Sonntag, 31. Oktober 2010

Fünf Fragen, zwei Antworten

Svendura unterwegs beim MotorradreisenAls ich im August auf meiner nagelneuen Kawasaki Enduro nach Frankreich aufbreche, stelle ich mir fünf Fragen zu fünf Unsicherheiten, die ich mir auf dieser Reise beantworten möchte. Inzwischen bin ich längst zurück und habe mich lange genug vor den Antworten gedrückt.

Ich hatte Angst davor, dass es möglicher­weise Antworten sind, die ich gar nicht hören möchte. Am allerwenigsten von mir selbst.


Erstens, die P-Frage: Funktioniert die Sache mit dem Passing gut genug, um überzeugend als Frau zu reisen, oder werde ich regelmäßig als „Transe* mit Motorrad“ wahrgenommen?

Die Frage ist gemein, weil ich nicht weiß, ob ich es mir überhaupt eingestehen könnte, falls ich merke, dass meine Umwelt mich als Lavendeltarzan auf zwei Rädern belächelt. Glücklicherweise darf ich die Antwort schuldig bleiben, denn mein Passing als Bikergirl hat prima funktioniert und ich gebe mir selbst acht von zehn möglichen Punkten. Je einen Punkt Abzug gibt es für quälende Selbstzweifel und einen weiteren für ein Minikleid von 225g, das ich als einzige Garderobe für den Abend mitgenommen habe. Damit habe ich mein Glück sehr auf die Probe gestellt habe, weil es viel zu wenig Kleid war und  ich damit zweite und dritte Blicke provoziert habe, was für Transfrauen die Gefahr der Entdeckung birgt.

Frage 2: Welche Probleme erwachsen aus dem Einen, wie aus dem Anderen? (gemeint ist Passing, bzw. wenn ich als trans erkannt werde)

Als ich mir diese Frage gestellt habe, dachte ich eher daran, was geschieht, wenn jemand mich als transsexuelle Frau bemerkt und ich dann so richtig verarscht werde. Könnte ich damit umgehen?

An den umgekehrten Fall, dass ein paar angetrunkene alte Knaben schlüpfrig und unangenehm werden, daran hatte ich nicht gedacht. Indessen hätte diese Boygroup es mich zweifellos wissen lassen, wenn auch nur der leiseste Zeifel an meiner Weiblichkeit aufgekommen wäre. Das war eine echte Feuerprobe für mich, falls die Jungs nicht einfach mal zum Optiker müssen.

Und dann war da noch der ältere, sehr nette Witwer, der mir einen reizenden Heiratsantrag gemacht hat. Hätte ich den nicht freundlich abgelehnt, so würde ich heute in einem kleinen Dorf bei Höxter wohnen, seine Wäsche waschen, kochen, den Garten machen und wer weiß was sonst noch alles von Frauen erwartet wird, tun.

Svenja-and-the-City stellt Fragen und wer nicht fragt bleibt dumm

Fazit: Die Sache mit dem Passing hat prima hingehauen. Das war meine größte Unsicherheit. Kann ich unter fremden Menschen und auf der Reise durch ein fremdes Land als Frau bestehen, auch wenn ich ungeschminkt und in Motorradklamotten unterwegs bin? Yes, I can!

*Passing: Die Fähigkeit, eindeutig als Frau wahrgenommen zu werden, ohne dass die transsexuelle Vergangenheit aufplatzt. (Gutes Passing, schlechtes Passing).
Siehe auch: Tipps für ein gutes Passing.

*Transe: Eine abfällige und beleidigende Bezeichnung für transsexuelle Frauen.
 Siehe auch: Ist Transe ein Schimpfwort?

Sonntag, 17. Oktober 2010

Reise in die Vergangenheit

Svenja und ihre Ex Verlobte Dian und ButchSommer 1980. Ich heiße noch Sven, bin 18 Jahre alt und wohne mit meinen Eltern in Kellinghusen, einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein.

Meine Hauptinteressen? Motorräder und Mädchen, wobei sich die Reihenfolge in letzter Zeit verändert hat.

Eines Tages als ich aus der Schule komme, berichtet meine Mutter mir, dass ein neues Mädchen in der Stadt sei. Eine Amerikanerin, sie heißt Dian, kommt aus New York und besucht hier ihre deutsche Oma.

Ich habe sofort den Wunsch, dieses interessante und für mich total exotische Girl kennenzulernen und tatsächlich schaffe ich es auch, in ihre Nähe zu kommen. 

Meine Ma gibt mir gerne Tipps in diese Richtung. Ich glaube, sie hat ein bisschen Angst, dass ich schwul sein könnte, weil ich mein ganzes Geld für Mädchensachen ausgebe und immer wieder in Frauenkleidern gesehen werde. Nein, Mama, schwul bin ich nicht, ich bin nur irgendwie anders. Ich empfinde mich als Frau. Den Begriff transsexuell kannte ich damals noch nicht.

Dian wohnt mit einer Freundin zusammen ganz in der Nähe und eines Tages bekomme ich überraschend eine Einladung in die Wohnung der beiden jungen Frauen zum Abendessen.

Ich weiß sofort: Das ist der Abend, an dem ES passiert. Vielleicht errinnert ihr euch an den Film American Pie? An Jim, den Typen, der noch Jungfrau ist und diese supersexy, osteuropäische Austauschschülerin Nadia ins Bett kriegen will? Innerlich bin ich zwar wie Nadia, aber äußerlich will ich genau das, was auch Jim will.

Eine kleine Unsicherheit bleibt trotzdem, denn ich bin zu der Zeit noch Jungfrau und muss mich voll und ganz auf Dian verlassen. Sie wird schon wissen, was ich dabei tun muss und wie alles funktioniert.

Svenja und ihre Ex Verlobte Dian und ButchIch werde nicht entäuscht. Der Abend wird unvergesslich. Dian weiß alles, was man wissen muss und sogar noch ein paar Sachen, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gibt.

Ich erzähle Dian von meiner weiblichen Seele und sie findet es auf Anhieb interessant und lässt mich, so oft ich mag, ihre Sachen anziehen.

Ich erinnere mich sogar, dass ich manchmal in Dians Sachen zur Schule gegangen bin. Nicht im Rock, aber in ihren hohen Stiefeln, die ich über ihren Jeans getragen habe.

Absolut unvergesslich bleibt mir die Physikstunde in der Oberstufe, als ich plötzlich an die Tafel sollte und von meinem Platz in der letzten Bank auf Dians High Heels nach vorne an die Tafel gestöckelt bin. Parkettboden, laut, auffällig, peinlich, ich bekam einen roten Kopf, aber das war auch alles. Niemand hat etwas über mein Outfit gesagt.

Ich habe mich oft gefragt, warum damals alles so gut gegangen ist und es niemals Ärger gegeben hat. Vielleicht deshalb, weil ich recht beliebt war? Weil ich es wie selberverständlich  einfach getan habe? Weil Mobbing noch nicht erfunden war? Ich weiß es nicht.

Aus Dian und mir wird ein Paar. Am 24. Dezember 1981 verloben wir uns und nehmen zusammen eine Wohnung. Meine Eltern sind stinksauer. Für ihren Geschmack ist Dian ein bisschen zu reif und zu sexy für ihren Jungen und sie befürchten, ich könne die Schule schmeißen und das Abitur sausen lasse, aber das tue ich natürlich nicht.

Svenja und ihre Ex Verlobte Dian und ButchDian und ich bleiben einige Jahre zusammen, bis unsere Wege sich schließlich trennen. Sie möchte gerne heiraten und eine Familie gründen, während ich mich noch zu jung dafür fühle.

Ich bin gerade erst bei der Polizei angenommen worden und möchte meine ganze Energie in den neuen Beruf stecken. Wir trennen uns ohne Streit, aber Handy und Internet sind lange noch nicht erfunden und so verlieren wir uns aus den Augen.

Im Sommer 2010 bekomme ich eine E-Mail von Dian: „Ich komme zu Besuch nach Deutschland. Bin geschieden und lebe ich mit meinem neuen Freund Butch in den Südstaaten. Du wirst ihn mögen. Ich freu mich auf unser Wiedersehen. Love, Dian.“

Mehr als zwanzig Jahre sind vergangen, seit wir uns zuletzt gesehen haben. Werde ich Dian wiedererkennen? Umgekehrt habe ich natürlich keine Zweifel, denn ICH habe mich schließlich nicht groß verändert. :-)

Ich ziehe das braune Kleid mit den passenden Nubukleder Pumps an, meine kurze Bikerjacke und los geht die Fahrt nach Hohenlockstedt, wo Dian und Butch bei einer Freundin wohnen.

Welch ein Wiedersehen. Dian ist noch immer das total verrückte, flippige and powerful girl, als das ich sie in Erinnrung hatte. Nein, das Leben hat Dian nicht klein gekriegt und ich weiß sofort wieder, weshalb ich sie einmal geliebt habe. Beide haben wir ein wenig zugelegt, aber auch das ist innerhalb von 30 Jahren ganz ok. Ihr Freund Butch ist ein echter Redneck aus den Südstaaten der USA. Wir verstehen uns auf Anhieb gut und ich mag ihn sehr.

Gemeinsam verbringen wir ein paar wunderbare Tage in Kiel, wo ich Dian und Butch mein Apartment zur Verfügung stelle und solange zu Claudia ziehe. Ich habe Tränen in den Augen, als ich die beiden schließlich am Hamburger Flughafen absetze. Butch lädt mich ganz herzlich zu den beiden in die USA ein, wo sie in einem Holzhaus mitten im Wald auf ihrem eigenen Mountain wohnen.

Dian und Svenja zur Kieler Woche 2010

Fazit: Das war ein tolles Wiedersehen, aber ob ich eine Reise zu einem Gegenbesuch in die Südstaaten machen werde? Es gibt dort im Umkreis von zehn Meilen kein Stück Asphalt, auf das ich einen Absatz setzen könnte und ob es mir gelingt, die einheimischen Redneck Boys davon zu überzeugen, dass trans zu sein, ganz in Ordnung ist? Ich weiß es noch nicht. Aber toller Stoff für einen Reisebericht wärs schon, oder...?!

PS: Und hier kommt die Erklärung für den Spitznamen "The green Cow" für mein Motorrad. Als Butch erfährt, dass ich eine Kawa fahre, spricht er das in seinem Southern Drawl  "cow" aus und Dian macht daraus sofort "The green Cow". Und so kam das ...

Montag, 11. Oktober 2010

Die Reise, Tag 9 - Spessart - Thüringer Wald - Harz

Früstück im Hotel AuerhahnAls ich am nächsten Morgen in die Gaststube komme, warten dort schon ein großer Brötchen­korb und eine üppige Wurstplatte auf mich. Dazu gibt ein weich gekochtes Früh­stücksei, leckeren Orangensaft und starken Kaffee, soviel ich nur mag.

In allerbester Laune mampfe ich das Frühstück in mich hinein, ohne die Marmeladen und den Honig auch nur eines Blickes zu würdigen. Welch ein toller Start in den Tag.

Für heute habe ich geplant, Schloß Mespelbrunn zu besichtigen, das berühmte Wirtshaus im Spessart. Leider liegt es aber nur lausige 7 Km vom Auerhahn entfernt und ist damit auch schon wieder aus dem Rennen. Denn sowie ich morgens auf meiner Enduro sitze und der Motor läuft, ist jeder Gedanke an irgendwelche Schloßbesichtigungen vergessen und ich will nur noch fahren. Darüber muss ich bei Gelegenheit wirklich mal mit einem guten Therapeuten reden.

Einige Kilometer weiter fahre ich bereits mitten durch den tiefen, dunklen Spessart. Die Septembersonne schafft es nur langsam, den Frühnebel aufzulösen. Hinter Weibersbrunn folge ich dem Bach Hafenlohr bis nach Rothenfels, wo er in den träge dahinströmenden Main fließt.

Brücke über den MainBlick über den Main

Ich habe die wunderschöne Kurvenstrecke an diesem Morgen fast für mich allein, nur der überladene Kleinbus einer Heizungsbaufirma stört meine morgendlichen Kreise. Hinter einer Spitzkehre ziehe ich im dritten Gang bergauf mit hoher Drehzahl vorbei und während ich die Gänge vier, fünf und sechs nachlade, rauche ich die Heizungsjungs locker auf. Soo lahm ist die kleine Kawa dann doch nicht.

Endurowandern mit Svenja
Die Navigatorin bei der Arbeit...

Ich folge dem Lauf des Mains bis nach Gemünden, wo ich den Fluss verlasse und in die Bayerische Rhön abbiege. Entlang der Fränkischen Saale fahre ich bis nach Bad Kissingen, wo ich Pause mache und einen Becher heißen Kaffee trinke.

Am Rennsteig in Thüringen mit dem Motorrad
Kurvenstrecke durch den Thüringer Wald

Über Bad Königshofen und Hildburghausen reise ich weiter in den Naturpark Thüringer Wald, wo eine dramatische Kurvenstrecke durch tiefen Nadelwald am Rennsteig entlang führt. Bei Ohrdruf lasse ich den Thüringer Wald hinter mir und folge der B247 bis nach Gotha, das ich als eine deprimierend hässliche Stadt erlebe.

Straßenszene in Gotha
Eine deprimierende Straßenszene in Gotha

Ich sehe viele verlassene Häuser, deren längst eingeschlagene Scheiben notdürftig mit Holz vernagelt wurden. Und es gibt in Thüringen eine Kultur des wilden Plakatierens, die ich aus Schleswig-Holstein nicht kenne. An jedem zweiten Laternenmast hängen grellbunte Plakate auf Neonkarton, die abwechselnd für irgendwelche Erotikshows, Pornomessen und Table Dance Shows werben.

Haus in GothaNein, hier gefällt es mir ganz und gar nicht und ohne Pause fahre ich über Großenehrich zügig weiter in Richtung Norden.

Kurz vor Sonderhausen hat mich der Regen wieder eingeholt und  ich beginne mit der Zimmersuche für die Nacht. Am Ortsausgang von Nordhausen halte ich an einem Gasthof mit Restaurantbetrieb. Die üppige  Schnitzelkarte mit tollen Gerichten hat es mir auf Anhieb angetan und ich gehe hinein, um nach einem Zimmer für die Nacht zu fragen.

Die Gaststube ist leer und nachdem ich eine Weile mit meiner Regenkombi lustlos den Teppich vollgetropft habe, rufe ich laut "Hallo?!". Nach kurzer Zeit erscheint auch jemand, aber der ist schon ziemlich gallig: "Wer hat hier hallo gerufen?".

Ich verkneife mir eine echte Svenja Erwiderung und frage nach einem Zimmer. Als ich höre, dass es 45 Euro die Nacht kosten soll, falle ich ein wenig aus der Rolle: "Wieee bitte?! Nein, danke, das ist nicht meine Preislage.", und beinahe hätte ich hinzugefügt: "Jedenfalls nicht in dieser Gegend." Ich war einigermaßen erstaunt darüber, wie teuer Manches in den neuen Bundesländern ist, obwohl die Leistung nicht dagegen steht.

Der Wirt ist ein bisschen pupsig mit mir. Er weiß natürlich, dass es draußen in Strömen regnet und dass es schon recht spät ist: "Na dann viel Glück. Ich glaube kaum, dass Sie hier was Billigeres finden." Oh doch, das denke ich schon und der Regen macht mir inzwischen schon nichts mehr aus, denn ich wohne in dieser blöden Regenkombi und meine Haut hat eine Unterlage aus Goretex. Pöh...

Ich bin nicht sicher, ob auch Frauen einen Kavalierstart hinlegen können, aber mit einem kurzen Wheely fahre ich den Bordstein hinunter auf die Straße und rausche in einer beeindruckenden Gischtwolke in Richtung Harz davon. Notfalls muss ich eben bis Braunlage, oder sogar bis Osterrode durchhalten. Mir macht das ja nichts aus, aber mein Dubs ist da anderer Meinung, denn der tut inzwischen richtig weh. Schon seit längerem durchfahre ich alle kleineren Orte im Stehen und freue mich in den Städten über jede rote Ampel, an der ich kurz absteigen kann.

Als ich mitten im Harz in 640m Höhe durch den kleinen Ort Hohegeiß fahre, entdecke ich die Beschilderung zum Berghotel und bekomme dort ein wunderbares Einzelzimmer mit Frühstücksbuffet für 33 Euro. In Gedanken rufe ich dem verhinderten Wirt in Nordhausen zu: "Hallo?! Können Sie mich hören? 33 Euro mit Buffet. Und das Hotel war auch nicht so schraddelig wie Ihres." Ich erwäge kurz, die 25 Km zurückzufahren und in Nordhausen ein bisschen anzugeben, aber für heute reichts. Mir ist kalt, hungrig, müde und ein bisschen Aua.

Das Zimmer im Berghotel Hohegeiß ist total schön eingerichtet und bietet einen tollen Panoramablick in den Harz. Leider hat das Hotel keinen eigenen Restaurantbetrieb, aber nur 200 m weiter liegt die Silbertanne, ein ganz wunderbares Speiserestaurant.

Das kleine Stück gehe ich zu Fuß in meinen Motorradsachen. Heute habe ich keine Lust, mich zu stylen, ich mache mir nur die Haare ein bisschen schön und male mir ein neues Gesicht für den Abend.

Die Silbertanne ist echt klasse. Ich probiere als Vorspeise die berühmte Harzer Bratkartoffelsuppe. Der Name macht mich neugierig und ich denke, für 4 Euro ist das sicher nur eine kleine Vorspeise und ich kann nicht viel falsch machen. Fazit: Die Suppe schmeckt total mega lecker, allerdings ist es eine Mörderportion, die in einigen noblen Kieler Restaurants locker als Hauptgericht durchgegangen wäre.

Und während ich noch überlege, wie ich jetzt mein Hautpgericht schaffen soll, das  große Holzfällersteak mit Zwiebeln, frischen Champignons und Bratkartoffeln, da bekomme ich zusätzlich noch einen Gruß aus der Küche. Einen Teller mit hausgemachter Leberwurst und Rotwurst auf frischem Bauernbrot.

Svenja Svendura Sommerreise 2010Jetzt wirds aber eng, denke ich und esse nur die Leberwurstbrote, denn inzwischen kommt mein Holzfällerschnitzel und es ist umwerfend lecker und auch wieder eine Riesenportion. Das Essen in der Silbertanne ist wirklich auch für große Mädchen zum Sattwerden und eine weitere Empfehlung von mir nicht nur für Biker.

Leider habe ich vergessen, nach dem Rezept für die Bratkartoffelsuppe zu fragen, aber die liebe Frau Currywurst hat extra für mich in ihrer Versuchsküche eine eigene Bratkartoffelsuppe komponiert und das Rezept findet ihr hier...


Fazit: Hier endet mein Reisebericht. Der zehnte Tag besteht nur noch aus der langen und ereignislosen Heimreise nach Kiel. In Salzgitter erlebe ich zwar noch einmal ein beeindruckendes Gewitter, aber was macht mir das schon noch aus? Ich bin schließlich das Bikergirl in der orangen Regenkombi :-)

Auf dem Foto links seht ihr nicht nur meine neuen Stiefel (PLAZA 24,95 EUR), sondern auch meine Reiseroute der vergangenen zehn Tage (3.013 Km).

Momentan arbeite ich an dem Gesamtfazit meiner Reise und an der Beantwortung der fünf Fragen, über die ich mir vorher so viele Gedanken gemacht habe.


Mittwoch, 6. Oktober 2010

Die Reise, Tag 8 - Nagold - Neckar - Spessart

Ich werde morgens von der Sonne gewecktAm nächsten Morgen werde ich schon um kurz nach sieben wach, weil mir ein strahlender Sonnen­aufgang durch die geschlossenen Lider in die Augen piekt.

Yippieh, welch ein schöner Morgen. Mit drei Sätzen hüpfe ich unter die Dusche und mache mich in absoluter Rekordzeit fertig. Sogar die Wimperntusche muss heute etwas dünner ausfallen, denn ich will endlich frühstücken und so schnell wie möglich in den neuen Tag starten.

Das Frühstück in der Wolfsschlucht ist wirklich mega lecker. Einzig der Kaffee ist ein bisschen dünn und als ich aus Versehen etwas auf die gelbe Tischdecke kleckere, gibt es nicht mal einen richtigen Fleck. Trotzdem stelle ich vorsichtshalber den Salzstreuer auf die Stelle.

Eine Stunde später habe ich mein Gepäck verstaut und starte die hochbeinige grüne Kawasaki. Ich bin jedes Mal aufs Neue begeistert davon, wie ruhig und gleichmäßig der kleine Motor läuft. Ohne Scheppern und Rasseln säuselt er im Standgas leise vor sich hin. Ganz behutsam fahre ich ihn die ersten 10 Kilometer mit kleiner Drehzahl warm und bleibe beständig unter 5.000 U/min. Das gibt auch mir die Gelegenheit, die letzte Bettwärme abzuschütteln und selbst auch ein wenig geschmeidiger zu werden.

Der nächste größere Ort ist Bad Herrenalb. Es ist ein strahlend schöner Tag und das Thermometer an der Volksbank zeigt schon 14° C an. In dieser Gegend sind die Kurorte aufgereiht, wie Perlen auf einer Schnur. Ich fahre abwechselnd über aufregende Kurvenstrecken und rolle danach wieder leise durch einen der kleinen Kurorte. Das macht einfach Spaß und ich fühle mich rundherum glücklich und zufrieden.

Ich möchte heute noch bis in den bayrischen Spessart fahren, der mich auf meiner letzten Reise so beeindruckt hat. Leider habe ich dort 2007 keine einzige trockene Minute verbracht und war total nass und durchgefroren. Aber heute sieht es besser aus.

Über Bad Wildbad gelange ich auf die Schwarzwald Bäderstraße und folge auf ihr dem Lauf der Nagold. Ein wunderschöner kleiner Fluss, der sich viel von seiner Ursprünglichkeit bewahrt hat. Ich erreiche Pforzheim und sehe mir die Fischtreppe in Nagold Weissenstein an. Schließlich bin ich kein Banause und gucke mir unterwegs durchaus einige Sehens­würdigkeiten an. Jedenfalls solange ich dafür nicht extra absteigen muss...
Fischtreppe der Nagold in Pforzheim Weissenstein
Die Fischtreppe der Nagold in Pforzheim Weissenstein

Meine Route führt direkt durch Pforzheim hindurch und auf der Durchgangsstraße erlebe ich eine schmutzige, hässliche Stadt. Der Fairness halber muss ich aber sagen, dass mehrspurige Durchgangsstraßen nur selten durch die schönsten Ecken einer Stadt führen. Vielleicht kennt jemand Pforzheim und kann mir doch noch etwas Nettes über diese Stadt schreiben?

Bei Walheim erreiche ich den Neckar und folge seinem Lauf in Richtung Norden. Die Sonne ist mittlerweile wieder hinter dunklen Wolken verschwunden und ich sehe mißtrauisch nach oben, ob es schon wieder Zeit ist, die Regenkombi anzuziehen. Durch Heilbronn und Neckarsulm ziehe ich meine Bahn am Fluß entlang.

In Eberbach verlasse ich den Neckar und biege nach Nordosten ab in den Odenwald. Auf der Siegfriedstraße fahre ich mitten durch diese wunderschöne Kulturlandschaft. Zum Glück herrscht nur wenig Verkehr und ich kann die Fahrt so richtig genießen. 

Irgendwo am Neckar
Irgendwo am Neckar, ich habe leider vergessen wo. Danke schön, das ist Burg Zwingenberg. Volker hat es als Erster bemerkt.

Inzwischen sitze ich schon wieder sieben Stunden im Sattel und kurz hinter Miltenberg fange ich an, mich nach einem Bett für die Nacht umzusehen. Heute brauche ich mir keine Gedanken ums Zelten zu machen, denn inzwischen hat es wieder angefangen zu regnen. Die Bettensuche gestaltet sich heute besonders frustrierend. Ich mache zweimal den Fehler, meine Route zu verlassen, weil ich der Beschilderung zu einem Hotel folge. Beide Male ist es ein Umweg von 5 Kilometern und beide Male sind die Läden geschlossen. Klingeln, klopfen, fluchen, aber da ist keiner. Mist. Weiterfahren.

Mitten im Bayrischen Spessart finde ich dann aber ein echtes Goldstück von einem Landgasthof, den Auerhahn in Hobbach. Schon beim Anblick der Speisenkarte läuft mir das Wasser im Mund zusammen und die Preise für Essen und Trinken sind so unglaublich günstig, dass ich schon kleine Portionen befürchte, aber nicht im Auerhahn! Die Übernachtung kostet 30 Euro mit Frühstück und mein Zimmer ist mit ganz neuen, blau gebeizten Bauernmöbeln sehr gemütlich eingerichtet. Ich bin richtig begeistert, diesen tollen Gasthof entdeckt zu haben. 

Auerhahn in Eschau Hobbach Neuhammer
Der Auerhahn in Hobbach - Mein Top Tipp für Biker im Spessart

Ich darf die Enduro in die Garage hinterm Gasthaus stellen und trage das Gepäck die wenigen Schritte in mein Zimmer. Ohne mich umzuziehen gehe ich in meinen Motorradsachen hinunter in den großen Wintergarten und trinke erstmal in Ruhe ein Bier. Ich merke, dass die Tage anstrengender werden und ich die acht Stunden im Sattel der kleinen Enduro nicht mehr so mühelos wegstecke, wie noch zu Beginn meiner Reise. Wenn ich wieder zuhause bin, brauche ich sicher erst einmal Erholung vom Urlaub.

Eine gute Stunde später erscheine ich komplett gestylt wieder in der Gaststube. Unter dem Arm trage ich Pieps, die zu faul zum Laufen ist, mein Reisetagebuch, zwei Bleistifte, einen Anspitzer, verschiedene Landkarten, die Reisekasse und meine Digitalkamera. Eintrag ins Logbuch: Auf der nächsten Reise nehme ich eine kleine Handtasche mit und ein Paar höhere Schuhe. Zwei Tische weiter sitzt nämlich eine total süße Blondine gegen die ich mit meinen langweiligen Flachtreter Ballerinas mächtig abstinke, denn SIE hat ein paar echt heiße Keilpumps an. Dafür ist aber mein Kleid deutlich kürzer, wodurch ich wieder ein wenig Boden gutmachen kann.

Ich schenke der Schönen ein strahlendes Lächeln, doch sie hat nur ein dürres Grinsen für mich übrig, bevor sie irritiert wegschaut. Irgendwie funktioniert diese Nummer in letzter Zeit nicht mehr so gut wie früher. Dabei habe ich damit in meinem ersten Leben einige tolle Kontakte geknüpft, indem ich nach einem freundlichen Gegenlächeln ein nettes Gespräch mit der Schönen angefangen habe. Diese ganze Passingsache hat entschieden auch ihre Nachteile. Mist, daran hab ich vorher nie gedacht. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen, dass schöne Frauen jetzt out-of-reach für mich sind.

Zum Abendessen bestelle ich eines meiner absoluten Lieblingsessen, Tafelspitz in Meerrettich­soße. Ich kann kaum glauben, dass die große Portion nur 5,60 Euro kostet und hätte am liebsten noch ein Schnitzel dazu gegessen, aber ich bin schon satt.

Jetzt kommt der Teil, den ich abends im Hotel so sehr liebe. Dick und kugelrund gefressen sitze ich zufrieden an meinem Tisch und schreibe mit Bleistift in das kleine Reisetagebuch, solange die Eindrücke noch ganz frisch sind.

Dazu bestelle ich mir von Zeit zu Zeit ein frisches Bier, oder ein Glas Wein. Den Bleistift muss ich an diesem Abend gleich mehrfach neu anspitzen, bevor ich gegen halb zehn richtig schön müde und bettschwer auf mein Zimmer verschwinde. Minuten später bin ich bereits fest eingeschlafen.

Samstag, 2. Oktober 2010

Die Reise, Tag 7 - Schwarzwaldhochstraße

Svenja Svendura und Pieps beim BikerfrühstückPerfekt ausgeruht und in den Knien federnd hüpfe ich am nächsten Morgen um sieben aus dem Zelt und gehe mit Pieps auf ein großes Biker­früh­stück in die Camping­klause.

Während mein Zelt bereits in der Sonne trocknet, vertilgen wir beide eine Riesenportion Rührei mit Speck und ich trinke zwei Kännchen Kaffee dazu. Das war ein erstklassiges Frühstück und jetzt kann der Tag beginnen.

Das Wetter sieht prima aus, doch obwohl es eine klar Nacht war, ist das Zelt von Kondens­wasser und Tau ziemlich nass geworden. Das Außenzelt meiner kleinen Tropfsteinhöhle hänge ich deshalb zum Trocknen übers Motorrad. Könnt ihr sehen, wie es in der Sonne dampft?

Im Waschhaus jammern die Dauer­camper mir munter die Ohren voll. In der Nacht hat es den ersten Frost gegeben und weil sie darauf natürlich nicht eingestellt waren, sind sie alle etwas durchgefroren. Ich denke, dieses ist genau der richtige Zeitpunkt, um ein wenig mit Claudias Schlafsack anzugeben. Ich beklage mich darüber, wie nervig es doch ist, wenn der Schlafsack so warm ist, dass man ihn nicht einmal richtig zumachen kann.

Svenjas Zelt trocknet in der Sonne

Bis ich meine ganze Ausrüstung trocken verstaut habe und endlich losfahren kann, ist es schon 11 Uhr. Am Schluchsee halte ich nur kurz an, um dieses Foto zu machen, dann geht es weiter nach Titisee.

Svenjas Zelt trocknet in der Sonne

In Titisee angekommen, fahre ich ganz langsam durch den Ort. Hunderte anderer Touristen bevölkern bereits die Innenstadt. Ich bin ganz erstaunt darüber, dass ich nirgends mein Motorrad loswerden kann. Sonst stelle ich mein Bike einfach irgendwo auf dem Bürgersteig ab, aber nicht in Titisee. Alles verboten, gesperrt, reglementiert.
 
Svenja Svendura in Titisee Schwarzwald Zur Ehrenrettung der kleinen Schwarzwald­gemeinde mit dem lustigen Namen muss ich allerdings sagen, dass es einen großen Parkplatz am Bahnhof gibt, der für Motorräder sogar kostenfrei ist. Dort parke ich die Kawa auf dem letzten freien Platz und latsche (ich hasse gehen) die 250 m zurück ins Dorf.

Titisee ist wirklich sehr schön, aber der Ortskern hat seine Ursprünglichkeit schon vor langer Zeit engebüßt. Überall werden Andenken und Kuckucksuhren angeboten. Dabei unterbieten die Läden sich mit dem aller­größten Kitsch, und billigem Plastikramsch, der ganz sicher nicht aus dem Schwarzwald stammt. Das Highlight aber sind die kleinen Kuckucksuhren aus Plastik für 6,95 €, die es in verschiedenen Bonbonfarben gibt. Ich rieche Taiwan.

Dennoch kann ich mich der zuckersüßen Atmosphäre von Schwarzwälder Kuckucksuhr und Kirschtorte nicht ganz entziehen und finde es trotz Kitsch und Kommerz insgeheim sogar wunderschön. Titisee ist schön.

Ich bestaune alles und kaufe dann wenigstens eine Ansichtskarte für Claudia, "Schöne Grüße aus Titisee.", die ich am Bahnhof gleich einwerfe. (Die Karte, nicht Claudia)

Svenja als Schwarzaldmädel in Titisee

Mein nächstes Ziel ist die Schwarzwaldhochstraße, die ich 2007 schon einmal gefahren bin. Damals habe ich aber vor lauter Regen fast überhaupt nichts gesehen, so sehr hat es damals gegossen. Heute hingegen sieht das Wetter richtig klasse aus. Strahlender Sonnenschein um 20° C.

Die Schwarzwaldhochstraße beginnt in Freudenstadt und endet nach 60 Kilometern in Baden-Baden. Sie ist sehr gut ausgebaut und hat einen perfekten Asphaltbelag mit vielen irren Kurven durch eine der schönsten Landschaften Deutschlands. Allerdings ist es auch eine sehr schnelle Strecke, ganz anders als zuvor die Route des Cretes.

Svenja Svendura auf der Schwarzwaldhochstraße
Und natürlich sind Baden-Baden und die Schwarzwaldhochstraße nicht mit auf dem Schild...
Deshalb lockt sie natürlich auch einige der größten Spinner aus dem In- und Ausland an. Ein paarmal werde ich überholt, dass Pieps und ich vor Schreck fast von der Cow herunterfallen. Üble Knieschleifer in buntem Leder, die uns wie die Geistesgestörten überholen. Ich fahre jetzt 30 Jahre Motorrad, aber mit denen habe ich absolut nichts gemein. Schnaub...

Motorradfahren im SchwarzwaldAuf halber Strecke, irgendwo mitten im Hochschwarzwald, bekomme ich plötzlich Appetit auf Schwarzwälder Kirschtorte. Heute lasse ich den alten Doc Atkins mal zuhause und suche mir unterwegs ein schönes Gartencafé.

Kurz darauf sitze ich bereits unter einem großen Sonnenschirm vor einem wirklich riesigen Stück Kirschtorte. Holy Moly, da hätten sie in Kiel leicht zwei Stücke draus geschnitten. Die Torte schmeckt einfach göttlich und ist überhaupt nicht zu süß.

Völlig überfressen habe ich meine liebe Mühe, das Bein über die Sitzbank der hochbeinigen Kawa zu schwingen. Mein Magen drückt gegen die Lunge und ich kriege kaum Luft. Satt und zufrieden fahre ich auf der Hochstraße weiter nach Baden-Baden.

Als ich in Baden-Baden einlaufe, bin ich von dem hektischen Großstadtverkehr ziemlich überrascht und verfahre mich so heftig, dass es mich satte 20 Km Umweg kostet. Mist.

Dafür ist aber das Wetter wunderbar mild, warm und sonnig. Ideales Wetter zum Zelten. Trotzdem kann ich mich einfach nicht überwinden, mir einen Campingplatz zu suchen und im Dreck zu schlafen. Ich bin selbst ein wenig erschrocken über diesen Gedanken und suche mir stattdessen ein Hotelzimmer. Wie teuer kann das in einer armen Stadt wie Baden-Baden schon sein...?

Etwas übermütig halte ich vor dem wunderschönen Hotel Wolfsschlucht in Baden-Baden und frage nach dem Preis für ein Zimmer mit Frühstück. Ich bin richtig überrascht, als ich erfahre, dass es nur 43 Euro inklusive großem Frühstücksbuffet kostet. Außerdem erzählt mir die Wirtin, dass der Jäger gestern ein Wildschwein geschossen hat und dass ich abends davon etwas essen kann, wenn ich mag.

Svenja isst Schwarzwälder KirschtorteFrisch und rosig gebadet ziehe ich das graue Minikleid, die schwarze Strumpfhose und meine Ballerinas an und male mir in aller Ruhe sorgfältig ein schönes Gesicht für den Abend. Wie gut, dass ich jeden Abend woanders bin, auf diese Weise bemerkt niemand, dass ich ständig dasselbe Kleid trage :-)

In allerbester Premiumlaune schwebe ich die Treppe hinunter ins Restaurant, das leider völlig verlassen ist. Nur an einem Tisch sitzen vier Männer in ausgelassener Stimmung und bestellen munter eine Runde Bier nach der anderen.

Es sind zum Glück keine Proleten, sondern eigentlich ganz sympathische Typen. Wie ich heraushöre, Mitglieder des örtlichen Tennisclubs, die wohl gerade von einem Turnier kommen. Keine Gefahr, denke ich, setze mich zwei Tische weiter und bestelle mir etwas vom Wildschwein. Dazu trinke ich ein Bier.

Während ich auf mein Essen warte, schreibe ich schon fleißig in mein Reisetagebuch. Ich suche auf der Landkarte die Wolfsschlucht, kann sie aber nicht finden und gehe deshalb mit der Karte in der Hand an den Nebentisch, um sie mir zeigen zu lassen.

Einer der Männer zeigt mir die richtige Stelle auf der Karte, während die anderen vor sich hin witzeln. Ich werde eingeladen, mich dazuzusetzen, aber ich lehne höflich ab, weil ich auf mein Essen warte. Außerdem liegen die Jungs für meinen Geschmack schon ein paar Runden zu weit vorn.

Dreckige WitzeTrotzdem scheine ich bei den Jungs in ein Wespennest gestochen zu haben, denn während ich weiter auf mein Essen warte, drehen die Typen jetzt richtig auf. Es werden reihum dreckige Witze zu erzählt, Marke: Der Pastor und das Äffchen. Oh Mann, denke ich. Darüber konnte ich auf dem Schulhof schon nicht mehr lachen.

Inwzischen ist mein Wildschweinbraten gekommen und das Essen sieht wirklich lecker aus. Die Jungs lassen sich davon nicht stören und werden langsam unangenehm.
Ich merke, dass die Sprüche ziemlich in meine Richtung gehen und dass genügend Alkohol auch Baden-Badener Society zu Proleten macht. Zum Glück hält mein Passing, andernfalls würde ich das sofort merken, denn die im Schnitt 60-jährige Boygroup nimmt kein Blatt mehr vor den Mund.

Die Jungs fangen allmählich an, mich zu nerven und ein wenig ängstigen sie mich auch. Ich würde gerne in Ruhe essen und ich merke, dass ich langsam sauer werde. Was mache ich nur? Soll ich kurz rübergehen und einem von den Clowns den Arm auskugeln? Das geht schnell, macht nicht zuviel Mühe und hat für alle Beteiligten einen enormen Unterhaltungswert. Andererseits gibt es dann vermutlich ein Riesengeschrei und in der Zwischenzeit wird mein Wildschwein kalt. Ich stecke in einer Zwickmühle.

Schließlich wähle ich den klügsten Weg, indem ich zügig aufesse, mein Bier stehenlasse, und schnell auf mein Zimmer verschwinden will. Dummerweise muss ich ausgerechnet am Tisch der fröhlichen Geronten vorbei, wo die Stimmung unaufhaltsam ihrem traurigen Höhepunkt entgegensteuert.

Als einer der Knaben hinter meinem Rücken so laut flüstert, wie das nur Betrunkene können: "Wetten, die ist schon ganz feucht?", da ahnt er gar nicht, wie nahe wir alle in diesem Moment an einer kleinen Katastrophe vorbeischrammen.

Hinterher bin ich allerdings ziemlich stolz auf mein Passing, denn die Jungs hätten es mich wissen lassen, wenn sie irgendwelche Zweifel an meiner Weiblichkeit gehabt hätten. Insofern ist es doch nicht schade, dass ich vorzeitig aufs Zimmer verschwunden bin. Und dieses blöde Wildschwein war ohnehin zäh wie eine alte Satteldecke...

Fazit: Das war wirklich ein ganz wunderschöner Reisetag. Aufgewacht in meinem Zelt, gehe ich abends in einem noblen Baden-Badener Hotel schlafen. Und das dumme Erlebnis mit den Jungs? Habe ich das vielleicht selbst ein wenig provoziert, indem ich für ein alleinreisendes Girl ziemlich outgoing gestylt war?

Freitag, 24. September 2010

Die Reise, Tag 6 - Breisgau und Hochschwarzwald

Svenjas Reise durch den SchwarzwaldSvenjaVon Colmar geht es weiter in Richtung Breisach, wo die Rheinbrücke das französische Neuf-Brisach vom deutschen Breisach am Rhein trennt. Die Landschaft ist hier ganz anders, als in den rauhen Vogesen, durch die ich noch vor einer Stunde gefahren bin. Sie ist viel lieblicher und birgt bereits eine Ahnung von Almen und Kuhglocken.

Das Wetter sieht gut aus und meine Klamotten sind trocken. Heute will ich endlich zelten und auch den kleinen Einweggrill beschäftigen, den ich schon seit Kiel mit mir herumschleppe. Ich muss nur noch Grill­fleisch besorgen und einen Campingplatz finden.



In St. Blasien im Südschwarzwald lege ich einen Stopp ein, um mich mit Vorräten einzudecken. An diesem Nachmittag ist in dem malerischen Kurort die Hölle los. Hier findet das 15. Internationale Holzbildhauer Symposium statt.

Motorradtour durchs Breisgau

Im ganzen Ort stehen diese Holzbildhauer herum, die mit ihren Kettensägen unter irrsinnigem Lärm riesige Stämme bearbeiten. Welch ein unglaublicher Krach. Ich gucke eine Weile zu, aber das ist mir zu laut. Außerdem sägen diese Landeier einfach bloß alles weg, das nicht irgendwie an Heiligenfigur erinnert. Wie schwierig kann das schon sein?

St. BlasienMich zieht es stattdessen zu EDEKA, wo ich mir zwei große fette 350 g Entrecotes und ein Nackensteak besorge. Dazu meine Beilagen­klassiker, Kräuterbutter und Blanchet. Ich verstaue den Einkauf im Tankrucksack und breche zügig auf in Richtung Schluchsee.

Am Schluchsee soll es einen sehr schönen Campingplatz direkt am Seeufer geben. Den Tipp gibt mir eine Bikerin aus der Schweiz, mit der ich ins Gespräch gekommen bin, als sie in St.Blasien ihre Honda Transalp direkt neben meiner KLX abstellt.

Einige Kilometer vor Schluchsee folge ich der Beschilderung zu einem Campingplatz. Als ich endlich merke, dass ich zu früh abgebogen bin und es hier nur in ein Seitental in den Bergen geht, habe ich keine Lust mehr, noch einmal umzukehren. Statt am Schluchsee lande ich also auf dem Campingplatz Speckhüsli. Der sieht nicht so toll aus und liegt direkt neben der Straße, aber ich bleibe trotzdem hier.

Endurowandern mit Zelt und SchlafsackDer Empfang an der Rezeption des Campingplatzes ist sehr freundlich, aber das Anmelde­formular haut mich fast um. Ein mehrfach Durchschreibesatz mit einer Informations­fülle, wie ich sie erwarte, wenn ich mit dem Direktflug von Damaskus in den USA landen will. Holy Moly, denke ich und mache mich an die Arbeit.

Schon wenige Minuten darauf darf ich jedoch mein Zelt aufstellen. Dabei ist mir aus den vielen Jahren jede Bewegung so angenehm vertraut, als wenn ich einen alten Handschuh anziehe.

Zuerst bestimme ich die Himmelsrichtung, damit das Zelt morgen früh gleich in der Sonne steht und schnell abtrocknet. Dann suche ich den Boden gründlich nach Steinen und kleinen Unebenheiten ab und überlege, wo der Eingang sein soll.

Als nächstes breite ich das Innenzelt aus, clippe die Alustangen ein, spanne das Außen­zelt darüber und innerhalb weniger Minuten steht das bewährte VauDe Campo. Ich habe mein Zelt direkt neben einen Tisch und eine Bank gestellt. Hier kann ich nachher bequem sitzen, essen und Tagebuch schreiben.

Kette fetten bei der EnduroAls nächstes checke ich, wie jeden Abend, das Motorrad durch. Motoröl und Reifen sind ok und auch sonst finde ich keinerlei Auffällig­keiten. Lediglich die Kette muss mal wieder geschmiert werden.

Mit viel Geduld bearbeite ich jedes einzelne Ketten­glied und schiebe die KLX Stück für Stück weiter, bis alles gut gefettet ist. Danach fahre ich eine Runde langsam ums Camp, um das Fett in der Kette zu verteilen, ohne dass es dabei abschleudert.


Svenja Svendura schreibt ReisetagebuchAls die cow versorgt ist, kann ich mich endlich um das Wichtigste kümmern, um meinen Grill. Aus Erfahrung bohre ich ein paar zusätzliche Luftlöcher in die Aluschale bevor ich die Holzkohle anzünde.

Es dauert trotzdem fast 40 Minuten, bis die Kohle endlich durchgeglüht ist und ich das Fleisch auf den Grill legen kann. In der Zwischen­zeit schreibe ich mein Reisetagebuch fort und trinke dabei Blanchet aus dem kleinen Metall­becher, der sonst mit einem Karabiner­haken außen am Gepäck hängt.

Während ich genussvoll die knusprigen Entrecotes esse, spüre ich, wie es langsam kälter wird. Kein Wunder, denn der Camping­platz liegt in 940 m Höhe am Berg.

Dennoch freue ich mich schon auf die Nacht, denn meine Freundin Claudia hat mir einen ihrer Polarschlafsäcke geliehen, die sie für ihre Expeditionen nach Spitzbergen gekauft hat.


Abends auf dem Zeltplatz"Bis -30° wirst du darin super schlafen, aber bei -40° würde ich die Unterwäsche anlassen.", beruhigt Claudia mich, als sie mir am Abend vor meiner Abreise aus Kiel den dicken Daunen­schlafsack bringt.

Kurz nachdem die Sonne untergegangen ist, senkt sich schon der Tau auf die Erde und es wird sehr schnell unangenehm feucht und kalt.

Gegen 21 Uhr verschwinde ich in mein Zelt, mache alle Reiß­ver­schlüsse dicht und krieche glücklich, satt und zufrieden in den dicken, kuscheligen Daunen­schlaf­sack.

Eine Weile lese ich noch im Licht meiner Stirnlampe, aber dann werde ich plötzlich müde, mache das Licht aus und bin innerhalb weniger Augenblicke fest eingeschlafen.

Fazit: Welch ein unglaublich schöner Tag. Ich bin die Route des Cretes gefahren, habe den Grand Ballon überquert und bin nach einer wirklich wunderschönen Fahrt durchs Breisgau mitten im Schwarzwald gelandet. Zum Abendessen gab es mein Lieblingsgericht, gegrillte Entrecotes mit Kräuterbutter und dazu kühlen Blanchet. Das Leben ist wirklich schön.

Donnerstag, 23. September 2010

Die Reise, Tag 6 - Frankreich, Route des Crêtes

Die Route des Cretes in den Vogesen MotorradtourAm nächsten Morgen kriege ich beim Aufwachen einen Schreck. Zehn Stunden habe ich ge­schla­fen? Das ist ja länger als ich gestern ge­fah­ren bin. Puh, nun aber los.

Die Zeit für ein kleines "Unter dem Helm Make Up" nehme ich mir aber trotz­dem. Etwas Foundation, ein kleiner Lidstrich und dra­ma­tisch dicke Wimpern­tusche. Richtig dramatisch wird die allerdings erst später, als ich mir im Nebel gedanken­ver­loren mit nassen Hand­schuhen die Augen reibe. :-)


Bevor ich losfahre, bestelle ich mir im Hotel du Tunnel das petit déjeuner, ein kleines Früh­stück. Es gibt ein Baguette, etwas Butter und dazu ein gelbes Gelee, das so flüssig ist, dass es sofort wieder vom Brot herunter läuft. 6,50 Euro. Ein tapferer Preis für eine Tasse Kaffee und ein trockenes Brötchen mit Blubberlutsch. Kein Wunder, dass die Frauen hier alle so schlank sind.

Um kurz nach neun starte ich die KLX und rolle langsam durch St. Marie aux Mines zum Beginn der 75 Km langen Route des Crêtes. Zuerst muss der Motor richtig warm werden, bevor ich die green cow scheuchen darf. Große Schilder warnen mich schon am Beginn der Route davor, zuviel zu riskieren, denn die Strecke hat es wirklich in sich.

Ein schmales, vielfach ausgebessertes Asphaltband mit unglaublichen Kurven. Die Spezialität der Route des Crêtes sind Haarnadelkurven, die ohne Ankündigung am Ende langer Geraden lauern, wo ich in Sekunden vom sechsten bis in den zweiten Gang zurück­schalte, nur um auf der folgenden Geraden die Gänge blitzschnell erneut durchzu­laden. Dazu nasser Asphalt, Bitumenflickerei und kleine Schlag­löcher. Oh, ich liebe es und lasse die cow so richtig fliegen.

Die Route des Crêtes ist das perfekte Spaßgebiet für die schlanke 250er Enduro. Mit 70 bis 80 km/h bin ich schon fett im Grenzbereich des Machbaren. Bloß nicht unaufmerksam werden, sonst brauche ich mir um das Wetter keine Gedanken mehr zu machen.

Und beinahe geschieht es auch. Im vierten Gang fliege ich in eine Rechtskurve ein und merke reichlich spät, dass es eine sehr enge Hundekurve ist. Brutal trete ich das Getriebe zwei Gänge herunter, fast ohne die Kupplung zu benutzen. Das Hinterrad stempelt zweimal hart auf den Asphalt und ich kann die cow gerade noch wieder einfangen.

Was mache ich hier eigentlich? Nein, so geht das nicht. Ich möchte doch auch etwas von der Landschaft sehen und vor allem wieder heil nach Hause kommen. Von jetzt an nehme ich mich deutlich zurück, genieße die schöne Strecke und habe auch viel mehr Freude am Fahren.

Nach einer knappen Stunde Fahrspaß durch die rauhen Vogesen lege ich auf dem Col du Bonhomme meine erste Pause ein. Dort stelle ich die Kawa ab und mache ein paar Fotos von der Umgebung. Als ich zurück zum Motorrad komme, erlebe ich ein persönliches Highlight meiner Reise, das "Madame, Madame Erlebnis", das mir sicher immer in Erinnerung bleiben wird.



Mit dem Motorrad auf dem Col de la SchluchtDer nächste Höhepunkt ist der Col de la Schlucht, eine Passstraße, die in einer Höhe von 1139 m die Route des Cretes kreuzt. Auf dem Parkplatz vor der Brasserie de la Schlucht stehen schon andere Biker, die ebenfalls Pause machen.

Eine Gruppe von Schweizern ist mit einem Dutzend Maschinen unterwegs. Alles Racer und Naked Bikes. Nein, ich glaube, das wäre nichts für mich. Ich fahre viel lieber alleine.

Das Wetter ist besser geworden und nach langer Zeit kann ich die Regenkombi endlich einmal wieder auf die Gepäckrolle schnallen.

Mein Halt auf dem Col de la Schlucht dauert nur wenige Minuten, denn zu sehen gibt es hier sonst nichts und ich fahre weiter in Richtung Cernay.

Das nächste Ziel ist der Grand Ballon (Großer Belchen), mit 1424 m der höchste Berg der Vogesen. Die Strecke dorthin ist wunderschön und etwas weitläufiger mit einigen schnelleren Kurven.

Mit der Enduro auf dem Grand Ballon

Am Grand Ballon mache ich Halt und esse ein wenig von dem Speck, den ich noch im Tank­rucksack habe. Jetzt muss ich über­legen, wie meine Reise weitergehen soll. Die Regen­tage fressen allmählich meine Reise­kasse auf.

Route des Cretes bei CernayIn Frankreich finde ich nur schwer ein Zimmer mit Frühstück unter 50 Euro und die Restaurants sind ungefähr ein Drittel teurer als bei uns. Ich fürchte, dass ich mir den Regen UND Frankreich auf Dauer nicht leisten kann, denn ich hatte mit 10 Euro Camping­gebühren pro Nacht gerechnet und nicht mit einem Hotel­urlaub.

Schweren Herzens entscheide ich mich dazu, die Route des Cretes noch in Ruhe bis zu ihrem Ende zu touren und von dort zurück nach Deutschland zu fahren und mir den Schwarzwald anzusehen.

Auf den letzten Kilometern bis Cernay, dort wo die Route des Cretes endet, zeigen die Vogesen sich von ihrer besten Seite. Blauer Himmel, strahlender Sonnen­schein und angenehme Temperatur um 20° C.

Inzwischen blinkt es im Cockpit der kleinen Kawasaki wieder ganz hektisch: "FUEL FUEL" und ich brauche bald eine Tankstelle und vor allem auch einen Geldautomaten und zwar in dieser Reihenfolge.

Zum zweiten Mal in diesem Urlaub fahre ich ein kurzes Stück auf der Autobahn, denn auf der Landkarte kann ich keinen anderen sinnvollen Weg nach Colmar entdecken. Aber vielleicht halte ich die blöde Karte auch wieder falsch herum, wer weiß das schon?

KLX250 auf der Autobahn in FrankreichAuf der Autobahn bin ich mit der kleinen Enduro nicht so gut aufgehoben. Weil ich den Einzylinder­motor nicht zu Tode drehen will, hänge ich mich die letzten Kilometer bis nach Colmar in den Windschatten eines französischen LKW und bleibe unter 7ooo U/min.

Um ein Haar verpasse ich die Ausfahrt nach Colmar, weil ich so dicht hinter dem Laster hänge und das Schild erst viel zu spät sehe.

Die gelbe Fuel Warnlampe ist sogar im Sonnenschein gut zu erkennen und erinnert mich fortwährend daran, bald eine Tankstelle anzulaufen. Noch vor Colmar fülle ich den Tank der Kawa an einer TOTAL-Tankstelle nach. Satte 5,2 l gehen diesmal rein. Wow!

Fazit: Welch ein schöner und aufregender Tag und es ist erst 12:44 Uhr. Was wohl der Nachmittag noch für uns bereithält, für Pieps, die green cow und für mich?

PS: Die wunderbare Skizze stammt von meiner Freundin Claudia, die in den letzten Wochen alles Mögliche für mich gezeichnet hat: Reiserouten, Flüsse und Seen, Motorräder und Regenkombis (grrr), Hotels, Burgen und Zelte. Die Skizzen illustrieren später den kompletten Reisebericht, wenn er auf meiner www.svendura.de Seite erscheint.

Dienstag, 21. September 2010

Die Reise, Tag 5 - Frankreich, Nordvogesen

Mit der Enduro in FrankreichAls ich nach neun Stunden Schlaf aus­geruht aus dem Bett hüpfe, ist es draußen noch immer grau, windig und regnerisch. Ich schalte den kleinen Hotelfernseher ein und ein fröhlich grinsender Schlips­träger stellt ergie­bige Regen­fälle von bis zu 200 l/m² in Aussicht. Eine Besserung sei nicht in Sicht.

Inzwischen ist mein Kampfgeist geweckt. Ich werde diesen Urlaub genießen, selbst wenn mir dabei Schwimm­häute wachsen sollten und ich in dieser blöden Regenkombi über­nachten muss.

In allerbester Morgenlaune gehe ich hinunter in den Früh­stücks­raum. Alles ist sehr schick eingedeckt und mit einer doppelten Portion Ambiente versehen. Eine doppelte Portion Pfälzer Leberwurst wäre mir allerdings lieber, denn das Angebot kann sich bei weitem nicht mit dem an der Mosel und in Höxter messen, obwohl es hier deutlich teurer ist.

Bevor ich abfahre, beherzige ich einen Trick, den Claudia mir am Telefon gesagt hat, als ich sie am Vorabend weinerlich angerufen habe: Ich ziehe Plastiktüten über die Socken bevor ich meine Stiefel anziehe. Ein genialer Trick, der sich in der Folgezeit noch einige Male bewähren soll. Plastiktüten sind nämlich wirklich dicht, was man von Membranen nicht sagen kann.

Plastiktüten als Socken zum MotorradfahrenBesser als Goretex: Eine Plastiktüte über den Socken

An diesem Morgen kann ich es kaum erwarten, endlich auf dem Motorrad zu sitzen, denn es sind nur noch wenige Kilometer bis zur Grenze. Bereits nach einer halben Stunde stehe ich unter dem großen blauen Frankreich Schild und mache ein Foto mit Selbstauslöser. Wie gut, dass ich den kleinen Erbsensack als Stativ dabei habe.

Endurowandern im Naturpark Nord VogesenMein erster Halt ist Chateau Fleckenstein, das direkt an der deutsch-französischen Grenze liegt. Die Zufahrt zur Burg ist leider gesperrt und ich mag das Motorrad mit dem Gepäck nicht unten auf dem Wald­parkplatz stehenlassen. Trotzdem ist es ein tolles Gefühl, hier zu sein.

Ich stehe an diesem regne­rischen Montag­morgen im tiefen Wald der Nordvogesen. Ich bin ganz allein. Kein anderer Mensch, kein Auto ist in der Nähe. Ich höre den leichten Nieselregen und ab und zu das Zischen, wenn ein Tropfen auf den heißen Auspuff der Kawa fällt. Ein unglaublich tolles, intensives Gefühl: Ich bin am Leben und ich fühle mich so jung und so stark und grenzen­los frei. Ich bin glücklich.

Die kleinen französischen Dörfer durch die ich fahre, sind wirklich schön. Mir fehlt das richtige Wort. Sagt man pittoresk? Die Ortsdurchfahrten sind meistens Zone 30 und die französischen Autofahrer sind erstaunlich diszipliniert. Frankreich ist eben nicht Paris.

An einer Baustellen­ampel sehe ich etwas, das ich aus Deutschland nicht kenne: Eine große Digital­anzeige, auf der die Sekunden herunter­gezählt werden, bis es endlich grün wird. Coole Idee und ich stelle den Motor ab, während ich geduldig auf grün warte.

Motorradtour Champ de Feu im RegenInzwischen ist der Regen stärker geworden und als ich kurz hinter Le Struthof über den Champ du Feu fahre, hängen die Wolken so tief, dass ich auf der Kawa mitten durch sie hindurch fahre.

Alles trieft und tropft vor Nässe. Ich fahre dicht eingepackt in meinem Kokon aus Thermounterwäsche, Büffel­lederhose, Goretexjacke und über allem meine wind- und wasserdichte Regenkombi dahin. Ich fühle mich darin ein wenig abge­koppelt von der Welt, aber ein Thermometer zeigt im Vorbeifahren nur 9° C an. Nicht zu warm für einen 30. August.

Der Weg durch die tiefen Buchen- und Eichenwälder im Naturpark der Nord Vogesen ist sehr einsam und nur ganz selten begegnet mir ein Auto und wenn, dann ist es immer ein französisches Modell.

Die kleine Kawasaki läuft wie ein Uhrwerk und ich tue alles, um ihr das Leben so leicht wie möglich zu machen. Inzwischen knackt es in meinen Ohren, wenn wir die langen Steigungen der Col de la Irgendwas hinaufklettern und dann talabwärts plötzlich dieses überraschende Gefühl, wenn die Ohren wieder aufgehen und ich alles ganz genau und fast überdeutlich hören kann.

Ich habe Hunger bekommen und halte nach einem Imbiss Ausschau, aber so etwas gibt es in den kleinen Ortschaften nicht. Die Franzosen sind keine Fast-Food Freaks. Als ich aber durch die kleine 4000 Einwohner Stadt Ingwiller fahre, sehe ich einen Supermarche und halte an.

KLX250 in Frankreich vorm SupermarktDas Einkaufen ist beim Alleinreisen immer ein wenig tricky, schließlich kann man das Gepäck nicht mit hinein­nehmen. Doch ich mache es so, wie ich das immer tue: Ich parke die cow direkt vorm Eingang und lasse auch den Helm und die Handschuhe am Motorrad, nur den Zünd­schlüssel ziehe ich diesmal ab und gehe in den Markt.

An der Kasse kann ich zum ersten Mal meine neuen Französisch­kenntnisse aus­probieren. "Bonjour", "merci" und "au revoir" kommen mühelos über meine Lippen und beinahe hätte ich noch ein launiges "Ma moto a une crevaison" hinterhergeschoben, aber mein Motorrad hat ja zum Glück gar keinen Platten und ich will auch nicht angeben.

Mit etwas französischem Räucherspeck und einer Flasche Contrex kehre ich kurz darauf zurück zu meinem Motorrad und natürlich ist alles noch da. Beinahe hätte ich das teure Wasser von Evian gekauft, aber habt ihr das Wort mal rückwärts gelesen? Ich bin doch nicht dämlich...

Als ich aus Ingwiller herausfahre, muss ich einen Blick auf die Karte werfen und stoppe neben einer kleinen, heruntergekommenen Plattenbau­siedlung, die ich hier nicht erwartet hätte. Aus den Augenwinkeln heraus bemerke ich, dass einige Menschen mich neugierig beäugen und langsam auf mich zukommen. Wenn ich sie aus meiner Erfahrung heraus richtig beurteile, dann sind es Roma, die hier unter wenig erfreulichen Bedingungen wohnen. Die Situation ist mir nicht ganz geheuer und ich fahre eilig weiter.

Am frühen Nachmittag erreiche ich Sainte Marie aux Mines. Hier beginnt die Route de Crêtes und deshalb bin ich hier. Für den Einstieg in die Route ist es heute aber schon zu spät und außerdem tut mir nach sieben Stunden Fahrt der Dubs weh. Vielleicht habe ich morgen auch mehr Glück mit dem Wetter, denn die sagenhafte Kurvenstrecke der Route de Crêtes möchte ich gerne bei trockenem Asphalt und ohne meine dicke Regenkombi fahren.

Hotel du Tunnel St.Marie aux Mines am Beginn Route des CretesDen Gedanken an eine Übernachtung im Zelt habe ich längst aufgegeben und so suche ich mir in Sainte Marie aux Mines ein Zimmer für die Nacht. Direkt am Ortseingang liegt das kleine Hôtel Restaurant du Tunnel, das schon von außen sehr einladend aussieht.

Ich stelle die cow auf der Straße vorm Eingang ab und stapfe als unförmiges Michelin­mädchen hinein. Die Gaststube ist so früh am Tag noch leer, aber die kleinen Tische sind bereits alle liebevoll eingedeckt. Hinter einem hohen Tresen, der mit allerlei Kuchen und Gerichten vollgestellt ist, die ich nicht kenne, steht der Wirt. Ein typischer kleiner Franzose mittleren Alters mit ernstem Gesicht, der genauso aussieht, wie ich ihn mir in meiner Fantasie vorgestellt habe.

Ich bin ein wenig aufgeregt, denn jetzt kommt es auf meine neu erworbenen Sprach­kenntnisse an. Mit englisch oder deutsch will ich gar nicht erst anfangen und so stottere ich mir ein "Il coute combien la chambre?" ab. Die Antwort verstehe ich schon nicht mehr und der Wirt erlöst mich schließlich mit einem ernst vorgetragenen: "Auf deutsch bitte?"

Ich erfahre, dass ein Zimmer 40 Euro pro Nacht kostet, doch auf meine Frage, ob das mit Frühstück sei, ernte ich ein sehr deutliches "Non." und einen leicht entrüsteten Blick. Später erfahre ich von anderen Bikern, dass man hier schwerlich ein Zimmer unterhalb von 50 Euro findet.

Über eine knarrende Holztreppe führt Patrick, der Wirt, mich hoch auf mein Zimmer. Das alte Buntbartschloss wird mit einem riesigen, langen Schlüssel geöffnet. Das Zimmer ist total strange und völlig anders eingerichtet, als ich das bisher kennengelernt habe. Die Möbel haben bereits bessere Tage gesehen, aber das Zimmer hat Charme und auf eine merkwürdige Weise auch Stil. Ich fühle mich darin auf Anhieb wohl und lege mich auch gleich auf das große französische Bett, um ein wenig auszuruhen.

Svenja in Frankreich Hotel du Tunnel
Erschöpft, glücklich und ungeschminkt im Hotel du Tunnel

Meine Stiefel stopfe ich wie an den Abenden zuvor mit Toilettenpapier aus und hänge meine Handschuhe über die Nachttischlampe zum Trocknen. Ich bin deutlich erschöpfter, als an den Abenden zuvor und muss mich richtig dazu aufraffen, mich zum Essen umzuziehen. Wie immer, wenn ich ein bisschen aufgeregt bin, schminke ich mich noch sorgfältiger als sonst und gucke tausendmal, ob das Kleid auch richtig sitzt.

Schließlich nehme ich mein Herz in beide Hände, greife mir Pieps und das Reisetagebuch und gehe hinunter ins Restaurant. Alle Tische bis auf einen sind noch leer. Daran sitzen der Wirt mit seiner Frau und Albert, dem Koch. Die beiden sprechen es "Ahlbääähr" aus und es klingt wunderschön in meinen Ohren. Diese Sprache muss ich unbedingt lernen. Sie klingt wie Musik.

Ich bin unsicher, wohin ich mich setzen soll und während ich mich noch suchend umsehe, lädt mich die Wirtin ein, mit der Familie am Tisch zu sitzen. Sie spricht auch etwas deutsch und ich schäme mich, nur so wenig Französisch zu können. Ich nehme das Angebot gerne an und sitze glücklich mit den Wirtsleuten am Tisch, die sich ein wenig von meiner Reise erzählen lassen. Die Wirtin ist ganz erstaunt darüber, dass eine Frau alleine eine solche Reise unternimmt.

Statt einer Speisenkarte sagt mir die Wirtin geduldig alle Gerichte auf. Ich höre nur "vom Kalb dies" und "Filet von das" und ahne bereits, dass meine Reisekasse das nicht gut vertragen wird. Schüchtern äußere ich den Wunsch, lieber etwas vom Schwein zu essen. "Vom Schwein?", fragt die Wirtin ratlos, aber bevor ich noch einen Rückzieher machen kann, springt mir Albert, der Koch, hilfreich bei. Er könne mir ein Kotelett braten vom Schwein mit einer Sauce von Gorgonzola an eine gemischte Gemüse mit Pommes Frites.

So wie er das sagt, klingt es unwiderstehlich und ich nehme begeistert an. In der Zwischenzeit bestelle ich einen Steinkrug mit kaltem Wein und fange an, diese Zeilen mit Bleistift in mein Reisetagebuch zu schreiben. Das alte Moleskine ist schon fast voll und bereits etwas abgegriffen. Für die nächste Reise werde ich wohl ein Neues kaufen müssen.

Svenja in Saint Marie aux Mines im Hotel du Tunnel
Svenja am Stammtisch im Hotel du Tunnel in Saint Marie aux Mines

Es dauert lange, bis das Essen kommt, aber dann ist es eine Offenbarung, so aromatisch würzig ist die Käsesauce. Und sogar die Pommes Frites schmecken lecker. Sie werden nur mit Salz serviert, ohne das ekelige rote Würzstreu, das sie in deutschen Imbissbuden so gerne drüberkippen. Und mein Kotelett hat einen schönen dicken Fettrand und ist so schmackhaft, dass ich sogar verzeihe, dass es allein gekommen ist. Französisches Essen ist lecker, aber ich bin ein großes Mädchen und an deutlich größere Portionen gewöhnt. Ich bin kurz davor, die Serviette mitzuessen.

Während ich mit der Familie am Tisch sitze, läuft im Hintergrund ein kleiner Fernseher, der für morgen das Ende der Regenzeit verkündet. Und die Frage nach meinem Passing? Daran habe ich schon gar nicht mehr gedacht. Auf trans ist heute sicher niemand gekommen. Ich bin lediglich eine etwas zu groß geratene Frau in einem etwas zu kurzen Kleid, die auf ihrer kleinen, grünen MotoCross Maschine durch Frankreich fährt. Was könnte schöner sein?

Montag, 20. September 2010

Die Reise, Tag 4 - Hunsrück und Pfälzerwald

Das Frühstücksbuffet im Moselgasthaus ist eine Offenbarung für mich. Soviele leckere Fleisch- und Wurst­sorten aus der eigenen Metzgerei, dass ich mich kaum entscheiden kann. Ich nehme sicherheits­halber einen riesigen Teller doppelt ALLES mit zwei weich­gekochten Eiern und schlinge das Frühstück hungrig in mich hinein.

Bevor ich aber in Oberfell aufbreche, statte ich der hauseigenen Metzgerei noch einen Besuch ab und decke mich reich­lich mit Reiseproviant ein.

Von Oberfell folge ich den Moselschleifen und bin begeistert, die Uferstraße am frühen Sonntagmorgen fast für mich alleine zu haben.


In Treis-Karden verlasse ich die Mosel und biege in den Hunsrück ein. Es ist noch immer trocken und zum ersten Mal traue ich mich, die Kamera während der Fahrt ums Handgelenk zu hängen. Jetzt kann ich unterwegs jederzeit Fotos machen.

Blick bei Alken von der B49 über die Mosel.

MoseluferKaum bin ich von der Mosel abgebogen, gibt es auch schon die erste richtig schöne Kurven­strecke. Das macht auf der leichten, wendigen Enduro total viel Spaß und genussvoll schwingen die cow, Pieps und ich durch den wunder­schönen Hunsrück.

Im Cockpit der Kawa leuchtet plötzlich eine gelbe Warnleuchte auf und "FUEL" blinkt es hektisch im Tacho. Keine Panik, das kenne ich schon. Mit der automatisch umschaltenden Reserve von 2,2 Litern komme ich noch locker 70 Km weit. Nach einem kurzen Zwischenspurt über die Hunsrück­höhen­straße erreiche ich Kirn und die rettende Tankstelle.

Neben den Zapfsäulen steht eine Gruppe von Motorradfahrern, die nach dem Tanken dort Pause macht. Die Frauen in der Gruppe sehen total stylish aus in ihren bunten Lederkombis und fahren Ducati Monster und Suzuki GSX.

Ich versuche ein Gespräch mit den Leuten zu beginnen, aber ich scheitere kläglich. Die Jungs, natürlich alles erfahrene Biker, belächeln meine Regenkombi und teilen mir in leicht spöttischem Unterton mit, dass ich die heute nicht mehr brauchen würde. Artig bedanke ich mich für den guten Rat. (Hey, ihr Dumpfbacken, seid ihr auch hinter Kaiserslautern in den fetten Dauerregen gekommen, oder habt ihr da schon mit Mutti auf dem Sofa gesessen und Sportschau geguckt? Senfnasen, dämliche...)

Die Damen haben für mich und die schlanke 250er Enduro nur einen arroganten Blick übrig und sagen gar nichts. Nach einem Blick auf ihre Kennzeichen und den männlichen Anführer mit Warnweste, denke ich: "Ja, Mädels, dafür traue ich mich aber weiter als 20 Km von zuhause weg und brauche dafür nicht mal einen Tourguide."

Auf einem kleinen Parkplatz irgendwo im Hunsrück

Von Kirn geht es auf Umwegen über kleinste Nebenstraßen bis nach Kaiserslautern. An einer SHELL-Tankstelle lasse ich mir von einer wirklich netten Kassiererin den Weg in den Pfälzerwald erklären. Als Frau kann ich mir so etwas erlauben, ohne dass dadurch meine Ego Schaden nimmt.

Kaum im Pfälzerwald angekommen, beginnt es wieder zu regnen. In Schleichfahrt verschwende ich die schönen engen Kurven. Die grobstolligen Enduroreifen der Kawa haben nämlich einen hohen Unterhaltungswert, wenn man mit ihnen bei Nässe zu schnell in die Kurve geht.

Zu allem Übel ist die schönste Strecke des Pfälzerwalds Sonntags für Motorräder gesperrt. Das glaub ich ja wohl nicht. Da fahre ich auf der cow schon den leisesten Auspuff diesseits von Akrapovic und muss trotzdem draußen­bleiben. Sauer auf das Wetter, sauer auf die Streckensperrer und sauer auf die Knieschleifer, die uns das eingebrockt haben, mache ich mich auf die Suche nach einer Unterkunft für dich Nacht. Mein Zelt entwickelt sich allmählich zum überflüssigsten Gepäckstück dieser Reise.

Die nächsten Stunden sind der reine Frust, als ich ein Hotel nach dem anderen abklappere: Besetzt, zu teuer, nicht für eine Nacht, weiter­fahren. Jedesmal im strömenden Regen das Motorrad abstellen, Helm ab, die klitschnassen Goretexhandschuhe abreißen (wasserdicht, haha), mit glucksenden Stiefeln zur Rezeption watscheln und anschließend entäuscht weiter­fahren. Warum stehen draußen bloß nie die Preise für die Zimmer dran?

Schließlich, als ich schon ganz verzweifelt bin, entdecke ich mitten im Nirgendwo zwischen Deutschland und Frankreich einen blitzsauberen, kleinen Gasthof. Er heißt Waldeslust und liegt in Reisdorf, das ich nicht einmal auf der Karte finden kann. Der Ortsname ist so winzig gedruckt, dass er genau in einer Falte meiner zerfransten Generalkarte verschwindet.

Das Zimmer kostet 36 Euro die Nacht und inzwischen schmilzt meine Reisekasse wie Butter an der Sonne. Ich hatte täglich 10 Euro für Camping eingeplant und noch einmal knappe 10 Euro für ein Kilo Fleisch und Blanchet und stattdessen lebe ich wie eine Fürstin in Hotels und speise in Restaurants. Meine Stimmung ist auf einem erneuten Tiefpunkt angelangt, denn eine Wetter­besserung ist nicht in Sicht.

In meinem Hotelzimmer breite ich deprimiert die nassen Sachen aus. Wie soll ich die nur bis morgen trocken kriegen? Es ist wieder kein Fön im Zimmer und die Heizung ist noch im Sommerschlaf. Meine Stiefel stopfe ich eng gepresst mit Toilettenpapier aus, das müsste ein wenig helfen. Die Regenkombi und die nassen Handschuhe hänge ich in das gekippte Fenster.

Nach einer heißen Dusche gehe ich hinunter ins Restaurant. Es ist gut besucht, aber für meinen Geschmack ein wenig zu fein.

Ich sitze in meinem immer noch etwas zu kurzen Kleid mit Strump­f­hosen und Ballerinas am Katzen­tisch und finde heute nichts deprimierender, als in einem schönen Restaurant alleine zu essen. Ich bin froh, die kleine Pieps bei mir zu haben, die ich sehr zum Missfallen des Obers auf den Tisch direkt neben meinen Teller setze. Es gibt Rahm­schnitzel mit Pfifferlingen. Pieps und ich sind begeistert, auch wenn wir beide nicht ganz satt werden.

Nach dem Essen verziehe ich mich auf mein Zimmer und bin gegen 21 Uhr schon fest eingeschlafen, während Regen und Wind von außen gegen die Fenster klatschen.

Fazit: Der vierte Tag war ziemlich nervig und allmählich schwindet die Hoffnung, in diesem Urlaub noch einmal zelten zu können. Aber morgen geht es nach Frankreich und ich bin neugierig. Was erwartet mich dort?