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Sonntag, 6. Januar 2013

Warum ich lieber online einkaufe

Ehrfürchtig trete ich an die Glas­vitrine mit den teuren Schreib­ge­rä­ten heran. In der Mitte liegt ein grüner Kolben­füller, ein Pelikan Souverän M600 aus Lack. Genau so einen habe ich auch, er ist wunderschön. Aber was wäre ein handge­schrie­­bener Brief ohne ein per­sön­liches Siegel aus Lack? 

Ich habe zwar ein Petschaft, so nennt man den Siegel­stempel, aber ich suche ein Neues und bin auf die Auswahl gespannt, die mir in Kiels Tempel der Schreibkunst geboten wird.

Eine junge Verkäuferin steht hinter dem Tresen, in dem die edlen Schreibgeräte unter einer Glasplatte präsentiert werden.

"Entschuldigen Sie bitte", eröffne ich das Gespräch, "ich suche ein Petschaft."
"Was suchen Sie?"
"Ein Petschaft. Das ist ein Stempel mit dem man Siegel machen kann."
An ihrem Blick sehe ich, wie fremd mein Wunsch ist. Wo sollte man bei WhatsApp auch das Siegel drauf­quet­schen? Aufs iPhone?

Ich schlendere weiter die Holtenauer Straße entlang zu Hugendubel, einer Art Buchhandlung. Ich erinnere mich, dass ich das letzte Petschaft, das ich verschenkt habe, auch in einer Buchhandlung gekauft habe.

"Was soll das sein?", fragt die Verkäuferin unwirsch, als ich meinen Wunsch vortrage. 
"Das ist so ein Ding, mit dem man Siegel machen kann", vereinfache ich meine Erklärung in ent­schul­digendem Tonfall. Es ist mir unangenehm, dass mein Wunsch solche Schwierigkeiten verursacht.

"Sowas ha'm wir nicht. Wir sind eine Buchhandlung!" pflaumt sie mich an und zieht ein Gesicht, wie das Untier in Bloodfighter of the Underworld am Ende des zweiten Levels.

Ich versuche das bisschen Contenance zu bewahren, das mir zur Verfügung steht und antworte lahm: "Das Letzte habe ich aber auch in einer Buchhandlung gekauft", während ich in Wahrheit denke: "Pass mal auf, du dämliche Else, ich kann nichts dafür, dass du deine Briefe mit Kuli auf die Rückseite einer Brötchentüte kritzelst."

Ich finde es nicht schlimm, wenn man etwas nicht weiß, schließlich bin ich selbst nicht gerade die hellste Kerze im Leuchter, sondern es ist diese aggressive Vorneverteidigung, mit der Nichtwissen geleugnet und dem Kunden das Gefühl gegeben wird, er sei zu doof: Der gefragte Gegenstand existiere nicht, habe nie existiert und es gebe keinen Grund, ihn jemals zu erfinden. Denselben Mechanismus kenne ich auch aus Foto-, Computer und sogar Fleisch­abteilungen. 'Kenne ich nicht' bedeutet 'Gibt es nicht'. 

Das Gespräch hätte ja auch so ablaufen können:
"Ich suche ein Petschaft."
"Entschuldigen Sie, das sagt mir jetzt nichts. Was ist das?"
"Ein Stempel, mit dem man Siegel macht"
"Ach so, jetzt weiß ich, was Sie meinen. Nein, tut mir leid, das führen wir leider nicht, aber wir haben sehr schöne Schreibpapiere, falls sie so etwas interessiert."

Fazit: Wenn ich bei Amazon den Suchbegriff Petschaft eingebe, werden mir 358 Siegelstempel präsentiert. Darunter edle Stücke aus poliertem Edelholz und Messing in einer hübschen Geschenkbox. Genau deshalb kaufe ich so gerne online, während ich mit der Maus in der einen und dem Kaffee in der anderen Hand vor meinem Computer sitze.  Online gibt es alles, online kennt alles und online ist immer glei­cher­maßen freundlich. Sogar, wenn ich im Nachthemd im Laden erscheine...

Sonntag, 12. Februar 2012

Frauen ab 50

Als Mann brauchst du nur halbwegs in Form zu bleiben und kannst dich mit etwas Glück in eine Reihe mit dem Marlboromann, Clint Eastwood, oder den coolen Camel Typen aus der Werbung stellen. Du darfst bloß nicht aus dem Leim gehen und auf keinen Fall anfangen,  Strickjacken, Birkenstocks, oder beige zu tragen.

In meinem ersten Leben habe ich dem Alter gelassen entge­gen­ge­sehen, denn was das anging, stand ich voll auf der Gewinner­seite. Meine schwarzen Haare würden allmählich von grauen Strähnen durchzogen werden und mein Gesicht ein paar sympathische Fältchen entwickeln.

Noch mit 65 Jahren würde ich vorm Alters­heim mit jungen­haftem Lächeln von meiner Enduro steigen, den Helm abnehmen, meine graue Mähne ausschütteln und ein strahlendes Gewinner­lächeln auf die umstehende Damen­welt werfen.

Inzwischen ist es aber eher Mutter Beimer und nicht mehr Clint Eastwood, die mir in Aussicht steht. Für Frauen gelten nämlich andere Wertvorstellungen und Idole, was das Altern betrifft. Alter Käse, alter Wein? Wunderbar. Aber ein alter Pfirsich, eine alte Tomate?

In meiner neuen Welt sind Fältchen und graue Haare kein bisschen cool und sympathisch, sondern einfach alt. Jedes Jahr muss ich ein wenig mehr Aufwand betreiben, um halbwegs presentable zum Dienst zu erscheinen. Mein tolles Permanent MakeUp allein reicht dafür schon lange nicht mehr aus und es wird immer deutlicher, dass ich im ewigen Kampf um Jugend und Schönheit immer mehr an Boden verliere.

Während dem Mann im Alter eine breite Auswahl tougher Role Models zur Verfügung steht, sieht das für Frauen wesentlich schwieriger aus. Die bekannten Idole aus Werbung, Funk und Fernsehen sind allesamt erschütternd jung, unnatürlich schlank und beneidenswert sexy. Was immer sie anziehen, was immer sie tun, sie sehen umwerfend dabei aus.

Was also sind meine Möglichkeiten? Aufgeben? Die Pumps gegen Bio-Clogs tauschen, Bequemhosen mit Stretchbündchen tragen und mir die Haare kurz schneiden lassen, weil das irgendwie praktischer ist? Never! Das kann ich nicht machen, damit würde ich mich selbst verraten.

Wohlgemerkt: Weder gegen Birkenstocks, Bequemhosen oder Kurzhaarfrisuren ist irgendetwas einzuwenden, nur für mich ist das nichts.

Wenn Aufzugeben keine Option ist, dann bleibt nur Eines: Eine Kurskorrektur, eine Neuorientierung. Ich muss mich komplett neu erfinden und mein eigenes toughes Role Model einer Frau ab 50 sein, mein eigenes Marlborogirl, in einer Mischung aus Lara Croft, Katherine Hepburn, einem Hauch Laszivität der älteren Sophia Loren und ganz viel Svenja.


Fazit: Älter zu werden ist für Frauen noch unlustiger als für Männer, weil die sichtbaren Zeichen des Alters bei Frauen viel weniger positiv besetzt sind, als bei den Jungs. Mutter Beimers Falten sind nicht halb so cool, wie die Kanten im Gesicht von Clint Eastwood.

Deshalb schaffe ich ab heute mein eigenes Rollenbild einer toughen Frau ab 50. Sie ist stark und unabhängig, altert in Würde, bleibt schlank, pflegt sich und trägt ihren eigenen Style. Cool ist, was SIE gerade trägt. Sie handelt so klug, wie sie es vermag und ist trotzdem jederzeit bereit, etwas völlig Verrücktes zu tun. Das ist meine Agenda Svenja 2012 für das Leben einer Frau ab 50. Und diese Frau bin ich...

Sonntag, 22. Januar 2012

Sechs Dinge, die ich nie wieder kaufen werde


Lady Cavendish's Alibi scheint mir mehr als dürftig zu sein, solange sie bei ihrer Behauptung bleibt, sie habe bereits geschlafen, als ihr Mann aus Badger's Drift ins Herrenhaus zurück­ge­kehrt ist. 
  
Während mein Kollege, Inspector Barnaby, ihre Aussage zu Protokoll nimmt, sehe ich mich ein wenig auf dem Landsitz der Cavendishs um, wo ich DCI Barnaby an diesem Abend bei seinen Ermitt­lun­gen begleite.

Die Kamera schwenkt nach links und fährt langsam hinüber in den Salon. Ich betrachte die Einrichtung, sehe Lampen, Möbel, Teppiche, Vasen und viele schöne Dinge.

Dabei fällt mir auf, dass sie etwas gemeinsam haben: Alle machen den Eindruck, als seien sie von hoher Qualität und schon vor langer Zeit angeschafft worden, ohne etwas von ihrer Schönheit und Funktionalität eingebüßt zu haben.

Wenn man es klug anstellt, dann braucht man einige Dinge nur ein einziges Mal im Leben zu kaufen und danach nie wieder. Vielleicht mag ich deshalb keine Sonderangebote. Mein Geld ist knapp und deshalb kaufe ich nur das Beste. Sonderangebote kann ich mir nicht mehr leisten.

Ich formuliere einen Wunsch, betrachte ihn von allen Seiten, hole Informationen ein, wäge Alternativen ab und entscheide mich am Ende für den einen, besten Gegenstand. Der soll es sein. Kein anderer. Der Preis ist nur wichtig, wenn es gleichwertige Alternativen für weniger Geld gibt.

Der alte Lord Cavendish hat die klassischen Empire Leuchter auf dem Kaminsims sicher auch nicht im Sonderangebot erstanden und was die Cavendishs mir an Geld voraushaben, das mache ich mit Geduld wieder wett, denn ich kann warten.

Was sind das für Gegenstände, die man nur ein einziges Mal zu kaufen braucht, wenn man es gleich richtig anstellt? Ich habe keinesfalls Antiquitäten im Sinn, sondern ganz alltägliche Dinge, von denen ich sogar einige bereits besitze.

Lautsprecherboxen. Ein gutes Paar Boxen hält ein Leben lang. Vor 17 Jahren habe ich  PC-Boxen von Cambridge Soundworks gekauft und noch immer stellen sie Vieles in den Schatten, das ich bisher am Computer gehört habe. Heute freue ich mich, dass ich damals etwas Gutes gekauft habe, denn seit ich keinen Fernseher und keine Stereoanlage mehr besitze, sind sie an meinem iMac doppelt wertvoll.

Ein guter Füllfederhalter. Seit 14 Jahren schreibe ich mit einem Pelikan M600 und er wird immer besser. Die Goldfeder ist inzwischen perfekt auf meine Hand eingeschrieben. In zehn oder zwanzig Jahren werde ich ihn sicher einmal zum Füllhalter Doktor zur Inspektion bringen, aber ansonsten scheint er für die Ewigkeit gemacht.

Möbel. Gute Möbel überdauern Jahrhunderte und obwohl ich möbliert wohne, habe ich doch drei eigene Möbelstücke. Einen Ohrensessel, einen Bürosessel aus Büffelleder, der seit 19 Jahren immer schöner wird und dieses wunderschöne Bett aus weißem Palisanderholz, das ich aus Indien über einen Versandhandel für Kolonialmöbel bestellt habe. Massive, alte Handwerksarbeit, unglaublich schwer, stabil und teuer, aber ich werde nie wieder ein anderes Bett kaufen müssen. 

Töpfe und Pfannen. Ein Jahr lang habe ich auf meinen Skeppshult aus gegossenem Roheisen gespart.  In keinem Topf gelingt Daube Provencale besser als in diesem. Und auf meinen Motorradreisen brate ich seit neun Jahren in einer Titanpfanne von Trangia,  die kaum mehr als 100 g wiegt und trotzdem unverwüstlich ist.

Werkzeug. Für mein Motorrad benutze ich nur Markenwerkzeug von Gedore und Hazet. Jeden einzelnen Schlüssel, jede Nuss und jeden Schraubendreher habe ich sorgfältig ausgewählt. Wer soviele Schrauben wie ich mit billigem Werkzeug aus dem Baumarkt ruiniert hat, der weiß, was gutes Werkzeug wert ist.

Messer. Mit meinem  Buck Vanguard bin ich beim Endurowandern jeder Herausforderung gewachsen, vom Schneiden der Entrecotes über Feuerholz machen, bis zur Bekämpfung Aufständischer.

Mein Leben ist übersichtlich und ich möchte nur wenige Dinge besitzen, aber die sollen von höchster Qualität sein. Sie müssen die Zeit überdauern, gut aussehen, Klasse haben und mir lange Freude bereiten. Der Preis ist nicht so wichtig, denn ich habe die Geduld, um lange für meine Wünsche zu sparen.

Fazit: Es gibt sicher noch weitere Gegenstände, die bei kluger Auswahl und angemessener Pflege ein Leben lang halten können und wo das Hochwertige und Teure am Ende das beste Angebot ist. Inzwischen achte ich darauf, möglichst nur noch solche Artikel anzuschaffen. Auf welche Gegenstände mag das noch zutreffen?

Am Ende war es übrigens doch nicht die alte Lady Cavendish, die ihrem Mann hinübergeholfen hat, sondern ein Earl of SoUndSo aus dem Ruderclub, aber die ganze Geschichte war so verworren, dass ich nicht alles verstanden habe. Barnaby hat die Sache letztlich aufgeklärt. Ich habe mehr auf die Einrichtung geachtet...

Dienstag, 22. November 2011

Wo ist mein Nivea?

Habe ich heute Tomaten auf den Augen? Ich stehe vor dem NIVEA Regal und kann mein Mascara nicht finden. Lash Revolution in der blauen Packung. Das kaufe ich immer, weil es diese abgewinkelte Bürste hat, mit der ich mir endlich nicht mehr die Nasenspitze bemale. 

Und eine neue Flasche Make Up brauche ich auch. Mein Stay Real ist zwar noch halb voll, aber ich habe gerne einen Vorrat im Haus. Man weiß ja nie, wann die nächste Latina Minirockparty losgeht und wenn dann gerade das Make Up alle ist...

Dafür scheint NIVEA jetzt eine neue Produktlinie zu haben: Astor. Komischer Name, ich kenne nur die Zigarettenmarke, weil meine Tante die raucht.

Eine Verkäuferin klärt mich auf: "Nivea gibts nicht mehr. Also, gibt es schon noch, aber die machen keine Kosmetik mehr. Nur noch Cremes. Aber Astor hat auch sehr schöne Kosmetik."

Eine Recherche im Internet bestätigt die Aussage der jungen Verkäuferin. Nivea trennt sich von jedem fünften Produkt und die dekorative Kosmetik wird sogar komplett eingestampt. Dabei wurde Nivea Beauté erst 1998 mit großen Erwartungen aus der Taufe gehoben.

Ich bin entäuscht. Nivea hatte wunderbares MakeUp, ausgezeichnete Kajalstifte und meinen Lieblings Wimpernroller, den Lash Revolution. Und eine kleine Armada zweifarbiger Lidschatten steht auch in meinem Schrank. An mir hat es also nicht gelegen, wenn mit Nivea Beauté kein Geld verdient wurde.

NIVEA Creme? Ich liebe die typische blaue Dose mit der wunderbaren Creme, die so aromatisch riecht. Aber ob die davon leben können? Mit einer Dose NIVEA Creme komme ich jahrelang aus, aber Kosmetik habe ich laufend nachgekauft und auch jedes neue MakeUp getestet und probeweise mindestens einmal gekauft. 

Als Kundin bin ich sauer und weiß nicht einmal auf wen. Auf eine Marke? Auf den Konzern Beiersdorf? Nein, ich bin entäuscht und fühle mich als Kundin fallen gelassen. Dabei hat NIVEA sonst einen erstklassigen Kundendienst. Ich habe einmal einen Verbesserungsvorschlag für die Verpackung des Stay Real Make Up eingebracht und der ist tatsächlich umgesetzt worden.

Fazit: Mein leckeres Duschgel, Cashmere Moments, werde ich auch weiterhin kaufen und ebenso die tolle Handwaschseife, die im Januarheft von TEST gewonnen hat, aber ansonsten ist NIVEA für mich Geschichte.

Samstag, 19. November 2011

Aufgelegt

Das Telefon klingelt: "Guten Tag, hier spricht Gaby Röster. Ich rufe an im Auftrag der Energie­bera­tung Nord. Ich möchte..." 

Norma­ler­weise lege ich an dieser Stelle wortlos auf, aber nicht heute: "Oh, wie schön, dass sie wieder anrufen. Beim letzten Mal sind wir ja leider unter­brochen worden (weil ich wütend auf­gelegt habe). Ich brauche nämlich noch ein paar Informationen."

"Welche Informationen brauchen Sie?" Gaby wittert Morgenluft. Ein Abschluss rückt in greifbare Nähe.
"Nur ein paar allgemeine Angaben. Also für welches Unternehmen Sie genau anrufen und ob sie eine Natürliche Person sind."
"Eine natürliche Person?"
 "Ja, keine Ahnung, was das soll. Alles verstehe ich auch nicht, was man hier ausfüllen soll."
 "Was ausfüllen?"
 "Na, dieses Formular von der Bundesnetzagentur. Das, womit man diese blöden Werbeanrufe anzeigen kann. Ach ja, und ich soll noch fragen, ob..."
 
klick
 
"Hallo, Frau Röster? Gaby...?!", aber Frau Röster hat aufgelegt, Ich halte das Telefon auf Armeslänge von mir und zeige ihm den Mittelfinger. Jahrelang haben diese ätzenden Werbeanrufer mich genervt, aber ab heute schlägt Svenja-and-the-City, der Blog für den rebellischen Leser, zurück, und das geht so:

Man klickt auf die Seite der Bundesnetzagentur und lädt sich dieses Anzeigeformular herunter. Am Bildschirm ausfüllen, drucken und unterschrieben an die Bundesnetzagentur schicken. Das Formular ist voradressiert und passt perfekt in einen Fensterumschlag. Fünf Minuten Arbeit, aber eine große Genugtuung für meine kleine Seele.

Fazit: Werbeanrufe nerven, aber man kann etwas dagegen tun. Sogenannte ColdCalls, das sind Werbeanrufe ohne vorherige Einwilligung, sind nämlich verboten und werden mit Geldbußen bis zu 50.000 EUR geahndet. Und wenn ich mithelfen kann, auch nur einem einzigen dieser widerwärtigen CallCenter Parasiten das Handwerk zu legen, dann bin ich dabei.


Dienstag, 16. März 2010

Eine Frage der Liebe - Teil 2

Filmkritik eine Frage der Liebe
Und das geschah im ersten Teil:
In einem Gespräch beim Pastor hat Roy sich vor seiner Frau Irma als transsexuell geoutet. Sowohl der Pastor, als auch Irma sind schockiert.
Noch am selben Abend spricht Roy auch mit der 12-jährigen Tochter, Patty Ann, die daraufhin ganz offene Fragen an ihren Papa stellt. Roy ist Vorarbeiter in einer Traktorenfabrik und outet sich am nächsten Morgen auch gegenüber seinem Chef, der zwar wohlwollend reagiert, aber Angst um die Reaktion der Arbeiter hat.

Es fehlt noch der erwachsene Sohn, Wayne, der bislang nichts von der Transsexualität seines Vaters ahnt. Wayne reist mit einer RockBand auf ihrer Tour durch die USA und war schon lange nicht mehr zuhause. Aus diesem Grund schreibt Roy seinem Sohn einen Brief: "Lieber Wayne...".


Den Brief seines Vaters liest Wayne seinen Kumpels in der Bar laut vor...

Filmkritik Eine Frage der Liebe Transfilm






Der erste Tag nach dem Outing.
Roy trägt ein paar billige goldene ClipOhrringe zur Arbeit...


Filmkritik Eine Frage der Liebe Transfilm





Roy ist verzweifelt und nach einer schrecklichen Demütigung durch seinen eigenen Vater will er sich das Leben nehmen...


Mobbing auf der Arbeit wegen transgender



Roy ist nach Hause zurückgekehrt, nachdem sich Irma für eine Weile von ihm getrennt hatte. Er bittet Irma um Hilfe ...


Filmkritik Eine Frage der Liebe Transfilm



Ich möchte euch hier nicht alles verraten. Vielleicht wollt ihr euch den Film ja selbst noch anschauen. Es lohnt sich unbedingt. Eine Frage der Liebe erschien bereits 2003 und lief auch schon im Fernsehen. Bei Amazon gibt es ihn für weniger als 2 Euro.

Fazit: All die Jahre habe ich mir so sehr gewünscht, dass meine Familie, meine inzwischen geschiedene Frau und meine fünf Kinder sich diesen Film doch einmal ganz mit offenen Herzen und voller Neugier angesehen hätten. Stattdessen haben wir niemals auch nur ein einziges Gespräch über das Thema Svenja geführt. Wir waren sogar noch begrenzter, als die Menschen im bible belt der USA, die im Film als rückständig und verbohrt dargestellt werden. Und darüber komme ich einfach nicht hinweg...

Sonntag, 14. März 2010

Eine Frage der Liebe - Teil 1

Filmkritik eine Frage der Liebe
Roy und Irma leben im mittleren Westen der USA, irgendwo im sogenannten bible belt. Irma, gespielt von der unglaublich guten Jessica Lange, singt im Kirchenchor, während Roy als Vorarbeiter in der örtlichen Traktorenfabrik beschäftigt ist. Hier, wo Männer noch Männer sind und wo der Pastor beim Hausbesuch zum Eheberater wird, erscheint es völlig unmöglich, ein Leben als Transgender führen zu können.

Ausgerechnet in diesem Klima von Intoleranz bekennt sich Roy von einem Tag zum anderen ganz offen zu seiner Transsexualität. Er sei im falschen Körper geboren, heiße ab jetzt Ruth und werde sich irgendwann im nächsten Jahr operieren lassen.

Es kommt nicht oft vor, dass Hollywood einen Film zum Thema Transsexualität macht. Und wenn doch, dann werden wir dort gerne als tuntige Glamourgirls, oder sonstwie kaputte und entwurzelte Typen dargestellt. Aber dieser Film ist anders. Für mich ist "Eine Frage der Liebe" der beste Film, den ich bislang zu meinem Thema gesehen habe. Ich muss euch die Kritik in 2 Teilen servieren, weil die Comics doch etwas aufwendiger sind, als ich anfangs dachte. Oder versucht ihr mal durch einen blöden Tränenschleier hindurch Photoshop auf Pixelebene zu bedienen :-)


Roy outet sich vor Irma und vor Reverend Dale.

Filmkritik Eine Frage der Liebe Transfilm






Beim Abendessen weiht Roy seine Tochter Patty Ann ein.


Filmkritik Eine Frage der Liebe Transfilm





Gleich am nächsten Morgen outet sich Roy auch gegenüber Frank, seinem Chef in der Traktorenfabrik. Übrigens: Das Buch gibt es wirklich...


Filmkritik Eine Frage der Liebe Transfilm



Und das erwartet euch im nächsten Teil:

  • Werden die Jungs in der Traktorenfabrik ihren Vorarbeiter auch als Ruth akzeptieren?
  • Und wie reagiert Wayne, Roys und Irmas erwachsener Sohn auf die Nachricht?
  • Wird die christliche Gemeinde ihr langjähriges Mitglied Roy auch als Ruth akzeptieren?
  • Und werden Ruth und Irma dem Druck standhalten können?
Falls jemand den Film bereits kennt, bitte im Kommentar nicht zuviel verraten. Habt ihr überhaupt Lust auf einen zweiten Teil? Dann mache ich mich nämlich gleich an die Arbeit.

Sonntag, 7. März 2010

Rezitator Matthias Wilms

Svenja bei Matthias Willms Rezitator aus KielHeute abend ist endlich DIE Gelegenheit, meine neuen schwarzen Overknee Stiefel stilvoll in die Gesellschaft einzuführen. Immerhin sind da Silbernieten mit dran.

Die beste Freundin von allen hat mich ins
TanTamar eingeladen, wo an diesem Abend der Kieler Rezitator Matthias Wilms auftritt.

Dennoch bin ich skeptisch. Erstens habe ich keinerlei Vorstellung davon, was so ein Rezitator tut und zweitens entdecke ich auf der Speisenkarte des TanTamar kein einziges bekanntes Gericht. Ich hoffe inständig, dass Teriyaki das thailändische Wort für Schnitzel ist. Aber sicher kennt Claudia sich mit Rezitatoren und Teriyakis aus. Die weiß immer all so'n Zeug.


Ich: „Was macht so ein Rezitator eigentlich? Zitiert der Leute?“

Claudia: „Nein, Dummchen. Der liest Texte vor.“

Ich: „Na toll, wären wir bloß in Wienerwald gegangen, da weiß ich wenigstens, was es zu essen gibt. Und meiner kleinen Schwester Gute Nacht Geschichten vorlesen kann ich auch selber.“

Claudia: „Nein, kannst du nicht. Jedenfalls nicht so. Wenn Matthias deiner Schwester eine Geschichte vorliest, dann glaubt sie nicht nur, dass was Unheimliches unterm Bett ist, sondern dann weiß sie es genau. Und nicht einmal ihr Papa wäre sich sicher, dass es nicht so ist.“

Ich: „Ach so...“

„Ja, genau: Ach so.“, zickt Claudia mich an und äfft dabei meine Stimme nach, obwohl sie genau weiß, wie ich es hasse, wenn sie das tut. „Und außerdem stellt Matthias zu jeder Lesung die besten Texte ganz neu und originell zusammen. Dagegen würdest du mit deiner blöden Gute-Nacht-Geschichte ganz schön abstinken. Und er leiert nicht einfach die kürzeste Geschichte im Buch runter, wie eine gewisse Dame, sondern er spielt die Texte wie ein Schauspieler auf der Bühne. Und nicht wie du, wo ich schon einschlafe, wenn du einen deiner Endloswitze erzählst, und am Ende meistens noch die Pointe vergessen hast.“

Ich bin ein bisschen beleidigt, weil ich nämlich zufällig genau weiß, dass ich ganz toll lesen kann und besonders mein Froschkönig immer sehr gut ankommt: „Meine Güte, nun komm mal wieder runter. Ich habs ja verstanden. Seine Texte sind länger als meine und er kann ein paar Stimmen nachmachen. Ganz toll. Können wir jetzt was zu Essen bestellen? Und ich will endlich Wein.“

Nachdem ich mir von Maia, der Chefin des TanTamar, jedes Gericht habe erklären lassen, entscheide ich mich für ein Grünes Dschungel Curry, während Claudia ein Rindfleisch Teriyaki bestellt. Das Essen ist ein Knaller. Wir sind begeistert und uns wird klar, weshalb man hier ohne Reservierung nie einen Tisch bekommt.

Dann tritt der Rezitator ans Pult und knipst die winzige Leselampe an. Ich nehme mir fest vor, ganz unbeteiligt zu tun und dabei meinen besten gelangweilten Gesichtsausdruck aufzusetzen. Wollen doch erstmal hören, ob sein Froschkönig wirklich besser ist als meiner. Für diesen Abend hat Matthias Wilms einige Texte zusammengestellt, die alle etwas mit dem Genuss am Essen zu tun haben.
Der   Kieler Rezitator Matthias Willms bei einer Lesung

Schon nach dem zweiten Applaus bin ich so aus dem Häuschen, dass ich missbilligende Blicke vom Nebentisch ernte. Claudia informiert mich darüber, dass es bei Lesungen wohl unüblich sei, mit den Füßen zu trampeln, gellende Pfiffe auszustoßen und fortwährend „Bravo, Baby!“ zu brüllen. Muss ich mir merken.

Fazit: Eine Lesung von Matthias Wilms ist beeindruckend, intelligent und höchst unterhaltsam. Man muss es sich vorstellen, wie das Hörspiel zu einem Theaterstück, mit soviel Hingabe trägt der Rezitator vor. Matthias Wilms liest, er spricht, er flüstert, brüllt, stöhnt und schreit. Er trägt vor und ich bin begeistert. Dennoch, bei ihm wäre meine kleine Schwester niemals so schnell eingeschlafen, wie bei mir. Ätsch...

Donnerstag, 25. Februar 2010

Abenteuer in Frauenland

Svenja im Strickkleid mit Stiefeln im Frauenland SophienhofErinnert ihr euch an das Gefühl als Kind, wenn ihr am Morgen nach Heiligabend wach geworden seid? Dieser Moment, in dem euch schlagartig einfällt, dass das ganze Wohnzimmer voller Geschenke für euch ist?

So ungefähr ergeht es mir an jedem neuen Tag in Frauenland. Ich hüpfe morgens aus dem Bett mit diesem wunderbaren Gefühl, in einem schönen neuen Land zu leben. Sogar die Arbeit macht hier mehr Spaß.


Obwohl ich mich bei euch schon total gut eingelebt habe, hat sich dieses Gefühl noch nicht abgenutzt. Kein bisschen und nicht mal an den Ecken.

Meine Zeit in Männerland ist nur noch eine Erinnerung. Aber sagt mal, kennt ihr Männerland überhaupt? Da ist alles total anders als hier.

Die haben zum Beispiel nicht so einen Dresscode wie wir. Mit einer Jeans, T-Shirt und Boots bist du da schon fertig angezogen. Und alleine das mit den Haaren. Da musst du nicht am ganzen Körper und im Gesicht immer makellos sein. Im Gegenteil. Ich hab mir mal die Arme und Beine rasiert, da hat meine Ehefrau eine Riesenszene gemacht.

Oder wenn du über Gefühle redest in Männerland. Das ist gefährlich. Die halten dich sofort für ein Weichei und dann bist du echt unten durch. Du kannst da nicht groß rumheulen, außer vielleicht, wenn dein Hund gestorben ist, sowas verstehen die.

Oder ihr müsstet mal hören, wie die über uns hier in Frauenland reden. Ich will jetzt echt nicht in die Einzelheiten gehen, aber die reißen oft total die dreckigen Witze über uns. Und ganz besonders die Hässlichen, die sowieso nie eine abkriegen würden. Und dann gröhlen sie zusammen los und tun so, als hätten sie die freie Auswahl.

Ob ich das Leben in Männerland vermisse? Nein, höchstens manchmal ein wenig, denn ich konnte da natürlich viel leichter eine Gefährtin finden. Trotzdem gefällt es mir in Frauenland viel besser und ich will nie wieder zurück.

Ausgelacht in MännerlandEin paar von uns Auswanderern sind hier ja nicht zurechtgekommen und dann doch wieder zurückgegangen nach Männerland. Zum Glück gibt es dafür ja extra die einjährige Probezeit mit Quarantäne. Das nennt sich Alltagstest und viele haben total Angst davor, weil man in dieser Zeit nirgends so richtig dazu gehört.

Die von Männerland lachen dich in dieser Zeit oft aus und die Frauenländerinnen sind zwar meistens netter, aber am Anfang noch total misstrauisch. Die sehen natürlich, dass du ursprünglich aus Männerland kommst.

Wenn du aber erstmal die Probezeit um hast und deine Einbürgerung durch ist mit den neuen Papieren und so, dann lebst du ganz normal wie jede Andere auch hier in Frauenland. Manchmal kommen wir sogar besser zurecht als die Eingeborenen selbst, weil wir das hier natürlich doppelt zu schätzen wissen und uns deshalb noch mehr Mühe geben.

Nun, jetzt wisst ihr jedenfalls, wie ich mich hier so fühle bei euch in Frauenland. Danke, dass ihr mich so lieb aufgenommen habt. Es ist einfach toll hier bei euch. Fast wundere ich mich ein bisschen, dass nicht mehr von uns rübermachen aus Männerland :-)

Samstag, 28. November 2009

Kieler Opernhaus - Aida

Svenja in der Kieler Oper zu Aida„Hast du Lust auf Aida?“, fragt mich überraschend die beste Freundin von allen.

„Du meinst die Kleine hinterm Tresen aus dem TiffyClub?“, gebe ich verständnislos zurück. Mein Interesse ist geweckt.

„Nein, die meine ich natürlich nicht. Und auch nicht das große weiße Schiff, sondern die Oooper.“, belehrt Claudia mich und verdreht dabei die Augen, wie sie das immer tut, wenn sie mal einen Schritt voraus ist.

„Sag das doch gleich. Na klar hab ich Lust zu Aida." und ich merke, dass ich sogleich ins Schwärmen gerate: "Das alte Ägypten, Pyramiden, Pharaonen, traumhafte goldene Gewänder und natürlich vorher im Kieler Ratskeller die große Grünkohlplatte mit Alles.“

Zwei Monate später stehen wir im Foyer mit einem Glas Wein in der Hand an der Sektbar der Kieler Oper.

„Wir wollten Ihnen nur sagen, Sie sehen ganz wunderbar aus.“, sprechen uns zwei elegant gekleidete Damen freundlich an. „Oh, danke schön. Sie beide aber auch.“, gebe ich das Kompliment ehrlich zurück. Der Abend fängt wirklich super an. Zuerst bekommen wir im Ratskeller einen Sekt ausgegeben und jetzt auch noch so ein nettes Kompliment.

Als die ersten zarten Klänge der Streicher einsetzen, schießen mir sofort Tränen in die Augen. Diese wunderbare Atmosphäre im Opernhaus, die Sänger, die Musiker im Orchestergraben, die festlich gekleideten Menschen. Und zu allem Überfluss auch noch die doofe Vorweihnachtszeit. Claudia sieht mich erstaunt von der Seite an, aber ich brumme leise: „Ich hab bloß was im Auge!“ Im Stillen denke ich: „Blöde Sentimentalität, doofe weibliche Hormone.“

Als Prinzessin Aida die Bühne betritt, wird mir schlagartig klar, wie wenig Kunstverständnis ich habe. Aida trägt einen Minirock, dazu rote HighHeels aus Lack und einen pinken Cowboyhut. Irgendwie sieht sie wie eine nuttige Ausgabe von Dolly Parton aus. Im Zuschauerraum sehe ich vereinzeltes Kopfschütteln und höre sogar ein paar ungewollte Lacher.

Der ägyptische Pharao König Ramses trägt einen Cowboyhut und erscheint wie eine Persiflage auf George Bush, während der sagenhafte ägyptische Feldherr Radames die Uniform der amerikanischen Marines trägt. Fast überflüssig zu erwähnen, dass der ägyptische Hohepriester aussieht, wie ein Mitglied der Soprano Mafia Familie, türkische Sektion.

Was soll sowas? Will der Regisseur mir zeigen, wie blöd ich bin? Dass mein Kunstverständnis nicht ausreicht? Keine Ahnung, ich bin wirklich zu doof.

Ich erinnere mich, wie ich hier vor einem Jahr etwas Ähnliches erlebt habe, als der chinesische Kaiser in der Oper Turandot eine Polaroidkamera zieht und anfängt zu fotografieren. Turandot spielt übrigens im Jahr 1200.

Verantwortlich für den Schock ist vermutlich der Regisseur des Stücks, Uwe Schwarz. Er scheint unter dem inneren Zwang zu stehen, jedes klassische Stück auf Biegen und Brechen in die Neuzeit transponieren zu müssen. Unterstützt wird er dabei von seinem Mittäter Daniel Karasek, dem Kieler Generalintendanten.

Wie gut, dass er nicht Museumsdirektor geworden ist. Er wäre im Stande, der Mona Lisa ein Piercing zu malen, damit sie zeitgemäßer aussieht und für das jüngeren Publikum leichter zu kapieren ist.

Nach kurzer Zeit aber habe ich mich an die Moderne gewöhnt und bin schließlich doch total begeistert von Verdis märchenhafter Oper am Nil. Besonders die Aida, gesungen von Gweneth-Ann Jeffers, ist ungeheuer stark und sogar ich merke, dass hier gerade ein Weltstar singt.

Am Ende hat es uns so gut gefallen, dass wir weich werden und dem Regisseur sogar die Filmausschnitte aus dem Golfkrieg und den alten grünen Jeep auf der Bühne verzeihen. Schwamm drüber, Uwe.

Fazit: Die Aida der Kieler Oper ist gewöhnungsbedürftig und es braucht etwas guten Willen, um sich von der modernen Inszenierung nicht abschrecken zu lassen. Wenn man das hinkriegt, dann erwartet einen wunderbarer Gesang und die Musik, eine aufwendige Bühnenshow und die tolle Beleuchtung, für die Kiel inzwischen so bekannt ist. Und auch der Pinot Grigio an der Sektbar ist durchaus einen Besuch wert.

Mittwoch, 4. November 2009

Theater Kiel: Der Kirschgarten

Svenja Kirschgarten Tschechow Schauspielhaus Kiel"Abonnenten, alles Abonnenten!" klärte mich ein Schauspieler des Kieler Ensembles mit Grabesstimme auf, als er mein entsetztes Gesicht sieht.

Es ist absolut erstaunlich, wie wenige Menschen noch Spaß daran haben, sich für einen Theaterabend ein bisschen aufzubrezeln. Vielleicht hängt die Klamotte auch vom Festlichkeitsfaktor des Stücks ab, denn heute abend zu Anton Tschechows Kirschgarten ist es besonders gruselig.

Wir sehen nur vier Frauen, die sich auch in ein kleines Schwarzes geworfen haben. Der Rest kommt wie gewohnt in ausgebeulten Jeanshosen, die Taschen vollgestopft, in verwaschenen Polohemden, Fjällräven Hosen, im Jeansrock und in bequemen Latschen. "Na bravo!", hätte Hans Moser jetzt gesagt.

Claudia und ich stehen wie immer bereits eine Stunde vorm ersten Aufzug mit einem Glas Wein im Foyer und schauen zu, wie das Publikum langsam eintrifft.

Aus so einem Theaterabend machen wir jedesmal ein Riesen Event. Tage vorher gehts schon los: "Was zieh ich an?", "Was ziehst du denn an?", um dann am Ende doch wieder klassisch im kleinen Schwarzen mit schlichten Lederpumps loszustöckeln.

Wir sind wie immer eine Stunde zu früh im Schauspielhaus und trinken in der Künstlerkantine noch ein Glas Wein bevor es losgeht. Dort treffen wir auch Zacharias Preen, der schon sein Kostüm für die Rolle des Jepichodow trägt und gleich auf die Bühne muss. Er nimmt sich trotzdem Zeit für einen kleinen Smalltalk und wünscht uns zum Abschied "Viel Spaß!" bevor er eilig in die Garderobe entschwindet. "Zach, du bist wirklich total dünn geworden!"

Als die Vorstellung beginnt, haben Claudia und ich schon einen richtig netten Abend gehabt und uns bereits eine Stunde lang bestens unterhalten. Wer erst in letzter Minute ins Theater hetzt, lässt sich wirklich was entgehen.

Anton Tschechows Stück, Der Kirschgarten, ist an diesem Abend keine leichte Kost. Das Stück spielt um 1900 im zerfallenden Russland, als die Großgrundbesitzer ihr Geld bereits in Paris ausgeben und dabei nicht merken, wie ihre Güter und mit ihnen die alte russische Gesellschaftsordnung unaufhaltsam zerfallen.

Es macht trotzdem unglaublich viel Spaß, die Künstler spielen zu sehen, zumal die Handlung keine zwei Meter vor meiner Nase stattfindet. Schon deshalb ist das Theater etwas Besonderes und mit dem Film überhaupt nicht zu vergleichen. Hier ist alles echt und ich bin live dabei. Besonders Eva Krautwig als Großgrundbesitzerin und Mario Geppert als Bauer Lopachin begeistern mich in ihren Rollen.

Dann fällt der erste Vorhang und über 400 Leute strömen aus dem Saal zur Pause. Dabei stehen nur drei Kellner hinterm Tresen in der Sektbar. Jetzt gilt es Profi zu sein: ohne Hast, aber zielstrebig und mit begrenztem Einsatz meiner Ellenbogen arbeite ich mich ins Foyer vor. Die ersten Amateure sondern sich schon an der Klotür aus. Wer jetzt zum Pinkeln geht, kriegt mit Sicherheit in dieser Pause nichts mehr zu trinken. Profis gehen nach dem zweiten Gong zum Lokus, dann sind die Toiletten frei und anschließend darf die ganze Reihe noch einmal aufstehen, wenn ich unter blumenreichen Entschuldigungen zu meinem Platz stöckele. Übrigens dreht man den Leuten dabei das Gesicht zu und nicht den Dubs.
Ein paar Meter weiter verlieren die Raucher das Rennen um ein Glas Wein in der Pause, indem sie ohne Umwege direkt nach draußen verschwinden um dort zu rauchen und sich in der Kälte den Tod zu holen. Arme Loser. Profis haben Kautabak in der Handtasche!

Obwohl ich zu Beginn der Pause einen ganz schlechten Start aus der 2.Reihe habe, bin ich doch die fünfte am Tresen und brülle schon aus drei Metern Entfernung im besten Kasernenton: "2 Grauburgunder!" Meine Bestellung kommt sofort, allerdings ernte ich ein paar erstaunte Blicke. Sorry, denke ich, aber in dieser Stimmlage haben wir in Eutin die Hundertschaft antreten lassen und auch die Wasserwerfer geführt. Und ich wusste schon damals, dass das noch mal für irgendwas gut sein würde.

Während ich den Wein besorgt habe, hat Claudia bereits einen von nur fünf Stehtischen im Foyer organisiert. Von hier aus sehen wir in Ruhe den Rauchern beim Frieren und den Wartenden beim Fluchen zu. Oh, ich liebe das Theater.

Nach der Pause wird der Kirschgarten schneller und abwechselungsreicher. Ich bin richtig hingerissen, was aber auch zu einem guten Stück an der sagenhaften Ausstrahlung von Eva Krautwig liegt. Sie ist eine solche Göttin auf der Bühne, unglaublich! Und wenn ich sie dann in der Holtenauer Strasse beim Einkaufen treffe, ist sie ganz normal und freundlich wie immer.

Am Schluss der Vorstellung bedaure ich, nur ein Paar Hände zu haben, die ich mir knallrot und aua weh klatschen kann. Das Stück ist zwar zu Ende, der Abend aber noch lange nicht. Jetzt ist es Zeit für Plan B und damit ein weiterer Grund, sich fürs Theater ein bisschen out-going anzuziehen. Wir gehen jetzt völlig overdressed entweder in die noble Maritimbar, oder in irgendeine schraddelige Kaschemme, wo der Kontrast noch größer ist. Heute abend fällt unsere Wahl auf den alten Club 68 in der Ringstraße. Unter den ganzen Hippies fallen wir an diesem Abend auf wie 'n Skinhead auf einer türkischen Hochzeit, nur in angenehm. Wir kommen sofort ganz nett ins Gespräch mit einem Typen, der den Kieler Poetry Slam gewonnen hat. Ich will natürlich alles wissen. Später ergattern wir sogar noch einen Teller Rübenmus mit Kochwurst, obwohl die Küche längst geschlossen hat, yippieh!

Als ich gegen drei Uhr endlich zuhause bin, hat mein Theaterabend inklusive Anziehen, schminken und Styling volle zehn Stunden gedauert.

Fazit: Leute, geht ins Theater und macht einen richtig tollen Event daraus! Zieht euch erstklassig an, geht vorher schick Essen und seid anschließend eine fette Stunde zu früh im Schauspielhaus, um noch in Ruhe ein bisschen Wein zu trinken. Anschließend nutzt ihr euer tolles Outfit, die gute Stimmung und die hoffentlich nette Gesellschaft für einen Ausflug in die Nacht.

Theaterkarten beste Plätze 2.Reihe: Schauspielhaus 25,10 €
Zwei Glas Wein: Grauburgunder 7,00 €
Kleines Schwarzes: Vero Moda 19,90 €
Echtleder Pumps: Deichmann, 39,90 €
Fishnet Strumpfhose: eBay 4,90 €
Cheerleader Strumpfhose zum Drunterziehen gegen den RollbratenEffekt: eBay 6,90 €
Im Club 68: Rübenmus 8,90 €, viele Glas Wein hab ich vergessen...
Acht Stunden Spaß haben zusammen mit der besten Freundin: Einfach unbezahlbar!

Montag, 31. August 2009

Diener zweier Herren

Diener zweier Herren ZIP"Guck mal, was ich hier habe" strahlt meine Freundin mich mit großen Augen an und wedelt dabei ganz dicht vor meiner Nase mit zwei Eintrittskarten herum. Mir schwant Böses. Was kommt heute auf mich zu? Eine Schmetterlingsausstellung? Ein Töpferkurs? Wattwandern für Anfänger? "Wir gehen ins Theater. Im Kulturforum gibt es den Diener zweier Herren von Goldoni."

Das Stück klingt wirklich sehr interessant, aber ich bin dennoch ein wenig skeptisch. Die Schauspieler sind keine Theaterprofis, sondern Mitglieder der Theatergruppe des ZIP, des Kieler Zentrum für Integrative Psychiatrie. Die Theatergruppe besteht aus Patienten und Mitarbeitern der Psychiatrie, die unter der Anleitung des Hamburger Regisseurs Jan Stephan Hillebrand gemeinsam Theater spielen. Was mag mich da erwarten? Machen die überhaupt echtes Theater, so richtig mit Bühnenbild, Kostümen und allem das dazugehört? Können die das überhaupt?

Ja, sie können, bin ich mir am Ende der Vorstellung sicher und klatsche mir drei Vorhänge lang die Finger wund. Ich höre sogar vereinzelte Bravo-Rufe und die sind nicht alle von mir allein. Kurzum: Die Freundin und ich sind begeistert.

Ja, die ZIP-Theatergruppe macht richtiges Theater.
Ja, es gibt ein professionelles Bühnenbild.
Ja, die Schauspieler tragen richtige, echte Kostüme.
Ja, ich bin begeistert und werde mir zukünftig jedes weitere Stück der Zipper ansehen.

Ganz besonders beeindruckt war ich von Truffaldino. Winfried, der männliche Hauptdarsteller in der Rolle des pfiffigen Dieners zweier Herren spielt seine Rolle so überzeugend und mit soviel liebenswerter Schlitzohrigkeit, dass ich kaum glauben kann, dass er kein professioneller Schauspieler ist. Seine Leistung heute abend hätte ebenso gut ins Ensemble des Kieler Schauspielhauses gepasst.

Fazit: Die Theatergruppe des Kieler ZIP ist ein echter Geheimtipp für Theaterfreunde. Für wenig Geld erlebt man eine Schauspieltruppe, die aus reiner Freude am Theaterspielen auftritt und das merkt man der Vorstellung in ganz erfreulicher Weise an. Danke für einen tollen Abend.

Damit ihr euch selbst ein Bild machen könnt, habe ich während der Vorstellung im Dunkeln des Zuschauerraums ohne Blitz ein paar unscharfe Fotos gemacht und daraus einen kleinen Theatercomic gebastelt.

ZIP Diener zweier Herren

Sonntag, 19. Juli 2009

Die Holtenauer Straße

Ich liebe es, am Samstagmorgen durch die Holtenauer Straße zu bummeln. Das ist mir viel lieber als die Hektik der großen Deichmann Esprit H&M Fußgängerzone der Innenstadt. Dort gibt es ja nicht mal mehr ein Lebensmittelgeschäft. Nein, Samstags will ich bummeln und dafür geh ich viel lieber holtenauern. Das heißt natürlich nur, falls ich nicht eine Stunde vor Ladenöffnung erst nach hause gekommen bin. Doch das geschieht eher Sonntags und dann haben die Geschäfte sowieso zu.

In der Wilhelminenstraße komme ich an dem Strandgut vorbei, das die Bergstraße über Nacht an Land gespült hat. Ein halb aufgefressener Döner in Alufolie, zwei zerschlagene Flaschen Beck's Gold, der abgeknickte Seitenspiegel eines nagelneuen Golf und natürlich ein oder zwei frische Graffitis. Nachts ist hier keine gute Gegend und am Sonntagmorgen wird es noch schlimmer aussehen.

Aber heute morgen freue ich mich auf die Holtenauer Straße mit ihren vielen kleinen inhabergeführten Geschäften. Vor einiger Zeit ist der Bürgersteig mit einem Glasdach überspannt worden und seitdem stöckele ich bei jedem Wetter geschützt unter den Arkaden entlang. Vorbei an dem türkischen Obstladen, dem kleinen Strumpfgeschäft mit der süßen Verkäuferin und ihrer sexy Auslage und natürlich vorbei an dem Antiquitätenladen, in dem ich das kleine Silbertablett gekauft habe.

Vorbei auch an den neuen, stylishen Straßencafés, dem N.I.L und dem Non Solo Pane, wo Schicki und Micki ihren Latte schlürfen und einige mich im Vorbeigehen durch riesige Sonnenbrillen mustern. Ein wenig erinnern sie mich dabei an Stubenfliegen.

Heute trinke ich meinen Kaffee bei Arko. Für nur einen Euro kann ich draußen sitzen, Kaffee trinken und Leute gucken. Ich liebe das. Und natürlich lästere ich kein Stück: "Wow, hast du die Treter von der Blonden gesehen? Die kann doch wohl nur 'ne Geisel sein, oder?!?."

Svenja Holtenauer Straße Kiel

Ein kleines Stück weiter dann Achim Freund, mein Lieblings Supermarkt. Hier kaufe ich fast alle Lebensmittel ein. Allerdings erst auf dem Rückweg, denn heute morgen will ich noch weiter zu Tchibo Prozente. Ich warte immer noch darauf, dass sie diese tollen Klimastrumpfhosen endlich wieder reinbekommen.

Unterwegs treffe ich Ingrid mit ihrer Drehorgel, die bei gutem Wetter zum Straßenbild der Holtenauer gehört. Wir wechseln ein paar Worte bevor ich in meinen Ballerinas, Jeansmini und Leggings langsam weiterbummele. Schon aus einiger Entfernung entdecke ich meine Freundin Claudia. Sie ist auch ein T-Girl und noch ein gutes Stück größer als ich. Zwischen Claudia und mir gibt es ein stummes Gentlegirl's Agreement: Wir gehen immer alleine holtenauern, auch wenn wir beinahe Nachbarn sind. Falls wir uns aber unterwegs irgendwo treffen, und das geschieht fast immer, dann trinken wir zusammen einen Kaffee und schlendern danach gemeinsam weiter. Ich brauch morgens die ersten ein, zwei Stunden ganz für mich alleine.

Nach knapp drei Stunden bin ich wieder zuhause und denke: "Wie gut, dass ich heute Ballerinas anhatte und keine Pumps." Meinen kleinen Einkauf kann ich bequem in ein, oder zwei Tüten nachhause tragen. Viel brauche ich nicht. Eine halbe Ente von Wiesenhof, zwei kleine Ofenkäse und natürlich eine Flasche Blanchet.

Transfaktor: Die Holtenauer Straße ist perfekt geeignet, um tagsüber als T-Girl auch ohne perfektes Passing einkaufen zu gehen. Die Typen, denen wir lieber nicht begegnen möchten, sind dort kaum zu sehen. Die findet man eher in der Fußgängerzone und im Sophienhof. Damit ist die Holtenauer Straße auf jeden Fall mein Tipp für Transsexuelle, die tagsüber in Ruhe bummeln und shoppen gehen wollen. Leider ist das Pflaster schon ziemlich alt und ich würde nicht gerade meine besten Stilettos anziehen. Sonst passiert euch das hier. Am Sonntag lohnt sich sogar der weite Weg bis in die Wik zu meinem Lieblingscafé, der alten Café Konditorei Pursche. Aber lest selbst ...

Mittwoch, 27. Mai 2009

Shopping im CITTI Park

Schuhe anprobieren"Habt ihr die auch in 41?" Die nette Verkäuferin bei Tally Weijl sieht mich ungläubig an, als ich ihr die süßen rosa Ballerinas fragend entgegenhalte. "Die gibts nur noch in 36 und 37", erwidert sie in mitleidigem Tonfall.

Ein Besuch bei Tally Weijl, oder bei Forever 18 ist nicht nur bestens dazu geeignet, sich einmal so richtig zu demütigen, sondern ist außerdem der perfekte Einstieg in jede Diät. XL wird in solchen Läden sinngemäß übersetzt mit fett und entspricht in etwa einer deutschen Konfektionsgröße 38.

Es ist Dienstag morgen im Kieler Citti-Park. Ich bin extra früh aufgestanden, um heute ein paar neue Oberteile zu kaufen. Am besten so lang, dass ich sie zusammen mit Leggings auch als Kleider tragen kann. Das bedeutet mindestens Bauchnabel Länge.

Doch die Größenangaben auf den Klamotten bei H&M scheinen mich zu verhöhnen: XS, S, 34, 36, allenfalls eine übrig gebliebene 38. Ich bin ein bisschen verzweifelt, denn ich bin eher ein XL-Girl.

Dazu kommt, dass die Kleiderständer bei H&M so vollstopft sind mit Ware, dass ich es mit einer Hand nicht schaffe, etwas vom Ständer zu nehmen. Und zurückhängen kann ich die Sachen schon gar nicht. Außerdem sind die Highlights zwischen Unmengen von Ladenhütern verborgen und dann oft nur noch in Minigrößen vorhanden.

Endlich finde ich ein paar passende Shirts, als auch schon das nächste, äußerst hässliche Problem auftaucht: Winkfleisch! Das sind diese hässlichen Fledermausflügel an den Oberarmen, wo als Mann einmal mein Trizeps gesessen hat. Kurzärmelig geht gar nicht, mindestens ein halber Ärmel muß es schon sein.

Außer mir scheint die Winkfleischproblematik jedoch niemanden zu stören. Ich sehe nicht nur zentnerweise BingoWings aller Altersklassen, sondern finde auch kein einziges geeignetes T-Shirt.

Citti Park Kiel


Inzwischen ist es fast Mittag und die vier Würstchen vom Hansen Stand heute morgen sind längst Vergangenheit. Ich setze mich in den Asia Grill und esse eine kleine Knusper Ente, denn für den nächsten Laden muß ich stark sein. Ich will zu Vero Moda, meinem absoluten Lieblings Fashion-Store. Hier finde ich fast jedes Mal etwas Passendes und deshalb hebe ich mir Vero Moda oftmals bis zuletzt auf, denn beim Verlassen des Ladens bin ich üblicherweise völlig pleite und hab kaum noch das Geld für einen letzten Kaffee.

Auch diesmal werde ich nicht entäuscht und finde vier wunderbare Longshirts mit halben Ärmeln. Genau so etwas hatte ich gesucht. Meine Kreditkarte ist jetzt schon handwarm und bei Deichmann und New Yorker werde ich mich ein wenig zurückhalten müssen, sonst reicht es am Ende nicht mehr für Bijou Brigitte. Das Leben als Frau hat wirklich seine Tücken. Als Mann wäre ich bestenfalls in den Media Markt gestiefelt und hinterher zu Mc Donalds. Wisst ihr Typen überhaupt, wie aufwendig dagegen der Shopping Trip einer Frau ist? Da reicht es nicht, alles über die neuen Grafikkarten von Nvidia zu wissen, da muß man schon ein bisschen mehr drauf haben. Oder wüsstet ihr spontan, welcher Style zu den neuen Peeptoes von Deichmann passt, häh...?!

Irgendwann am Nachmittag fahre ich auf der Rolltreppe mit den letzten Einkaufstüten hinunter ins Parkhaus. Ich hätte zwar so gerne noch die fliederfarbenen Ankle Boots von New Yorker, aber ein kleiner Rest Verstand hält mich zurück. Dabei waren die Stiefel nur noch einmal in Größe 41 da. Ob ich vielleicht morgen noch mal hinfahren soll?

Citti Park Kiel

Fazit: Der Citti-Park macht einfach Spaß und ist für T-Girls die perfekte Shopping-Mall. Hier könnt ihr sehr gut parken und seid bei unangenehmen Sichtungen von Schwagern und Arbeitskollegen schnell wieder im Parkhaus verschwunden. Außerdem hängen dort keine unangenehmen Typen rum, die euch eventuell mit dummen Sprüchen das Einkaufserlebnis vermiesen könnten. Der Citti-Park ist dazu weit genug vom Hauptbahnhof und der Kieler Innenstadt entfernt.

Mittwoch, 6. Mai 2009

Theater: Der Boss vom Ganzen

Manchmal frage ich mich, warum Transsexuelle nicht häufiger ins Theater gehen? Hier können wir voll aufgestrapst in der Öffentlichkeit unter Menschen sein, ohne dabei auch nur im Geringsten aufzufallen. Jedenfalls nicht mehr, als die beiden Typen, die in Badelatschen an mir vorbei ins Schauspielhaus schlurfen. "Wow! Tolle Schuhe." Die Bemerkung kann ich mir einfach nicht verkneifen.

Mein garstiger Kommentar passt perfekt zu Lars von Triers ebenso bissiger Komödie Der Boss vom Ganzen. Zacharias Preen, der heute abend den Kristover spielt, hatte mich auf das Stück aufmerksam gemacht: "Das ist gut, das mußt du sehen." "Und nicht nur, weil ich darin der Boss vom Ganzen bin." fügt er mit einem charmanten Lächeln hinzu.

Die Handlung ist schnell erzählt: Ravn, Chef einer kleinen IT-Firma leidet unter seiner eklatanten Führungsschwäche. Deshalb erfindet er einen imaginären Boss, der angeblich von Amerika aus die Firma führt. Mit diesem Trick kann Ravn auch unangenehme Weisungen erteilen, ohne dadurch die Zuneigung seiner Leute zu verlieren. Doch als Ravn die Firma verkaufen will, braucht er dazu einen echten Boss aus Fleisch und Blut. Dafür engagiert er den arbeitslosen Schauspieler Kristover, der jedoch seine ganz eigene Vorstellung von der Rolle des Chefs hat und als Boss vom Ganzen schon bald für jede Menge Ärger sorgt.

Meine Freundin Claudia und ich haben zwei super Plätze. Wir sitzen in der Mitte der ersten Reihe und bei manchen Szenen sind uns die Schauspieler so nah, dass wir sie fast berühren können. Als Eva Krautwig sich in der Rolle der Lise lasziv an den Bühnenrand setzt, bin ich kurz davor, selbst ein wenig ins Geschehen einzugreifen. Claudia muß das gespürt haben, denn sie nimmt instinktiv meinen Arm und hält mich zurück. "Danke Claudie", denke ich: "Du hast mir gerade ein lebenslanges Hausverbot in allen Kieler Spielstätten erspart." Was ich damit sagen will: ich finde Eva Krautwig als Schauspielerin geradezu unglaublich. Hoffentlich entdeckt das Fernsehen sie nicht für sich, denn dann sind wir sie los.

Das Stück macht uns beiden viel Spaß. Es nimmt manche überraschende Wendung und lebt besonders durch Imanuel Humm als Ravn und durch Zacharias Preen als Kristover. In einer Nebenrolle begeistert Christian Kämpfer als Finnur Sigurson das Publikum. Er spielt einen urwüchsigen isländischen Firmenkäufer und spricht dabei die ganze Zeit über in einer Sprache, von der ich selbst jetzt noch nicht weiß, ob das tatsächlich isländisch war, oder nur ein ausgedachter Fantasiekauderwelsch.

Fazit: Der Boss vom Ganzen ist eine ziemlich bissige Komödie ohne störende Längen und ist auf jeden Fall einen Theaterbesuch wert. Den Transgendern kann ich nur raten, sich eine gute Freundin zu schnappen und gemeinsam die wunderbare Welt des Theaters zu erkunden. Es ist wirklich die Gelegenheit, auch einmal eines der Kleider zu tragen, in denen ihr tagsüber bei ALDI schon ziemlich heavy auffallen würdet.
Aber das ist nun wieder Stoff für eine ganz andere Geschichte.

Donnerstag, 23. April 2009

Statisten des Skandals

Svenja and the City im SchauspielhausEs gibt viele Gründe, warum ich gerne ins Theater gehe. Wo sonst kann ich als Transgender mehr über authentisches Rollenverhalten lernen? Wo sonst bin ich im kleinen Schwarzen so gut aufgehoben? Und wo sonst gibt es ein Riesenglas Pino Grigio für nur 3,50€, wenn nicht in der Künstlerkantine des Kieler Schauspielhauses?

Heute Abend sehe ich Statisten des Skandals, ein Stück um die Barschelaffäre des früheren Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel. Statisten sind die Menschen, die in den Skandal hineingezogen wurden, ohne zu wissen, wie ihnen geschah. Da geht es um Barschels Fahrer, um seine Chefsekretärin, um Studienkollegen, um die Detektive, die Björn Engholm observierten und auch um die STERN-Reporter, die in Genf die Leiche Uwe Barschels gefunden haben.

Für heute abend erwarte ich ein trockenes, vielleicht sogar langweiliges und auf jeden Fall kopflastiges Theaterstück. Wäre ich nicht von einer lieben Freundin eingeladen worden, sie heißt auch Swenja (mit W), dann wäre ich gar nicht hier.

Die Vorstellung findet im Studio auf der kleinen Probenbühne des Kieler Theaters statt. Dort stehen 60 Holzklappstühle in fünf Reihen hintereinander. Auf jedem Platz kann man supergut sehen, die erste Stuhlreihe steht direkt auf der Bühne. Ich setze mich an den Mittelgang, um notfalls unauffällig zu verschwinden, falls mein Dubs die Klappstühle, oder ich das Stück nicht länger ertragen kann.

Aber soweit kommt es gar nicht, stattdessen ziehen mich die Schauspieler von der ersten Minute an in ihren Bann. Eva Krautwig, Jennifer Böhm, Gerrit Frers, Stefan W. Wang, die vier Schauspieler des Kieler Ensembles wechseln die Rollen in rasender Geschwindigkeit. Dabei werden der Name und die Bedeutung der jeweiligen Figur mit Leuchtschrift an den oberen Rand der Bühne geworfen. Es gibt keinen Kostümwechsel während des 80-minütigen Stücks.

Ich bin wie gefesselt und lasse mich selbst dann nicht ablenken, als bei der Else schräg hinter mir im Publikum das obligatorische Handy klingelt.

Fazit: Die Statisten des Skandals ist ein spannendes Theaterstück. Die Probenbühne im Schauspielhaus Kiel bietet durch die Nähe zu den Akteuren ein besonders intensives Theatererlebnis. Leider gilt das auch für die hölzernen Klappstühle, die ebenfalls für ein besonderes Erlebnis sorgen. Länger als 90 Minuten hielte mein Dubs das jedenfalls nicht aus.

Montag, 30. März 2009

Lesbische Filmnacht

Svenja and the CityHeute abend muß es lila sein. Lila Stiefel, lila Shirt und sogar ein lila Schal. Ich sehe ein bisschen wie meine alte Kunstlehrerin aus der Untertertia aus.
Ich bin unterwegs zur lesbischen Filmnacht im Kieler Cinemaxx. Veranstalterin dieser bundesweiten Filmreihe ist die L-Mag, Deutschlands größtes Lesben Magazin. Es wird jeden Monat ein Film mit lesbischer Thematik gezeigt, der bundesweit in vielen Cinemaxx gespielt wird.

Der Gang vom Parkhaus ins CAP und dort bis zum Cinemaxx ist so unangenehm, wie ich das erwartet hatte. Sollte jemand Vorurteile gegen junge Migranten haben, dann kann er sie hier bestätigen lassen. Ohne die L-Filmnacht setze ich nicht einen Fuß in dieses "Erlebniscenter". Einfach keine gute Gegend.

Schließlich sitze ich in Saal 9 und entdecke unter den anderen Girls auch sofort ein paar bekannte Gesichter. Wir sind nur etwa 40 Frauen und ich komme mir in dem großen Saal mit 300 Sitzplätzen ein wenig verloren vor. Trotzdem ist die Stimmung super. Obwohl mein Passing inzwischen wirklich gut ist, bin ich leicht als T-Girl zu erkennen: Außer mir trägt niemand Frauenkleider.

Der Film Out at the Wedding ist eine leichte Hollywoodkomödie, die im englischen Originalton gezeigt wird. Ich bin richtig erstaunt darüber, dass der Film so unbekannt ist und nie den großen Durchbruch geschafft hat, denn ich finde ihn richtig lustig.

Cathy DeBuono LesbeDer Film plätschert anfangs heiter und seicht vor sich hin, bis zum ersten Mal Cathy DeBuono auf der Leinwand erscheint. Wow, welch eine Wahnsinns Frau! Ich bin sofort hingerissen. Cathy ist eine große dunkelhaarige Frau mit breiten Schultern und kräftigen Armen. Anfangs denke ich, sie ist auch trans, aber das ist ein Irrtum.
Ihr müsst euch unbedingt den Youtube Clip ansehen. Die zweite Szene, in der Cathy der blonden Jeannie Baseball erklärt, ist für mich unglaublich erotisch und total romantisch.

Fazit: Die L-Filmnacht ist eine tolle Veranstaltungsidee und auch Transgender sollten sich hier wohlfühlen. Die Filmreihe würde allerdings viel besser in das Kommunale Kino in der Pumpe passen, oder in den Filmclub der Hansa48. Dennoch werde ich wieder hingehen, mich aber beim nächsten Mal etwas schlichter anziehen. Springerstiefel statt Peeptoes :-)




Sonntag, 22. März 2009

West Side Story in Kiel

Das ist Nummer Fünf, flüstert Claudia mir leise ins Ohr. Der fünfte Besucher schon, der in Jack Wolfskin und Fjällräven in die Oper kommt. Hab ich eine Unwetterwarnung verpasst? Ich hab mein neues Kleid von C&A an und hoffe, dass nicht noch jemand heute Abend in diesem Fummel für 19,90 € auftaucht. Außer wenn sie dicker wäre als ich, dann ist es in Ordnung.

Wir sind natürlich wie immer eine satte Stunde zu früh im Opernhaus. Schließlich ist vor Beginn der Vorstellung noch vieles zu erledigen. Da müssen Erinnerungsfotos geschossen werden, Leute begrüßt und Kleider belästert werden und der Sekt an der Bar im Foyer trinkt sich schließlich auch nicht von allein. Ein volles Programm also, bis sich endlich der erste Vorhang hebt.

Dann ist es soweit, im Zuschauerraum wird es still und der Vorhang hebt sich. Das Bühnenbild zeigt einen seelenlosen Platz mit großen Betonröhren. Es könnte der Platz unterhalb einer Autobahnbrücke sein und überträgt das Ghetto Thema der West Side Story in die heutige Zeit.

Später zeigt sich, wie ungeheuer verwandelungsfähig diese Bühne ist. Die Seiten können geschwenkt werden und machmal fährt eine ganze Häuserzeile, darunter auch Marias Haus, in den Vordergrund der Bühne. Toll gemacht und dabei nicht so modern, dass man den Bezug zur originalen Westside Story verlieren könnte.

Die erste Szene beginnt gleich mit einem actionreichen Fight der Jets gegen die Sharks und es fällt sofort auf, wie unglaublich gut die Tänzer sind. Später erfahre ich, dass die Aufführung gemeinsam mit der Kieler Ballett Company aufgeführt. Viele der Tänzer stehen zum ersten Mal in einer Sprechrolle auf der Bühne und doch sind sie hervorragend. Die Tanzeinlagen zeigen eine Mischung aus Musical Dance und Ballett, die mich schier umhaut. Hier kommt das ganze Können einer professionellen Ballett Company dem Musical zugute. Wow, ich bin von der ersten Szene an gefesselt.

Und es gibt ein weitere Anleihe des Musicals, die das gesamte Publikum an diesem Abend begeistert. Es ist die Opernsängerin Susan Gouthro, die mich schon in Turandot so begeistert hat. Sie singt die Maria mit solchem Können, dass wir atemlos lauschen. Von ganz leise, zart und zerbrechlich baut sie plötzlich einen solchen Druck auf und singt mit ungeheurer Power alle anderen auf der Bühne mühelos an die Wand. Die Rolle der Maria in einem Musical mit einer Opernsängerin wie Susan Gouthro zu besetzen, heißt mit Atomraketen auf Spatzen zu schießen, aber gerade das begeistert das Publikum heute abend. Und wie schon bei Turandot, erhält die sympathische Kanadierin an diesem Abend den größten Applaus.

Als Tony und Maria ihr Liebeslied "One Hand, one Heart" singen, bin ich in Tränen aufgelöst. So viele alte Erinnerungen werden wach. Aber heute abend habe ich vorgesorgt. Ich habe meinen neuen wasserfesten Wimpernroller von Nivea aufgetragen.
Die Tränen laufen mir zwar immer noch hemmungslos die Wangen herunter, aber wenigstens tropft das Maskara mir heute nicht in den Ausschnitt.

West Side Story in Kiel? Am liebsten würde ich es noch einmal sehen.

Samstag, 21. März 2009

Cafe Impresso Chillout Lounge

Cafe Impresso Live MusikEs ist Freitag, es ist Wochenende und endlich Frühlingsanfang. Yipppieh! Ich komme vom Dienst, stelle mein kleines Auto zuhause in die Tiefgarage und stöckel so schnell die Deichmänner tragen durch die Fußgängerzone in den Sophienhof.

In der Buchhandlung Weiland, ganz hinten in der Ecke finde ich das kleine, gemütliche Café Impresso. Von einer Freundin habe ich erfahren, dass hier seit kurzem jeden Freitag nachmittag ein richtig guter Pianospieler auftritt. Und tatsächlich höre ich schon in Höhe der Fantasy Romane aus der Ferne sanfte, weiche Klänge.


Da sitzt ein junger, sympathischer Typ im weißem Oberhemd mit Weste an einem Keyboard und spielt traumhaft schöne Melodien. Später erzählt er mir, sein Name ist Thies, er ist 24 Jahre alt und hat alle Songs selbst geschrieben. Wow, ich bin mehr als nur ein bisschen beeindruckt. Auf meine Frage nach einer CD erfahre ich, dass die gerade produziert wird. Anfang April kommt sie auf den Markt und wird auch hier im Café zu kaufen sein. „Die muß ich haben“, denke ich. „Das ist genau meine Musik zum Entspannen.“

Auf die Frage nach der Stilrichtung ist Thies selbst ein bisschen ratlos. Charmant fragt er die nette Service Crew des Cafés um ihre Meinung. „Filmmusik“, sagt die Eine mit der fröhlichen grünen Tunika. „Chillout Musik“, meint eine andere. „Richtig,“ denke ich. „Das ist es, Chill Out Music.“

Bei diesen Klängen wird das Café Impresso zur Chillout Lounge und bietet einen wunderbaren Start in ein entspanntes Wochenende. After Work mal ganz anders.

Für Transgender ist das Café Impresso ein sicherer und angenehmer Ort, hier fühle ich mich wohl. Das gilt ebenso für die ganze Buchhandlung Weiland. Die Menschen, die mit unserem Anblick so ihre Schwierigkeiten haben und von denen ich manchmal dumme Bemerkungen höre, treffe ich nie in Buchhandlungen und auch nicht in der Stadtbücherei. Gibt es da vielleicht doch einen Zusammenhang zwischen Toleranz und Bildung? Wie ist eure Meinung?

Café Impresso
Im Sophienhof, Querpassage
Mo - Fr 10 - 20 Uhr
Live Musik Freitag nachmittags ab circa 16:00 Uhr

Freitag, 9. Januar 2009

Kieler Oper: Turandot

Seit ich Turandot im Jahr 2000 als Lasershow in Sydneys Darling Harbor gesehen habe, lässt mich Puccinis Chinesische Oper nicht mehr los. Nessun Dorma ist für mich die schönste aller Arien und das nicht erst seit es von diesem britischen Handyverkäufer Paul Potts auf RTL2 gerufen wird.

Heute abend ist es endlich soweit, ich habe seit Monaten Karten für das Kieler Opernhaus und freue mich auf Giacomo Puccinis Märchenoper Turandot.

Oper bedeutet für mich auch immer, sich schön anzuziehen. Das ist sogar ein wesentlicher Teil der Vorfreude. Welche Frisur, wie schminke ich mich, was ziehe ich an? Das kleine Schwarze? Dazu vielleicht eine flippige Strumpfhose und meine schlichten schwarze Pumps? Fertig ist das Opernoutfit.

Das kleine Stück von meiner Wohnung zum Opernhaus stöckele ich mühelos sogar auf meinen 7cm Absätzen.


Als ich im Foyer das übrige Publikum betrachte, bin ich wie immer erstaunt darüber, wie einige in ihren Gartenklamotten ins Theater rennen. Besonders die Männer scheinen teilweise direkt aus dem Hobbykeller zu kommen. Zerbeulte alte Jeans, ein oller Strickpullover und bequeme Treter, fertig ist das Outfit für den Operabend. Wow, wie kann man sich nur selbst so geringschätzen.

Claudia und ich sind jedenfalls erleichtert: An diesem Abend sind wir beide nicht die hässlichsten Elsen im Theater. Es ist schon beinahe skurril: die am sorgfältigsten angezogenen Frauen sind ausgerechnet wir zwei T-Girls. Schräg, oder?!

Über Turandot weiß ich nur, dass es Puccinis letzte Oper ist. Sie handelt von der grausamen chinesischen Prinzessin Turandot, die jedem Freier drei Rätsel aufgibt. Findet er die Lösung, gewinnt er die Prinzessin, versagt er, wird er hingerichtet.
Als Puccini 1924 stirbt, hatte er gerade erst den dritten Akt fertig komponiert. Am Ende des 3. Aktes stirbt die liebliche Sklavin Liu, die das genaue Gegenteil der grausamen Turandot ist. Zur Vollendung der Oper wurden verschiedene Schlußvarianten nachher komponiert. Am Kieler Operhaus erwartet uns heute abend der moderne Berio Schluß, wie er 2002 zuerst in Las Palmas uraufgeführt wurde.

Ich bin wie immer rechtzeitig da, gehe aber erst nach dem dritten Klingeln zu meinem Platz, denn gegen Ende der Vorstellung zahlt sich jede Minute weniger sitzen aus. Und außerdem ist es einfach unbezahlbar, wenn alle noch einmal aufstehen müssen, damit ich unter blumenreichen Entschuldigungen endlich auf meinen Platz stöckeln kann. :-)

Claudia hat für uns schon vor Monaten zwei wirklich erstklassige Karten ergattert. Wir sitzen nur drei Plätze hinter dem Dirigenten und wenn ich mich ein wenig recke, könnte ich glatt seinen Taktstock berühren, worauf ich an diesem Abend jedoch lieber verzichte.

Zu Beginn der Vorstellung wird uns in einer kurzen Ansprache eröffnet, dass leider beide Hauptdarsteller mit der Grippewelle fortgespült wurden und nicht auftreten können. Die erkrankte Prinzessin Turandot, bzw. Kelly Cae Hogan wird deshalb ersetzt durch Giovanna Casolla aus Neapel.

Emmanuel di Villarosa als Prinz Calaf ist jedoch wesentlich schwerer zu ersetzen: Auf der ganzen Welt gibt es derzeit nur drei Sänger, die den neuen Berio-Schluß beherrschen. Als Ersatz konnte das Kieler Opernhaus kurzfristig den Hawaiianer Keith Ikaia-Purdy gewinnen, der aber den Berio Schluß nicht singen kann. Die heutige Vorstellung wird deshalb verkürzt und endet bereits mit dem dritten Akt an der Stelle, an der sie durch Puccinis Tod für immer unvollendet blieb.

Ich bin voll gespannter Vorfreude und genieße die tolle Atmosphäre im Kieler Opernhaus. Dann endlich hebt sich der erste Vorhang des Abends und ich bin überrascht. Bühnenbild und Kostüme entsprechen so gar nicht meinen Erwartungen. Nun bin ich keine erfahrene Operngängerin und deshalb hat mein Urteil nur wenig Aussagekraft, aber Einiges stört mich so sehr, dass ich Mühe habe, der Aufführung zu folgen.

Turandot spielt irgendwann im kaiserlichen China. In einer fernen Vergangenheit also, als Prinzessinnen ihre Freier bei Bedarf noch hinrichten lassen konnten, ohne dadurch gleich den Unmut der Tagespresse zu erregen. Der Kaiser von China, edle Prinzen und grausame Prinzessinen, ich rechne also mit einem opulenten Bühnenbild, mit prächtigen Kostümen und allerlei geheimnisvollen chinesischen Requisiten.

Stattdessen sehe ich eine nahezu besenreine Bühne und chinesische Minister in Trenchcoats und gelben Pilotenbrillen aus den 70er Jahren. Der alte König Timur ist zurechtgemacht wie der Dalai Lama und trägt zudem ein buddhistisches Mönchsgewand. Die Häscher des Kaisers hingegen tragen schwarze Uniformen mit Fliegerabzeichen, die eindeutig an SS-Uniformen erinnern, während andere Schergen in alte VoPo Uniformen aus DDR Zeiten gesteckt wurden.
Und weshalb der Kaiser von China in seinem weißen Leinenanzug mit weißen Slippern eine Persiflage von Marlon Brandos Paten geben muss, bleibt völlig rätselhaft. Wer denkt sich so etwas bloß aus? (Bitte melde dich, damit wir uns gegenseitig ein bisschen beschimpfen können)
Aber nicht nur Claudia und ich sind leicht irritiert, auch das übrige Publikum schüttelt reihenweise die Köpfe.

Als dann die Minister des Kaisers plötzlich pinkfarbene Polaroid-Kameras zücken und damit Fotos von Prinz Calaf und König Timur machen, da fühle ich mich regelrecht veralbert.

Der absolute Tiefpunkt der Aufführung ist erreicht, als Ping, Pang und Pong mit einem Kofferradio und Plastikkühlboxen auf die Bühne kommen und anfangen, Dosenbier aus der Kühlbox zu trinken. Nun wird es regelrecht ärgerlich. Zu allem Überfluss ziehen sie noch Schuhe und Strümpfe aus und streifen sich Badelatschen von Adidas über, nicht ohne sich zuvor hingebungsvoll an den Füßen zu pulen. Sicher ist diese Szene mit dafür verantwortlich, dass nach der Pause manche Plätze leer bleiben. Die Leute sind nach Hause gegangen.

Durch die provokante Art der Inszenierung habe ich Mühe, dem Gesang zu folgen. Ich habe dauernd das Gefühl, ins Auge gepiekt zu werden und kann deshalb nicht konzentriert zuhören. Ganz ehrlich: Hätte ich mich nicht schon seit Monaten auf diesen Abend gefreut, wäre auch mein Platz nach der Pause leer geblieben.

Trotzdem darf nicht der Eindruck entstehen, dass alles an diesem Abend schlecht ist. Immer dann, wenn der moderne Quatsch im Hintergrund bleibt und stattdessen die Musik in den Vordergrund tritt, dann plötzlich funktioniert Turandot und Puccinis wunderbare Musik begeistert mich.

Ganz besonders Susan Gauthro in der Rolle der liebenden Sklavin Liu verzaubert das Publikum und rührt mich zu Tränen. Die junge Kanadierin singt so weich und gefühlvoll , dass sie als Einzige an diesem Abend mein Herz berührt. Sie zeigt für Viele die beste Leistung des Abends und wird mit dem stärksten Applaus und vereinzelten Bravo-Rufe für ihre Leistung belohnt. (Nicht alle Bravos waren von mir :-)

Beeindruckt bin ich auch von König Timur, gesungen von Kammersänger Hans Georg Ahrens. Seine Stimme ist fast schon zu kräftig und ausdrucksstark für die Rolle des greisen und entmachteten Königs Timur. Claudia und ich sind von seinem Spiel und seinem Gesang regelrecht begeistert.

Die beiden Hauptfiguren, Prinzessin Turandot und Prinz Calaf sind sicher auch toll gesungen, aber wirklich berühren können mich beide an diesem Abend nicht.

Wer einmal eine wirklich große Turandot Inszenierung sehen möchte, der schaue sich diesen Ausschnitt der berühmten Aufführung aus der verbotenen Stadt in Peking an. Dort wurde 1998 nach 5-jähriger Vorbereitungszeit Turandot am Originalschauplatz des Kaiserpalastes open air aufgeführt vor 32.000 Zuschauern. Die Turandot wird an jenem Abend in der verbotenen Stadt übrigens von "unserer" Giovanna Casolla gesungen, die ich heute abend in Kiel gehört habe.

Für mich bleibt ein zwiespältiger Einruck der Kieler Turandot Aufführung zurück. Hat es mir gefallen? Nein, gefallen hat es mir nicht. Der Versuch, die Handlung teilweise in die Neuzeit zu transponieren ist gescheitert und bestenfalls Kunst im Sinne von Kunsthonig.