Montag, 10. Oktober 2011

Schweden im Herbst

Das Packen ist diesmal ein­fach. Ich muss bloß alles wie­der zusam­men­suchen, was ich nach der Schottland­reise in der alten Mili­tär­kiste auf mei­nem Balkon verstaut habe. Nur auf ein Tussi Outfit verzichte ich diesmal. Wann sollte ich das auch anziehen? 

Svenja and the City

Dafür nehme ich aber den dicken Win­ter­schlaf­sack mit. Schweden im Herbst ist sicher kälter als Schottland im Som­mer und ich will nicht noch einmal frie­rend auf­wachen und auf den Sonnen­auf­gang war­ten, während ich mit zwei Lagen Thermo­wäsche angezogen im Schlafsack liege. Diesmal fahre ich nicht alleine, sondern zusammen mit Volker und seiner schwarzen Yamaha XT660 Tenere. Eine Woche Endurowandern in Schweden, zelten, Offroad fahren, gut essen und Benzin reden. So lautet unser Plan.

Unser Schiff, die Finntrader, legt erst zwei Stunden vor Mitternacht von Travemünde ab. Wir fahren über Plön und Eutin zur Fähre und stehen gegen Abend mit unseren Enduros vorm Schalter der Finnlines auf dem Skandinavienkai.

Svenja and the City

Es ist Sonntagabend und von der sonst üblichen Hektik am Skandinavienkai ist heute wenig zu spüren. Die Abfertigungsschalter sind noch nicht besetzt und nur eine große Leuchttafel mit dem Hinweis Malmö sagt mir, dass wir hier richtig sind.

Svenja and the City

Aua! Klatsch. Mist. Blöde Mücken. Während wir auf unser Schiff warten, werden wir mehr und mehr von Mücken eingekreist, die mit einem fiesen, durch­drin­genden Summen um unsere Köpfe schwirren. Ob das schwedische Mücken sind, die hier auf deutscher Seite die Touristen in Empfang nehmen sollen?

Svenja and the City
Heute kommt mir die Wartezeit endlos vor, aber endlich öffnet sich die Schranke am Abfer­tigungs­schalter und wir dürfen zum Schiff rollen. Ich bin froh, als ein Follow-Me Van der Hafen­gesellschaft voraus­fährt, sonst hätte ich mich auf dem Weg durch dieses Gewirr aus Fracht, Absperrungen, LKW und Containern sicher verirrt.

Svenja Unter Deck stehen die Motorräder zwischen lauter LKW und ein Mitglied der Decks­mann­schaft macht sich sofort daran, meine KLX seefest zu verzurren. Bisher musste ich das erst ein einziges Mal nicht selber machen und das war auf der Fähre zu den Hebriden

Die Finntrader ist keine dieser geleckten Personenfähren mit Showprogramm, Kinderhort und Animation, sondern eine Trucker­fähre für LKW, Trailer und Fracht, die aber auch PKW befördert. Und natür­lich unsere Enduros :-) 

Als ich die Tür zu unserer Kabine mit dem kleinen Magnetkärtchen öffne, das die Dame am Schalter der Finnlines uns gegeben hat, bin ich zuerst erstaunt, wie klein die ist (Die Kabine, nicht die Frau am Schalter).

Svenja and the City

Dafür ist die Überfahrt auf der Finntrader mit 90 € superbillig und wir sind ohnehin nur ein paar Stunden an Bord, denn um 7 Uhr legen wir schon in Malmø an und vorher wollen wir noch ans Früh­stücks­buffet, das Volker für uns gleich mitge­bucht hat.
 
SvenjaAm Schalter der Rezeption tausche ich 300 Euro in 2.671 Schwedische Kronen. Ich bin reich. 

Sogleich schnappe ich mir Volker und Pieps und schleppe sie nach oben in die Truckerbar auf Deck 6. 

Die Preise an Bord der Finntrader sind so günstig, dass ich es kaum fassen kann. Die Flasche eiskaltes Budweiser kostet an der Bar nur 2 €. Truckerpreise? 

Spätes­tens als ich lauthals nach einem Glas für mein Bier frage, weiß wohl jeder an Bord, dass ich nicht zu den Truckern gehöre. Zum Glück werden für Fälle wie mich stets einige Gläser an Bord vorge­halten. 

Svenja
Mit zwei Flaschen Bier setzen wir uns an einen der kleinen runden Tische in der Bar und versu­chen, allmäh­lich in Urlaubs­stim­mung zu kommen, aber so recht will uns das noch nicht gelingen. Wir sind beide ziemlich müde und nach dem zweiten Bier ist Schluss für heute. 

Um für den nächsten Morgen etwas Zeit zu sparen, verzichte ich sogar auf das lästige Ab­schmin­ken und gehe mit Wimperntusche ins Bett. Wenn ich auf dem Rücken schlafe, ist sie morgen früh vielleicht noch gut und es bleibt mehr Zeit zum Kaffeetrinken. Gute Nacht, Welt.

Samstag, 17. September 2011

Der hustende Pudel

Svenja in England Tea RoomIch muss unbedingt aus diesem Schlaf­sack raus. Puh, ist das heiß hier drinnen, wenn die Sonne ungehindert aufs Zelt scheint. Jetzt aber raus.

Schon um kurz nach acht Uhr bin ich auf dem Motorrad unterwegs nach Süden. Ein festes Ziel habe ich heute nicht. Mal sehen, wie weit ich komme, aber zuerst möchte ich irgendwo einen Kaffee trinken.

In Holme-on-Spalding-Moor sehe ich das Klappschild von Nita's Country Café und halte davor an. Der rote Backsteinbau sieht total einladend aus und kurz darauf lerne ich Nita kennen, eine hübsche Blonde, die fast so groß ist wie ich.

Mit einem großen White Coffee und zwei Scheiben Toast mit Butter setze ich mich an einen der kleinen Tische und werfe einen Blick in die SUN, die auf dem Tisch liegt.

Svenja and the City

Auf der Titelseite lese ich eine Notiz über Amy Winehouse und blättere neugierig Seite fünf auf, wo der Artikel dazu steht. Amy ist nun einmal mein absolutes Popidol, auch wenn sie schon ziemlich lange nichts Neues mehr gebracht hat, aber ich liebe ihre göttliche Stimme und ihren unangepasten, heißen Style. Valerie ist seit Jahren Claudies und mein Song. Keine Disco und keine Bar, in der wir danach nicht getanzt hätten und unvergessen unser Auftritt vor ein paar Jahren auf der MTV Aftershow Party. 

Amy Winehouse

Oh no, was lese ich: In irgendeinem Kaff in Serbien hat Amy einen Auftritt vergeigt und ist hackenkackenstramm von der Bühne getorkelt nachdem die Plattköppe sie ausgebuht haben. Es macht mich total traurig, sie so am Boden zu sehen. Wenn ich doch nur helfen könnte.

Nach einem prima Frühstück, für das Nita mir nur 3 £ berechnet hat, geht es bei strah­len­dem Wetter weiter nach Süden. 

Kurz vor Scunthorpe überquert die Green Cow ihren 10.000 Km Äquator und ich lenke sie in eines der wunderschönen Mohnfelder, um ein Erinnerungsfoto zu machen. 

Svenja and the City

An der Tankstelle in Scunthorpe fülle ich drei Liter Benzin nach und gehe in den riesigen ASDA Megastore zum Einkaufen. Ich stelle mir einen bunten Teller verschiedener RibEye Steaks aus Irland und Schottland zusammen. (Angus beats the Irish beef hands down). Auch eine neue Haarspange landet in meinem Einkaufskorb, aber schon beim Einpacken in den Tankrucksack mache ich sie kaputt und werfe sie gleich in den Mülleimer vor dem ASDA. Schade drum, denn da war tatsächlich mal ein bisschen Bling Bling dran.

ASDA Scunthorpe

Bevor ich weiterfahre, rufe ich Claudie zuhause in Kiel an. Es ist schön, ihre Stimme zu hören und außerdem hat sie einen tollen Übernachtungstipp für mich. In der Nähe von Louth gibt es eine Campsite auf einer Farm, die bei Google Earth total klasse aussehen soll

West End Farm

Es ist gerade erst Mittag, als ich auf der West End Farm eintreffe und Claudie hatte Recht, das sieht echt prima aus. Der Campingplatz auf den Wiesen um die Farm sieht verlassen aus. Man braucht einen Code für das elektronische Schloss am Gatter, den ich natürlich nicht habe und es ist auch niemand da, den ich fragen könnte. 

Die Green Cow ist aber so schlank, dass sie mit riskierten Spiegeln auch durch das Fuß­gänger­tor passt. Am Rande der Wiese steht eine kleine Hütte mit einer Klingel, die Rezeption. Auf mein Klingeln kommt aber niemand und deshalb suche ich mir selbst einen schönen Platz und baue mein Zelt auf. 

Welch ein schöner Campingplatz mitten in der Natur. Hier hört man nur die Vögel. Zufrieden liege ich auf meiner Therm-a-Rest Matte in der Sonne und lese den Welt­raum Thriller weiter, in dem die Aliens von unse­rem Sternenkreuzer Antares gerade ordentlich die Jacke voll kriegen. 

Svenja and the City

Gerade als die Antares ihre Plasma­torpedos abfeuert, höre ich den harten Klang eines Diesel Direkteinspritzers und ein altes Fiat Ducato Wohnmobil rollt auf den Platz. Muss das ausgerechnet jetzt sein? 

Ein älteres Ehepaar mit einem noch älteren Pudel steigt aus und die Lady ist not amused, weil ich angeblich auf ihrem Platz stehe. Sie habe heute morgen auf der Farm angerufen und ihr sei ein abgelegener Einzelstellplatz zugesagt worden. Ihr Pudel habe nämlich Husten und sie wolle die anderen Camper nicht stören. Deshalb sei ihr genau dieser Stellplatz zugesagt worden. 

Pech gehabt, denke ich, denn jetzt stehe ich hier schon. Der Camping­platz ist ansonsten völlig verlassen, aber diese beiden Landeier wollen ausgerechnet auf den Platz, wo schon mein Zelt steht. Die beiden können aber keine schriftliche Reservierung vorzeigen und damit haben sie für mich nur die Befugnisse einer toten Katze. 

Ich bin der Diskussion überdrüssig und schalte meine Sensoren in den Modus völliger Gleich­gültigkeit, bevor ich mich wieder der Antares und dem Schicksal der Menschheit zuwende. 

Englische Rentner sind allerdings genauso hartnäckig wie unsere und stellen ihr Wohnmobil auf den Platz neben mein Zelt. Was treibt diese Menschen? Hier ist doch Platz genug. Offensicht­lich ist es aber ein Racheplan der Geronten, denn ihr alter Pudel hustet tatsächlich wie der Marlboro Mann in seinen besten Tagen. 

Svenja beim Camping

Am späten Nachmittag, ich bin gerade mit den RibEyes fertig, kommt ein großer blonder Typ mit langen, wilden Haaren auf mich zu. Es ist Chris, der Farmer, dem die Campsite gehört. 

Chris ist selbst gerne auf seinem Motorrad, Zelt und Schlafsack in Europa unterwegs und wir verstehen uns auf Anhieb. Minuten später sitze ich zuerst auf seiner alter Moto Guzzi California und kurz darauf in seinem Wohnzimmer. MEINE Mama hat nämlich nie etwas davon gesagt, dass ich nicht zu fremden Männern nach Hause gehen soll. 

Svenja im Minirock

Wir unterhalten uns die halbe Nacht über Motorräder, unsere Reisen, die Probleme in Groß­britannien, den Euro und Gott und die Welt. Es ist ein unterhaltsamer Abend, aber irgend­wann merke ich, dass es Zeit ist zu gehen, denn diesen Blick kenne ich nur zu genau. So toll die Sache mit dem Passing auch ist, so hat sie doch auch ein paar echte Nachteile

Bevor ich in mein Zelt krabble, ernte ich aber noch ein total süßes Kompliment: "You've got the five Bs: You like blues, bikes, beer, beef and you are beautiful". Ich liebe Chris für diesen Spruch und beschließe ihn bei nächster Gelegenheit selbst irgendwo anzubringen...

PS: Natürlich weiß ich, dass Amy Winehouse in der Zwischenzeit verstorben ist. Als ich diesen Eintrag am 20. Juni in mein Tagebuch geschrieben habe, war sie aber noch quicklebendig und  ich habe es so mit Bleistift in mein Moleskine geschrieben, wie ich an jenem Morgen empfunden habe.

Mittwoch, 14. September 2011

After Outdoor Fashion Flash

Svenja and the CityIch stehe als vierte Kundin bei H&M an der Kasse und sehe zu, wie ein junges Mädchen die Preise scannt und die großen, farb­gefüllten Diebstahl­sicher­ungen ent­fernt, bevor sie jedes einzelne Teil ordentlich zusammen­legt und in eine Tüte packt. Es dauert ewig bis ich endlich dran bin. 

Was mache ich hier? Vor drei Tagen bin ich doch noch auf meiner Enduro durch matschige Wälder in Schweden gedüst, hab mich nassregnen lassen, im Zelt geschlafen, und stehe jetzt hier voll aufgebrezelt mit mehr Taschen und Tüten beladen als ein Mensch tragen kann. 

Es ist Dienstagmorgen und ich bin schon früh in den Kieler CITTI-Park gefahren. Zuerst schaue ich bei VERO-Moda rein. Das ist mein Lieblingsladen, wo ich die meisten meiner Klamotten kaufe. Heute will ich mich aber nur umsehen. 

Eine halbe Stunde später stehe ich mit einem kleinen Einkauf wieder in der Mall. Die waren total nett bei VERO-Moda und haben mir sogar wieder die große Shoppertasche von ONLY geschenkt. Die drei Minikleider un die beiden Thermoleggings passen gerade so hinein. Nur mit den Kleidern stimmt was nicht, die sind auf dem Kassenzettel merkwürdigerweise als Pullover gelistet. Komisch, aber der Preis stimmt. Sicher hat sich das Mädchen an der Kasse nur vertan. 

Ich stöckele weiter durch die Mall, probiere bei New Yorker lustlos ein paar schwarze Keilstiefel an und verlasse den Laden, ohne etwas zu kaufen. Ich bin stolz auf mich. Außerdem hatten sie die Stiefel nicht mehr in 41. 

Nächster Halt H&M. Nichts kaufen, nur umschauen. Mit einem dunkelblauen Strickkleid, einer schwarzen Treggings*, einem grauen Wollmini vom Typ Chefsekretärin und einer Handvoll dicker kurzer Strickkleider stehe ich kurz darauf an der Kasse. Unterwegs habe ich noch ein paar gerippte Strickstrumpfhosen in grau und anthrazit zusammengerafft..

Svenja and the City
Völlig ausgehungert stelle ich mich an den Hansen-Wurststand um ein paar Wiener zu essen. Ich liebe Hansen Würstchen und kann mir gerade noch ein: "Sechs Stück, ein Tablett, viel Senf", verkneifen. Stattdessen bestelle ich mit schüchterner Stimme ganz damenhaft: "Zwei Paar, bitte." 

Jetzt würde ich mich gerne noch kurz zum Thema "Schuhe" informieren. Bei BeJuicy im Obergeschoss sind Keilstiefel dekoriert. Ich probiere ganz unverbindlich ein Paar hohe Stiefeletten und schwarze Schnürstiefel mit 9 cm Keilabsätzen an. Als Minuten später "Zahlung erfolgt" im Display des EC-Terminals aufleuchtet, spüre ich, dass mein Klamotten Frenzy für heute befriedigt ist.

Auf dem Weg zurück ins Parkhaus schaue ich aus Höflichkeit kurz bei Deichmann rein, denn ich möchte nicht, dass die mich mit der Tüte von BeJuicy vorbeistöckeln sehen und später beleidigt sind, weil ich nicht wenigstens reinschaue und "Hallo" sage. Ohne ein einziges Teil gekauft zu haben, außer dem Angebot der Woche, den braunen Overkneestiefeln zum Krempeln, stöckele ich endlich in die Tiefgarage zu meinem Auto.

Fazit: Den Reisen auf der Enduro mit Zelt und Schlafsack gehört meine ganze Leidenschaft, aber sie lassen nur wenig Raum für Feminines. Viel Schmutz, sparsames Gepäck und kein bisschen bling bling. Wenn ich dann von einer Tour zurückkomme, kriege ich zuhause den totalen "After Outdoor Fashion Flash". Die Ausgaben für Kleider, Pumps und Stiefel gehören inzwischen zu jeder Reise, ebenso wie die für Benzin, Entrecotes und Fährtickets. So extrem wie diesmal habe ich allerdings schon lange nicht mehr zugeschlagen...

PS: gerade entdecke ich noch eine neue Handtasche und ein paar kuschelige Hausschuhe in einer Tüte. Keine Ahnung, wann die passiert sind...
*Treggings: Eine Mischung aus Trousers und Leggings. Im Grunde sind das Leggings mit Taschen und Gürtelschlaufen. Halb Hose, halb Leggings.

Mittwoch, 31. August 2011

Svenja hat Glück mit dem Wetter

Svenja Svendura mit AusrüstungGerade erst habe ich die letzten schottischen Schafs­ködel aus den Stollenreifen der Green Cow ge­kratzt, da packe ich schon wie­der meine Ausrüstung zusam­men. Nur noch vier drei zwei ein kein Mal schlafen, dann geht es mit der Enduro, Zelt und Schlaf­sack nach Schweden.

Und das Tollste ist, dass ich wahrscheinlich totales Schwein mit dem Wetter haben werde: Ich will doch mein neues Zelt testen, um heraus­­zu­finden, ob es wirklich wasser­dicht ist. Falls ich nämlich nächstes Jahr auf die Orkney Inseln fahre, dann muss ich wissen, ob es auch endlosen Dauerregen aushält. Und so wie es aussieht, kann ich das in Schweden ausgiebig testen. Glück muss der Mensch eben haben...

Mit dem Gepäck schränke ich mich diesmal etwas ein. Mir ist sogar ein genialer Plan ein­ge­fallen, um noch etwas Gewicht zu sparen. Ich habe einfach das Bordwerkzeug genommen und alles rausgeschmissen, von dem ich sowieso nicht weiß, wozu es gut ist, und danach auch alles, das aussieht, als wenn man sich damit bloß die Fingernägel ruiniert. Dafür habe ich diesmal etwas mehr Biskin Spezial mit Buttergeschmack dabei, denn davon hatte ich in Schottland deutlich zu wenig mit.

Pieps und ich starten übrigens nicht alleine, sondern Volker wird uns begleiten, oder wir begleiten ihn, ein Motor­rad­kumpel, der schon beim Muschelschubsen auf Rømø dabei war. 

Fazit: Das Endurowandern mit Zelt und Schlafsack macht mir heute wieder genauso viel Spaß, wie in meinem ersten Leben. Mindestens zwei tolle Reisen möchte ich jedes Jahr unternehmen. Und seit ich mir nicht mehr andauernd Gedanken darum mache, ob ich auch in Biker­klamotten als Frau wahrgenommen werde, macht das Motorrad­fahren wieder Freude. Ist doch nun wirklich keine große Sache, ich bin eben trans, na und...?! 

*Passing: Das Vermögen, als Frau wahrgenommen zu werden, ohne dass die transsexuelle Vergangenheit aufplatzt. (Gutes Passing, schlechtes Passing).

Sonntag, 28. August 2011

How to make a British Lady smile

EntenfamilieSeit einer Vier­tel­stunde liege ich wach in mei­nem Schlaf­sack und genieße für eine Weile noch die kusche­lige Bett­wärme. Auch heute Nacht habe ich wieder super ge­schla­fen, aber draußen regnet es und am liebsten würde ich ein­fach liegen­bleiben.

Ja, schon, aber ganz bestimmt nicht hier in Cote Ghyll, denn der Platz ist total doof und deshalb stehe ich jetzt auch auf.

Im Waschhaus ist an diesem Samstag­morgen schon ordentlich Betrieb. Während es draußen in Strömen regnet, stehen ein halbes Dutzend Mütter mit ihren Töchtern im geheizten Wasch­raum und gehen ihren elterlichen Pflichten nach: Sie beauf­sichtigen die Mädchen beim Waschen und Zähneputzen, flechten Zöpfe und schlichten kleine Streitereien.

Ich stelle mich mittendrin an das einzige freie Waschbecken und fühle mich überhaupt nicht wohl in meiner Haut. Mir wird in diesem Moment bewusst, dass ich alle anderen um min­destens einen Kopf überrage und zwar nicht nur die Kinder.

Nach ein paar kurzen Seitenblicken auf die große, dunkle Frau, die von Kopf bis Fuß in schwarze Motorradsachen gekleidet ist, werde ich von niemandem weiter beachtet. Ich habe mich schon daran gewöhnt, dass es in diesem Land keine Einzel­wasch­kabinen gibt und bin inzwischen selbst der Meinung, dass die Bedeutung von Intimsphäre ohnehin weit überschätzt wird.

Ausgiebig putze ich mir die Zähne, stecke die Haare mit einer Spange zur Helmfrisur und male mir ein Gesicht für den Tag, etwas MakeUp, ein dünner schwar­zer Lidstrich und eine großzügige Portion Wimperntusche. In bester Laune schneide ich meinem Spiegel­bild eine blöde Grimasse, was die Kinder erfreut, und stapfe durch die Pfützen zurück zum Zelt.

In Rekordzeit bin ich abreisebereit und fahre, eingehüllt in meine Regenkombi, tiefer in den North York Moors National Park hinein.

North York Moors National Park
Schon wenige hundert Meter hinter dem Campingplatz bin ich wie in einer anderen Welt. Mit seinen dichten Farnwäldern, den alten Bäumen und der schmalen, gewundenen Straße wirkt der Park wie eine Zauberlandschaft aus Der Herr der Ringe.

North York Moors National Park

North York Moors National Park

Mein Plan ist es, heute bis nach Pocklington zu fahren, wo ich vor zwei Wochen bei bestem Wetter gezeltet habe und ich freue mich schon jetzt auf die Wärme und den Sonnen­schein dort. Ich hoffe nur, dass sie am Wetter nichts geändert haben, dann kann ich heute abend im T-Shirt draußen sitzen und Fleisch braten.

Langsam fahre ich mit dem Motorrad durch den kleinen Ort Hovingham und sehe aus den Augen­winkeln ein Schild, auf dem Tearoom stehen könnte, oder steht es nicht? Ich lese nur Spa_oom. Ich bin schon beinahe wieder aus Hovingham heraus, als end­lich der Entschluss fällt: Bremsen, anhalten, um­dre­hen, zurückfahren und — hoffentlich — früh­stücken!

Hovingham Spa Tearoom
Das einzig Schäbige am Spa Tearoom ist tatsächlich das Schild an der Wand, denn innen erwartet mich ein geschmack­voll einge­richteter Gastraum, wo aus unsicht­baren Laut­sprech­ern leise ein klassisches Klavier­konzert zu hören ist.

Svenja im TearoomEine Dame in einem eleganten Kostüm steht hinter dem Tresen und faltet Servietten. Sie ist very british und wirkt leicht unterkühlt. Diese distanzierte Art mancher Briten verun­sichert mich, weil sie mir stets etwas abwei­send vorkommt.

Entschlossen gehe ich zum Gegen­angriff über, indem ich sie mit Freund­lich­kei­ten zu ihrem Lokal überschütte. Ich lobe die geschmackvolle Einrichtung, preise die ange­nehme Musik und füge mindestens zwei­mal das Wort lovely in meinen Vortrag ein. Sie sieht mich mit steinerner Miene an und wirkt etwas irritiert, aber noch vor dem Ende meiner kleinen Ansprache geht ein freundliches Lächeln über ihr Gesicht und wir fühlen uns beide etwas wohler miteinander.

Ich bestelle Kaffee, Roggentoast mit Butter und zum Nachtisch ein Slice of Rhubarb and Strawberry Cake. Rhabarber­kuchen ist meine Schwäche und der im Hovingham Tearoom ist besonders gut.

Freundlich verabschiede ich mich von der netten Lady aus dem Tearoom und mache mich wieder auf den Weg.

In Norton-on-Derwert halte ich zum Tanken und will auch den Reifendruck kontrollieren. Luft und Wasser sind an englischen Tank­stellen aller­dings nicht umsonst zu haben. Erst nach meiner Heimkehr werde ich in der Kieler Nachrichten lesen, dass auch in Deutschland das Ende kostenloser Druckluft naht. Doch das kann ich jetzt noch gar nicht wissen....

Ich tippe die Sollwerte des Hinterreifens in das Display des Kompressors, der ungefähr die Größe eines Kühlschranks hat, werfe eine 50 Pence Münze ein und setze den Schlauch aufs Ventil. Es zischt, es piept, alles perfekt. Der Druck hat vorher schon gestimmt.

Luftdruck prüfen kostenpflichtig

Es ist erst kurz nach Mittag, als ich den South Lea Caravan Park erreiche und die Enduro auf dem Kiesweg vor der Schranke abstelle. Die Rezeption ist leer, die Tür steht offen, aber über die Sprechanlage rufe ich Louise, die Betreiberin des Platzes, herbei. Sie erinnert sich sofort an mich und besteht darauf, dass ich ihr in Kurzform einen Reisebericht der letzten beiden Wochen gebe. Es ist wirklich schön, wieder hier zu sein.

Pocklington Camping
Nasses Zelt im Gras
Svenja and the City
Svenja and the City

Mein Zelt baue ich an derselben Stelle auf, wo es schon am dritten Tag meiner Reise gestan­den hat. Für Motorradfahrer mit Zelt ist South Lea geradezu ein Geheimtipp. Die Rasenflächen sind so weit­läufig, dass man immer einen prima Platz finden sollte und auf einem besseren Untergrund hat mein Zelt niemals gestanden. Außer vielleicht beim Probe­auf­bauen in meiner Wohnung, aber da habe ich die Heringe nicht in den Teppich gekriegt...

Svenja schreibt
Anders als noch vor zwei Wochen, stehen heute nagelneue Picknickbänke auf dem Platz. Ich organisiere mir eine davon und stelle sie direkt neben mein Zelt. Das wird mein Abendbrottisch. Aber zuerst einmal muss ich einkaufen fahren.

Ich sattele die Green Cow und fahre zurück nach Pocklington zum Salesbury Super­markt mit seiner erstklassigen Fleisch­ab­teilung. Ich entscheide mich wie immer für mein Lieb­lings­essen: Rib Eye Steaks, eine kleine Dose Heinz Beanz und eine Flasche Firsty Ferret.

Den Abend verbringe ich genauso, wie ich es liebe. Ich sitze vor meinem Zelt, brate Steaks, trinke ein Bier dazu und schreibe in mein Reise­tagebuch, bevor ich recht früh in meinen Schlafsack krabbele, noch ein wenig lese und dann in einen tiefen und erholsamen Premium­schlaf falle. Ein perfekter Urlaub...

Montag, 22. August 2011

Wie Svenja den Respekt vor der UNESCO verloren hat

Svenja and the CityEs ist kalt heute morgen. Zum Glück habe ich daran gedacht, meinen BH über Nacht mit in den Schlaf­sack zu nehmen. Ein­mal habe ich das ver­ges­sen und beim Anziehen sofort die Schnapp­at­mung bekommen. Es ist erstaun­lich, wie kalt die Biester über Nacht im Zelt wer­den.

Auf dem Weg zum Waschhaus entdecke ich, dass jemand in der Nacht das Zelt meines Nachbarn ausgeräumt und sein ganzes Essen geklaut hat. Die Reste liegen verstreut auf dem Rasen herum, während aus dem Zelt noch immer ein leises Schnarchen zu hören ist.

Kopfschüttelnd gehe ich weiter und frage mich, welcher Blindfisch sich im Schlaf das Essen klauen lässt, ohne was zu merken.

Bevor ich losfahre, ziehe ich meine Regenkombi an. Ein Blick zum Himmel sagt mir, dass ich sie bald brauchen werde. Auf der Landkarte habe ich mir eine Neben­strecke heraus­gesucht, die einsam durch grüne Täler führt. Ich liebe diese Verlassen­heit und im Nu ist die doofe Auto­bahn­fahrt von gestern vergessen.

Landrover in England

Gegen Mittag komme ich an einer Tankstelle vorbei, der ein Tearoom angeschlossen ist. Ich halte zum Tanken und schiebe das Motorrad anschließend hinüber auf den Parkplatz des Tearooms. Nachdem ich die Regenkombi ausgezogen habe, setze ich mich in den Riverside Tearoom und bestelle ein Full English Breakfast. Das Frühstück ist echt klasse, nur der Black Pudding trifft heute nicht meinen Geschmack, weil er wie ganz normale Blutwurst schmeckt und nur total wenig Graupen drin sind.

English Breakfast

Zufrieden fahre ich weiter und die Regen­kombi lasse ich im Gepäck. Nur wenige Meilen weiter treffe ich auf den Hadrianswall, den ich mir schon vor zwei Wochen ansehen wollte, es aber zu sehr geregnet hat. Heute nutze ich die Chance und parke die Green Cow am Zugang zum Brunton Turret, einem der alten Wachtürme des berühmten Römer­walls, der von der UNESCO sogar zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

Hadrianswall

Als ich zehn Minuten später, die Stiefel voller Schafscheiße, über die kleine Holztreppe zurück zum Parkplatz steige, habe ich jeden Respekt vor der UNESCO verloren.

Hadrianswall

Am Nachmittag erreiche ich mit nur einmal Verfahren den Cote Ghyll Caravan Park, der herrlich abgelegen mitten in der Pampa liegt. Dummerweise ist heute Freitag und in der kleinen Rezeption drängen sich schon ein halbes Dutzend Urlauber, die fürs Wochenende einchecken möchten.

Endlich bin ich an der Reihe und ein netter Typ in einem grünen Cote Ghyll Shirt fragt nach meinen Wünschen:
"So, how many persons?"
"Just me, the motorbike and a small tent."
"That's 20 pounds then."
"What...?!", rufe ich eine Spur zu laut, so dass auch andere Gäste auf unser Gespräch aufmerksam werden.
"Wow, that's brave. I'm on my way through England and Scotland for nearly three weeks now and I hardly ever paid more than eight pounds."

Ich bin ein wenig aufgebracht und inzwischen genieße ich die ungeteilte Aufmerksamkeit der Neuankömmlinge in der Schlange hinter mir, die interessiert zuhören.

Wie ich später im Fettnäpfchenführer Großbritannien lese, ist mein Verhalten hierzulande ungewöhnlich. In England bringt man seine Beschwerde nicht aggressiv und direkt vor, sondern for­mu­liert sie zurück­haltend höflich und streut so oft es nur geht "Excuse me, but..." ein.

Vielleicht hat mein kleiner Auftritt aber gerade deshalb solchen Erfolg, denn zum Aus­gleich bekomme ich die Internet Flatrate für das WiFi geschenkt. Sie kostet sonst 3 £ pro Tag.

Svenjas Zelt und Motorrad

Der letzte Hering steckt noch nicht im Boden, als es wieder zu regnen anfängt, aber jetzt kommt mir das gerade recht, um mich in mein Zelt zu verkriechen und den Reißver­schluss von innen zuzumachen.

Bratpfanne vorm ZeltEs regnet den ganzen Abend über und ich mache es mir im Zelt gemütlich. Die Beine im Vorzelt, sitze ich auf meiner Therm-A-Rest und brate ein richtig tolles Abend­essen aus Rump­steaks vom Schaf und einem Entrecote.

Fazit: Der teuerste Campingplatz meiner Reise ist zugleich der ätzendste und ich bin froh, wenn ich morgen früh hier weg bin. Aber wenigstens habe ich den blöden Hadrianswall gesehen...

Samstag, 20. August 2011

Happy Anniversary, Svenja

Svenja and the CityHeute ist einer von diesen Tagen: Am 20. August 2005 bin ich mit acht Umzugskartons, ein paar blauen Müllsäcken voller Kla­mot­ten und meinem geliebten Oh­ren­­sessel in ein kleines, möb­liertes Einzimmer­apartment nach Kiel gezogen.

Seitdem wohne ich auf den Tag genau sechs Jahre hier und ebensolange gibt es meinen Blog, Svenja-and-the-City. Anfangs hieß er noch Svenjas Tagebuch und war nicht schwarz, sondern girly whirly rosa.


Ich habe einmal gelesen, die Vergangenheit sei wie ein Theaterstück, zu dem der letzte Vorhang längst gefallen ist. Nur, dass ich die doofe Senfnase bin, die seit sechs Jahren im dunklen Zuschauerraum sitzt und noch immer auf den Vorhang glotzt. Vielleicht öffnet er sich ja wieder...

Nein, das tut er nicht, weil Vorhänge das niemals tun und das ist gut so, denn inzwischen haben alle Akteure längst ihren Text vergessen.

Fazit: Der 20. August ist ein wunderbarer Tag, ist ein doofer Tag, ein glücklicher Tag, ein trauriger Tag und manchmal alles zugleich. Ob ich glücklich bin? Ja, das bin ich. Beinahe jedenfalls. Und wenn es mir einmal nicht so gut gehen sollte, dann habe ich immer noch meinen Freund, Herrn Owusu...

Happy Anniversary, Svenja.

Donnerstag, 18. August 2011

Svenja wird beklaut

Svenja at Balmoral CastleHeute wird bestimmt ein ganz doofer Tag. Auf dem Weg nach Süden verlasse ich Schottland und muss durch Edinburgh fahren. Wälder, Einsamkeit, das Allein­reisen, Zelten, alles das macht mir nichts aus, aber Groß­städte mit ihrem dichten Verkehr und den vielen Menschen machen mir Angst.

Es gibt an der Ostküste partout keine sinn­vol­le Umfahrung von Edinburgh, denn an dieser Stelle ist das schot­ti­sche Festland nur 75 km breit und ausgerechnet dort liegen die beiden größten Städte des Landes.

Vor zwei Wochen habe ich Glasgow elegant an der West­küste mit der Fähre über Dunoon umfahren. Heute aber muss ich die Auto­bahn M90 um Edinburgh herum nehmen.

Autobahnen sind kein Vergnügen auf der Green Cow, dort fühle ich mich verlorener als alleine in den Highlands. Zum Glück darf man in Großbritannien auf dem Motorway nicht schneller als 70 mph (113 km/h) fahren und bei der Geschwindigkeit kann ich auf der 250er Enduro gut mithalten. Hoffentlich verfahre ich mich nicht. Autobahnkreuze finde ich total verwirrend und wenn man nur einmal falsch abbiegt, landet man gleich im Sonstwo.

Zuerst einmal steht mir aber noch ein ganz wunderschönes Stück Schott­land bevor. Ich habe das Lager schon früh abgebrochen und fahre über die alte Steinbrücke in Ballater nach rechts in den Wald hinein. Der schmale asphaltierte Weg führt am River Dee entlang nach acht Meilen direkt zum Haupttor von Balmoral Castle. Vielleicht mache ich eine Schloss­be­sich­ti­gung, jetzt da ich dort schon jemanden kenne und irgendwie fast zur Familie gehöre...

Es ist kurz vor neun, als ich mutterseelenallein vor dem hübschen, aber leider verschlossenen Tor von Balmoral Castle stehe und die prunkvollen Wappen am Tor bewundere. Kein Mensch ist zu sehen und das Tor ist fest verschlossen. Wo sind die denn alle? Ob die schon zum Mittag sind?

Auf einem Schild lese ich, dass erst ab 10 Uhr Einlass gewährt wird. Schade, Königs schlafen wohl noch, oder sitzen gerade im Bademantel beim Frühstück. Ich weiß ja nicht einmal, ob Ian schon von uns erzählt hat und vorher möchte ich lieber nicht nach dem Beutel Venison auf meiner Gepäck­rolle gefragt werden. Also drücke ich nur kurz auf die Hupe, winke fröhlich in Richtung der Überwachungskameras und fahre weiter.

Endurowandern mit Svenja

Auf einem Hochplateau, so ungefähr an der kältesten Stelle des Morgens, erreiche ich das Glenshee Ski Centre, eine Bergstation mit Skiliften, Shops und einem großen Restaurant. Neben der Station stehen mehrere Schneekanonen und Pistenbullies, die dort verlassen auf die nächste Skisaison warten.

Endurowandern mit Svenja

Ich stelle das Motorrad ab und gehe zur Eingangstür des Restaurants. Hoffentlich haben die überhaupt schon auf, in England scheint man nämlich lange zu schlafen, und noch hoffent­licher ist da drin geheizt.

Ja, das Restaurant ist schon geöffnet, aber nur ein paar Arbeiter der Bergstation sitzen gemein­sam beim Frühstück, ansonsten ist der große Saal verlassen. Die Jungs schauen kurz hoch, nicken mir einen knappen Gruß zu und widmen sich wieder ihrem Frühstück.

Endurowandern mit Svenja

Ich nehme ein Plastiktablett vom Stapel und stelle es auf den langen Tresen aus Edelstahl. Interessiert mustere ich die große Speisekarte an der Wand. Ich entscheide mich für eine Bacon Roll und einen Pott heißen Kaffee. Leider ist niemand in Sicht, bei dem ich meine Bestellung loswerden könnte. Einer der Arbeiter bemerkt meinen verlorenen Blick und verschwindet nach hinten in die Küche, um jemanden zu holen.

Kurz darauf liegen zwei dicke Scheiben Bacon auf dem Rost und knuspern appetitlich vor sich hin, während mir die freundliche Bedienung einen Becher Kaffee einschenkt. Wie immer schmeckt er einen Hauch nach Schokolade.

Die Preise verblüffen mich stets aufs Neue. Für die Bacon Roll, ein geröstetes Brötchen mit zwei fetten, gebratenen Scheiben Speck darin, zahle ich nur 1,55 £, ca. 1,75 €. Das wäre in einem Ausflugs­restaurant in Deutschland sicher nicht viel billiger.

Allmählich taue ich wieder auf. Es ist ein wunder­schöner, sonniger Tag aber sicher deutlich unter 10° C. Mit all meiner Willens­kraft gelingt es mir, auf dem Weg nach draußen am Tresen vorbeizu­gehen, ohne eine weitere Bacon Roll zu bestellen. Ich kann so hart gegen mich selbst sein. Außerdem möchte ich lieber woanders noch etwas essen, denn die riesige verlassene Bergstation erinnert mich doch sehr an The Shining.

Endurowandern mit Svenja

Die Route durch den Cairngorms National Park ist für Motorradfahrer eine echte Heraus­for­de­rung. Auf ungezählten Warntafeln wird vor gefährlichen Kurven gewarnt und tatsächlich sind die oft unerwartet eng und schwierig zu fahren. Der Asphalt ist brüchig und mitunter bin ich bei 50 km/h schon an der Grenze meiner Fähigkeiten angelangt. Kurvenfahren ist nicht gerade meine stärkste Seite.

Als ich nach Blairgowrie komme, entdecke ich am Straßenrand einen McDonalds. Allerdings nicht den bekannten Plastikwirt aus Amerika, sondern einen total urigen, kleinen Käseladen, den McDonald's Cheese Shop. Ich stelle das Motorrad davor ab und gehe hinein.

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Das kleine Geschäft ist an allen Seiten bis hoch unter die Decke vollgestopft mit Spezialitäten aus der Region. Im Mittelpunkt des Ladens aber steht die kleine Käsetheke.

SvenjaDer Mann, der mich bedient, ist vielleicht nicht der freundlichste, aber gerade noch ok. Vielleicht gehe ich ihm auch einfach auf den Wecker mit meiner aufge­regten Fragerei, dem vielen Lob für seinen hübschen Laden und meiner Bitte, im Laden ein paar Fotos machen zu dürfen.

Einerlei, die Cheddar Cheese Roll und der Filter­kaffee schmecken prima. Ich stelle mich damit nach draußen und benutze die Sitz­bank der Green Cow als Picknicktisch.

Hinter Perth ist die schöne Strecke vorbei und ich fahre auf die M90 in Richtung Süden. Für mich ist Schottland hier zuende, auch wenn ich die Grenze nach England noch nicht überquert habe. Mit konstant 120 km/h fahre ich auf der linken Spur und schere nur ab und zu aus, um einen LKW zu überholen. Trucks dürfen hier deutlich schneller fahren als in Deutschland.

Von hinten schließt ein Superbike zu mir auf. Aggressiver Vierzylinder­sound mit Akrapovic, irgendeine GSX. Darauf ein Knieschleifer in blauweißer Lederkombi, der einen geradezu grotesk über­dimen­sionierten Trekkingrucksack auf dem Rücken trägt. Er lenkt seine Suzuki neben mich und gibt mir Zeichen anzu­halten. Wiederwillig halte ich auf den schmalen Stand­streifen an der Leitplanke, während der Verkehr dreispurig an uns vorbei­zischt. Was will der Typ?

Soweit ich es bei dem Lärm der Motoren mit aufgesetztem Helm verstehen kann, heißt er Michael und ist auf dem Rückweg nach Irland. Er hat in Schottland auf Montage gearbeitet. Ob wir ab jetzt zusammen fahren wollen, fragt er mich.

Nein, wollen wir nicht. Das ist ein Meisenkaiser denke ich und antworte etwas unhöflich: "No. I'd rather drive allone." Mit einem kurzen Nicken beende ich das Gespräch und fädele mich blitz­schnell in den fließenden Verkehr ein. 1.2.3.4.5.6. Gang und weg bin ich.

Leider ist seine GSX-R1000 im zweiten Gang schneller als meine Green Cow im sechsten und ein OffRoad Gelände, wo ich den Penner abhängen könnte, gibt es auf der Autobahn nicht. Das muss ich anders regeln: Ich hänge mich hinter einen LKW und fahre provozierend immer langsamer, aber der Typ lässt sich dadurch nicht entmutigen und bleibt treu hinter.

Ok, Plan B: Tankstelle, anhalten und verkloppen. Der ist kleiner als ich und außerdem hatte ich heute schon eine Bacon Roll. Vorher aber muss ich erst einmal durch das dichte Gewirr aus Motorways, Abzweigungen und Knotenpunkten rund um Edinburgh navigieren.

Puh, ist das ein Verkehr hier. Ein Königreich für eine Single Track Road. Einmal verfahre ich mich an einer Ausfahrt, aber mein blauweißer Schatten fährt stur jedes meiner Manöver mit. Wenn ich anhalte, um auf die Karte zu gucken, dann hält er auch an und wenn ich wende, dann wendet er auch. Ich habe einen Freund fürs Leben gefunden.

Als wir endlich aus dem Großstadtverkehr heraus sind, fahre ich in Penicuick auf eine Tank­stelle und fülle fünf Liter von dem guten Momentum 99, der Premiummarke von Tesco, in den Tank der Green Cow. Anschließend schiebe ich die Kawa auf den Platz vor dem Luftdruck­prüfer und warte auf Hein Daddel. Jetzt will ich endlich wissen, was der will.

Als erstes fällt mir auf, dass Michael schlechter Englisch spricht als ich, denn auch wenn er in Irland wohnt, so hat er doch einen polnischen Pass. Es stellt sich heraus, dass er sich nur deshalb an mich angehängt hat, um sich durch Edinburgh lotsen zu lassen. Ausge­rech­net an mich, das blindeste Huhn diesseits von TomTom und Generalkarte. Nach dem Tanken verab­schieden wir uns, doch nicht bevor ich ihm noch haarklein den Weg nach London erklärt habe. Ich bin fast ein wenig gerührt über soviel Vertrauen.

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Als Tagesziel für heute habe ich mir Peebles ausgedacht. In einem kleinen CoOp mitten im Ort besorge ich mir Wasser, Bier und Bohnen. Mehr brauche ich nicht, denn Fleisch habe ich schon an Bord. Inzwischen sollte es aufgetaut sein, heute abend gibts Wild.

Am Ortsrand von Peebles liegt der Rosetta Holiday Park, wo ein Schlossherr seinen schönen Landsitz in einen großen Campingpark verwandelt hat. Sogar eine alte Burganlage steht auf dem Gelände, das von einer hohen Burgmauer umschlossen wird.

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Obwohl die große Zeltwiese fast leer ist, weist mir die Dame an der Rezeption eine Parzelle zu. Acht £ und 400 m später stellt sich heraus, dass es eine von zwei Parzellen ist, die bereits belegt sind. Egal, ich baue mein Zelt einfach dort auf, wo es mir am besten gefällt.

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Während ich das Zelt aufstelle, höre ich bereits den ersten Donner und kurz darauf geht ein 1A Wolken­bruch nieder. Ich werfe den Tankrucksack und die rote Tasche ins Zelt, lege den blutigen Beutel mit dem aufgetauten Fleisch in die Apsis und mache das Zelt von innen zu. Jetzt kann ich im Trockenen weitermachen, während draußen solange die Welt untergeht. Ich lege die Therm-A-Rest zurecht, schüttele den Daunen­schlafsack auf und lege das kleine Reise­kopf­kissen an seinen Platz.

Das Lager sieht bei diesem Wetter besonders einladend aus und ich lege mich kurz darauf, um zu testen, ob die Isomatte genügend Luft hat und der Schlafsack wirklich so kuschelig ist, wie er aussieht. Innerhalb von Sekunden bin ich fest eingeschlafen.

Eine Stunde später wache ich auf und strecke mich. Oh, ist das gemütlich im Zelt. Es regnet nicht mehr und ich öffne das Innenzelt, um durch das kleine Lüftungs­dreieck einen Blick nach draußen zu werfen.

Während ich schlief hat irgendein Blödmann seinen Müll vor mein Zelt ge­schmissen. Da liegt jetzt eine alte Plastiktüte. So eine durchsichtige auf der mit rotem Filzstift was draufge­schrie­ben steht: STEAKS. Ist ja witzig. In genau so einer sind auch meine Steaks…

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Irgend jemand hat mein schönes Venison geklaut, während ich geschlafen habe. Die Tüte lag nur 80 cm von meinem Kopf entfernt sicher in der Apsis verstaut. Von außen war die nicht zu sehen. Alle fünf Scheiben sind spurlos verschwunden, die Tüte leer. Ich bin ratlos, wer hat mein Fleisch geklaut?

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Diesen Kriminalfall werde ich heute nicht mehr lösen. Viel wichtiger ist, dass ich mir jetzt sofort frisches Fleisch besorge. Ich ziehe meine Motorradjacke an, setze den Helm auf und fahre nach Peebles hinein. Ganz in der Nähe entdecke ich einen großen TESCO Supermarkt, stelle das Motorrad ab und stapfe entschlossen zur Fleischabteilung. Ich bin nicht gerade in Partylaune.

SvenjaFür das entgangene Venison belohne ich mich mit zwei besonders fetten Scheiben RibEye Steaks.

Als Pieps und ich eine Stunde später vorm Zelt sitzen und auf die Steaks in der Pfanne glotzen, ist alles schon wieder in Ordnung.

Trotzdem frage ich mich, wer das königliche Wildbret geklaut hat.

Pieps kann es übrigens nicht gewesen sein, die hat noch fester geschlafen als ich. Ob man uns von Balmoral gefolgt ist...?

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