Diese blöden Bauchschmerzen sind doch gestern abend schlagartig besser geworden. Soll ich überhaupt noch ins Krankenhaus gehen? Die sind doch fast weg. Sicher hat mein Hausarzt recht mit seiner Diagnose einer abklingenden Blinddarmentzündung. Er schickt mich aber trotzdem in die Klinik zum Ultraschall, weil die Entzündungswerte über Nacht durch die Decke gegangen sind.In der Chirurgie kümmert sich ein junger Assistenzarzt um mich. Ich muss mich auf einen schmalen Untersuchungstisch legen.
„Machen Sie sich bitte oben herum frei.“ fordert er mich auf.
„Oben anfangen ist gut.“, denke ich.
„Das ist meine beste Seite.“Ich glaube nicht, dass der Doc schon etwas ahnt. Er klatscht mir das kalte Ultraschallgel auf den Leib und fängt konzentriert an, meinen Bauch zu schallen.
Wir sind knapp südlich des Bauchnabels. Sicheres Gebiet soweit.
„Ziehen Sie bitte die Strumpfhose etwas weiter herunter.“, fordert der Doc mich beiläufig auf. „
OK. Doc.“, denke ich.
„Noch fünf Zentimeter tiefer und ich hab eine Überraschung für dich.“
Die Bewegungen des jungen Arztes werden zielstrebiger. Er scheint endlich etwas entdeckt zu haben und kann dabei das Triumpfgefühl in seiner Stimme kaum unterdrücken:
„Können Sie sicher ausschließen, dass Sie schwanger sind?“ Ich könnte ihn küssen. Das ist mit Abstand das beste Passingerlebnis, das ich je hatte.
„Ja, das kann ich. Wenn ich schwanger bin, dann haben wir innerhalb von drei Stunden die BILD-Zeitung und das Fernsehen hier.“ Der Doc guckt leicht irritiert, versteht meine Anspielung aber nicht.
Die junge Medizinstudentin aber, die an meinem linken Arm Blut abnimmt, kann sich das Grinsen kaum noch verkneifen. Sie hat längst bemerkt, dass ich keine Eierstöcke habe. Jedenfalls nicht innen...
Der junge Arzt hingegen ist ratlos und übergibt mich an den Oberarzt.
„Da ist es. Der Blinddarm. Durchgebrochen. Hier sieht man Flüssigkeit. Ausgelaufen. Kein Wunder, dass es Ihnen gestern plötzlich besser ging. Nach dem Durchbruch ist der Druck weg und mit ihm die Schmerzen. Gut, dass Sie gekommen sind. Ohne Behandlung stehen die Chancen, das zu überstehen, bei 50%. Sie müssen gleich operiert werden. Haben Sie heute schon was gegessen?“Einige Stunden später ist alles überstanden. Die Operation wurde endoskopisch durch zwei kleine Löcher in der Bauchdecke durchgeführt. Dazu wird vorher eine kleine Videokamera durch den Bauchnabel eingeführt, damit der Operateur was sehen kann. Am Abend bin ich schon wieder halbwegs beieinander und ich freu mich, alles so gut überstanden zu haben.

Die nächsten Tage sind dafür gar nicht lustig. Durch zwei fingerdicke Schläuche wird dreimal täglich Wasser durch meinen Bauch gespült. Der Wasserbeutel wird an einen Infusionsständer gehängt und läuft langsam zur einen Bauchseite rein und aus dem Schlauch an der anderen Seite wieder heraus. Die Formel ist einfach: Drei Liter rein, drei Liter raus. Das Ganze hat einen hohen Unterhaltungswert und ist leider ziemlich schmerzhaft.
Claudia ist die Erste, die merkt, dass etwas nicht stimmt. Drei Liter laufen rein, aber nur einer läuft wieder heraus. Dafür muss ich nun dauernd in höchster Not auf den Toilettenstuhl, was mit den ganzen Drainagen, Beuteln und Infusionsschläuchen ganz schön schwierig ist.
Meine Geheimwaffe ist eine kleine Schmerzmittelpumpe, die der nette Anästhesist mir installiert hat. Der Abzug ist an meine Bettdecke geheftet und sieht aus wie ein kleiner Pistolenabzug. Damit kann ich mich jederzeit in süßes Vergessen schießen.
„Greifen Sie ruhig zu, es hilft. Sie müssen nicht leiden. Es ist genug da. Wo das herkommt, da ist noch mehr.“, beruhigt mich der nette Doc.
„Sie können es auch nicht überdosieren, der Computer rechnet ständig mit.“ Ich bin begeistert und hoffe, dass es kein Windows System ist.
Inzwischen diskutiert die weiße Wolke den mysteriösen Fall der fehlenden Spülflüssigkeit. Sechs Liter sind inzwischen verschwunden und ich ahne, wo die geblieben sind. Das Team ist sich jedoch einig, dass es medizinisch nicht möglich ist, Wasser durch die Bauchdecke direkt in den Darm zu spülen. Entwarnung also. Wenn nur die rechte Drainage nicht so weh täte...
Am Morgen des vierten Tages geht es mir besser. Als die weiße Wolke um 7 Uhr mein Zimmer zur Visite stürmt, bin ich fest entschlossen, nur über meine Entlassung zu verhandeln. Es geht mir gut und Ostern bin ich wieder zuhause.
Die Oberärztin schlägt die Bettdecke zurück, wirft einen Blick auf die Schläuche und ich sehe sofort in ihrem Gesicht, das etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist.
„Haben Sie heute schon etwas gegessen?“, fragt sie mich.
Der fingerdicke Drainageschlauch hat offensichtlich meinen Dickdarm durchstoßen und das Wasser deshalb an der ganz falschen Stelle wieder herausgespült. Vermutlich habe ich inzwischen den am besten gespülten Dubs von ganz Kiel. Der Gedanke tröstet mich.
Eine Stunde später liege ich bereits wieder in der Schleuse des OP1 und werde für den Eingriff fertig gemacht. Ich habe Angst und mir ist kalt.

Als ich am frühen Nachmittag in meinem Bett aufwache, geht es mir deutlich schlechter als nach der ersten Operation. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht, dass ich diesmal eine lange Narbe vom Nabel bis in den Keller davongetragen habe. Dafür nervt mich jetzt so ein blöder Schlauch in meiner Nase. Er reicht bis in den Magen und stört total beim Schlucken. Ich bin wehleidig, ängstlich und genervt. Mit einem kurzen Druck auf den Abzug der Schmerzmittelpumpe verabschiede ich mich erneut in die Schwerelosigkeit.
Vier Tage später geht es mir schon wieder besser und ich freue mich sogar ein wenig auf Ostern. Claudia ist inzwischen in meinem Krankenzimmer eingezogen und geht kaum noch nach Hause. Allerdings habe ich insgeheim den Verdacht, dass sie nur auf ihre drei Mahlzeiten spekuliert, denn die Klinik hat Claudia kurzerhand und unbürokratisch mit in die Verpflegung aufgenommen und das Essen ist überraschend gut.

Fazit: Nach 13 Tagen werde ich aus der Klinik entlassen. Trotz der kleinen Panne mit dem Drainageschlauch kann ich mich über die Pflege nicht beschweren. Die Schwestern und Pfleger waren nicht nur freundlich und kompetent, sondern haben auch viel menschliche Anteilnahme bewiesen. Danke, ihr Lieben für die gute Pflege und für eure Freundlichkeit.
Und tausend Dank meiner allerbesten Freundin Claudia, die jede freie Minute an meinem Bett Wache gehalten und mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen hat. Ich bin auch nicht mehr sauer wegen dem leergefressenen Osterkorb. Du darfst mir jederzeit jeden Naschkorb leeressen. Versprochen! (Aber lass die Hände von dem Nougat!)
Dieses war außerdem mein erster Aufenthalt als Frau in einer Klinik. In den vergangenen Jahren hatte ich deshalb viele Ängste und Befürchtungen. Was daraus geworden ist, darüber berichte ich euch in einem anderen Posting.