestellen. Daran halte ich mich solange fest, bis ich wieder Hunger kriege. Obwohl mir gerade ein bisschen komisch zumute wird: "Claudie, können wir jetzt bitte nach Hause gehen? Mir ist nicht so gut. Ich muss an die frische Luft. Ich glaub, ich krieg wieder eine Verstimmung."

Fazit: Das Wirtshaus in Kiel begeistert mich. So gut hatte ich es mir nicht vorgestellt. Man sitzt gemütlich auf zwei Etagen und hat von der Galerie einen tollen Blick hinunter ins Lokal und auf das Buffet. Es sind viele bestens geschulte Kellnerinnen in bayrischer Tracht unterwegs, die endlos Kaffee, Tee und Orangensaft nachfüllen und überhaupt sehr aufmerksam und freundlich sind. 

Sonntags gibt es ein sagenhaft gutes Brunchbuffet mit einer großen Auswahl warmer und kalter Speisen von erstaunlicher Qualität und Frische. Die warmen Gerichte werden von einem Koch in weißer Mütze vorgelegt, der die ganze Zeit hinter dem Buffet steht und auch Sonderwünsche erfüllt: "Kann ich bitte eine dicke Scheibe Schweinebraten haben? Nein, nicht die. Die andere. Die da vorne mit dem dicken Fettrand."

Donnerstag, 24. November 2011

Die Personenstandsänderung

"Ich leb' jetzt ja sechs Jahre länger.", platze ich unvermittelt in die Stille hinein. 

Claudia lässt ihr Sudoku sinken und sieht mich fragend an: "Wie kommst du denn darauf?"
"Nur so.", erwidere ich schnippisch. Mit einem Kopfschütteln wendet sie sich wieder ihrem Sudoku zu.

"Und ich könnte einen Mann heiraten.", spiele ich weiter die Geheimnisvolle. "Komplett mit alles: Hochzeitsmarsch, Kirche, weißes Kleid, Eheberatung, Scheidung und fette Alimente. Und den Hund und das Haus behalte diesmal ich!"

"Sag mal, hast du Tabletten genommen?"
"Nein, wieso?"
"Solltest du vielleicht.", murmelt Claudia und glotzt wieder auf ihr langweiliges Sudoku.

Jetzt halte ich es nicht mehr länger aus. Ich ziehe den gelben Briefumschlag vom Gericht hervor und wedele damit aufgeregt vor ihrer Nase herum: "Ich bin endlich eine Frau!", platzt es aufgeregt aus mir heraus.

"Die Personenstandsänderung ist durch? Herzlichen Glückwunsch, meine Liebe. Ich freue mich für dich, aber du warst doch schon immer eine Frau."
"Ja schon, aber nicht so. Jetzt hab ich endlich die totale Gleichberechtigung. Also auch juristisch und so."
"Und so?", fragt Claudia und zieht dabei das "o" fragend in die Länge, obwohl sie genau weiß, dass ich diese Oberlehrermasche absolut nicht leiden kann. "Was soll sich denn noch ändern, außer einigen rechtlichen Aspekten bei der Eheschließung?", hakt sie weiter kritisch nach.
"Na alles eben." erwidere ich aufgebracht und bin erschüttert, wie wenig Claudia in rechtlichen Dingen bewandert ist. "Also, na zum Beispiel, diese ganzen Sachen eben... Einfach ALLES. Das ist total kompliziertes Juristenzeug, das würdest du sowieso nicht verstehen."

"Nein,", sagt Claudia. "Das würde ich wohl nicht."


Und dann nach einer kurzen Pause: "Hör mal, Tinky Winky, das ist wirklich eine schöne Sache mit deiner Personenstandsänderung und ich freue mich von Herzen für dich, aber damit ändert sich sonst gar nichts. Rechtlich haben wir die Gleichstellung mit den Männern doch längst erreicht. Du darfst wählen, Hosen tragen und in manchen Landkreisen sogar Auto fahren. Allerdings  musst du inzwischen auch genauso lange arbeiten wie ein Mann." 

Hosen tragen, Auto fahren. Einer von Claudias typischen Gabelwitzen, wo man sich erst mit der Gabel unterm Arm kratzen muss, damit man lachen kann. "Warum sollte ich denn Hosen tragen? Und arbeiten? Ich bin doch Beamtin.", zahle ich es ihr in gleicher Münze zurück.

"Ach, hör auf mit dem Unsinn. Du weißt doch genau, was ich meine. Tatsächlich ändert sich damit nur sehr wenig. Soweit ich weiß, ist hauptsächlich die Eheschließung davon betroffen: Vorher konntest du eine Frau heiraten, oder mit einem Mann die Lebenspartnerschaft eingehen und jetzt ist es umgekehrt. 

Das Einzige, wo es sich wirklich bezahlt macht, ist bei deiner Autoversicherung. Frauen verursachen weniger Unfälle und zahlen deshalb weniger Haftpflicht. Sie fahren eben besser Auto."

"Frauen fahren besser Auto?", setze ich mit Entrüstung in der Stimme zu meinem alten Standardvortrag an, bis mir gerade rechtzeitig noch einfällt, dass ich ja jetzt für die andere Seite fahre: "Ja, genau, weiß doch jeder.", stimme ich ihr eilig zu. "Ich saß neulich in einem Dienstwagen, den hatte vorher ein Mann gefahren und weißt du, worauf der Innenspiegel eingestellt war? Na? Auf die Heckscheibe. Männer..."

Claudia schüttelt den Kopf und wendet sich endgültig wieder ihrem Zahlenrätsel zu. Sie ist echt meine allerbeste Freundin, aber eine tiefgründige Diskussion über anspruchsvolle Themen kann man mit ihr nicht führen.

Fazit: Ich freue mich sehr über die Personenstandsänderung, denn sie ist ein weiterer Schritt in Richtung Normalität. Tatsächlich aber ändert sich dadurch wenig für mich, denn in Deutschland sind die rechtlichen Konsequenzen gering. Allenfalls beim Strafantritt ist es noch entscheidend dafür, ob man in den Frauen- oder Männerknast kommt.

In einem Land wie Saudi Arabien hingegen, wären die Rechtsfolgen gravierend: Ich dürfte nicht mehr Auto fahren und meine Zeugenaussage wäre vor Gericht nur noch halb soviel wert, wie die eines Mannes. Nein, ich denke, wir haben großes Glück, in einem freien Land wie Deutschland zu leben, wo wir nur ein wenig an unserem Passing zu arbeiten brauchen, um glücklich unser Leben als Frau führen zu können. Ich bin jedenfalls fest entschlossen, genau das zu tun.

Dienstag, 22. November 2011

Wo ist mein Nivea?

Habe ich heute Tomaten auf den Augen? Ich stehe vor dem NIVEA Regal und kann mein Mascara nicht finden. Lash Revolution in der blauen Packung. Das kaufe ich immer, weil es diese abgewinkelte Bürste hat, mit der ich mir endlich nicht mehr die Nasenspitze bemale. 

Und eine neue Flasche Make Up brauche ich auch. Mein Stay Real ist zwar noch halb voll, aber ich habe gerne einen Vorrat im Haus. Man weiß ja nie, wann die nächste Latina Minirockparty losgeht und wenn dann gerade das Make Up alle ist...

Dafür scheint NIVEA jetzt eine neue Produktlinie zu haben: Astor. Komischer Name, ich kenne nur die Zigarettenmarke, weil meine Tante die raucht.

Eine Verkäuferin klärt mich auf: "Nivea gibts nicht mehr. Also, gibt es schon noch, aber die machen keine Kosmetik mehr. Nur noch Cremes. Aber Astor hat auch sehr schöne Kosmetik."

Eine Recherche im Internet bestätigt die Aussage der jungen Verkäuferin. Nivea trennt sich von jedem fünften Produkt und die dekorative Kosmetik wird sogar komplett eingestampt. Dabei wurde Nivea Beauté erst 1998 mit großen Erwartungen aus der Taufe gehoben.

Ich bin entäuscht. Nivea hatte wunderbares MakeUp, ausgezeichnete Kajalstifte und meinen Lieblings Wimpernroller, den Lash Revolution. Und eine kleine Armada zweifarbiger Lidschatten steht auch in meinem Schrank. An mir hat es also nicht gelegen, wenn mit Nivea Beauté kein Geld verdient wurde.

NIVEA Creme? Ich liebe die typische blaue Dose mit der wunderbaren Creme, die so aromatisch riecht. Aber ob die davon leben können? Mit einer Dose NIVEA Creme komme ich jahrelang aus, aber Kosmetik habe ich laufend nachgekauft und auch jedes neue MakeUp getestet und probeweise mindestens einmal gekauft. 

Als Kundin bin ich sauer und weiß nicht einmal auf wen. Auf eine Marke? Auf den Konzern Beiersdorf? Nein, ich bin entäuscht und fühle mich als Kundin fallen gelassen. Dabei hat NIVEA sonst einen erstklassigen Kundendienst. Ich habe einmal einen Verbesserungsvorschlag für die Verpackung des Stay Real Make Up eingebracht und der ist tatsächlich umgesetzt worden.

Fazit: Mein leckeres Duschgel, Cashmere Moments, werde ich auch weiterhin kaufen und ebenso die tolle Handwaschseife, die im Januarheft von TEST gewonnen hat, aber ansonsten ist NIVEA für mich Geschichte.

Samstag, 19. November 2011

Aufgelegt

Das Telefon klingelt: "Guten Tag, hier spricht Gaby Röster. Ich rufe an im Auftrag der Energie­bera­tung Nord. Ich möchte..." 

Norma­ler­weise lege ich an dieser Stelle wortlos auf, aber nicht heute: "Oh, wie schön, dass sie wieder anrufen. Beim letzten Mal sind wir ja leider unter­brochen worden (weil ich wütend auf­gelegt habe). Ich brauche nämlich noch ein paar Informationen."

"Welche Informationen brauchen Sie?" Gaby wittert Morgenluft. Ein Abschluss rückt in greifbare Nähe.
"Nur ein paar allgemeine Angaben. Also für welches Unternehmen Sie genau anrufen und ob sie eine Natürliche Person sind."
"Eine natürliche Person?"
 "Ja, keine Ahnung, was das soll. Alles verstehe ich auch nicht, was man hier ausfüllen soll."
 "Was ausfüllen?"
 "Na, dieses Formular von der Bundesnetzagentur. Das, womit man diese blöden Werbeanrufe anzeigen kann. Ach ja, und ich soll noch fragen, ob..."
 
klick
 
"Hallo, Frau Röster? Gaby...?!", aber Frau Röster hat aufgelegt, Ich halte das Telefon auf Armeslänge von mir und zeige ihm den Mittelfinger. Jahrelang haben diese ätzenden Werbeanrufer mich genervt, aber ab heute schlägt Svenja-and-the-City, der Blog für den rebellischen Leser, zurück, und das geht so:

Man klickt auf die Seite der Bundesnetzagentur und lädt sich dieses Anzeigeformular herunter. Am Bildschirm ausfüllen, drucken und unterschrieben an die Bundesnetzagentur schicken. Das Formular ist voradressiert und passt perfekt in einen Fensterumschlag. Fünf Minuten Arbeit, aber eine große Genugtuung für meine kleine Seele.

Fazit: Werbeanrufe nerven, aber man kann etwas dagegen tun. Sogenannte ColdCalls, das sind Werbeanrufe ohne vorherige Einwilligung, sind nämlich verboten und werden mit Geldbußen bis zu 50.000 EUR geahndet. Und wenn ich mithelfen kann, auch nur einem einzigen dieser widerwärtigen CallCenter Parasiten das Handwerk zu legen, dann bin ich dabei.


Sonntag, 30. Oktober 2011

Claudia wird 70

Eine wunderschöne, violette Orchideen­blüte liegt oben auf meinem Salat. "Die ist essbar.", versichert mir der Ober, während er die gebratenen Jacobs­muscheln serviert. Meine Güte, ist das nobel hier.

Heute ist Claudias 70. Geburtstag und sie hat Pieps und mich ins Kieler Schloss eingeladen. 

70? Wenn ich Claudie so ansehe, wie sie mir gegenübersitzt und mit fröhlichem Gesicht und großen, neugierigen Augen die Jacobsmuschel in sich reinmampft, dann kann ich es kaum fassen, dass meine beste Freundin heute 70 wird. Heute werden wir einmal wieder richtig auf den Kaktus hauen, schließlich soll man seine jungen Jahre nutzen.


Als Claudia dem freundlichen Ober vorschlägt, ein paar Fotos von uns zu machen, ist er von der Idee mindestens ebenso begeistert wie wir. Während Claudia ihm die Bedienung der Kamera erklärt, ziehe ich unauffällig mein Kleid ein paar Zentimeter höher. Schließlich sind wir im Schloss und da sollte eine Frau sich von ihrer besten Seite zu zeigen.


Elegant schreiten wir über den dicken roten Teppich, der aber leider nur in die Tiefgarage unter dem Schloss führt, wo Claudias Auto steht. Minuten später zirkelt sie den Twingo geschickt in eine kleine Parklücke direkt vor dem Birdcage.

Aber was ist das? Nur eine Handvoll Schwuler sitzt mit muffigem Blick am Tresen, während auf den Fensterplätzen gelbe Zettel liegen, auf die jemand mit Kugelschreiber "reserviert" geschrieben hat. Ich frage Micha, den Wirt vom Birdy, was denn los sei. Er berichtet uns, dass die Tische für einen Junggesellinnenabschied reserviert sind.

"Yeah!", sagen Claudie und ich fast unisono, denn wir erinnern uns noch sehr gerne an unsere letzte Bachelorette Party. Und jetzt begreifen wir auch, weshalb die Typen am Tresen so muffig aus der Wäsche schauen.

Ich sitze noch an meinem ersten Glas Wein, als plötzlich die Tür aufgerissen wird und ein halbes Dutzend wirklich heißer Girls hereinkommen. Es sind junge Russinen, die als slutty Pirates verkleidet sind und mit der zukünftigen Braut den Abschied aus dem Junggesellinnenleben feiern wollen.

Die Mädchen haben ganz offensichtlich keine Ahnung, wo sie gelandet sind und machen sich mit Begeisterung über drei Jungschwuppen her, die bis dahin still in einer Ecke saßen.

Sie haben zwar mit Girls absolut nichts am Hut, aber für lustige Menschen, Spaß und Tanzen sind sie immer zu haben und machen engagiert mit.

Die älteren Schwulen verziehen dagegen keine Mine und starren weiterhin unbeteiligt und etwas entnervt in ihre Biergläser.

Die Russinen wissen, wie man feiert und wie man trinkt. In kürzester Zeit verwandelt sich das Birdy in einen Hexenkessel aus Discomusik, tanzenden Girls, Heten und Schwuppen, während fortwährend große Tabletts mit Xuxu herumgereicht werden, einem Teufelszeug aus Erdbeer und Vodka, von dem bekannt ist, dass es rauf ebensogut schmeckt wie runter. Ich schaffe es erfolgreich, mir das Zeug vom Leib zu halten und komme mit einem einzigen Shooter davon, während Claudia ohnehin nur Kaffee trinkt, weil sie noch fahren muss.

Auf dem Höhepunkt der Stimmung, als die zukünftige Braut sich in ihrem slutty Pirate Outfit auf die Bar setzt, während der Typ neben ihr nur gequält in die andere Richtung sieht, öffnet sich die Tür und eine zweite, überwiegend blonde, Bachelorette Party schneit herein.

Der Erste, den die Mädchen wahrnehme ist eine von den Jungschwuppen, die mit nacktem Oberkörper tanzt und alles tut, um ihren Waschbrettbauch zur Geltung zu bringen. Die Mädchen sind begeistert und die Braut, die eine pinkfarbene Perücke trägt, winkt den Rest ihrer Braut Zwerge hinein.

Inzwischen ist es brechend voll im Birdy und tanzen kann man nur noch, indem man im Stehen mit den Hüften wackelt, oder wie die russischen Mädchen auf Stühlen und Tischen tanzt.

In dem Moment, als Ruslana mich fragt: "Titten lecken?", weiß ich, dass es Zeit ist, zu gehen. Mit einem lässigen "Später vielleicht, Baby.", vertröste ich sie und bin für einen Moment ganz hingerissen von meiner eigenen Charakterstärke.

Während ich die Mäntel hole, kümmert Claudie sich um die Barrechnung und kurz darauf fahren wir schon weiter durch das nächtliche Kiel. Wir sind uns einig, dass es bis jetzt ein ziemlich gelungener Geburtstag ist.

Wir fahren zu Krauses Gastspiel in die Holtenauer, einer wunderbaren, kleinen Bar direkt neben dem Schauspielhaus, die außerdem für ihre gute Küche bekannt ist. Die ruhige Atmosphäre bei Krause mit leiser Barmusik und sanftem Kerzenschein ist genau das Richige nach dem Hexenkessel im Birdy. Ich trinke noch ein letztes Glas Wein, bevor es Zeit wird, nachhause zu fahren. Als Claudia mich vor meiner Haustür absetzt, bin ich ziemlich erledigt und freue mich auf mein Bett. Welch ein Abend...


Fazit: Ich habe schon an einigen Geburtstagsfeiern zum 70. teilgenommen, aber irgendwie habe ich diese Gerontenpartys ganz anders in Erinnerung, wenn Schwiegereltern, Omis und Patentanten zum Kuchenbuffet geladen hatten. So eine wilde Party, wie zu Claudies Siebzigstem, erlebt man auf vielen Dreißiger Parties nicht. Danke, Claudie, das war eine tolle Party. Mal sehen, was geschieht, wenn wir in ein paar Wochen meinen Fünfzigsten feiern...