Freitag, 26. Juni 2009

7 Tipps für ein besseres Passing - Verhalten

Wir verhalten uns natürlich und entspannt. Wir bewegen uns selbstbewusst, dabei locker und mit lässiger Selbstverständlichkeit. Wir benehmen uns nicht wie Kerle in Frauenkleidern und wir vermeiden jedes tuckige Rumgetranse.

Dieser Teil der Serie ist am schwierigsten zu vermitteln und ich hoffe, dass es mir gelingt. Es geht um Authentizität. Authentisch bedeutet 'echt' und 'als Original empfunden'.

Ich möchte euch ein Beispiel geben, vielleicht kennt ihr die Situation: ihr sitzt irgendwo in der Fußgängerzone, in einem Café, oder in einer Bar. Um euch herum sind viele Menschen, aber keiner von ihnen fällt euch speziell auf. Es ist ein menschliches Hintergrundrauschen und alle verhalten sich ungefähr so, wie man es von ihnen erwarten kann. Keinerlei Auffälligkeiten. Ein Jeder scheint seinen Platz genau zu kennen. Plötzlich aber werdet ihr auf eine einzelne Person aufmerksam. Sie verhält sich nicht so, wie sie soll, nicht so, wie es unserer Erwartung entspricht. Jetzt ist unsere Aufmerksamkeit geweckt. Wir schauen hin, wir geben Acht, wir wollen ergründen. Was ist mit dem denn los?

An dieser Stelle kommt unser Verhalten ins Spiel. Solange wir uns ganz natürlich verhalten und uns mit lockerer Selbstverständlichkeit bewegen, solange wir ein Puzzleteil am richtigen Platz sind, solange fallen wir kaum auf. Wenn man das gut hinbekommen, funktioniert das sogar dann, wenn das optische Passing nicht so toll ist. Der Grund dafür ist einfach zu erklären: Kein Mensch schaut genau hin, solange es keinen Grund dafür gibt, genau hinzuschauen. Wir fliegen ganz sauber unter dem Radar.

Svenja Fußgängerzone Kiel

Leider ist genau das der Grund dafür, weshalb es bei kleinen Kindern oft nicht klappt, denn die sind neugierig und beobachten ganz genau. Schon ein paar mal haben mich kleine Kinder gefragt: "Bist du ein Mann?" Den Müttern war das immer total peinlich. "Ich bin beides," habe ich dann ganz freundlich geantwortet. Mit dieser Erklärung kommen Kinder anscheinend ganz gut zurecht.

Als Transsexuelle ist es am Anfang total schwierig, sich locker und selbstsicher zu bewegen. Wie denn auch? In der ersten Zeit unserer Metamorphose sind wir alle mehr oder weniger noch Männer in Frauenkleidern. Wir haben anfangs große Angst vor Spot und vor Entdeckung. Falls wir uns noch nicht überall geoutet haben, ist es ein Albtraum, plötzlich unserem Chef, oder den Jungs vom Kegelclub über den Weg zu laufen. Puh, welch eine Anspannung, wie soll man sich da locker bewegen? Und ein Mensch, der Angst hat, der bewegt sich auch wie ein Mensch, der Angst hat. Überhaupt nicht natürlich, sondern hölzern und unsicher.

Deshalb müssen wir unser Verhalten vorher ein wenig üben. Am leichtesten fällt das an Plätzen, wo man sich sicher fühlt. Mein Tipp sind die regelmäßigen Treffen der Transgender Selbsthilfegruppen, die es in fast allen größeren Städten gibt. Unsere SHG trifft sich monatlich zum Stammtisch in einer Kneipe. Für viele ist das die Gelegenheit, zum ersten Mal im Leben als Frau an die Öffentlichkeit zu gehen. Anschließend ziehen wir oft noch weiter in eine Bar und lachen, tanzen und unterhalten uns, solange wir durchhalten. Diese Abende sind gut geeignet, um sich an die neue Rolle als Frau zu gewöhnen. Letztlich müßt ihr euch immer wieder ausprobieren und allmählich ein ganz neues Verhalten erlernen.

Doch so schnell es geht müßt ihr dann aus der Sicherheit nächtlicher Szenebars heraus ans helle Tageslicht kommen. Zum Beispiel vormittags in der Shopping Mall, wenn die Geschäfte gerade erst aufgemacht haben, dann in aller Ruhe shoppen gehen. Schuhe anprobieren, mit Verkäuferinnen sprechen, im Café sitzen, bei Bijou Brigitte alle Ohrringe anschauen, aber vor allem eine gute Zeit haben und richtig viel Freude an der neuen Rolle als Frau empfinden.

Ein Geheimnis, weshalb mein eigener Weg so reibungslos verlaufen ist, war mit Sicherheit meine gute Laune und mein Spaß am neuen Leben als Frau. Na klar mußte ich oft über mich selbst lachen, wenn der Rock mal wieder zu kurz war, oder wenn der Bartschatten durchs Camouflage wuchs. Und ein echtes Highlight natürlich meine blonde Phase, als ich unbedingt eine echte Blondine sein wollte. Holy Moly, wie haben das die Kollegen nur ausgehalten?

Ich habe bestimmt jeden Fehler begangen, den man nur machen kann, aber ich hab trotzdem Spaß dabei gehabt und mich ganz selbstbewußt bewegt. Und irgendwann war ich drüben. Ich hatte erfolgreich 'rübergemacht'. Und das schafft ihr auch, aber niemals mit Jammern, Weinen und (ver)Klagen.

Du kannst ruhig Trans sein, aber du mußt Spaß dabei haben, Baby!

Kommentare:

Michaela hat gesagt…

Hi Svenja,

das notwendige Selbstvertrauen erlangt man erst mit der Zeit und auch nur, wenn man sich raus traut. Wie Du schon geschrieben hast, ist am Anfang ein sicherers Umfeld sehr hilfreich, aber irgendwann muß man sich eben auch alleine ins Getümmel stürzen. Am wenigsten Fällt man in großen Menschenmassen auf, obwohl das genau die Situationen sind, wo ich am Anfgang die größte Angst hatte. Nachts in einer dunklen Strasse fällt man ehesten auf, auch wenn man sich sicherer fühlt. Auch heute passiert es mir noch ab und zu, daß ich mich beobachtet fühle oder so Gedanken hoch kommen, ob vielleicht nicht doch jemand was merken könnte. So ging es mir gestern, als ich ein kleine Runde an der Uferpromenade von Friedrichshafen gemacht habe, aber das vergeht und ist Tagesabhängig.

Den letzten Satz muß ich mir merken, der ist gut.

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.

Beste Grüße vom Bodensee,

Michaela

Nili hat gesagt…

Wiedereinmal toll ge- und beschrieben …

Ich denke, dass dies für viele T-Girls sehr hilfreich sein wird. Und wenn diese dann auch noch die anderen Passing-Tipps (besonders Make-Up und Kleidung) ein wenig beherzigen, kann eigentlich nichts mehr schief gehen!

Im weiteren ist, denke ich, nichts schlimmer, als zu offensichtlich feminin und unpassend herumzulaufen, dann ist man leider immer DER Hingucker, und bei genauerer Betrachtung der Person fällt dann dummerweise immer etwas auf.

Auch das Abend-Make-Up sollte tagsüber nicht unbedingt verwandt werden, es sei denn, man ist eine Douglasia vulgaris (oder ein Spritzergirl). Der Bartschatten sollte natürlich trotzdem möglichst unsichtbar sein, obwohl den ja doch auch sehr viele „Biofrauen“ haben.

Lily hat gesagt…

Douglasia vulgaris. Wow. Das ist der Brüller :-) Ich denke, dass das, was du schreibst, Svenja, genau der Punkt ist. Man zieht Aufmerksamkeit, weil man unsicher ist. Und dann knallen Sachen wie zu doll geschminkt sein, zu kurzer Rock und sowas enorm rein. Deshalb ist es auch so wichtig, das Verhalten der Gruppe zu beobachten, zu der man gehört- oder zu der man gehören möchte...
Kleines Beispiel:
Viele Biofrauen aus meiner Generation (Mitte Vierzig), die mehr als einsachtzig messen, haben in der Regel in ihrer Jugend gelernt, ihre Größe eher zu verstecken als zu betonen. Sie ziehen sich entsprechend zurückhaltend an- Ballerinas statt Pumps zum Beispiel. Oder auch den schlichten Turnschuh, der in Größen ab 42 auch leichter zu kriegen ist als schicke Schuhe.
Jeans statt Mini- sie haben oft genug was von Spargelbeinen gehört, oder Leuchttürmen. Sie gehen gebeugt, um sich kleiner zu machen. Das tun auch die mit den großen Brüsten oft...
Wie oft Kleidung bei Biofrauen als Tarnung und Camouflage dient, nöchte ich gar nicht genau wissen- vor allem für die vielen eingebildeten oder tatsächlich vorhandenen Problemzonen, auf denen seit Jahren herumgehackt und herumgenörgelt wird.
Eine Frau von 1,85 m auf Stöckeln und mit einer deutlich als geschminkt erkennbaren Gesichtsfarbe wird tagsüber daher immer auffallen. Und weil sich eigentlich jeder berufen fühlt, sich lustig zu machen und seinen Senf dazu zu geben, wird dann besonders gründlich geschaut. Und dann- peng. Manchmal ist es vermutlich einfacher, als Frau akzeptiert zu werden, wenn man einfach einen Gang zurückschaltet und versucht, in der Menge optisch unterzugehen. Auch wenn das bestimmt weniger Spaß macht als sich mal ein bisschen aufzubrezeln und los zu ziehen.
Keep on the good work,

L

chrisi hat gesagt…

Ohne eine gehörige Portion Selbstbewusstsein hat man schon verloren. Aber das Selbstbewustsein ist am Anfang ein zartes Pflänzchen, dass will gehegt und gepflegt werden, das wächst mit der Zeit. Aber wie Michaela schon geschrieben hat, das wächst nicht im stillen Kämmerlein, das wächst nur draußen unter den Menschen. Wenn es dann erstmal so groß ist, das man es kaum bändigen kann, dann kann man auch mal mit einem nicht so tollen Passing überleben.

Clarissa-next-Door hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Anonym hat gesagt…

Anders formuliert vielleicht,man muß zu sich selbst stehen können,auch wenn am Anfang man den gerade abgelegt männliche Panzer wieder anlegen müssen.Immer wieder vor Auge halten dass es ja Bio Frauen jenseits von 1,75/1,80 gibt.Dieses gilt erst recht wenn man am Anfang für die Kasse/Klo in die Schlange steht mit kleine Mädels und Frauen vorne und hinten!Inzwischen ist es bei mir so Weit dass,falls überhaupt eine Bemerkung fällt,dann aus sehr sichere Entfernung und sowieso 'sotto voce'.Dass unsere Mitmenschen sehen was sie sehen wollen ist ja eine große Hilfe,aber man kann es ja strapazieren.Und die lieben kleinen...ein Paar Kinder haben gestern Abend im Bus sowas von große Augen bekommen als ich aufstand um auszusteigen(bin 1,82)!

Weiter so!Keep up the good work!

Grüße,Lynn

Frau K. hat gesagt…

Besonders der letzte Satz gefällt mir. ;o)


Ich habe bestimmt jeden Fehler begangen, den man nur machen kann, aber ich hab trotzdem Spaß dabei gehabt und mich ganz selbstbewußt bewegt.


Diese Haltung klingt nach einem echten "Erfolgsgeheimnis" - und zwar geschlechtsunabhängig. Wie viel Spaß und Lebensfreude enthält man(n)/frau sich vor, aus Angst, sich "daneben zu benehmen"... ich möcht gar nicht drüber nachdenken. ;o)

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Nili: oh, ich liebe den Ausdruck Spritzergirl. Damit sind übrigens nicht wir gemeint, sondern die Parfümies bei Douglas :-)
@Lily: ach, ein bisschen aufzufallen kann doch auch Spaß machen. Du kannst ruhig 1,88m plus Heels sein, Hauptsache du siehst gut aus dabei, Baby!
@Chrissi: Ein zartes Pfänzchen. So wie wir.
@Clarissa: ups, du hast deinen Kommentar schon wieder gelöscht?!
Lynn: hi, hi. Gut gemacht.
Frau K.: Das stimmt wirklich. Man darf kein Fettnäpfchen auslassen nur aus Angst, sich daneben zu benehmen :-)

Nili hat gesagt…

@Svenja: oh gott, gut, dass Du das mit dem Spritzergirl nochmal erklärt hast ... haben sicherlich natürlich nicht alle Deiner Blogleser/innen "The Women" gesehen ;-)
Ich finde den Ausdruck für eine Parfümy übrigens auch ganz große Klasse!

ami hat gesagt…

svenja, du bist so eine sensation ehrlich! was du alleine bei mir an aufklärungsarbeit leistet ist unfassbar:)) ich danke dir sehr. denn selbst als biofrau, lernt man hier eine menge übers frau sein!!

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Nili: Der Ausdruck ist wirklich total witzig. Ich kenne den auch erst seit dem Film "The Women", den ich übrigens echt klasse fand.
@Ami: Oh, danke schön. Es macht Spaß über etwas zu schreiben, das mich selbst so betrifft.

Perle hat gesagt…

Aufgrund des aktuellen Posts ist mir noch etwas eingefallen, was aber als Statement zum o.g. Beitrag nicht passen, bzw. falsch aufgefasst werden würde, aber aufzeigt, warum viele Menschen vielleicht ein Problem damit haben, MzF-Transgender überhaupt als Frauen wahrzunehmen.
Ich hatte in irgendeinem Deiner Posts schon einmal als Kommentar geschrieben, dass es womöglich am Gang (klick Link) liegen könnte und Bio-Frauen häufig eine komplett andere Körperhaltung an den Tag legen.

In diesem Sinne, bleib so, wie Du bist. Eine schöne Frau mit sensationellen Beinen und einer verrucht, tiefen Stimme. ;-)

Perle
*die all das vermutet, ohne Dich persönlich zu kennen*

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Perle: Ohne anzugeben, denke ich, dass mein Gang inzwischen perfekt ist. Vermutlich könnte ich inzwischen sogar auf dem kurzen Laufsteg bestehen, auf dem die Girls immer Heidi entgegenstöckeln. Glaub mir: Alles was man üben, machen, lernen und verbessern kann, hab ich jahrelang bis zum Exzess geübt. Nein, ich glaube, diesmal liegt es nicht mehr an mir.
Danke liebe Perle für den Denkanstoß.
Svenja

Perle hat gesagt…

Der Denkanstoß war gar nicht für Dich, sondern eher für Deine LeserInnen.
Darum hatte ich den Link auch extra nicht in dem aktuellen Post verlinkt.
Ich sag ja, Du sollst bleiben wie Du bist !!! :-)

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Perle: Danke, dass du die Links überhaupt rausgesucht hast. Die gucke ich mir morgen nachmittag nach dem Dienst in Ruhe an. LG, Svenja

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