Sonntag, 15. Februar 2009

Ergebnis der Umfrage Transgender

Ich hatte euch die Frage gestellt, wie euer Bezug zum Thema Transgender ist. Ihr hattet eine Woche lang Zeit, eure Stimme abzugeben. Das Ergebnis hat mich überrascht:

Zwei Drittel meiner Leser sind selbst Transgender.
17 % kennen jemanden, der Transgender ist.
15% lesen den Blog, ohne irgendeinen persönlichen Bezug zum Thema Transgender zu haben.

Für mich ist es überraschend, dass nur 15% der Leser keinen Bezug zum Thema Transsexualität haben. Ich hatte mit einem wesentlich höheren Anteil unbeteiligter Leser gerechnet.

Leider wurden bei dieser Abstimmung nur 39 Stimmen abgegeben, das ist wirklich mager angesichts der hohen Zugriffszahlen täglich auf den Blog.

Bitte gebt mir doch eure Anregungen für weitere Umfragen. Mir fällt momentan nichts dazu ein und solange nehme ich das Abstimmungsmodul wieder raus.

Samstag, 7. Februar 2009

Transgender SHG Kiel

Ich muß mich beeilen. Jeden Moment kommen meine beiden Claudias, um mich zum Transgender Stammtisch abzuholen und ich stehe noch in BH und Strumpfhosen ohne einen Schimmer, was ich anziehen soll. Schließlich entscheide ich mich für die Longbluse von S.Oliver. Mit etwas Fantasie kann ich sie auch als Minikleid tragen.

Eine halbe Stunde später sind wir zu Fuß unterwegs in Richtung Selbsthilfegruppe. Wir treffen uns am 1. Samstag jedes Monats im Club 68 in der Kieler Ringstraße. Viele kennen die Kneipe noch aus den Werner Büchern und tatsächlich ist Holgi auch heute noch der Inhaber der "Wernerkneipe". Ich liebe diesen Laden. Er ist urgemütlich, viele nette Leute, reichlich Getränke und gutes Essen.

Von meiner Wohnung aus gehen wir zu dritt in Richtung Ringstraße. Ich trag Ballerinas und verschwinde erst kurz vorm Club in einer Toreinfahrt, um mir meine neuen ESPRIT Stiefel anzuziehen. Die letzten Meter stöckel ich um 9 cm größer zum Club.

Nach und nach treffen die anderen Girls ein. Moment, nein: Christian ist ja jetzt ein Boy und hat ganz andere Probleme. Wir T-Girls sind stolz auf jeden Zentimeter Brustwachstum und Christian überlegt, wie er seine Brüste am besten wegbinden kann. Während wir uns den Bartschatten weglasern lassen, freut Christian sich auf sein erstes Testosteron, damit endlich der Bart wächst und vielleicht sogar echte Kotletten. Diese Ironie der Natur lässt mich jedes Mal innerlich schmunzeln.

Schließlich sind wir 14 Leute im bunten Mix aus MzF und FzM Transgendern und natürlich Anja, einer BioFrau. Anja ist die Ehefrau von Sandra und begleitet sie/ihn zu jedem Transgender Treffen. Wow, ich find das klasse, wie die beiden das zusammen leben und beneide Sandra ein wenig. Allerdings war ich früher selbst mit meiner Partnerin bei den Transgender Treffen in der HaKi. Aber das ist lange her.

Wir sind alle völlig verschieden und haben wenig gemeinsam außer dem Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein. Und genau deshalb sind diese Treffen so wichtig. Niemand erwartet hier die ganz großen, das Leben verändernden Ratschläge, nein, es ist einfach schön in der Gesellschaft von Menschen zu sein, denen man nichts erklären muß. Die einfach wissen, wie es ist, trans zu sein. Menschen, die einen nicht hinterfragen, für schwul oder pervers halten und die auch liebevoll darüber hinwegsehen, wenn der Bartschatten auf kantigem Kinn langsam durch das MakeUp wächst, wenn die Schultern zu breit und die Hände zu groß sind.

Bei diesen Treffen hole ich mir ein wenig von der Kraft, die ich brauche, um meinen Alltag zu meistern. Ich gehe als Frau zum Dienst, ich mache meine Einkäufe, bewältige den Alltag und lebe mein Leben als Frau, so gut es eben geht. Dabei trage ich einen unsichtbaren Schutzpanzer, der mich abschirmt gegen abschätzige Blicke und dumme Bemerkungen.
Aber einmal jeden Monat muß ich meine Schutzschilde neu aufladen. Dann treffe ich mich mit anderen Transgendern im Club68 und hole mir einen Teil der Kraft zurück, die ich jeden Tag brauche.

Du bist auch Transsexuell? Dann komm doch bitte zum nächsten Treffen am 7. März. Wir brauchen dich.

Donnerstag, 5. Februar 2009

Alte Meierei - Frauen Lesben Trans Café

"Na, toll", denke ich, "morgen kann ich mein graues Strickkleid schon wieder waschen und das Biest wird nach jeder Wäsche größer und größer. (H&M, 19,90 €)". Mir brennen die Augen und ich kriege kaum noch Luft.

Alte Meierei Kiel Transgender Svenja-and-the-CityEs sind diesmal aber nicht die Raucher, die meiner Waschmaschine und mir das Leben schwer machen, sondern der antike Kanonenofen der Alten Meierei in Kiel. Er qualmt und rußt, dass es eine Freude ist. Erst als Claudia dem alten Bollerofen gut zuredet, steigen unsere Überlebenschancen allmählich wieder an. In dem kleinen Gastraum wird es langsam wärmer.

Von außen sieht die Alte Meierei ein bisschen gruselig aus. Umso überraschter bin ich, wie gemütlich der kleine Raum um den Tresen ist. Auf wenigen Quadratmetern stehen hier Sofas und Stühle, ein Kickertisch und ein kleiner Tresen aus Holz.

Eine Handvoll junger Frauen veranstaltet hier an jedem 1. Donnerstag des Monats ein Treffen für Frauen Lesben und Transgender, kurz das FLT, FrauenLesbenTrans-Café.

Svenja-and-the-City am Tresen Alte MeiereiDie Stimmung ist total freundlich und lustig. Die meisten Frauen kennen sich schon. Ich setze mich auf einen der wackeligen Barhocker am Tresen und stelle sofort meine Standardfrage:

"Habt ihr Weißwein?"

"Na klar haben wir Wein, nur keine Gläser. Irgendwer hat hier aufgeräumt und jetzt können wir sie nicht mehr finden,"
erwidert Luca bereits leicht verzweifelt.

Nachdem ich mich gerade damit abgefunden habe, meinen Wein heute abend aus der Flasche zu trinken, zaubert sie schließlich doch noch zwei Gläser herbei.

Das FLT ist heute ein Vorleseabend mit Büchertausch und Luca setzt sich als erste auf das kleine rote Sofa und beginnt vorzulesen. Sie liest eine lustige Glosse aus dem Buch "Die Eier des Staatsoberhaupts" von Luise Pusch. Nur zweimal wird sie dabei von einem Anrufer auf ihrem Handy gestört, den sie aber nach kurzem Gespräch abwimmeln kann. Das Publikum ist geduldig und ich bestelle noch ein Glas Wein.

Claudia auf dem roten Sofa Alte Meierei Kiel Svenja-and-the-CityAls nächste setzt sich Claudia aufs rote Sofa. Sie hat ein Buch aus der BRIGITTE mitgebracht, was nicht gleich auf Anhieb für helle Begeisterung sorgt. In mir keimt der Verdacht, dass nicht alle Frauen an diesem Abend regelmäßige BRIGITTE Leserinnen sind. Claudias Geschichte stellt sich als eine lustige Glosse um das Erwachsen werden heraus. Einige Anspielungen auf Spießertum, Reihenhäuser und Drogen heben die Stimmung und sorgen für reichlich Lacher.

Anschließend liest Silf eine wunderbare Geschichte vor mit dem Titel "Steinerne Tränen". Als ich sie frage, von wem das Buch ist, antwortet sie ein bisschen verschämt, "Das habe ich selber geschrieben." Ich bin sehr beeindruckt und hoffe, später einmal mehr von Silf und ihrem schwarzen Hund Cara Mia zu hören.

Nach einem anrührenden Gedicht der ghanesischen Autorin May Ayim geht der Leseabend zu ende. Ich unterhalte mich noch ein wenig mit den anderen Frauen, trinke ein letztes Glas Wein und breche danach auf.

Fazit: Das Frauen-Lesben-Trans-Café in der alten Meierei ist schon eine ganz besondere Veranstaltung und manchmal ziemlich schräg. Nicht jede Frau, nicht jede Lesbe und nicht jedes T-Girl wird sich dort auf Anhieb wohl fühlen. Wer aber ein bisschen offen und neugierig ist, kann dort einen wirklich interessanten und netten Abend verbringen.

Mittwoch, 4. Februar 2009

Umfrageergebnis: Themenmix


Die erste Umfrage ist beendet und das Ergebnis freut mich sehr. Anscheinend ist die Mehrheit mit dem Themenmix aus transsexuellen und aus Kieler Themen einverstanden. Etwa Drittel wünscht sich aber noch mehr Transgenderthemen.
Vielleicht lässt sich die Zahl der abgegebenen Stimmen noch steigern, denn es hat leider noch nicht einmal jeder 10.Besucher an der Umfrage teilgenommen.

Künftig wird die Abstimmung auch nur noch eine Woche lang dauern und nicht mehr 14 Tage. Vorausgesetzt natürlich, mir fallen genügend interessante Themen ein :-)
Über eure Vorschläge für künftige Umfragen würde ich mich sehr freuen.

Montag, 2. Februar 2009

Douglas statt Media Markt

"Das Frau sein - unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2009. Dies sind die Abenteuer der transsexuellen Svenja, die mit ihren 130 Paar Schuhen seit drei Jahren unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Gewohnheiten. Viele Lichtjahre von dem alten Leben entfernt, dringt Svenja in Welten vor, die nie ein Mann zuvor gesehen hat." (stellt euch dazu bitte die Titelmusik von Raumschiff Enterprise vor)

Transgender Svenja von Svenja-and-the-City aus Kiel

43 Jahre lang habe ich als Mann gelebt. Mit Ehefrau, Kindern und einem Haus, mit Familienkutsche, Hund und Goldfisch, mit Urlaub in Dänemark, Elternabenden und allem, das zu einem deutschen Familienleben dazugehört.

Der Bruch kam, als meine Ehefrau - damals natürlich die Beste von allen - mich über Nacht abschaffte. Nur wenige Wochen darauf begann ich mein neues Leben als Frau. Drei Jahre ist das erst her und noch immer kommt mir jeder neue Tag so unglaublich anders, fremdartig und abenteuerlich vor.

Zu Beginn meiner Entwicklung ging es um Klamotten, Schuhe und MakeUp. Dann um die Namensänderung, um Hormone und um das erste Passing. Ich hab mir dabei nie Gedanken darüber gemacht, was es noch alles bedeuten wird, tatsächlich als Frau zu leben. Nicht mehr als Mann in Frauenkleidern, sondern wirklich als eine ganz normale Durchschnittsfrau, die von Unbekannten nicht mehr als TransGirl wahrgenommen wird.

Nahezu jeden Tag stolpere ich über etwas völlig Neues und Unbekanntes. Meistens sind es kleine Begebenheiten, die mir bewußt machen, dass ich kein Mann mehr bin.

Beispiel: Technik. Früher war der Media Markt mein Tempel. Wie die meisten Jungs bin auch ich gerne durch die Gänge geschlichen, ständig auf der Suche nach dem neuesten technischen Gimmick. Nach der megapixeligsten Digitalkamera, der schnellsten Grafikkarte, dem größten Flachbildschirm und dem kleinsten Handy. Irgend etwas Überflüssiges, wofür ich an der Kasse die Familien EC-Karte einmal mehr durchziehen lassen konnte. Was sind schon Winterstiefel für die Kinder gegen eine neue Festplatte für Papas PC? War nur ich so, oder erkennen sich auch Andere darin wieder?

Heute, nur drei Jahre später, gebe ich mein Geld nur noch für wirklich sinnvolle Dinge aus. Ich trage es zu Deichmann, Douglas und Esprit und natürlich zu H&M :-)

Markennamen wie Sony, Nikon und Nokia wurden abgelöst durch Nivea, Buffalo und L'Oreal. Anstatt der "auto motor und sport", lese ich Glamour und Brigitte (die Bravo-Girl traue ich mich nicht zuzugeben :-)

Eine der größten Überraschungen jeden Morgen aber ist die Sache mit dem Busen. Für die Hälfte aller Menschen ist das nichts Besonderes, aber für mich ist es jeden Morgen aufs Neue ein Wunder. Welch ein merkwürdiges und wunderbares Gefühl, plötzlich ein, nein sogar zwei neue Körperteile zu haben. Sie sind noch so neu, dass ich sie über Nacht immer wieder vergesse. Und dann am Morgen: "Nanu, ihr Beiden, wo kommt ihr denn her?!"

Sie fühlen sich ganz weich an, dabei sind sie total prall. Und wenn man draufdrückt, tut es weh. Kein Wunder, die Biester sind ja noch im Wachstum und ich hoffe, sie werden richtig groß, denn operieren lassen würde ich sie nicht. Wozu auch? Das Foto habe ich einmal ohne BH gemacht.

Auch meine Wohnung habe ich total verändert. Wo früher das Foto meines Pickups hing, da lächelt heute Holly Golightly freundlich auf mich herab und ich lache fröhlich mit. Den alten Stollenreifen meiner KTM hab ich endlich weggeschmissen. Den Platz brauch ich heute für Wichtigeres. Da stehen jetzt Schuhe!

Wow, es ist wirklich aufregend, eine Frau zu werden!

Montag, 26. Januar 2009

Laserepilation der Brust

Laserepilation der Brust bei Transgendern Svenja-and-the-CityNach der Meinung enger Freunde könnte mein Dekollete ohne den dichten schwarzen Haarpelz sogar noch ein wenig femininer wirken. Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigt mir, dass sie recht haben.

Inzwischen bin ich dreimal zur Laserepilation bei Ruby gewesen. Ruby ist der amerikanische Rubinlaser bei Frau Dr. Rohde in Kiel.

Das Foto habe ich eine Stunde nach der letzten Behandlung aufgenommen. Wow, das sieht wirksam aus, oder?! Aber lasst euch von dem wüsten Foto bloß nicht einschüchtern. In Wahrheit ist das Lasern im Brustbereich fast schmerzlos. Höchstens ein leichtes Ziepen ist zu spüren. Das ist überhaupt kein Vergleich zu dem fiesen Zwiebeln beim Lasern der Oberlippe.


Nach der dritten Sitzung bei Ruby ist mein Dekollete jetzt fast haarlos. Ich vermute, dass ich vor der Strandsaison noch einmal hingehen muß, aber dann bin ich hoffentlich durch. Es wird nachberichtet.

Ach ja: Vergesst bitte nicht, an meiner kleinen Umfrage oben rechts teilzunehmen. Ich freu mich wirklich über jede Stimme.

Sonntag, 25. Januar 2009

20 Monate weibliche Hormone

Zwanzig Monate ist es her, seit ich in der Krankenabteilung meiner Dienststelle im Polizeizentrum Eichhof meine ersten Hormone bekommen habe. Es sind drei Packungen Estreva Gel in einer kleinen Tragetasche aus Papier. Jemand hat mit Filzstift dick "Svenja" draufgeschrieben. Schon das allein macht mich total happy.

Ich habe mich immer gefragt, ob so ein winziger Klecks farbloses Gel überhaupt irgendeine Wirkung auf einen erwachsenen Menschen haben kann. Was soll sich da schon noch groß verändern?

Wirkung der Hormonbehandlung mit weiblichen Hormonen bei Transsexuellen
Auf beiden Fotos trage ich übrigens dieselbe Kette, ESPRIT - Kreuz in Kreuz
Das linke Foto ist vom Sommer 2004, ein Jahr vor meinem Coming Out. Das rechte Foto habe ich letzte Woche nach 20 Monaten Hormonbehandlung aufgenommen. Es zeigt nicht nur die Wirkung der weiblichen Hormone auf den männlichen Körper, sondern auch den Effekt zahlreicher Laser Epilationen und endloser Selbstversuche mit Haaren, MakeUp, Deichmann und H&M. Wobei Stil und Blamage oft nur durch eine haarfeine Linie getrennt waren :-)

Leider sind mir die knotigen Hände und meine etwas zu große Nase erhalten geblieben. Ich muß mich wohl damit abfinden, niemals so sexy auszusehen wie Lory Glory, bzw. Lorielle London.

Aber dafür sind meine Brüste echt, ätsch....!

Freitag, 9. Januar 2009

Kieler Oper: Turandot

Seit ich Turandot im Jahr 2000 als Lasershow in Sydneys Darling Harbor gesehen habe, lässt mich Puccinis Chinesische Oper nicht mehr los. Nessun Dorma ist für mich die schönste aller Arien und das nicht erst seit es von diesem britischen Handyverkäufer Paul Potts auf RTL2 gerufen wird.

Heute abend ist es endlich soweit, ich habe seit Monaten Karten für das Kieler Opernhaus und freue mich auf Giacomo Puccinis Märchenoper Turandot.

Oper bedeutet für mich auch immer, sich schön anzuziehen. Das ist sogar ein wesentlicher Teil der Vorfreude. Welche Frisur, wie schminke ich mich, was ziehe ich an? Das kleine Schwarze? Dazu vielleicht eine flippige Strumpfhose und meine schlichten schwarze Pumps? Fertig ist das Opernoutfit.

Das kleine Stück von meiner Wohnung zum Opernhaus stöckele ich mühelos sogar auf meinen 7cm Absätzen.


Als ich im Foyer das übrige Publikum betrachte, bin ich wie immer erstaunt darüber, wie einige in ihren Gartenklamotten ins Theater rennen. Besonders die Männer scheinen teilweise direkt aus dem Hobbykeller zu kommen. Zerbeulte alte Jeans, ein oller Strickpullover und bequeme Treter, fertig ist das Outfit für den Operabend. Wow, wie kann man sich nur selbst so geringschätzen.

Claudia und ich sind jedenfalls erleichtert: An diesem Abend sind wir beide nicht die hässlichsten Elsen im Theater. Es ist schon beinahe skurril: die am sorgfältigsten angezogenen Frauen sind ausgerechnet wir zwei T-Girls. Schräg, oder?!

Über Turandot weiß ich nur, dass es Puccinis letzte Oper ist. Sie handelt von der grausamen chinesischen Prinzessin Turandot, die jedem Freier drei Rätsel aufgibt. Findet er die Lösung, gewinnt er die Prinzessin, versagt er, wird er hingerichtet.
Als Puccini 1924 stirbt, hatte er gerade erst den dritten Akt fertig komponiert. Am Ende des 3. Aktes stirbt die liebliche Sklavin Liu, die das genaue Gegenteil der grausamen Turandot ist. Zur Vollendung der Oper wurden verschiedene Schlußvarianten nachher komponiert. Am Kieler Operhaus erwartet uns heute abend der moderne Berio Schluß, wie er 2002 zuerst in Las Palmas uraufgeführt wurde.

Ich bin wie immer rechtzeitig da, gehe aber erst nach dem dritten Klingeln zu meinem Platz, denn gegen Ende der Vorstellung zahlt sich jede Minute weniger sitzen aus. Und außerdem ist es einfach unbezahlbar, wenn alle noch einmal aufstehen müssen, damit ich unter blumenreichen Entschuldigungen endlich auf meinen Platz stöckeln kann. :-)

Claudia hat für uns schon vor Monaten zwei wirklich erstklassige Karten ergattert. Wir sitzen nur drei Plätze hinter dem Dirigenten und wenn ich mich ein wenig recke, könnte ich glatt seinen Taktstock berühren, worauf ich an diesem Abend jedoch lieber verzichte.

Zu Beginn der Vorstellung wird uns in einer kurzen Ansprache eröffnet, dass leider beide Hauptdarsteller mit der Grippewelle fortgespült wurden und nicht auftreten können. Die erkrankte Prinzessin Turandot, bzw. Kelly Cae Hogan wird deshalb ersetzt durch Giovanna Casolla aus Neapel.

Emmanuel di Villarosa als Prinz Calaf ist jedoch wesentlich schwerer zu ersetzen: Auf der ganzen Welt gibt es derzeit nur drei Sänger, die den neuen Berio-Schluß beherrschen. Als Ersatz konnte das Kieler Opernhaus kurzfristig den Hawaiianer Keith Ikaia-Purdy gewinnen, der aber den Berio Schluß nicht singen kann. Die heutige Vorstellung wird deshalb verkürzt und endet bereits mit dem dritten Akt an der Stelle, an der sie durch Puccinis Tod für immer unvollendet blieb.

Ich bin voll gespannter Vorfreude und genieße die tolle Atmosphäre im Kieler Opernhaus. Dann endlich hebt sich der erste Vorhang des Abends und ich bin überrascht. Bühnenbild und Kostüme entsprechen so gar nicht meinen Erwartungen. Nun bin ich keine erfahrene Operngängerin und deshalb hat mein Urteil nur wenig Aussagekraft, aber Einiges stört mich so sehr, dass ich Mühe habe, der Aufführung zu folgen.

Turandot spielt irgendwann im kaiserlichen China. In einer fernen Vergangenheit also, als Prinzessinnen ihre Freier bei Bedarf noch hinrichten lassen konnten, ohne dadurch gleich den Unmut der Tagespresse zu erregen. Der Kaiser von China, edle Prinzen und grausame Prinzessinen, ich rechne also mit einem opulenten Bühnenbild, mit prächtigen Kostümen und allerlei geheimnisvollen chinesischen Requisiten.

Stattdessen sehe ich eine nahezu besenreine Bühne und chinesische Minister in Trenchcoats und gelben Pilotenbrillen aus den 70er Jahren. Der alte König Timur ist zurechtgemacht wie der Dalai Lama und trägt zudem ein buddhistisches Mönchsgewand. Die Häscher des Kaisers hingegen tragen schwarze Uniformen mit Fliegerabzeichen, die eindeutig an SS-Uniformen erinnern, während andere Schergen in alte VoPo Uniformen aus DDR Zeiten gesteckt wurden.
Und weshalb der Kaiser von China in seinem weißen Leinenanzug mit weißen Slippern eine Persiflage von Marlon Brandos Paten geben muss, bleibt völlig rätselhaft. Wer denkt sich so etwas bloß aus? (Bitte melde dich, damit wir uns gegenseitig ein bisschen beschimpfen können)
Aber nicht nur Claudia und ich sind leicht irritiert, auch das übrige Publikum schüttelt reihenweise die Köpfe.

Als dann die Minister des Kaisers plötzlich pinkfarbene Polaroid-Kameras zücken und damit Fotos von Prinz Calaf und König Timur machen, da fühle ich mich regelrecht veralbert.

Der absolute Tiefpunkt der Aufführung ist erreicht, als Ping, Pang und Pong mit einem Kofferradio und Plastikkühlboxen auf die Bühne kommen und anfangen, Dosenbier aus der Kühlbox zu trinken. Nun wird es regelrecht ärgerlich. Zu allem Überfluss ziehen sie noch Schuhe und Strümpfe aus und streifen sich Badelatschen von Adidas über, nicht ohne sich zuvor hingebungsvoll an den Füßen zu pulen. Sicher ist diese Szene mit dafür verantwortlich, dass nach der Pause manche Plätze leer bleiben. Die Leute sind nach Hause gegangen.

Durch die provokante Art der Inszenierung habe ich Mühe, dem Gesang zu folgen. Ich habe dauernd das Gefühl, ins Auge gepiekt zu werden und kann deshalb nicht konzentriert zuhören. Ganz ehrlich: Hätte ich mich nicht schon seit Monaten auf diesen Abend gefreut, wäre auch mein Platz nach der Pause leer geblieben.

Trotzdem darf nicht der Eindruck entstehen, dass alles an diesem Abend schlecht ist. Immer dann, wenn der moderne Quatsch im Hintergrund bleibt und stattdessen die Musik in den Vordergrund tritt, dann plötzlich funktioniert Turandot und Puccinis wunderbare Musik begeistert mich.

Ganz besonders Susan Gauthro in der Rolle der liebenden Sklavin Liu verzaubert das Publikum und rührt mich zu Tränen. Die junge Kanadierin singt so weich und gefühlvoll , dass sie als Einzige an diesem Abend mein Herz berührt. Sie zeigt für Viele die beste Leistung des Abends und wird mit dem stärksten Applaus und vereinzelten Bravo-Rufe für ihre Leistung belohnt. (Nicht alle Bravos waren von mir :-)

Beeindruckt bin ich auch von König Timur, gesungen von Kammersänger Hans Georg Ahrens. Seine Stimme ist fast schon zu kräftig und ausdrucksstark für die Rolle des greisen und entmachteten Königs Timur. Claudia und ich sind von seinem Spiel und seinem Gesang regelrecht begeistert.

Die beiden Hauptfiguren, Prinzessin Turandot und Prinz Calaf sind sicher auch toll gesungen, aber wirklich berühren können mich beide an diesem Abend nicht.

Wer einmal eine wirklich große Turandot Inszenierung sehen möchte, der schaue sich diesen Ausschnitt der berühmten Aufführung aus der verbotenen Stadt in Peking an. Dort wurde 1998 nach 5-jähriger Vorbereitungszeit Turandot am Originalschauplatz des Kaiserpalastes open air aufgeführt vor 32.000 Zuschauern. Die Turandot wird an jenem Abend in der verbotenen Stadt übrigens von "unserer" Giovanna Casolla gesungen, die ich heute abend in Kiel gehört habe.

Für mich bleibt ein zwiespältiger Einruck der Kieler Turandot Aufführung zurück. Hat es mir gefallen? Nein, gefallen hat es mir nicht. Der Versuch, die Handlung teilweise in die Neuzeit zu transponieren ist gescheitert und bestenfalls Kunst im Sinne von Kunsthonig.

Sonntag, 21. Dezember 2008

Transgender und die Liebe

Jedes Jahr zu Weihnachten überfällt mich diese schreckliche tiefe Traurigkeit.

Es ist ein unüberwindbares Dilemma: je besser es mir gelingt, selbst eine Frau zu sein, je weiblicher ich werde, je mehr die Brüste wachsen, die Haare länger werden, tolles MakeUp, schicke Klamotten, je mehr ich mich meinem eigenen Wunschgeschlecht annähere, desto weiter entferne ich mich von meinem Wunschpartner, einer hübschen Frau.

Der Gedanke, vielleicht nie wieder eine attraktive und intelligente Frau an meiner Seite zu haben, macht mich einfach kirre. Nie wieder "Mäuschen, ich liebe dich", keine kuscheligen Abende mit Massageöl, Rotwein und stundenlangem Küssen auf dem Sofa. Die Wolldecke, Knabbereien, vielleicht ein guter Film. Spät ins Bett, gemeinsam frühstücken, Urlaubspläne machen, über Bekannte ablästern, Wochenende, Einkaufsstress, Geburtstage, Streit, Versöhnung, sich lieb haben, den anderen vermissen. Das alles fehlt mir unendlich.

Ich habe als Transgender fast alles erreicht, das ich mir je gewünscht habe, aber dafür habe ich auch alles verloren, das mir je etwas bedeutet hat.

Scheiß Weihnachten!

Freitag, 12. Dezember 2008

1918 Revolution in Kiel

Auf keinen Fall gehe ich in Fjällräven ins Theater. Punkt!
Dabei könnte es heute abend richtig kalt werden. Das Kieler Theater spielt diesmal an einem historischen Außenspielort in der alten Maschinenhalle auf dem Gelände des Kieler Marinestützpunkts in der Arkonastraße. Es gibt das Stück Neunzehnachtzehn um den Kieler Matrosenaufstand und die Revolution von 1918.

Leider können mir die netten Damen an der Theaterkasse auch nicht sagen, wie kalt es in der alten Maschinenhalle sein wird. Ich erfahre nur, dass es keine Pause gibt, nichts zu trinken und das Toiletten diesmal ungewiss sind.

Draußen sind nur noch 2° C. Ich mache mich auf das Schlimmste gefasst und trage gleich zwei blickdichte Strumpfhosen übereinander. Darüber meinen neuen Mikromini aus Schurwolle und die hohen Stiefel und Stulpen. In diesem Outfit sollte ich warm bleiben, ohne gleich auszusehen wie eine Öko-Tussy auf Kortison.

Zur Sicherheit stecke ich noch einen winzigen Damenflachmann mit kanadischem Whisky ein. Man weiß ja nie und sicher ist sicher.

Als wir in der Arkonastraße ankommen, werden wir durch das kleine Tor in ein altes Kasernengebäude verbracht und verteilen uns aus Platzmangel in die alten Marinestuben. In Hut und Mantel stehen wir dicht gedrängt in den kleinen Stuben und sind ein bisschen verunsichert. Plötzlich von draußen der Ton einer Sirene.

„Alles raustreten“, brüllt eine militärische Stimme ins Gebäude. Ich fühle mich an meine Zeit in Eutin, Hubertushöhe erinnert und stöckele hinaus zum Antreteplatz.

Dicht gedrängt stehen wir im Halbdunkel des Torbogens, als aus der Dunkelheit ein Trupp Marinesoldaten im Gleichschritt heran maschiert und direkt vor uns stehenbleibt. Es wird laut, es wird gebrüllt, von Revolution ist die Rede. Plötzlich sind wir, das Publikum ein Teil des Schauspiels. Die Soldaten treiben uns auseinander und wir werden aufgefordert, über den Hof zu folgen. Mir ist richtig ein wenig unheimlich zumute. Was geschieht hier?

Von den Soldaten werden wir zu einer alten verlassenen Maschinenhalle getrieben. Wie die Lämmer wollen alle durch denselben Eingang ins Gebäude, als ich von einem Offizier barsch angefahren werde, den anderen Eingang zu benutzen. Ich bin wirklich mitten drin im Geschehen.

Durch halbdunkle Kellergewölbe werden wir von Soldaten zu den verschiedenen Spielorten geleitet. Überall geschieht etwas, die Spannung ist kaum auszuhalten. In einem Raum demonstriert ein Soldat das Töten mit dem Bajonett. Während im Hintergrund ein alter Ausbildungsfilm läuft, sticht der junge Marinesoldat immer wieder mit tödlicher Präzision auf eine lebensgroße Strohpuppe ein.

In einem anderen Zimmer sitzt eine junge Frau und verliest Rezepte für Steckrüben und Getreidekaffee.

Immer wieder hetzen wir durch dunkle Gänge und über Treppen aus Metall. Die Akustik ist laut, hart und eindringlich. Keinen Augenblick lang kann ich mich der Handlung entziehen.

In einem niedrigen Kellerraum sehe ich an diesem Abend zum ersten Mal Matthias Unruh wieder. Er spielt einen jungen Marinekadetten, der von seinem Offizier fast zu Tode geschunden wird. Schließlich verweigert er den Befehl und wird dafür auf der Stelle zum Tode verurteilt. Die Stimmung ist bedrückend.

„Platz da!“, fährt mich der Offizier an und bahnt sich energisch seinen Weg durch die Zuschauer hindurch. „Alles folgen!“, lautet gleich darauf sein nächster Befehl. In einer Kammer sind wir Zeugen einer Besprechung der Marineführung mit Vertretern der SPD. Der Name Gustav Noske fällt.

„Kiel ist ein Pulverfass“, brüllt in einer anderen Halle Vizeadmiral Kraft. Doch Wilhelm Souchon, Gouverneur von Kiel versichert noch immer, er habe alles im Griff. Schüsse in der Stadt. In der Kieler Feldstraße werden sieben Menschen getötet, als sie versuchen ihre inhaftierten Kameraden aus der Arrestanstalt zu befreien.

„Hier entlang!“, „Platz machen“, „Folgen!“, brüllen uns die Befehle schließlich in die große Maschinenhalle. „Stühle aufstellen!“, heißt es plötzlich und gemeinsam mit den Marinesoldaten bauen wir uns unsere Sitzreihen selber auf. „Markierung beachten!“, herrscht mich ein Offizier an, als ich meinen Stuhl nicht genau auf die schwarze Markierungslinie stelle. Mehr denn je fühle ich mich an meine Ausbildung in Eutin erinnert.

Etwa ein Drittel der Zeit ist um und ab jetzt dürfen wir sitzen. Doch wir sind noch immer hautnah dabei. Das Kieler Ensemble spielt so eindringlich, so nah und so authentisch, dass ich vielleicht zum ersten Mal verstehe, was es bedeutet, ein guter Schauspieler zu sein. Zacharias Preen spielt nicht den SPD Politiker Gustav Noske, nein, an diesem Abend ist er es. Wie er dort steht und geht. Selbstsicher, arrogant, fast überheblich in seinem schweren wollenen Mantel mit dem dicken Hut und der Zigarette. Kein Zweifel: das ist Noske!

Ebenso Marko Gebbert als aufständischer Soldat Fritz Kemp. Wenn es einen glaubhaften Revoluzzer am Kieler Schauspiel gibt, dann ist es Marko Gebbert. Schon in Linie 1 habe ich seine Power in der Rolle des kleinen Dealers Bambi geliebt. Aber heute abend übertrifft er sich selbst. Als er hoch oben auf dem alten Dieselmotor steht und revolutionär in die Menge brüllt, habe ich andauernd Angst, er könne herunterfallen. Und als er den Stadtkommandanten Heine mit dem Bajonett ersticht, da glaube ich ihm seine Wut und später auch seine Verzweiflung, als er merkt, dass er durch diesen Mord nicht besser ist, als die, gegen die er aufgestanden ist.

Die Aufführung 1918 ist auch für das Publikum ein ganzes Stück Arbeit. Wir sind nicht nur Zuschauer. Wir sind selbst Teil der Ereignisse. Wir sind Matrosen, Arbeiter, Aufständische und oft auch einfach nur das namenlose Volk. Aber immer spielen wir mit und sind selbst ein Teil der Handlung. Es ist manchmal regelrecht beängstigend. Welch eine Spannung. Die Schauspieler sind uns andauernd so sehr nah und so eindringlich. Sie gehen zwischen uns hindurch, erteilen uns Befehle, hetzen uns mal hierhin, mal dorthin. Die Akustik ist laut. Sie schallt und knallt, so dass man sich keine Sekunde dem Stück entziehen kann. Als das Schauspiel schließlich zu Ende geht, bin ich fast zu erschöpft zum Klatschen.

Das war ein megatoller Abend und ich kann nur jedem raten, sich um Karten zu bemühen, die dazu mit 15 EUR kaum teurer sind als Kinokarten. Kalt war es übrigens nicht, die Räume sind geheizt. Nur dass ich die ganze Zeit meinen dicken Mantel anlassen musste, hat mich ein wenig gestört. Außerdem rate ich dazu, vorher nichts zu trinken, denn Toiletten waren weit und breit nicht zu sehen. Und niemals hätte ich den Mumm gehabt, einen der Offiziere zu fragen, ob ich mal austreten darf. Ich bin doch nicht lebensmüde!

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Svenja nimmt die Pille

Weibliche Hormone bekomme ich nun schon seit mehr als einem Jahr. Ich nehme Estreva Gel, das in einem praktischen Pumpspender geliefert wird. Jeden Morgen nach dem Duschen gönne ich mir eine winzige Portion des klaren Gels und verteile es auf Brust und Arme.
Die Wirkung ist einfach umwerfend: Gesicht und Körper werden femininer, Begegnungen mit ExFrauen und Liebesfilme werden heuliger und mein Busen wächst und wächst.

Und trotzdem: Der volle Pamela Anderson Effekt will sich oberweitenmäßig einfach noch nicht einstellen.

Nach der letzten Blutuntersuchung erklärt mir der Endokrinologe, warum das so ist: Mein Östrogenspiegel gleicht inzwischen tatsächlich dem einer ganz normalen Frau. Mein Testosteronwert aber, das männliche Hormon, ist noch immer viel zu hoch und das ist schlecht.

Ich brauche also ein Medikament, dass den Testosteronspiegel senkt, oder zumindest wirkungslos macht. Das wirksamste und bekannteste Medikament dafür ist Androcur. Es ist sehr wirkunsvoll, aber leider auch ein echter Hammer. Depressionen, Müdigkeit und fett zu werden, sind drei Dinge, die ich nicht gebrauchen kann.

Der Doc empfiehlt mir als Alternative die gute alte Diane-35, eine bekannte Antibabypille. Sie enthält neben weiblichen Hormonen auch ein Gestagen, das den männlichen Hormonen entgegenwirken soll. Ich bin sofort einverstanden und bekomme gleich ein 3-Monatsrezept mit auf den Weg.

Auf dem Rückweg vom Arzt halte ich an einer Apotheke, um gleich das Rezept einzulösen. Aus Verlegenheit und weil ich gut drauf bin, frage ich die junge Apothekerin, ob ich jetzt auch wirklich nicht mehr schwanger werden könne. Sie merkt wohl nicht, dass ich sie nur ein wenig auf den Arm nehmen will und erklärt mit freundlicher Besorgnis:

"Aber nein, wenn sie die genau nach Vorschrift nehmen, ist sie völlig sicher.
Nehmen Sie denn zum ersten Mal die Pille?"


Ich gebe auf. Sie ist total nett und merkt einfach nicht, dass ich mal ein Mann war und auch ohne diese blöde Pille vermutlich nicht schwanger werden würde. Als mir klar wird, welches perfekte Passing das eben war, bin ich total glücklich. Welch ein schöner Tag!

Sonntag, 23. November 2008

Sonntagskaffee im Cafe Pursche

Wenn es etwas gibt, das wir T-Girls mit älteren Damen gemeinsam haben, dann ist es unsere Vorliebe für Kaffeehäuser. Wir lieben es einfach, in der ruhigen Atmosphäre eines guten Cafés zu sitzen und mit unseren besten Freundinnen über Gott und die Welt zu tratschen. Und über Schuhe natürlich...

Auf meinen Spaziergängen in der Holtenauer Straße bin ich bis jetzt immer im Cafe Fiedler hängen geblieben. Ein wirklich gutes Café mit tollen Torten. (Hallo Ayten!). Alles ist nagelneu eingerichtet, sehr stylish und modern. Und dennoch: Es muss doch auch eine Kaffeehauswelt geben diesseits von Late Machiato, Vanille Moccacino und anderen Lifestyle Getränken.

Und so stöckele ich an diesem Sonntag gemeinsam mit meiner Freundin Claudia achtlos am Café Fiedler vorbei immer weiter die Holtenauer Straße entlang in Richtung Kiel Wik. Gerade als ich mich frage, ob meine 6 cm Pfennigabsätze das durchhalten werden, taucht die alte Café Konditorei Pursche auf.

Lasst euch bloß nicht vom morbiden Charme der 70er Jahre Architektur abschrecken. Das Café ist ein absoluter Geheimtipp. Vorne im Verkaufsraum der Konditorei suchen wir uns jede ein Stück Torte aus - dafür verzichte ich sogar einen Tag mal auf meinen Doc Atkins - und gehen nach hinten in das eigentliche Café. Und hier ist nun wirklich die Zeit stehen geblieben. Kein bisschen Lifestyle, nichts Modernes, dafür aber der unvergleichliche Charme von Plüsch und Resopal. Einfach klasse. Claudia und ich versinken in einem riesigen Plüschsofa und sind sofort begeistert. Hierher kommen wir öfter! Diese Konditorei muss ich unbedingt auch in meinem Kielführer empfehlen. Hier fühlen sich bestimmt auch "neue" und unsichere T-Girls wohl, ohne Angst haben zu müssen. Die lieben Omis am Nebentisch werden bestimmt keine Hauerei mit euch anfangen. :-)

In der kleinen Speisenkarte finde ich sogar einige Klassiker, die aus modernen Cafés schon lange verschwunden sind. Ein Würstchen mit Butterbrot zum Beispiel. Oder noch besser: die gefüllte Blätterteig Pastete mit Frikassee. Und natürlich ein Kleiner Rüdesheimer Kaffee. Ich bin begeistert. Und Kaffee heißt hier tatsächlich noch Kaffee und jeder weiß, was gemeint ist. Auch wenn jemand mit Kugelschreiber den Late Macchiato als erste exotische Spezialität auf die Karte geschrieben hat.

Fazit: Das Café Pursche ist unbedingt einen Besuch wert und ich hoffe inständig, dass es noch lange genau so erhalten bleibt. Bitte, bitte, bloß nichts ändern!
Außer: wenn ihr Rührei hättet, dann würde ich sogar zum Frühstücken hinkommen, versprochen! :-)


Café Konditorei Pursche
Holtenauer Straße 208
24105 Kiel
Tel. 0431/86245
Tägl. von 9.00 - 18.00 Uhr

Freitag, 14. November 2008

Kieler Schauspielhaus: Des Teufels General

"Sie dürfen hier nicht fotografieren", sagt die ältere Dame auf dem Platz neben mir und sieht mich dabei missbilligend an. "Ich weiß", erwidere ich, "aber wenn jemand kommt, stecke ich Ihnen die Kamera zu und dann wollen wir doch mal sehen, wer hier Ärger bekommt." Da ist sie erstmal sprachlos und es dauert eine ganze Weile, bis sie merkt, dass ich sie auf den Arm genommen habe und wir beide lachen müssen.

Kurz darauf geht auch schon das Licht aus im großen Saal des Kieler Schauspielhauses und ich bin von der ersten Minute an gefesselt. Mit einem genialen Beleuchtertrick werden zu Beginn der Vorstellung die Akteure einzeln vorgestellt. Hinter einem transparenten Vorhang stehend werden sie einzeln angeleuchtet und wie Geister schwebend von einem Sprecher aus dem Off kurz vorgestellt. Ein toller Effekt.

Kurz darauf betritt General Harras zum ersten Mal die Bühne und zieht das Publikum sofort in seinen Bann. Mir wird sofort klar, dass "Des Teufels General" ohne einen guten Harras nicht funktionieren kann." Puh, wir haben Glück. Mit Matthias Unruh hat Kiel einen wirklich erstklassigen Harras zu bieten.

Richtig gut gefällt mir auch Harras' treuer Fahrer, Korianke. Das Faktotum wird gespielt von Zacharias Preen, den ich bislang nur als Wilmersdorfer Witwe aus der Linie 1 kannte und natürlich aus TATORT, oder als Jürgen Weber in Ein Fall für Zwei.

Die weibliche Hauptrolle der Diddo Geiss wird gespielt von Jennifer Böhm, die schon in Linie 1 die Hauptrolle gespielt hat. Für meinen laienhaften Theaterverstand spielt sie die Rolle ohne Fehler. Doch irgendwie bleibt mir von ihr weniger in Erinnerung, als von den anderen Darstellern. Das mag aber auch an der Rolle des schüchternen Mädchens Diddo Geiss liegen.

Foto gelöscht
Die Offiziere singen das Fliegerlied - Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt

Total überzeugend und dabei sexy finde ich Dorothee Föllmer in der Rolle der bösartig, biestigen Pützchen von Mohrungen. Wow. Es ist kaum zu glauben, dass sie noch vor kurzem als Jim Knopf an der Seite von Lukas dem Lokomotivführer zu sehen gewesen ist.

In einer ungewohnten Rolle kann diesmal Almuth Schmidt ihr großes Talent beweisen. Erst Claudia macht mich darauf aufmerksam, dass sie es ist, die den kauzigen Hauptmann Pfundtmayer spielt. Eine originelle Besetzungsidee, die zudem super funktioniert hat. Ihr Passing als Mann war perfekt!

An mehreren Stellen der Vorstellung habe ich das Gefühl, jetzt müsste endlich Applaus kommen, aber es bleibt totenstill im Zuschauerraum. Nicht etwa, weil es den Leuten nicht gefällt, nein, sie sind einfach starr vor Spannung und später auch zunehmend bedrückt, als der starke General Harras von den Nazis allmählich klein gemacht und mehr und mehr demontiert wird. Dabei zu klatschen scheint irgendwie nicht angemessen zu sein.

Erst am Ende der Vorstellung brandet lang anhaltender Applaus auf und ich hab gar nicht soviele Hände, wie ich klatschen will. Das Theater hat mich völlig in seinen Bann gezogen. Die tolle Atmosphäre, das liebevoll ausgestaltete Bühnenbild, die dramatische Beleuchtung und das erstklassige Ensemble. Ich bin wirklich total begeistert.

Als ich später in der Künstlerkantine mit General Harras auf ein Glas Wein anstoße, kann ich kaum glauben, dass Matthias Unruh den General nur gespielt hat. Sein Passing als General Harras war perfekt.


Es ist unglaublich, aber von diesen Schauspielern können sogar wir T-Girls noch eine ganze Menge über authentisches Rollenverhalten lernen :-)

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Schauspielhaus: Linie 1

Heute ist ein ganz besonderer Tag, ich gehe ins Kieler Schauspielhaus zu Linie 1. Es ist mein erstes Musical und ich bin total aufgeregt, auch wenn ich den Titel überhaupt nicht kenne.

Die Story ist schnell erzählt: Mädchen vom Lande haut von zuhause ab nachdem ein Rockmusiker ihr die große Liebe versprochen hat. Sie reist nach Berlin, um dort ihren Johnny aufzuspüren. Am Berliner Bahnhof Zoo steigt sie in die U-Bahn Linie 1 nach Kreuzberg und beginnt eine Irrfahrt durch die unbekannte und gefährliche Großstadt auf der Suche nach Johnny.

Ich komme absichtlich eine Stunde zu früh ins Schauspielhaus, um noch ein bisschen von der Theateratmosphäre mitzukriegen. Und natürlich auch, um noch ein Glas Wein zu trinken und im kleinen Schwarzen im Foyer umherzustöckeln. Die Atmosphäre unterscheidet sich doch schon sehr, von der im Hanging Gardens am Wochenende :-)


Leider zerreiße ich mir noch vor dem Beginn der Vorstellung mit diesem blöden Strass-Armband meine nagelneue Strumpfhose. Ein schönes dickes Loch mitten auf dem Oberschenkel, durch das meine kalkweißen Beine frech nach außen blitzen. Ich nicht doof, zieh mir die Strumpfhose einfach anders herum an. Jetzt ist das Loch hinten und was Menschen auf der Rückseite denken, ist mir doch egaaaal. :-)

Als die Vorstellung endlich beginnt, merke ich, dass Claudia für uns die besten Plätze im ganzen Theater ergattert hat. Wir sitzen in der 2.Reihe nur etwas mehr als Armeslänge von der Bühne entfernt.

Ich brauche eine Weile, bis ich mich in Linie 1 hineinfinde. Ich kenne das Stück nicht und auch keinen der Songs, die zu Anfang gespielt werden. Nach einer halben Stunde aber bin ich mittendrin und verfolge atemlos die Handlung. Lachend, staunend und manchmal auch weinend fahre ich mit der Linie 1 durch die Handlung. Spätestens als Maria ihren Song "Hey Du" singt, hat das Stück mich total gefesselt und ich wünschte, ich hätte wasserfestes MakeUp drauf. (Marias Lied bei YouTube)

Besonders beeindruckt bin ich von Ellen Dorn als Berliner Göre Bisi und als Buletten-Trude. Sie spielt ihre Rollen so frech, so out-going und dabei so natürlich und authentisch, dass ich völlig hingerissen bin. Das zweite Highlight ist David Allers in seiner Rolle als Johnny und als Leichi, der Punker. Er spielt mit ungeheurer Kraft und aggressiver Energie und zeigt für mich die beste Gesangsleistung des Abends. Wow, die beiden sind klasse.

Nach der Vorstellung gehe ich mit Claudia noch in die Künstlerkantine, wo es eine kleine After Show Party mit den Darstellern gibt.

Blind wie eine Eule merke ich zuerst gar nicht, dass Johnny neben mir an der Bar steht und Ellen sich mir gegenüber mit einer Freundin unterhält. Ich kann mich nicht zurückhalten und stöckele zu ihr hin, um ihr zu sagen wie klasse ich sie finde. Vor Aufregung plappere ich nur dummes Zeug und blamiere mich wahrscheinlich bis auf die Knochen, aber wenigstens werde ich den Text los, der mir so auf der Seele brennt. Ellen ist sehr freundlich und bedankt sich artig für das Kompliment
Danach mache ich mich komplett zur Idiotin, indem ich auch Johnny sage: "Duuu, ich fand dich sooo toll."
Nun gut, wo mich keiner kennt, ist mir auch nix peinlich :-)

Fazit:

- eine Strumpfhose zerrissen: ALDI 2,99 €

- bei Marias Lied das komplette MakeUp verheult: NIVEA ca. 1,25 €

- meine Hände im Applaus knallrot geklatscht: auaweh

- mich zweimal komplett zum Obst gemacht: Einfach unbezahlbar!

Welch ein mega toller Abend und ich komme erst gegen halb fünf nach Hause. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Kino: Im Juli

Im Filmclub der Hansa48 zeigen sie heute abend "Im Juli" von Fatih Akin. Es ist ein Road Movie um einen jungen deutschen Lehrer, der seiner vermeintlichen Liebe quer durch Europa bis an den Bosporus nachjagt. Moritz Bleibtreu spielt den Lehrer Daniel Bannier, während die bezaubernde Christiane Paul ein Mädchen namens Juli spielt, das sich in ihn verliebt hat und ihn auf seiner Reise begleitet.
Daniel bemerkt nicht, dass Juli eine tiefe Liebe für ihn empfindet und stößt sie immer wieder vor den Kopf.

Am Ende jedoch spricht Daniel zu Juli die bezauberndste Liebeserklärung, die ich jemals gehört habe:

"Meine Herzallerliebste. Ich bin Tausende von Meilen gegangen.
Ich habe Flüsse überquert, Berge versetzt.
Ich habe gelitten und ich habe Qualen über mich ergehen lassen.
Ich bin der Versuchung widerstanden und ich bin der Sonne gefolgt
um dir gegenüberstehen zu können und dir zu sagen: Ich liebe dich."


Ich bin so tief berührt, dass ich spontan in Tränen ausbreche.

Der Film ist einfach klasse. Ich finde ihn weit besser, als Mamma Mia und sogar noch besser als Happy Go Lucky.
Mein Tipp: unbedingt ansehen.
PS: Die DVD gibt es zurzeit bei Amazon für 5,95 EUR