Montag, 2. April 2012

Hurtigruten Tag 4 - Bergen - Kristiansund

Irgend etwas stimmt ganz und gar nicht. Ich liege in meiner Koje und werde davon wach, dass ich wie wild hin und her rutsche. Gerade komme ich mit dem Kopf an der Wand an, wobei meine ein­ge­klemmten Haare ziepen, als es nach einem Moment der Schwe­re­losigkeit schon wieder nach unten zum Fuß­ende geht.

Wir überqueren ein Stück offene See, das für unruhiges Wasser bekannt ist und ich bin nicht nur tief beeindruckt, sondern auch etwas ängstlich. Ich habe keine Angst vor dem Seegang, sondern nur davor, dass mir schlecht werden könnte. Plötzlich verstehe ich die weißen Tüten, die auf jedem Deck, in jeder Lounge und in jeder Kabine an den Wänden hängen. Später erfahre ich, dass wir nicht mehr als Windstärke 6 hatten.

Ich horche ängstlich in mich hinein, ob mir bereits übel wird, aber nein, bis jetzt fühle ich mich gut. Ein wenig kann ich das Schaukeln jetzt sogar genießen, weil es irgendwie total gemütlich ist. Ich muss nur eine Position im Bett finden, in der ich wieder einschlafen kann. Ich lege mich auf die Seite, presse den Dubs fest gegen die Wand und stütze mich mit dem Knie an der Koje ab. Nach einer Weile bin ich wieder fest eingeschlafen.

Als um halb sieben mein Wecker geht, hat sich die See wieder beruhigt und ich verschwinde im Bad. Wir müssen uns in zwei Schichten fertigmachen, weil die Kabine viel zu klein ist. Zuerst Pieps und ich und danach Claudia. 

So früh am Morgen ist der Speisesaal noch angenehm leer. Auf einem großen, fest verschraubten Tisch wartet ein erstklassiges Frühstücksbuffet. Es gibt gebratene Köttbullar, Spiegeleier, Bacon, Leberkäse, Minibratwürste, Porridge, gekochte Eier und eine Auswahl an Wurst und Fisch. Natürlich gibt es auch Müsli, Trockenfrüchte, Brot und Marmelade, aber die können mich ja nicht zwingen, sowas zu essen und deshalb stelle ich mir nur einen kleinen Früh­stücks­teller aus Krabben­salat in Mayonnaise, einem winzigen Stück gebratenen Leber­käse und zwei Stücken Fisch in Tomaten­sauce zusammen. Etwas Schwereres kriege ich so früh am Morgen einfach noch nicht runter.

Nach einer Weile kommt Claudia dazu und ich winke sie freudig an den Tisch. Wir müssen uns ein wenig beeilen mit dem Frühstück, weil wir ab 8 Uhr Stadhavet überqueren und dort mit rauher See zu rechnen ist. Tatsächlich fängt es pünktlich an zu schaukeln und es ist schon eindeutig ein Unterschied, ob man nur mit dem Dubs im warmen Bett liegt, oder eine randvolle Tasse heißen Kaffees quer durch den Speisesaal balanciert.

Claudia entwickelt eine erstklassige Technik, bei der sie sich mit einer Hand an der Decke abstützt, während sie in der anderen einen Teller Porridge balanciert. Wieder einmal zahlt es sich aus, einen Tick länger zu sein. Auch die übrigen Gäste sind von Claudias Technik beeindruckt, aber nur bis zu dem Zeitpunkt, als sie in der Observation Lounge ein Deckenpanel losbricht.

Nach dem Frühstück setze ich mich im Eisbärensalon in einen der tiefen, blauen Clubsessel und teste ohne jede Erwartung mit dem iPod, ob es eine WiFi Verbindung gibt, aber es gibt keine und das ist prima. Vielleicht würde ich sonst, wie viele andere an Bord, dauernd an meinem Laptop, Netbook, Handy oder iPhone herumspielen und mit einer wackeligen GSM Verbindung im Internet surfen. Ein älterer Herr spielt auf seinem Windows Notebook Solitär. Ich nehme mir die Zeit, ihn ein wenig zu verachten.

Gegen 12.30 Uhr treffen wir in Ålesund ein, wo viele Passagiere für einen Landausflug von Bord gehen. Als Buffetprofis warten wir, bis die Landurlauber gegessen haben und wir das Buffet fast für uns alleine haben. Keine Gefahr, denn es wird alles laufend frisch nachgelegt. Und was für ein Buffet das heute mittag ist: Es gibt gebratene Flunder, gedünsteten Schellfisch und ein erstklassiges Rindergulasch. Ich nehme von allen dreien und bin begeistert. Beim nächsten Mal nehme ich sogar einen extra Teller für jedes Gericht und matsche nicht alles auf einem zusammen. Ich finde, das wirkt sogar noch einen Tick vornehmer.


Nach dem Essen machen wir uns fein für den Landgang. Habe ich überhaupt schon erwähnt, dass keine von uns dreien für diese Reise eine Hose mitgenommen hat? Lediglich eine schwarze Leggings habe ich eingepackt, aber die güldet nicht als Hose. Stattdessen habe ich sechs Strickkleider in verschiedenen Längen mit: Kurz, sehr kurz und total peinlich. Außerdem habe ich ein Dutzend verschiedener Strumpfhosen in passenden Farben und Mustern eingepackt. Dazu habe ich die schwarzen Overknee Keilstiefel eingepackt, die braunen Overknees im Reiterlook, die 9 cm Keilstiefeletten, ein Paar schwarze Ballerinas mit Nieten und natürlich die rehbraunen UGG Boots, die keine sind, dafür aber nur 9,90 € gekostet haben.


Claudia und ich latschen eher lustlos durch die Fußgängerzone in Ålesund. Nicht nur, weil es windig, kalt und ungemütlich ist, sondern auch weil die Geschäfte nicht besonders sehenswert sind. Außer vielleicht, wenn man die letzten Jahre in den weniger fortschrittlichen Gegenden Albaniens verbracht hat.

Pünktlich um 15 Uhr legen wir wieder ab und nehmen Kurs auf Molde. Ich lege mich eine Stunde schlafen, weil ich von der letzten Nacht noch ziemlich erledigt bin und außerdem schlafe ich überhaupt gerne.

Am Nachmittag setze ich mich mit meinem Kindle in den Eisbärensalon im Bug des Schiffes, wo ich mich in "A Game of Thrones" vertiefe, das beste Buch, das ich seit Ewigkeiten gelesen habe. Die Atmosphäre im Eisbärsalon ist angenehm ruhig und entspannt. Eine kleine Gruppe Engländer unterhält sich leise über Cricket, andere Passagiere lesen oder schlafen und eine junge Holländerin überträgt die Digitalfotos ihrer Kamera auf ein Laptop.


An diesem Abend gehe ich sehr früh schlafen, denn ich bin noch immer müde. Ob vom unruhigen Schlaf in der Nacht, dem guten Essen, oder dem vielen Nichtstun, ich weiß es nicht. Aber ich liege schon um 20 Uhr im Bett. Eine halbe Stunde später überqueren wir Hustadvika, ein Stück offene See, und dann möchte ich schon tief und fest schlafen.

Schon die dritte Welle in der Hustadvika macht reinen Tisch in der Kabine. Der Reiseführer, die Landkarten, meine Haarspangen und verschiedener anderer Kram fallen auf den Boden, wo jetzt auch noch die großen Reisekoffer hin und her rutschen. An Schlaf ist nicht zu denken.

Zur selben Zeit findet oben im Speisesaal die zweite Sitzung des Abendessens statt. Wie ich am nächsten Tag erfahre, sind viele Gläser und Flaschen umgekippt, oder mit Schwung vom Tisch gerutscht.

Einige Gäste haben sich vorzeitig vom Dinner verabschiedet und sollen kreidebleich aus dem Saal geeilt sein, was allgemein als sehr rück­sichts­voll empfunden wird.

Es ist eine grässliche Nacht, aber irgendwann schlafe ich dennoch ein. Vermutlich gegen 21:45 Uhr, als wir in Kristiansund festmachen und für eine gute Stunde ruhig im Hafen liegen.

Kommentare:

Sven Hofmann hat gesagt…

God Kveld Svenja.

Habt Ihr schon mal Rentierfleisch oder Elch probiert? Macht mal wenn es angeboten wird.
Wünsche euch weiterhin alles schöne.

Svenja aus Berlin

zimtapfel hat gesagt…

Hach! (Tschuldigung, ich kann bei jedem deiner Berichte nur ausgiebig hachen.) Selbst der starke Seegang klingt traumhaft.
Meine erprobte Seetüchtigkeit beschränkt sich allerdings bislang auf das Ijsselmeer. Nicht ganz dasselbe, schätze ich. :-)

Sabine hat gesagt…

Ich glaube, ich hätte nicht eine Sekunde geschlafen, oder vielleicht gerade bei dem Geschaukel.
LG Sabine

Anonym hat gesagt…

kurz,kürzer- peinlich und das Ganze auch noch total!

Aber Svenja,du hast doch die hohen Stiefel mitgenommen und schon paßt alles.

Stell dir mal vor wie albern hohe Stiefel mit zu langen Kleidern aussehen.!!!

Aber da du ja aus einer Norddeutschen Metropole kommst , kennst du dich ja aus was und wie frau sich kleidet.

LG
FranceR

Moonwish hat gesagt…

Werte Svenja,

weiter viel Spaß auf den Ruten und nur so als Tipp, wenn der Magen rumort, nen Kaugummi kauen und irgendwo hin gehen wo man den Seegang sieht. Denn Seekrankheit ist nichts weiter als Hirnsache, denn das Hirn kann den unbewegten horizont nicht mit der Schwankmeldung des Innenohrs in einklang bringen.

Ein Ex-Heizer aus dem 7. Schnellbootgeschwader.

Inka hat gesagt…

Irgendwie scheint es auf dieser Reise überwiegend ums Essen zu gehen. Da muss ich ja Angst haben, dass ich schon allein vom Lesen Deiner Berichte ein paar Kilo zunehme.
Liebe Grüße
Inka

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Sven: Elch habe ich 2007 als Elchfrikadellen gegessen und mochte es überhaupt nicht, obwohl ich sonst jedes Wild mag. Vielleicht waren die Frikadellen nicht so gut.
Und Rentier hab ich wie verrückt gegessen auf dieser Reise, aber das kann ich jetzt noch gar nicht wissen, weil es ja erst später passiert :-)

@Zimtapfel: Hinterher klingt irgendwie immer alles traumhaft, oder?! :-)
Danke du Liebe für das Lob. Ich hab soo viel Spaß beim Schreiben.

@Sabine: Ich hab wirklich viel und lange, aber vermutlich nicht sehr tief geschlafen, glaube ich. Sag mal kann es sein, dass ich von meinem Balkon auf dein Büro gucke...?!

@FranceR: Genau mein Reden. Genau so sag ich es immer. Wenn der Rock eher von mittlerer Länge ist, dann kann man das mit etwas längerem Stiefel locker kaschieren... :)

@ExHeizer: Danke dir, aber solange es kein Kaugummi mit Leberwurstgeschmack gibt, warte ich noch. Ich bin aber nicht seekrank geworden, zum Glück. Nicht mal in der Kabine, da am allerwenigsten. Gute Fahrt wünsche ich dir...

@Inka: Geht es im Urlaub nicht immer um essen, schlafen und erholen...?! Nein, im Ernst, das Essen ist schon sehr besonders an Bord der Hurtigruten. Es wäre nur nichts für Leute, die keinen Fisch mögen. Das wäre nämlich schade. Was soll man denn sonst zum Frühstück essen :-)

mo jour hat gesagt…

das sieht sehr kalt aus dort: mit eis auf den bergen. brrrt.
ich war mal seehr seekrank, damals auf dem weg von osaka nach okinawa im ost-chinesischen meer.
wie gut, dass dir das erspart blieb und dass du auch an bord immer guten appetit hattest :-)
ich lese deinen bericht sehr gerne und freue mich schon auf fortsetzung!

SusiP hat gesagt…

Jetzt ist mir beim Lesen schon schaukelich und muddelpiezich geworden. Sei froh, dass ihr nicht noch die Segel einholen müsst.

Und ja, die vornehmen Leute nehmen für jeden Gang ans Büh-fett einen neuen Teller und neues Besteck.

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Mo Jour: Chinesisches Meer, wow, das klingt richtig spannend. Die Seekrankheit dafür aber nicht. Ich hatte wirklich Angst davor, nur sterbenselend in der Ecke zu liegen, aber so war es zum Glück ja nicht.

@SusiP: Muddelpiezich... lach. Das ist ein guter Ausdruck für unpässlich. Ich meinte nicht neue Teller für jeden Gang, sondern einen eigenen Teller für jedes Gericht und nicht alle auf einem Suppenteller zusammenzumischen :-)

Anonym hat gesagt…

ich hache mit frau zimtapfel mit :) ... hach ...

lg
bini.

yael hat gesagt…

Super Hurtig-Report.
Aber ich will jetzt sofort gebratene Flunder!!!!!!

Anonym hat gesagt…

Die Tour ist mein Traum. Irgendwann mache ich ihn wahr. Die überwältigende Natur Norwegens hat was - wenn nur das Wetter passt. Ich wünsche Dir jedenfalls schönes Wetter.
Und zu den Rocklängen: peinlich ist das nur, wenn Frau sich nicht zu bewegen weiß und wie eine Bauerntriene rumlatscht oder wie Paris Hilton die Beine möglichst weit auseinanderspreizt.

Tschüs Harka

Öre hat gesagt…

Hej Svenja, Claudie und Pieps,

wir sind immer so ein bißchen mit auf Tour, danke für die tollen Berichte und warten sehnsüchtig auf weitere......

lieben Gruß von Birgit

Roger hat gesagt…

Hallo Svenja

Es macht sehr viel Spass, deine Reiseberichte zu lesen. Ich finde deinen Schreibstil, gespickt mit deinem Humor, absolut Klasse! Ich freue mich schon auf die nächsten Tage deiner Reise!

Lieber Gruss Roger

P.S. Wollte ich dir schon lange mal schreiben: du hast sehr schöne Beine, aber das weisst du ja selber (Super-ultra-kurze Minis ;)

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Mo: Oh ja, die könnte ich auch schon wieder essen. Aber warte ab, bis ich zu den Stockfischen komme. (nicht die im Büro, die im Essen meine ich.)

@Harka: Du solltest sie vielleicht auch eines Tages einmal machen. Und was die Bewegungslegastheniker angeht, da stimme ich dir zu :-)
Obwohl... was genau macht Paris Hilton denn falsch...?

@Öre: Ich finde es toll, dass ihr so richtig mitfiebern könnt, weil ihr es selbst schon erlebt habt und ich freu mich über jeden Kommentar.

@Roger: Danke, Roger. Reiseberichte sollen ja auch Spaß machen und persönlich sein. Mich nerven immer die Berichte, die über das Aufzählen von GPS - Daten kaum hinausgehen. Und Mode muss eben auch Spaß machen :-)

Noreen hat gesagt…

Liebe Svenja,

ich hab im Augenblick recht wenig Zeit im Netz zu stöbern und zu lesen. Doch zu meinen immer noch favorisierten Seiten gehört zweifellos deine.

Ich freue mich immer wieder deine erfrischenden Berichte und Kommentare zu lesen.. :-)
Vielen Dank dafür.

LG aus Potsdam,
Noreen

P.S. Und um himmelswillen, wo hast du diese wirklich fantastischen braunen Stiefel her...?

Tanja hat gesagt…

Hallo Svenja,

Ich genieße es deine Geschichte über die Reise zu lesen.
Sind toll geschrieben und man versteht wie schön es da sein muß.
Schöne Bilder sind auch dabei.
Lasst es euch weiterhin gut gehen auf der Reise.

Liebe Grüße,
Tanja

Svenja-and-the-City hat gesagt…

@Noreen: Danke Noreen. Die Stiefel? Die gabs bei H&M, waren aber leider sofort ausverkauft und ich ärgere mich schon, dass ich nicht auch die Schwarzen genommen habe.

@Tanja: Ja, das ist schon eine sehr besondere Reise und ich verstehe, weshalb viele an Bord sie schon mehrmals gemacht haben. Immer auf einem anderen Postschiff.

Frierefritz hat gesagt…

Meine Erinnerung an norwegisches Essen: Komisch dicke undefinierbare Suppe, Fleischpudding oder Fischpudding mit harten Gemüse und Kartoffeln voller Augen drin. Hab hauptsächlich von Knäckebrot in Suppe getunkt oder Käsebrot gelebt in der Jugendfreizeit damals, boah hab ich abgenommen!
Du scheinst die Reise zu genießen, ganz auf deine individuelle Art, sicher werden dich darum die jungen schlanken Dinger beneiden ;o)
LG Ute

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