Samstag, 5. September 2009

Svenja geht aus dem Leim

Mittagessen im Broyhan Haus HannoverWieso habe ich beim Lachen eigentlich ein Kinn mehr als sonst? Früher hatte ich nur eins. Und was ist mit meinem schwarzen Minikleid von ESPRIT passiert? Mit all meinen Minikleidern? Sollte ich ein wenig zugelegt haben?

Ich stelle mich auf die Badezimmerwaage und mich trifft fast der Schlag: Ich wiege 0,09 Tonnen, genauer 89,3 Kg. "Holy Moly", denke ich. Dabei hatte ich mir doch vorgenommen, nie wieder über 80 Kg zu kommen.

Was ist passiert? Nachdem ich jahrelang fast ohne Kohlenhydrate gelebt habe, bin ich in letzter Zeit schwach geworden. Nudeln, Kartoffeln, Brot und sogar Kuchen hab ich in mich reingeschlungen. Und dazu auch noch Bier getrunken. Shame on Me!

Aber damit ist jetzt Schluß. Ab heute wird wieder straight nach Dr. Atkins gelebt. Sein Buch Diät Revolution, der kalorienreiche Weg zu gesunder Schönheit hat mich begeistert und seine Ideen kommen meiner natürlichen Ernährungsweise perfekt entgegen. Ich esse fast alles gerne, das keine Kohlenhydrate enthält, außer Blumenerde vielleicht ....

"Geben Sie mir die beiden dicksten, schwersten und fettesten T-Bone Steaks die Sie haben." antworte ich dem Verkäufer am Fleischtresen auf seine Frage, was ich gerne hätte. "Nun gut," denke ich, "der Anfang ist gemacht" und packe noch zwei Ofenkäse, ein paar halbe Enten und zwei, oder drei Salamis in meinen Einkaufskorb. Wer abnehmen will muß eben auch bereit sein zu leiden.

Fazit: Ich muß abnehmen. Die Atkins Diät kann ich jahrelang durchhalten und sie funktioniert für mich ganz wunderbar. Ich bin schon sehr gespannt, was ich in den nächsten Wochen hier schreiben werde. Mein erstes Ziel ist es, wieder unter die magische Grenze von 80 Kg zu kommen. Mein Traumgewicht liegt später bei etwa 74 Kg, aber das traue ich mir nicht zu. Außerdem sehe ich dann im Gesicht wahrscheinlich aus, wie eine alte Ledertasche. 89,3 Kg, pöh! Kein Wunder, dass ich in letzter Zeit so faltenfrei bin ....

Montag, 31. August 2009

Diener zweier Herren

Diener zweier Herren ZIP"Guck mal, was ich hier habe" strahlt meine Freundin mich mit großen Augen an und wedelt dabei ganz dicht vor meiner Nase mit zwei Eintrittskarten herum. Mir schwant Böses. Was kommt heute auf mich zu? Eine Schmetterlingsausstellung? Ein Töpferkurs? Wattwandern für Anfänger? "Wir gehen ins Theater. Im Kulturforum gibt es den Diener zweier Herren von Goldoni."

Das Stück klingt wirklich sehr interessant, aber ich bin dennoch ein wenig skeptisch. Die Schauspieler sind keine Theaterprofis, sondern Mitglieder der Theatergruppe des ZIP, des Kieler Zentrum für Integrative Psychiatrie. Die Theatergruppe besteht aus Patienten und Mitarbeitern der Psychiatrie, die unter der Anleitung des Hamburger Regisseurs Jan Stephan Hillebrand gemeinsam Theater spielen. Was mag mich da erwarten? Machen die überhaupt echtes Theater, so richtig mit Bühnenbild, Kostümen und allem das dazugehört? Können die das überhaupt?

Ja, sie können, bin ich mir am Ende der Vorstellung sicher und klatsche mir drei Vorhänge lang die Finger wund. Ich höre sogar vereinzelte Bravo-Rufe und die sind nicht alle von mir allein. Kurzum: Die Freundin und ich sind begeistert.

Ja, die ZIP-Theatergruppe macht richtiges Theater.
Ja, es gibt ein professionelles Bühnenbild.
Ja, die Schauspieler tragen richtige, echte Kostüme.
Ja, ich bin begeistert und werde mir zukünftig jedes weitere Stück der Zipper ansehen.

Ganz besonders beeindruckt war ich von Truffaldino. Winfried, der männliche Hauptdarsteller in der Rolle des pfiffigen Dieners zweier Herren spielt seine Rolle so überzeugend und mit soviel liebenswerter Schlitzohrigkeit, dass ich kaum glauben kann, dass er kein professioneller Schauspieler ist. Seine Leistung heute abend hätte ebenso gut ins Ensemble des Kieler Schauspielhauses gepasst.

Fazit: Die Theatergruppe des Kieler ZIP ist ein echter Geheimtipp für Theaterfreunde. Für wenig Geld erlebt man eine Schauspieltruppe, die aus reiner Freude am Theaterspielen auftritt und das merkt man der Vorstellung in ganz erfreulicher Weise an. Danke für einen tollen Abend.

Damit ihr euch selbst ein Bild machen könnt, habe ich während der Vorstellung im Dunkeln des Zuschauerraums ohne Blitz ein paar unscharfe Fotos gemacht und daraus einen kleinen Theatercomic gebastelt.

ZIP Diener zweier Herren

Donnerstag, 27. August 2009

Auf Dienstreise, Teil 2

Svenja beim BKA"You guys are defenitely driving sissy* cars and drinking sissy drinks!" stellt Butch, mein Kollege aus den Südstaaten der USA trocken fest. Er kann sich mit den kleinen bunten Smarts im deutschen Straßenbild überhaupt nicht anfreunden. Er hält sie für eine Art mobiler Reserveräder, die auf die Ladefläche großer Südstaaten Pickups gehören. Und der Latte Macchiato aus dem Kaffeeautomaten der BKA Kantine ist für ihn ein typischer Sissy* Drink.

Butch sagt das alles mit einem breiten Grinsen und mit soviel Humor, dass man ihm seine fetten Machosprüche überhaupt nicht übel nehmen kann. Er muß schließlich selbst darüber lachen.

Ich glaube allerdings eher, dass Butch noch immer an unserer morgendlichen Vorstellungsrunde zu knabbern hat, als sein männliches Weltbild durch mich einen ernsten Knacks bekommen hat. Bei ihm zuhause gibt es offenbar keine transgendered detectives.

Dabei fängt alles ganz harmlos an. Es ist Montag morgen und ich sitze ganz vorne in der ersten Reihe. Gleich wird die Vorstellungsrunde beginnen und bis jetzt ahnt noch niemand etwas. Butch steht direkt vor mir als er mir mit einem freundlichen Lächeln das Wort erteilt: „Svenja“ liest er von meinem Namensschild ab und es klingt wie „Suenja“.

"Jetzt gehts los" denke ich, denn ich hatte keine Gelegenheit, mir eine weibliche Sprechweise auch auf Englisch anzugewöhnen. Außerdem spreche ich wesentlich tiefer, wenn ich angespannt bin und so verändert sich Butchs Gesichtsausdruck schon nach meinen ersten Worten. Sein Lächeln erstarrt und wird zu ungläubiger Überraschung, als wäre ich soeben vor seinen Augen aus einem Raumschiff geklettert.

„Ok“ denke ich. Mein Passing ist prima bis zu dem Moment wenn ich was sagen muß. Außerdem klinge ich auf Englisch wirklich total männlich. Daran muß ich unbedingt arbeiten.“

Die ganze Situation ist neu für mich. Zuhause in Schleswig Holstein in „meinem“ LKA bin ich den Kollegen als Svenja schon über Jahre bekannt. Das Umfeld ist mir vertraut und ich fühle mich sicher.

Svenja sitzt in der ersten ReiheHier beim BKA bin ich nicht nur die einzige Frau unserer Runde, sondern vermutlich auch die erste transsexuelle Kriminalbeamtin, die viele Kollegen sehen. Trotzdem macht es mir Spaß, mich der neuen Situation zu stellen und dabei auszuprobieren, ob ich auch als Frau meinen Mann stehen kann.

Obwohl meine Woche beim BKA letztlich ganz problemlos verläuft, bin ich abends in meinem Hotelzimmer, wenn die Anspannung nachlässt, doch ein bisschen angeknackst. Jede Bemerkung und jede Geste werden noch einmal hervorgekramt und neu interpretiert. Unsicherheit kommt hoch: "Wie war das gemeint? War das richtig, was ich getan habe? Lachen die Kollegen über mich? Verachten sie mich vielleicht sogar?"

Ich weiß, dass viele Transgender diese Selbstzweifel haben und dass wir lernen müssen, sie zu überwinden. Ich schaffe es und wache in dieser Woche jeden Tag erholt und topfit auf. Außerdem macht es Spaß, morgens das kleine Stück vom Hotel zum Dienst zu stöckeln. Gleich am ersten Morgen habe ich außerdem ein mächtiges Zeichen bekommen: Ich trete aus dem Hotel auf die Straße und die erste Frau, die mir begegnet, trägt das gleiche Kleid wie ich und dazu die hohen schwarzen Buffalos, die ich in pink habe. Also wenn das kein gutes Omen ist :-)

Fazit: Dass es als Transgender im Berufsleben nicht immer einfach sein würde, das habe ich vorher gewußt und gerade deshalb war diese Woche für mich ein Erfolg. Ich habe mich einer neuen Situation gestellt und sie vernünftig und ohne Ausfälle durchgestanden.

Die Schwierigkeiten kommen oft aus mir selbst heraus und werden durch Unsicherheit und Selbstzweifel verursacht. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass andere Menschen weniger Probleme mit uns haben, als wir Transgender mit uns selbst. Trotzdem würde ich nicht einen Arbeitstag wegen Trans zuhause bleiben.
Außer natürlich, ich hätte einen richtig fiesen Pickel mitten auf der Nase, aber das würde dann ja wohl auch jeder verstehen ...

*sissy: weibisch, tuntig. Eine abfällige Bezeichnung für Männer in Frauenkleidern und allgemein als Schimpfwort für schwache Männer und für Schwule gebräuchlich


Nachtrag: Offensichtlich habe ich mich etwas missverständlich ausgedrückt, deshalb dieser kleine Nachtsatz. Ich habe mich in der Vorstellungsrunde nicht geoutet, sondern meine Stimme hat mich weggegeben. Das eigentliche Outing liegt schon vier Jahre zurück und geschah hier ....

Sonntag, 16. August 2009

First Timer: Auf Dienstreise

Svenja im LKAEs passiert immer wieder, dass ich Dinge und Situationen zum ersten Mal als Frau erlebe. Das geht zwangsläufig allen Transsexuellen so. Diese "First Timer" sind für mich ziemlich spannend und in jedem Fall etwas ganz Besonderes. Vom Einkauf bis zum Arztbesuch hat es in den letzten Jahren schon alle möglichen "ersten Male" als Svenja gegeben und inzwischen hat alles eine angenehme Normalität erlangt und ist schnell zur Routine geworden.

An diesem Sonntag aber erwartet mich ein ganz besonderer First Timer: Ich fahre zum Bundeskriminalamt nach Wiesbaden und werde dort eine Woche lang bleiben. Als Sven bin schon häufiger beim BKA gewesen, aber das ist lange her. Diesmal reise ich zum ersten Mal als KHK'in Svenja zu den Kollegen nach Wiesbaden.

Ich fahre allein und die Kollegen, mit denen ich diesmal zu tun haben werde, kennen mich nicht. Sie wissen nur, dass ich eine Kollegin vom LKA aus Schleswig-Holstein bin.

Das ist für mich eine neue und besondere Situation. Ich kann mit Leuten zusammenzuarbeiten, die mir noch ganz unvoreingenommen begegnen. Für die bin ich keine TransFrau, sondern einfach eine Kollegin aus Kiel.

Mit den Kollegen meiner Stammdienststelle verhält sich das ganz anders. Sie akzeptieren mich zwar als Svenja, aber sie werden mich niemals wirklich als Frau wahrnehmen können:
"Wo ist eigentlich Svenja? Ach, da kommt er ja gerade."
Mehr als einmal pro Woche bekomme ich ein solches "Er" zu hören. Mein Passing unter Freunden, Bekannten und Kollegen ist nicht so dolle.

Umso mehr freue ich mich über den Umgang mit Menschen, die mich erst jetzt ganz neu kennenlernen. Solange wohlmeinende Kollegen sie nicht wieder "vorwarnen", werden sie vermutlich den ExMann in mir nicht bemerken. Für eine Frau bin ich zwar ein wenig groß geraten und habe auch eine ungewöhnliche Stimme, aber die haben andere Frauen auch.

Ich bin gespannt auf meine Dienstreise zum BKA. Dort erwartet mich eine interessante Aufgabe und ich hoffe, dass ich dabei auch ein wenig was in die Suppe zu krümeln habe. Ich werde die einzige Frau im Team sein und bin schon jetzt gespannt, wie sich die Zusammenarbeit gestalten wird.

Für mich ist diese Reise neben dem dienstlichen Aspekt auch eine tolle persönliche Chance, um zu überprüfen, wo ich als Frau stehe. Wie weit bin ich gekommen? Wie lange hält mein Passing?

Es könnte klappen. Drückt mir die Daumen. Ich werde auf jeden Fall nachberichten...

Donnerstag, 13. August 2009

Tussi Schuhe - Teil 2

"Manchmal hasse ich es, immer Recht zu haben", denke ich bei mir, als ich auf meinen nagelneuen pinken Keilsandaletten die Waisenhofstraße entlangstöckele. "Natürlich sind die Korksohlen total bequem. Genau wie ich es vorhergesagt habe. Und 95mm Absätze sind kein bisschen zu hoch. Außerdem ist Kork ja leicht und ich finde, diese Pantoletten tragen sich fast so bequem wie Sneakers."

Ich muß an diese BirkenstockGirls denken, die ich immer bei PLAZA sehe. Die tragen doch auch alle Korksohlen und schwören sogar darauf. Obwohl es mir völlig rätselhaft ist, wie ein Mensch sich damit außerhalb seiner eigenen vier Wände bewegen kann. Ich geh ja auch nicht im Nachthemd zu PLAZA. Obwohl, in dem kurzen Rosanen ....

Svenjas pink Buffalos

Fazit: Buffalo hat mit diesem Schuh die modische Entsprechung eines Birkenstock Bequemschuhs geschaffen. Wer also auf robustes, bequemes Schuhwerk angewiesen ist und dabei noch einen kleinen modischen Akzent setzen will, der sollte jetzt zugreifen. Der Schuh ist im Buffalo Online Shop in sechs wunderschönen Farben erhältlich. Preis: 19,90€

Montag, 10. August 2009

Tussi Schuhe

Svenjas Buffalos"Oh." denke ich. "Die sehen ja schön aus. Und so bequem. Damit kann ich bestimmt gut zum Einkaufen gehen. Und in die Disco natürlich. Und zur Arbeit Gartenarbeit. Und wenn ich mal den Keller aufräumen muß. Und und und. Ein echter Allroundschuh eben. Robust und bequem. Nicht so'n blöder Tussi Schuh."

Meine rosa Teenyphase ist jetzt zwar schon eine ganze Weile her, aber bei diesen rosa Buffis werde selbst ich schwach. Die sind ja fast noch süßer, als ein Hello Kitty Sahnebonbon. Seit Monaten schon stehen sie ganz oben auf meiner Wunschliste. Aber 39,90 €? Puh, das war bis jetzt nicht drin.

Plötzlich entdecke ich die Biester im Görtz Onlineshop für 12,48 € und klicke mit zitternden Fingern auf In den Warenkorb und dann sofort auf Bestellung senden. Bei meiner Kreditkarte vertippe ich mich dreimal vor Aufregung.

Jetzt warte ich jeden Tag auf den Briefträger und hab genug Zeit, mir die Füße zu machen. Sowie die Biester hier sind, gibt es einen ausführlichen Testbericht mit den Trageeigenschaften und allen technischen Daten. Und falls ich damit noch schnell genug bin auch ein Foto mit Selbstauslöser :-)

Samstag, 8. August 2009

Du weißt, dass du endlich eine Frau bist, wenn

Vier Jahre lang habe ich mir Mühe gegeben, auch äußerlich endlich eine Frau zu werden. Ich hab epiliert, gelasert, geschminkt, gecremt, gepudert, getuscht, camoufliert, ich habe Hormone genommen, die Pille geschluckt, die neueste Trendmode bei Neckermann bestellt, meine Stimme trainiert, hab mir die Haare wachsen lassen, bin gestöckelt, gestolpert, wieder aufgestanden. Ich hab getanzt, gelacht, geweint, mich tausend Mal blamiert, nichts ausgemacht und bin weiter gestöckelt.

Es hat sich fast alles in meinem Leben verändert. Dabei bin ich innerlich derselbe Mensch, der ich immer war, auch wenn äußerlich kein Chromosom auf dem anderen geblieben ist.

Ich muß oft lachen über all die verrückten kleinen und großen Dinge, die sich in meinem neuen Leben als Svenja verändert haben.

Du weißt, dass du endlich eine Frau bist, wenn ...


- wenn dir neue Schuhe plötzlich wichtiger sind als ein neues Auto.

- wenn du schlagartig die Hälfte deines Vokabulars eingebüßt hast,
darunter deine besten Schimpfworte.

- wenn du dafür plötzlich süß sagen kannst, ohne deshalb merkwürdige Blicke zu ernten.

- wenn das Pinkeln plötzlich eine halbe Stunde dauert, weil du
für ein simples Grundbedürfnis auf einmal anstehen musst.

- wenn du dich nicht mehr im Gesicht kratzen kannst, ohne dass du
danach dringend einen Spiegel brauchst.

- wenn du morgens eine Stunde früher aufstehen musst,
nur um pünktlich zur Arbeit zu kommen.

- wenn du nicht mehr deine komplette Oberbekleidung im Supermarkt einkaufen kannst.

- wenn du heute für ein Paar Schuhe mehr Geld ausgibst,
als früher für eine neue Grafikkarte.

- wenn du die Frage nach einem Auto nicht mehr mit Modell und Baujahr beantwortest,
sondern mit dessen Farbe.

- wenn du nicht mehr so einfach jede Diskussion beenden kannst,
indem du mit rollenden Augen stöhnst: „Weiiiber!“

- wenn du eine Handtasche tragen kannst, ohne gleich
für einen Lavendeltarzan gehalten zu werden.

- wenn niemand mehr von dir erwartet bei einer Kneipenprügelei den ersten Barhocker
in den großen Spiegel hinterm Tresen zu schmeißen.

- wenn dein blöder BH dich genauso einengt, wie früher dein Schulterholster
mit 2 Reservemagazinen, ohne auch nur halb so cool zu sein.

BioFrauen* werden es vermutlich nie so zu schätzen wissen wie ich und wie andere MzF* Transsexuelle, aber es ist einfach toll, eine Frau zu sein.

* BioFrau: ist schon als Frau auf die Welt gekommen: Echte Doppel-X Chromosomen, echter Busen, echte Cellulitis
* MzF Transsexuelle: Mann zu Frau Transsexuelle

Dienstag, 4. August 2009

Akustisches Passing

Svenja PLAZA Kiel"Oh, no!", denke ich, als ich den fröhlich grinsenden Geronten auf mich zukommen sehe. Schon wieder so ein glücklicher TransenErkenner, der sich ganz doll über seine große Entdeckung freut und sie gleich mit der ganzen Welt teilen wird. "Faszinierend", ruft er unentwegt aus und ich denke sofort an Mister Spock. Nur dass ich eben nicht Uhura bin.

Meine Freundin steht währenddessen scheinbar unbeteiligt daneben und betrachtet konzentriert ein Angebot mit Arztsocken für 3,99€. Nur ihr Grinsen verrät, daß sie aufmerksam zuhört, denn es droht jeden Moment ihre Ohren zu fressen.

Ich stehe bei PLAZA in Kiel kurz vor der Kasse und der aufdringliche Geront kommt wie ein Zombie unbeirrbar immer näher. Ein Ausweichen ist jetzt schon nicht mehr möglich. Es ist mein freier Tag und der Morgen fing so wunderbar an. Wie soll ich mich verhalten?

"Faszinierend, einfach faszinierend. Ihre Stimme, meine ich. Faszinierend diese Stimme" sagt der freundliche ältere Herr und ich merke, wie ich ihn auf Anhieb in mein Herz schließe. "Welch ein charmanter Typ", denke ich bei mir. Ein echter Gentleman. Mir war er auf den ersten Blick sympahisch.

Mit einem charmanten Lächeln schiebt er seinen Einkaufswagen in Richtung Obst und Gemüse davon. Ich bleibe verblüfft und ein bisschen beschämt zurück. Während ich schon in Gefechtsstimmung war, wollte dieser nette Mensch mir nur ein ehrliches Kompliment für meine ungewöhnliche Stimme machen. Er ist offensichtich gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich mein eigener ExMann sein könnte. Vermutlich hat er mich für eine XXL-Version von Zarah Leanders Enkeltochter gehalten.

Und zum ersten Mal find ich meine Stimme selbst ein bisschen gut und nicht mehr viel zu männlich, auch wenn mich Fremde am Telefon immer noch als "Herr Svenja" anreden

Fazit: Wenn das optische Passing gut ist, wird die etwas dunklere und eher männliche Stimme von Fremden als dunkel und rauchig, aber weiblich wahrgenommen. Weil der optische Reiz am Telefon aber fehlt, bin ich dort für Fremde auch weiterhin Herr Svenja. Aber damit kann ich gut leben.

Montag, 3. August 2009

Die Unterbrustfalte

Busen Hormontherapie weibliche Hormone"Du hast ja ne Unterbrustfalte!", prustet meine Freundin unvermittelt mit voller Lautstärke los. Vor Schreck schütte ich ein wenig von meinem Kaffee über die Spiegeleier. Aber natürlich freue ich mich darüber, dass auf diese Weise auch die übrigen Gäste in der Bodega-del-Sol über meine neueste körperliche Entwicklung informiert werden.

"Was zum Fiffi ist eine Unterbrustfalte und ist das gut, oder schlecht?" frage ich zurück. Das Wort Unterbrust klingt schon so merkwürdig und Falte trägt auch nicht zu meiner Beruhigung bei. Mein Argwohn ist geweckt.

Die Gespräche an den Nebentischen sind mittlerweile verstummt. Man wartet gespannt auf die Erklärung. Es ist nicht zu übersehen, dass allgemein in die Richtung geschaut wird, in der diese ominöse Falte am ehesten zu vermuten ist.

"Na ja, das ist so eine Falte unterm Busen, die entsteht, wenn er größer wird und nicht mehr wie bei einer 13-Jährigen aussieht." Und während ich die stummen Glückwünsche der Herrenrunde am Nebentisch entgegennehme, fügt Sie unnötigerweise hinzu: "Aber du hättest trotzdem ruhig einen BH anziehen können."

An dieser Stelle hätte Sven früher die Augen verdreht und nur gestöhnt: "Weiiiiber ...!" aber inzwischen kommt mir das unpassend vor und ich murmele nur lahm: "Zum Neckholder sieht BH doof aus."

Fazit: Ich habe als Transsexuelle wirklich unglaubliches Glück, denn einen künstlichen Brustaufbau mit Silikon werde ich nicht brauchen. Die weiblichen Hormone sind so wirksam, dass die Brüste auch nach mehr als zwei Jahren Hormontherapie noch immer weiter wachsen. Die Kombination aus Estreva Gel und Diane 35 funktioniert ausgezeichnet und wird von mir sehr gut vertragen.

Samstag, 1. August 2009

Kühlschränke zum Monatsende

Svenjas Kühlschrank am Monatsende"Los, iß mich doch, wenns dir schmeckt", höhnt mir die teure Antifaltencreme von Nivea entgegen, als ich hungrig in meinen gähnend leeren Kühlschrank schaue. Es ist der 30. des Monats und mein Gehalt kommt erst morgen.

"Na, gut, eine Bestellung bei Mr.Dick fällt aus", denke ich und mache eine kurze Bestandsaufnahme. "Was habe ich noch?"

Das Eisfach ist leer, Fehlanzeige. Dann gibt es da noch eine halbe Dose Trockenpflaumen und ein antikes Glas Marmelade. Nein, beide haben seit Monaten jeden 30. überstanden und inzwischen häng ich an den Beiden. Und außerdem esse ich weder Marmelade noch Trockenobst.

Ich könnte mir einen leckeren Eintopf aus Grillsaucen kochen, aber so ganz ohne Fleisch sind Grillsaucen ein Witz und mein Magen knurrt nur noch lauter.

Wenigstens habe ich noch eine ganze Flasche Pernod und eine halbe Flasche XuXu. Pernod mag ich nicht und von XuXu krieg ich Kopfschmerzen. Ob ich mal ein ernstes Gespräch mit meinem Freund Herrn Owusu über den Hunger in der Welt führen soll? Nein, auf sein verlogenes Mitgefühl hab ich heute nun wirklich keine Lust.

Gerade noch rechtzeitig entdecke ich eine Dose Erbsensuppe im Küchenschrank. Die steht da zwar schon ein Jahr, aber mir ist nie aufgefallen, wie sexy die eigentlich aussieht. "Heute bist du dran, Baby!" denke ich und stelle die Schnellkochplatte auf 3. Ein echter Fortschritt zu früher übrigens, denn Sven hätte das Zeug im Stehen kalt aus der Dose gelöffelt. Während ich stilvoll die heiße Erbsensuppe löffele und mir sogar eine Serviette gefaltet habe, träum ich von morgen. Morgen gibts Geld und dann sieht mein Kühlschrank wieder so aus:

Svenjas Kühlschrank


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Montag, 27. Juli 2009

Frauen beschimpft man anders

Svenja-in-the-CityWortlos überreicht mir meine Freundin den kleinen Buchstabierkasten aus Holz. "Svenja ist eine blöde Q", steht darin zu lesen.

"Klasse," denke ich, "jetzt werde ich sogar schon als Frau beschimpft. Das ist ja super" und freu mich total über diesen ungewöhnlichen Ausdruck weiblicher Akzeptanz. Das ist schon das zweite Mal, dass ich eindeutig als Frau beschimpft werde. Ein wütender Teenie schreibt mir auf eine Restaurantkritik: "Svenja du scheiß Bitch. Kauf dir Geschmack!"
Ich bin begeistert. "Passing extreme", denke ich und freue mich über meine erste Bitch. Also nicht meine allererste Bitch, aber das erste Mal, dass ich damit gemeint bin. Nein das wird zu kompliziert. Die Erklärung überspring ich lieber.

Manchmal sind es kleinste Kleinigkeiten, die sich in meinem neuen Leben als Svenja verändert haben. "Sven wäre bestenfalls ein alter Blödmann gewesen, aber ich bin jetzt eine blöde Kuh", denke ich voller Stolz.

Insgeheim weiß ich natürlich, dass Sie mir nur eine Freude machen will und nicht wirklich sauer ist. Schließlich habe ich nicht mehr getan, als ihr megaleckeres Abendessen mit den Worten "schmeckt ganz ok" zu loben.

Morgen sag ich mal was über Ihre Frisur. Mit etwas Glück locke ich noch eine "Alte Zicke" aus ihr heraus.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Schuhe kaufen

"Wieviel Paar Schuhe hast du? Hundert? Das kann doch wohl nicht wahr sein." entrüstet sich ein Kollege, als ich ganz beiläufig auf Schuhe zu sprechen komme. "Aber davon sind 20 Paar nur Stiefel" versuche ich ihn zu beruhigen. Mit einem gemurmelten: "Du spinnst total" lässt er mich stehen und trottet zurück in sein Büro. "Typisch Jungs", denke ich: Könnten fünf Stunden lang in sechs verschiedenen Baumärkten abhängen, um den perfekten Akkuschrauber zu suchen, aber für die Wichtigkeit von Schuhen haben sie keinen Sinn.
Mit dem Schuhe kaufen ist es ohnehin eine ganz merkwürdige Angelegenheit. Gerade dann, wenn das Geld am knappsten ist, wird meine ShoeShopMania am größten. Auf dem Foto hätte ich die letzten 20 € besser zu ALDI getragen, aber trotzdem hab ich lieber das vierzehnte Paar Ballerinas nach Hause geschleppt. Wer weiß denn, ob sie die nächsten Monat noch in 41 da haben.

Deichmann ist mein Schuh-ALDI. Sicher würde ich meine Ballerinas, Pumps und Stiefel auch lieber bei Buffalo und Görtz17 kaufen, aber das krieg ich nicht immer hin. Außerdem sind Schuhe viel zu trendy und daher ebenso schnell wieder OUT. Dann geh ich damit nicht mal mehr den Müll runterbringen und verkauf sie stattdessen schnell wieder auf eBay. Neuer Platz, neues Geld, neue Schuhe.

Erst letzte Woche hab ich mir bei Deichmann ein wunderbares Paar brauner Booties gekauft. Cognacbraun, flache Sohle und passen perfekt zum Jeansmini. "Wie bitte? Ich hab doch schon sieben Paar braune Stiefel? Na und? Ich hab auch 20 Jeansminis. Was hat das denn damit zu tun, bitte? Ich seh den Zusammenhang gar nicht." Nur weil eine Frau schon weiße Peeptoes mit Keilabsatz hat, heißt das noch lange nicht, dass sie kein weiteres Paar kaufen wird. Oder zwei, oder fünf.

Falls BioFrauen mitlesen: könnt ihr bitte irgend etwas davon bestätigen, um mich ein bisschen besser fühlen zu lassen? Und die Männer dürfen gerne ein paar erhellende Worte loswerden zu ihrem merkwürdigen Hang, Baumärkte heimzusuchen. Das ist nämlich wirklich nicht leicht zu verstehen.
Bitte nehmt an der Abstimmung oben rechts teil, ja?

Sonntag, 19. Juli 2009

Die Holtenauer Straße

Ich liebe es, am Samstagmorgen durch die Holtenauer Straße zu bummeln. Das ist mir viel lieber als die Hektik der großen Deichmann Esprit H&M Fußgängerzone der Innenstadt. Dort gibt es ja nicht mal mehr ein Lebensmittelgeschäft. Nein, Samstags will ich bummeln und dafür geh ich viel lieber holtenauern. Das heißt natürlich nur, falls ich nicht eine Stunde vor Ladenöffnung erst nach hause gekommen bin. Doch das geschieht eher Sonntags und dann haben die Geschäfte sowieso zu.

In der Wilhelminenstraße komme ich an dem Strandgut vorbei, das die Bergstraße über Nacht an Land gespült hat. Ein halb aufgefressener Döner in Alufolie, zwei zerschlagene Flaschen Beck's Gold, der abgeknickte Seitenspiegel eines nagelneuen Golf und natürlich ein oder zwei frische Graffitis. Nachts ist hier keine gute Gegend und am Sonntagmorgen wird es noch schlimmer aussehen.

Aber heute morgen freue ich mich auf die Holtenauer Straße mit ihren vielen kleinen inhabergeführten Geschäften. Vor einiger Zeit ist der Bürgersteig mit einem Glasdach überspannt worden und seitdem stöckele ich bei jedem Wetter geschützt unter den Arkaden entlang. Vorbei an dem türkischen Obstladen, dem kleinen Strumpfgeschäft mit der süßen Verkäuferin und ihrer sexy Auslage und natürlich vorbei an dem Antiquitätenladen, in dem ich das kleine Silbertablett gekauft habe.

Vorbei auch an den neuen, stylishen Straßencafés, dem N.I.L und dem Non Solo Pane, wo Schicki und Micki ihren Latte schlürfen und einige mich im Vorbeigehen durch riesige Sonnenbrillen mustern. Ein wenig erinnern sie mich dabei an Stubenfliegen.

Heute trinke ich meinen Kaffee bei Arko. Für nur einen Euro kann ich draußen sitzen, Kaffee trinken und Leute gucken. Ich liebe das. Und natürlich lästere ich kein Stück: "Wow, hast du die Treter von der Blonden gesehen? Die kann doch wohl nur 'ne Geisel sein, oder?!?."

Svenja Holtenauer Straße Kiel

Ein kleines Stück weiter dann Achim Freund, mein Lieblings Supermarkt. Hier kaufe ich fast alle Lebensmittel ein. Allerdings erst auf dem Rückweg, denn heute morgen will ich noch weiter zu Tchibo Prozente. Ich warte immer noch darauf, dass sie diese tollen Klimastrumpfhosen endlich wieder reinbekommen.

Unterwegs treffe ich Ingrid mit ihrer Drehorgel, die bei gutem Wetter zum Straßenbild der Holtenauer gehört. Wir wechseln ein paar Worte bevor ich in meinen Ballerinas, Jeansmini und Leggings langsam weiterbummele. Schon aus einiger Entfernung entdecke ich meine Freundin Claudia. Sie ist auch ein T-Girl und noch ein gutes Stück größer als ich. Zwischen Claudia und mir gibt es ein stummes Gentlegirl's Agreement: Wir gehen immer alleine holtenauern, auch wenn wir beinahe Nachbarn sind. Falls wir uns aber unterwegs irgendwo treffen, und das geschieht fast immer, dann trinken wir zusammen einen Kaffee und schlendern danach gemeinsam weiter. Ich brauch morgens die ersten ein, zwei Stunden ganz für mich alleine.

Nach knapp drei Stunden bin ich wieder zuhause und denke: "Wie gut, dass ich heute Ballerinas anhatte und keine Pumps." Meinen kleinen Einkauf kann ich bequem in ein, oder zwei Tüten nachhause tragen. Viel brauche ich nicht. Eine halbe Ente von Wiesenhof, zwei kleine Ofenkäse und natürlich eine Flasche Blanchet.

Transfaktor: Die Holtenauer Straße ist perfekt geeignet, um tagsüber als T-Girl auch ohne perfektes Passing einkaufen zu gehen. Die Typen, denen wir lieber nicht begegnen möchten, sind dort kaum zu sehen. Die findet man eher in der Fußgängerzone und im Sophienhof. Damit ist die Holtenauer Straße auf jeden Fall mein Tipp für Transsexuelle, die tagsüber in Ruhe bummeln und shoppen gehen wollen. Leider ist das Pflaster schon ziemlich alt und ich würde nicht gerade meine besten Stilettos anziehen. Sonst passiert euch das hier. Am Sonntag lohnt sich sogar der weite Weg bis in die Wik zu meinem Lieblingscafé, der alten Café Konditorei Pursche. Aber lest selbst ...

Sonntag, 12. Juli 2009

Mein Freund Herr Owusu


Manchmal geht es mir schlecht. So richtig schlecht. Dann ist mein Leben ein finsteres Loch und das Leid steht mir bis zum Hals. Wenn ich jetzt den Kopf hängen lasse, dann ertrinke ich in meinem eigenen Elend.

Für solche Anlässe habe ich Herrn Owusu erfunden. Herr Owusu kommt aus Burundi. Das ist ein kleines Land in Afrika. Da scheint immer die Sonne. Viel weiß ich nicht über Herrn Owusu, aber für meine Probleme hat er immer ein offenes Ohr. Herr Owusu ist ein sehr mitfühlender Mensch und wenn es mir schlecht geht, dann ist er ein verständnisvoller Zuhörer.

Herr Owusu: "Svenja, du siehst so traurig aus, was ist los?"
Ich: "Ach, mir geht's nicht gut."
Herr Owusu: "Oh, ich kenne das. Bestimmt hast du großen Hunger und ganz lange nichts gegessen."
Ich: "Nein, das ist es nicht. Mein Kühlschrank ist immer voll mit Sachen, die ich total gerne mag. Außerdem kann ich mir doch einfach bei Mr.Dick was bestellen, wenn ich Hunger kriege."

Herr Owusu überlegt kurz. Dann sagt er: "Oh. Dann bist du krank? Das ist sehr schlimm. Meine kleine Schwester Jamila ist gestorben letzten Sommer. Sie war krank und Medizin ist teuer. Der Doktor ist zwei Tage weit weg. Meine süße Jamila ist einfach eingeschlafen. Ich konnte ihr nicht helfen. Krankheit ist sehr schlimm. Ich bete für dich, Svenja."
Ich merke, wie Owusu anfängt, mir allmählich auf die Nerven zu gehen: "Nein, mach dir keine Sorgen, Herr Owusu. Ich bin kerngesund, mir fehlt nichts. Außerdem sind ein Dutzend Apotheken in der Nähe und Medikamente kriege ich sogar umsonst."
Herr Owusu: "Aber du mußt bestimmt weit reisen bis zu einem klugen Doktor."
Ich: "Aber nein, mein Arzt wohnt fast nebenan. Aber stell dir mal vor: einmal hat er mich eine volle Stunde warten lassen, bevor ich endlich dran kam. Ich hatte so'n Hals, sag ich dir."
"Ja", erwidert Herr Owusu. "Das muß sehr schlimm gewesen sein."

Herr Owusu versucht es erneut: "Jetzt weiß ich, was du hast: bestimmt hast du keine Arbeit, oder du musst schuften und dein Chef ist immer sehr böse zu dir."
Ich: "Sag mal, spinnst du, Jammy?" So lautet Herrn Owusus Vorname "Ich hab eine total gute Arbeit. Ich bin Beamtin. Sogar auf Lebenszeit. Das heißt, man kann mir gar nicht kündigen."

Herr Owusu: "Oh, aber du verdienst bestimmt sehr wenig und du mußt jeden Tag viele Stunden gehen zu deiner Arbeit. Und erst kurz vor Mitternacht kommst du müde zurück."
Langsam werde ich sauer: "Sag mal, Jammy. Willst du mich einfach nicht verstehen? Ich verdiene Geld genug und ich habe auch ein eigenes Auto. Damit fahre ich jeden Morgen vier Minuten zur Arbeit, einfach weil ich keinen Bock hab, 20 Minuten zu laufen. Das geht gar nicht. Aber du hast schon Recht: Ich muß tatsächlich fünf Tage die Woche schuften und manchmal bin ich sogar erst gegen 16 Uhr zu Hause."

"Oh", sagt Jammy und ich kann seine Miene nicht recht deuten. "Jetzt hab ich's!" ruft er mit einem Leuchten in seinen Augen. "Weil du transsexuell bist, hast du immer Angst. Wenn die Polizei dich erwischt, dann sperren sie dich ein und sie schlagen dich und du kannst sogar Todesstrafe kriegen. Und deshalb hast du auch keine Freunde, damit dich keiner verraten kann. Oh, endlich versteh ich dich." ruft er mit breitem Grinsen und sieht dabei so froh aus, weil er glaubt, mich endlich verstanden zu haben.

Ich spüre, wie ich immer saurer werde: "Mensch, Owusu! Ich hab langsam das Gefühl, du verstehst überhaupt nichts. Ich bin doch selbst bei der Polizei. Ich arbeite doch inzwischen sogar als Frau, als Polizistin. Und außerdem ist es doch wohl nicht verboten, trans zu sein. Wo kommst du denn her? Und Freunde habe ich auch. Die kennen mich alle als Svenja und es ist völlig ok."

"Oh", sagt Herr Owusu erneut und sieht mich traurig an.

Langsam frage ich mich, ob Herr Owusu wirklich so einfühlsam ist, wie ich bisher geglaubt habe. Nun ja, Er hat gut reden, schließlich hat Er nicht meine Probleme. Bei ihm zu Hause scheint ja auch immer die Sonne.

Samstag, 11. Juli 2009

Poetry Slam in der Schaubude Kiel

Schaubude Kiel SvenjaOb ich mitgehe zum Poetry Slam, fragt mich die beste Kollegin von allen. "Ach bitte, das ist auch echt total toll." fügt sie hinzu, als ich nicht gleich begeistert zustimme.

Dabei zögere ich nur, weil ich nicht die geringste Ahnung habe, was das überhaupt für ein Biest ist, so ein Poetry Slam. Doch Sie klärt mich auf: Der Poetry Slam ist eine Dichterschlacht, bei der Poeten mit selbstgeschriebenen Texten gegeneinander antreten. Jeder kann mitmachen und hat sechs Minuten Redezeit. Die Texte können lustig oder traurig sein, Prosa oder Poesie. Am Ende entscheiden eine Jury und der Applaus des Publikums über den Sieger des Abends.

In Gedanken wäge ich Chancen und Risiken der Veranstaltung gegeneinander ab. Pro: ich verbringe vielleicht einen total netten Abend zusammen mit meiner Freundin und kann außerdem mein neues Vero Moda Strickminikleid ausführen. Contra: vielleicht ist so ein Dichterwettstreit grottenlangweilig und der Weißwein dort schmeckt wie Laternenpfahl ganz unten. Ich kann das jetzt noch nicht wissen, aber am Ende wird eines der beiden Contras fett zutreffen!

Ich bin skeptisch, aber mit einem langgezogenen „okeeeh“ verspreche ich Ihr, sie zu begleiten. Ich merke selbst, wie dünn das klingt und lege schnell noch einen nach: „Ich freu mich schon total darauf.“ Ich hüstele und fasse mir dabei unauffällig an die Nase. Nein, sie ist nicht länger geworden.

Der Poetry Slam findet in der Kieler Schaubude statt. Als der Laden gegen 21 Uhr öffnet und wir durch den schweren schwarzen Vorhang treten, erwartet uns eine dichte, dunkle Clubatmosphäre. Welch ein cooler Laden, denke ich und fühle mich auf Anhieb wohl.

Die Leute drängen herein und schon nach wenigen Minuten ist die Schaubude bis auf den letzten Platz besetzt. Viele hocken einfach vor der Bühne auf dem Fußboden. Andere sitzen in den Fensterbänken der großen Außenscheiben, die mit Holz vernagelt sind. Kein natürlicher Lichtstrahl dringt herein und Stühle gibt es kaum.

Mit geübtem Blick finden wir zwei sehr gute Plätze an der Bar. Von hier aus haben wir freie Sicht auf die Bühne, auch wenn wir leider stehen müssen. Ich trage meine bequemen Ballerinas, doch Sie in ihren hohen schwarzen Pumps muss ganz schön leiden. Das hier ist eindeutig Chucks Country, denke ich.

Team und Struppi Schaubude Poetry Slam

Endlich geht es los und ein langer, schlaksiger Typ betritt die Bühne. Es ist Björn Högsdal, der Veranstalter des Slam. Mit seiner lockeren Art zieht er das Publikum schnell auf seine Seite. Der erste Poet hat es am schwersten, weil das Publikum noch kalt ist. Björn wirft sich daher vor Beginn mit einem eigenen Text außer Konkurrenz ins Feuer. So schlägt er gleich fünf Fliegen mit neun Klappen: er bringt das Publikum in Stimmung und kann dabei seine neuen Texte ausprobieren.

Nacheinander treten jetzt die Poeten auf die Bühne. Sie stehen dort ganz allein nur mit ihrem Text und mit sich selbst. Ich würde bewußtlos werden vor Lampenfieber. Doch die Poeten an diesem Abend sind erfahrene Slammer und wirken völlig cool. Die verrückten anarchisch lustigen Texte von Team & Struppi machen es uns leicht. Die beiden sind mega witzig und meiner Freundin tropfen die Lachtränen nur so in den Ausschnitt.

Ein anderer Blogger hat sich einmal beschwert, das Publikum sei zu laut gewesen, doch bei Anke Fuchs Auftritt „Was wisst ihr schon davon“ wird es still in der Schaubude und das Lachen bleibt mir im Halse stecken. Poetry Slam ist nicht StandUp Comedy, auch wenn viele lustige Texte vorgetragen werden. Seht euch das Video an, dann habt ihr einen perfekten Eindruck von der besonderen Atmosphäre beim Poetry Slam.



Am Ende bin ich so begeistert von meinem ersten Slam, dass ich sogar vergessen habe, wer gewonnen hat. War es der nette Junge aus der Schweiz? Oder war es Anke? Ich weiß es nicht mehr und es ist auch nicht wichtig, denn die Poeten waren alle klasse.

Nicht vergessen aber habe ich den Weißwein, mit dem ich absolut Recht behalten sollte. Die Auswahl beschränkte sich auf den nehme ich oder den nehme ich nicht, aber schmecken tat der Wein fast genauso mies wie in der BAZILLE. Jungs, das Zeug ist schlimmer als jeder Glykol Verschnitt aus'm TetraPack. Das muss unbedingt besser werden.

Fazit: Falls euch mal irgendwann eine Freundin fragt, ob ihr mit zum Poetry Slam gehen wollt, dann erwarte ich ein begeistertes: „Hurra, na klar!“ Macht es einfach, es lohnt sich wirklich. Wir sehen uns beim nächsten Slam.

Transfaktor: Eins Plus. Das Publikum sind überwiegend Studenten. Tolerant, weltoffen und außerdem total mit sich selbst beschäftigt. Als T-Girl könnt ihr ganz beruhigt dorthin gehen. Es ist ganz sicher lustig und ihr braucht keine Angst vor dummen Sprüchen oder vor Anfeindungen zu haben.