Sonntag, 7. März 2010

Rezitator Matthias Wilms

Svenja bei Matthias Willms Rezitator aus KielHeute abend ist endlich DIE Gelegenheit, meine neuen schwarzen Overknee Stiefel stilvoll in die Gesellschaft einzuführen. Immerhin sind da Silbernieten mit dran.

Die beste Freundin von allen hat mich ins
TanTamar eingeladen, wo an diesem Abend der Kieler Rezitator Matthias Wilms auftritt.

Dennoch bin ich skeptisch. Erstens habe ich keinerlei Vorstellung davon, was so ein Rezitator tut und zweitens entdecke ich auf der Speisenkarte des TanTamar kein einziges bekanntes Gericht. Ich hoffe inständig, dass Teriyaki das thailändische Wort für Schnitzel ist. Aber sicher kennt Claudia sich mit Rezitatoren und Teriyakis aus. Die weiß immer all so'n Zeug.


Ich: „Was macht so ein Rezitator eigentlich? Zitiert der Leute?“

Claudia: „Nein, Dummchen. Der liest Texte vor.“

Ich: „Na toll, wären wir bloß in Wienerwald gegangen, da weiß ich wenigstens, was es zu essen gibt. Und meiner kleinen Schwester Gute Nacht Geschichten vorlesen kann ich auch selber.“

Claudia: „Nein, kannst du nicht. Jedenfalls nicht so. Wenn Matthias deiner Schwester eine Geschichte vorliest, dann glaubt sie nicht nur, dass was Unheimliches unterm Bett ist, sondern dann weiß sie es genau. Und nicht einmal ihr Papa wäre sich sicher, dass es nicht so ist.“

Ich: „Ach so...“

„Ja, genau: Ach so.“, zickt Claudia mich an und äfft dabei meine Stimme nach, obwohl sie genau weiß, wie ich es hasse, wenn sie das tut. „Und außerdem stellt Matthias zu jeder Lesung die besten Texte ganz neu und originell zusammen. Dagegen würdest du mit deiner blöden Gute-Nacht-Geschichte ganz schön abstinken. Und er leiert nicht einfach die kürzeste Geschichte im Buch runter, wie eine gewisse Dame, sondern er spielt die Texte wie ein Schauspieler auf der Bühne. Und nicht wie du, wo ich schon einschlafe, wenn du einen deiner Endloswitze erzählst, und am Ende meistens noch die Pointe vergessen hast.“

Ich bin ein bisschen beleidigt, weil ich nämlich zufällig genau weiß, dass ich ganz toll lesen kann und besonders mein Froschkönig immer sehr gut ankommt: „Meine Güte, nun komm mal wieder runter. Ich habs ja verstanden. Seine Texte sind länger als meine und er kann ein paar Stimmen nachmachen. Ganz toll. Können wir jetzt was zu Essen bestellen? Und ich will endlich Wein.“

Nachdem ich mir von Maia, der Chefin des TanTamar, jedes Gericht habe erklären lassen, entscheide ich mich für ein Grünes Dschungel Curry, während Claudia ein Rindfleisch Teriyaki bestellt. Das Essen ist ein Knaller. Wir sind begeistert und uns wird klar, weshalb man hier ohne Reservierung nie einen Tisch bekommt.

Dann tritt der Rezitator ans Pult und knipst die winzige Leselampe an. Ich nehme mir fest vor, ganz unbeteiligt zu tun und dabei meinen besten gelangweilten Gesichtsausdruck aufzusetzen. Wollen doch erstmal hören, ob sein Froschkönig wirklich besser ist als meiner. Für diesen Abend hat Matthias Wilms einige Texte zusammengestellt, die alle etwas mit dem Genuss am Essen zu tun haben.
Der   Kieler Rezitator Matthias Willms bei einer Lesung

Schon nach dem zweiten Applaus bin ich so aus dem Häuschen, dass ich missbilligende Blicke vom Nebentisch ernte. Claudia informiert mich darüber, dass es bei Lesungen wohl unüblich sei, mit den Füßen zu trampeln, gellende Pfiffe auszustoßen und fortwährend „Bravo, Baby!“ zu brüllen. Muss ich mir merken.

Fazit: Eine Lesung von Matthias Wilms ist beeindruckend, intelligent und höchst unterhaltsam. Man muss es sich vorstellen, wie das Hörspiel zu einem Theaterstück, mit soviel Hingabe trägt der Rezitator vor. Matthias Wilms liest, er spricht, er flüstert, brüllt, stöhnt und schreit. Er trägt vor und ich bin begeistert. Dennoch, bei ihm wäre meine kleine Schwester niemals so schnell eingeschlafen, wie bei mir. Ätsch...

Donnerstag, 4. März 2010

Die Toilettenfrage - Ein Ablasshandel?

Transsexuelle Transgender auf der Herrentoilette"Wie? Du jetzt auch hier?", fragt mich eine Kollegin mit sichtlicher Verblüffung, als wir uns unvermittelt auf der Damentoilette gegenüberstehen. "Ja. Die da drüben wollten mich auch nicht mehr haben.", gebe ich ein wenig kleinlaut zurück. "Nein, nein. Das ist schon in Ordnung, du gehörst ja jetzt hier her.", beruhigt sie mich und beendet damit den Ablasshandel.

Dieser Dialog hat sich schon vor einigen Jahren auf einer Damentoilette des LKA ereignet und glücklicherweise ist das Bild nur eine billige Fotomontage.

Für uns Transsexuelle kommt irgendwann der Tag an dem der Frosch ins Wasser springt. Wir öffnen zum ersten Mal die Tür in eine neue Welt und auf der steht ein großes D. Von jetzt ab gibt es kein Zurück :-)

Die ersten Wochen danach war ich total angespannt, wenn ich mal bei McDonalds, oder bei Karstadt aufs Klo musste. Die schlimmsten Dinge hab ich mir ausgemalt: „Iiiiih, Mama. Da ist ein Mann auf dem Mädchenklo und der trägt Frauensachen.“

Natürlich ist niemals sowas Doofes passiert, aber die Ängste darum kann ich noch heute bestens verstehen. Besonders dann, wenn das Passing weniger in Richtung Heidi Klum geht, sondern eher noch an Bud Spencer erinnert. Aber durch diese erste gruselige Zeit müssen wir alle irgendwie durch.

Trotzdem ist jederzeit mit dem plötzlichen Auftritt Bildungsferner zu rechnen. So gab es im Jahr 2006 in den italienischen Medien eine große Debatte über just dieses Thema. Was war geschehen?

Extra Toiletten für TransgenderIm italienischen Parlament in Rom war eine transsexuelle Parlamentsabgeordnete beim Besuch der Damentoilette von der Sprecherin der rechtsgerichteten Berlusconi-Partei Forza Italia, Elisabetta Gardini, angesprochen worden, sie habe hier nichts zu suchen. Gardini soll anschließend in einem Interview gesagt haben: „Ich habe ihn da gesehen und mir wurde übel. Er sollte eine Toilette für sich allein bekommen."
Diese Diskussion fand ausgerechnet in der intensivsten Zeit meiner Verwandlung statt und ich habe sie aufmerksam und mit ängstlichem Interesse verfolgt. Als Neuankömmling in Frauenland konnte ich keinerlei schlechte Publicity gebrauchen. Mein Outing war bestens verlaufen und auf keinen Fall wollte ich der Anlass zu einer peinlichen Diskussion werden.

Mein Dezernatsleiter im LKA hat die simple Frage nach Mann oder Frau auf seine eigene pragmatische Weise gelöst: „In deinem Personalausweis steht Svenja? Damit bist ab jetzt offiziell eine Frau. Die Personalabteilung weiß schon Bescheid. Du gehst nachher zur Lichtbildstelle und lässt Fotos für einen neuen Dienstausweis machen. Sollte es sonst irgendwelche Probleme geben, kommst du zu mir und ich regel das.“

Fazit: Ich wohne jetzt in Frauenland und dort gehe ich auch auf die Toilette. Ich will doch nicht so sein wie Finch, der im Film American Pie den Spitznamen Heimscheißer verpasst bekommt. Ich habe die Erfahrung gemacht, je eindeutiger ich mich selbst als Frau verhalte, desto leichter mache ich es auch anderen, mich so zu sehen und zu akzeptieren. Und das gilt natürlich nicht nur für den Ablasshandel.

Frage: Wie sind eure Erfahrungen mit der sensiblen Waschraumproblematik? Und gibt es wirklich Frauen, die bei Konzerten und Events zu den Jungs rübergehen, um nicht endlos anstehen zu müssen? Und wie erleben das die Männer? Na los, ich möchte jedes schmutzige Detail erfahren :-)


Donnerstag, 25. Februar 2010

Abenteuer in Frauenland

Svenja im Strickkleid mit Stiefeln im Frauenland SophienhofErinnert ihr euch an das Gefühl als Kind, wenn ihr am Morgen nach Heiligabend wach geworden seid? Dieser Moment, in dem euch schlagartig einfällt, dass das ganze Wohnzimmer voller Geschenke für euch ist?

So ungefähr ergeht es mir an jedem neuen Tag in Frauenland. Ich hüpfe morgens aus dem Bett mit diesem wunderbaren Gefühl, in einem schönen neuen Land zu leben. Sogar die Arbeit macht hier mehr Spaß.


Obwohl ich mich bei euch schon total gut eingelebt habe, hat sich dieses Gefühl noch nicht abgenutzt. Kein bisschen und nicht mal an den Ecken.

Meine Zeit in Männerland ist nur noch eine Erinnerung. Aber sagt mal, kennt ihr Männerland überhaupt? Da ist alles total anders als hier.

Die haben zum Beispiel nicht so einen Dresscode wie wir. Mit einer Jeans, T-Shirt und Boots bist du da schon fertig angezogen. Und alleine das mit den Haaren. Da musst du nicht am ganzen Körper und im Gesicht immer makellos sein. Im Gegenteil. Ich hab mir mal die Arme und Beine rasiert, da hat meine Ehefrau eine Riesenszene gemacht.

Oder wenn du über Gefühle redest in Männerland. Das ist gefährlich. Die halten dich sofort für ein Weichei und dann bist du echt unten durch. Du kannst da nicht groß rumheulen, außer vielleicht, wenn dein Hund gestorben ist, sowas verstehen die.

Oder ihr müsstet mal hören, wie die über uns hier in Frauenland reden. Ich will jetzt echt nicht in die Einzelheiten gehen, aber die reißen oft total die dreckigen Witze über uns. Und ganz besonders die Hässlichen, die sowieso nie eine abkriegen würden. Und dann gröhlen sie zusammen los und tun so, als hätten sie die freie Auswahl.

Ob ich das Leben in Männerland vermisse? Nein, höchstens manchmal ein wenig, denn ich konnte da natürlich viel leichter eine Gefährtin finden. Trotzdem gefällt es mir in Frauenland viel besser und ich will nie wieder zurück.

Ausgelacht in MännerlandEin paar von uns Auswanderern sind hier ja nicht zurechtgekommen und dann doch wieder zurückgegangen nach Männerland. Zum Glück gibt es dafür ja extra die einjährige Probezeit mit Quarantäne. Das nennt sich Alltagstest und viele haben total Angst davor, weil man in dieser Zeit nirgends so richtig dazu gehört.

Die von Männerland lachen dich in dieser Zeit oft aus und die Frauenländerinnen sind zwar meistens netter, aber am Anfang noch total misstrauisch. Die sehen natürlich, dass du ursprünglich aus Männerland kommst.

Wenn du aber erstmal die Probezeit um hast und deine Einbürgerung durch ist mit den neuen Papieren und so, dann lebst du ganz normal wie jede Andere auch hier in Frauenland. Manchmal kommen wir sogar besser zurecht als die Eingeborenen selbst, weil wir das hier natürlich doppelt zu schätzen wissen und uns deshalb noch mehr Mühe geben.

Nun, jetzt wisst ihr jedenfalls, wie ich mich hier so fühle bei euch in Frauenland. Danke, dass ihr mich so lieb aufgenommen habt. Es ist einfach toll hier bei euch. Fast wundere ich mich ein bisschen, dass nicht mehr von uns rübermachen aus Männerland :-)

Montag, 22. Februar 2010

Braun Satin Hair Brush

Svenja and the City teste Braun Satin Hair BrushMeine jährlichen Ausgaben für haarglättende Mittel und Lotionen entsprechen ungefähr dem Verteidungshaushalt Dänemarks. Diverse Glätteisen, Anti Frizz Seren, Pferdemark, Pokerstraight, Frizz-Ease, ich hab sie alle ausprobiert.

Aber jetzt habe ich vielleicht doch etwas gefunden, womit sich meine Haare endlich bändigen lassen. Die neue Braun Satin Hair Brush.


Die Bürste gibt einen feinen Strahl negativer Ionen auf die Haare ab und neutralisiert dadurch die statische Aufladung. Adieu fliegende Haare und kleine Krissellocken.

Nach dem Einschalten beginnt die Satin Brush grün und geheimnisvoll zu leuchten, während der Ionenstrahl fast unhörbar zischt und dabei ganz vage nach frischem Fotokopierer duftet.

Der Effekt ist verblüffend und funktioniert tatsächlich. Mit langsamen Strichen bürste ich vorsichtig durchs Haar und schon beim ersten Strich wird es glatter und beginnt zu glänzen.

Das Bürstenpad ist abnehmbar, auswechselbar und leicht zu reinigen. Nahtlose Borsten sollen die Haare schonen. Der Glanzeffekt tritt schon beim ersten Strich ein. Mein Tipp: Ganz langsam bürsten, damit die Ionen sich so richtig fett auf die Haare setzen können.

Svenja and the City testet Braun Satin Hair BrushLange hält er leider nicht an, der schöne Anti Frizz Effekt von Braun, denn die Haare laden sich nach kurzer Zeit erneut auf. Deshalb trage ich die Bürste fast ständig in der Handtasche, auch wenn sie etwas schwerer ist, als eine normale Bürste. Wie lange die Batterien halten, weiß ich noch nicht. Die Bürste leuchtet, zischelt und müffelt schon einige Wochen lang fröhlich vor sich hin, ohne dass die Wirkung nachgelassen hat.

Fazit: Die 29 EUR für die Braun Satin Brush sind eine lohnende Investition. Eine gute Haarbürste hat selbst ohne Elektronik ihren Preis und die Satin Brush ist deutlich günstiger als eine Mason Pearson. Der Anti Frizz Effekt funktioniert gut und ich habe endlich wieder etwas Geld übrig für diese neuen schwarzen Glattleder Overknee Stiefel, die ich bei Görtz17 gesehen habe :-)

Freitag, 19. Februar 2010

Abschied in die Normalität

Transsexualität bestimmt nicht länger Svenjas LebenVier Jahre lang hängt dieses Poster jetzt an der Pinwand meines Büros im LKA. Es zeigt eine junge Transsexuelle, die sich in ihrem Klassenzimmer ganz selbstverständlich mit einer Mitschülerin unterhält, die ihr freundlich zulächelt.

"Das ist bloß Disney.", habe ich gedacht. "Soweit kommst DU niemals. Du bist zu alt, du wirst nie so weiblich aussehen und niemals wirst du so selbstverständlich ins Leben passen." Trotzdem hat dieses Transgender Traum Plakat mir Kraft gegeben.

Ich liebe dieses Poster, aber heute nehme ich es von der Wand und verabschiede mich in die Normalität.


Seit einigen Monaten hat sich etwas in meinem Leben verändert. Ich gehe nicht mehr zu Transgender Treffen, ich schreibe nicht mehr in TransForen und ich habe immer weniger das Bedürfnis, mich mit trans auseinanderzusetzen. Ich habe die Hoffnung, dass ich endlich durch bin mit dem Thema. Ich bin zurück im normalen Leben, ohne dass trans darin das Hauptthema ist und ich habe jetzt mehr oder weniger dieselben Alltagsproblemen, wie jede andere Frau auch. Lassen wir Cellulite und Regelschmerzen einmal außen vor :-)

Svenjas Abschied in die NormalitätAlle meine Interessen, meine Hobbys und meine Leidenschaften sind noch da. "Danke Jungs, dass ihr so lange auf mich gewartet habt." Ich träume wieder vom Endurowandern, von Abenteuerreisen mit Zelt und Schlafsack und ich spare wie verrückt auf eine kleine Enduro. Seit Wochen arbeite ich hingebungsvoll an einem Relaunch meiner Svendura Website, die ich so lange vernachlässigt habe, und die gerade tausend Prozent meiner Zeit frißt. Endlich wieder vertrautes Zeugs, das einmal nichts mit trans zu tun hat.
Außerdem koche ich leidenschaftlich gern, ich liebe Bücher, das Theater, die Oper und neuerdings auch das Ballet. Und natürlich liebe ich es, mich schön anzuziehen.

Vier Jahre lang hat die Verwandlung von Sven in Svenja meine ganze Energie gefressen. Die Welt drehte sich um Ärzte und Gutachter, um Laserbehandlung und Hormone, um Klamotten und Passing, um Namensänderung und Gerichtsbeschlüsse und darum, wie ich als transsexuelle Polizistin im Dienst klarkommen würde. Werde ich ausgelacht, links liegen gelassen, oder sogar gemobbt? Dreimal nein. Der Dienst läuft bestens und macht mir mehr Freude, als jemals zuvor.
Endlich bin ich im normalen Frauenleben angekommen und natürlich habe ich jetzt auch ständig irgendwelche wichtigen Frauendinge zu erledigen. Außerdem kann ich als Frau alles das tun, was auch ein Mann tun kann. Aber ich kann das auch auf hohen Schuhen, Baby :-)

Svenja and the City geht weiterDer Blog geht weiter. Er ist längst ein Teil meines Lebens geworden, den ich nicht mehr missen möchte. Meine Güte, was habe ich Tränen vergossen in den letzten viereinhalb Jahren. Soviele Erlebnisse, die ich niemals vergessen werde. Vielleicht werden die Postings etwas seltener, aber das Thema Transgender wird niemals ganz daraus verschwinden, denn dieser Blog handelt von mir und ich bin Svenja, eine ganz normale transsexuelle Frau.

Dienstag, 9. Februar 2010

Die erste Abmahnung

Svenja und ein Glas Blanchet
„...wenden sich mit ihrer Veröffentlichung an einen Personenkreis, der durch eine besondere sexuelle Orientierung gekennzeichnet ist.“ Wie bitte?

Ich versteh nur Bahnhof, aber es wird sogar noch besser: „Eine derartige Rubrizierung stößt die Mehrheit der Besucher ab und veranlasst potenzielle Gäste, den Betrieb meines Mandanten gar nicht erst aufzusuchen.“


Moment mal, das muss ich von Anfang an lesen. Es geht ja gar nicht um meinen Blog Svenja-and-the-City, sondern um meinen Kieler Fremdenführer für Transgender.

In meinem Kieler Stadtführer beantworte ich die Frage, wo kann T-girl hingehen, auch wenn das Passing noch lückenhaft ist? Unter anderem empfehle ich Bars und Kneipen, die ich selbst getestet habe und die ich für besonders tolerant und weltoffen halte. Natürlich nenne ich auch die einschlägigen Szenelokale, wie das Birdcage, erwähne aber ausdrücklich, dass die Kneipe, um die es hier geht, eben kein solches Szenelokal ist, man dort als T-Girl aber dennoch gut aufgehoben ist.

Die Empfehlung dieser speziellen Kneipe steht allerdings schon seit Monaten auf meiner Streichliste, weil das Publikum im vergangenen Jahr ständig prolliger wurde, solange bis ich einmal in eine ziemlich heikle Situation geraten bin. Passing hin, oder her, wenn betrunkene Ausländer merken, dass in ihrer Kneipe Schwuchteln* tanzen, dann wird es gefährlich und so war es auch.

Inzwischen habe ich meinen Kieler Fremdenführer komplett vom Netz genommen, solange bis ich irgendwann Zeit finde, ihn ganz neu zu gestalten. Einige Tipps waren ohnehin veraltet und ich habe auch ein wenig das Sendungsbewußtsein verloren.

Fazit: Niemals habe ich daran gedacht, dass eine Bar, ein Restaurant, oder ein Theater vielleicht gar nicht von mir als besonders tolerant, nett und weltoffen empfohlen werden möchten. Machen wir uns nichts vor, was sollen denn die zahlenden Gäste denken, wenn dort Typen wie ich abhängen...?!

Svenja ist sauer“ border=

*Schwuchteln: Eine Bezeichnung bildungsferner Schichten für jede Erscheinungsform von Transgendern, Homosexuellen und sonstwie verdächtigen Personen. Sehr beliebt ist auch der quer über die Straße gegröhlte Ruf: "Ey, Schwuchtel!"

Sonntag, 7. Februar 2010

Trennungsschmerz

Sven Svenja Verwandelung Hormone Transgender KielMeine Güte, was habe ich den Typen geliebt. Charmant konnte er sein. Und als Frau habe ich mich bei ihm immer sicher und geborgen gefühlt. Mit dem konnte ich überall hingehen. Manchmal trauere ich noch heute um meinen Sven.

Dabei war ich es, die Schluss gemacht hat und nicht er. Heilfroh war ich, den Kerl endlich aus meinem Leben zu haben.

Um ihn wirklich loszuwerden, musste ich ihn allerdings fast umbringen. Meine Tatwaffen waren Hormone, Laser und Wimperntusche, meine Mittäter Deichmann, Douglas und H&M.

Viereinhalb Jahre ist es her, dass ich ein neues Leben als Svenja angefangen habe. Ob ich Sven nicht mehr geliebt habe? Doch, schon, aber meine Liebe zu Svenja war überwältigend stärker. Nach der Trennung von Sven habe ich sogar meinen Namen geändert und endlich meinen Mädchennamen angenommen, Svenja :-)

Das Leben als Frau ist so ganz anders, völlig neu und frisch und wunderbar. Das Gefühl, alle Dinge noch einmal neu zu erleben, einerseits vertraut und dabei doch ganz anders. Zum ersten Mal als Frau zum Dienst gehen, ins Kino, zum Arzt, auf eine Party, in die Werkstatt, ein Motorrad probefahren, zu Freunden, zum Friseur, ins Solarium, Schuhe kaufen, meinen Nachbarn begegnen...

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie aufregend das ist. Mein ganzes Leben ist brandneu. Fast wie in diesen Zeitreisefilmen, in denen der Held die Chance bekommt, alles noch einmal neu und diesmal auch richtig zu machen. Wer bekommt schon eine solche Chance? In dieser Hinsicht sind wir Transgender fast zu beneiden.

Aber dennoch. An manchen Tagen in meinen dunklen Stunden, wenn ich als Svenja irgendwo versagt habe, wenn ich vielleicht gekränkt oder verletzt worden bin, dann spüre ich diesen bittersüßen Trennungsschmerz. Aber auch das gehört zum Leben transsexueller Frauen.

Fazit: Ich bin längst angekommen in meinem neuen Leben als Svenja und ich bin glücklich darin. Sicher, mein Leben ist nicht perfekt, aber doch so nahe dran, wie es nur sein kann. Ich bin jung und gesund, habe einen tollen Job und lebe glücklich als Frau. Besser kann es kaum noch werden.

Stimme aus dem Off, die verdächtige Ähnlichkeit mit Svens Stimme hat: "Dafür habe ich viel leichter Frauen kennengelernt als du, ätsch."
Svenja: "Blödmann!"

Donnerstag, 4. Februar 2010

Neue Overknees

Svenja im Minikleid Minirock mit Overknees und Strumpfhosen
Diesen Winter steh ich total auf Overknee Stiefel. Am liebsten mit flachen Sohlen und aus ganz weichem Wildleder. Schwarze und braune Overknees habe ich ja schon, aber an diesen graublauen Beauties kann ich einfach nicht vorbeiklicken.

Kennt ihr diese Mischung aus Jagdfieber und schlechtem Gewissen? Ihr entdeckt online einen sagenhaft tollen Artikel und ihr wisst ganz genau, gleich isser weg? Den gibts niemals wieder? Never, nie und nirgendwo? Ich schalte instinktiv sofort um auf Robot Mode. Full Automatic Shopping. Größe 41? Ist noch da. Habe ich 69 Euro übrig? Nein. Macht nichts. Gehirn ausschalten. Klick: Artikel in den Warenkorb. Klick: Bestellung abschicken. Schlechtes Gewissen? Ignorieren! Glück gehabt, jetzt ist 41 ausverkauft, auf meinen weiblichen Shopping Instinkt ist immer Verlass.

Ein paar Tage später eine SMS von Packstation 106, meine Stiefel sind da. Wow, die sehen klasse aus. Eine Mischung aus grau, blau und asphalt. Heute gebe ich im Büro die perfekte Version einer grauen Maus. Die farblich passende Strumpfhosen aus Mikrofaser hab ich letzte Woche bei ALDI ergattert. Wie gut, dass ich gleich alle Farben mitgenommen habe, die sind nämlich echt klasse. Oh, no! Gerade entdecke ich, dass es die gleichen Stiefel auch noch in taupe gibt. Und kosten nur 55 Euro. Es wird nachberichtet...

Shirt: Vero Moda, 19,90 €
Strumpfhose: ALDI, 2,59 €
Stiefel: Blink, 69 €

Sonntag, 31. Januar 2010

Mein normales Leben

Svenja Transgender Blog Kiel in Aufbruchstimmung[Original Chat-Protokoll vom 1. Oktober 2009]
Sie: weißt du was süße?
Ich: ?
Sie: ich glaube, es wird allmählich zeit, dass dein NORMALES leben anfängt
Ich: Toll gesagt. Du musst mir unbedingt mehr davon erzählen, wie du das meinst. Ich würde gerne darüber bloggen und diesen Satz zitieren
Sie: ja das machen wir

Mein normales Leben? Ich kann daran verzweifeln. Einerlei wie gut mein Passing* ist, egal wie weiblich ich mich kleide, lebe, denke und handele, 43 Jahre lang habe ich als Mann gelebt. Ich bin Transgender, transsexuell, einfach eine Transe, wie einige sagen.

Gibt es überhaupt ein normales Leben für so jemanden wie mich? Kann Svenjas Leben jemals so sein, wie das einer ganz beliebigen BioFrau*?

Am Anfang scheint alles so einfach. Das Transleben dreht sich darum, möglichst schnell ein gutes Passing zu erreichen. Gehe ich schon als Frau durch? Hat jemand was gemerkt? Ein Lacher, ein Tuscheln, ein merkwürdiger Blick?

Drei Jahre dauert die Lehrzeit bis ich das Problem gelöst und meinen Gesellenbrief als Frau in der Handtasche habe. Ich habe geschminkt und gelasert, epiliert, gestylt, getuscht und gepudert, solange bis der alte Sven unter einer Schicht von MakeUp und Hormonen verschwunden war. Doch jetzt geht es um mein Meisterstück: Ein normales Leben als Frau.

Worin unterscheidet sich mein Leben überhaupt von dem einer durchschnittlichen BioFrau? Nun, zum Einen gibt es eine Lücke von 43 Jahren in meinem Lebenslauf. Jede Frage zu meiner Vergangenheit führt entweder geradewegs zu einer Lüge, oder zu einem ungewollten Outing als Transgender.

„Haben Sie Kinder?“
„Ja, fünf.“
„Oh, fünf Kinder und trotzdem noch so eine Figur.“
„Danke, das ist nett. Aber ich habe die Kinder nicht geboren, sondern... Nun, ich habe sie gezeugt.“
„...?“

Dann der ganze Komplex Partnerschaft, Liebe und Sexualität. Der macht es noch komplizierter. Trans bin ich zwar schon mein ganzes Leben lang, aber seit fünf Jahren soll ich nun auch noch lesbisch sein. Wie das, fragt ihr? Als gynophile Transsexuelle stehe ich auf Frauen. Die Mehrzahl der MzF* Transgender tut das. Dann bin ich also nicht nur trans, sondern lesbisch obendrein? Meine Güte, welch ein Durcheinander.

Ich will jetzt endlich mein normales Leben zurück. Ich will kein Paradiesvogel sein, keine Transe, sondern endlich eine Frau, wie jede andere auch. Äußerlich habe ich das fast geschafft, aber innerlich ist noch alles in ziemlicher Unordnung, das reinste Chaos.

Bis jetzt kann ich nur sagen: „Mein Name ist Svenja. Ich lebe heute als Frau und zurzeit bin ich Single. Von Beruf bin ich Kriminalbeamtin. Ob ich glücklich bin? Fragen Sie mich das an einem anderen Tag. Ich will endlich mein normales Leben zurück!“

Diesmal bin ich besonders neugierig auf eure Kommentare. Habt ihr vielleicht einen Denkanstoß für mich? Welchen Rat kann eine BioFrau mir geben? Ist euer Leben ganz normal, oder doch nicht so einfach und geradlinig, wie ich mir das vorstelle?

Und die Männer: Könnt ihr euch in so eine Problematik überhaupt hineindenken? Mir vielleicht sogar einen Tipp geben? Soll ich versuchen, die Legende um jeden Preis aufrecht zu erhalten? Eher Lüge als Outing, oder doch lieber umgekehrt?

Und am wichtigsten die Meinung anderer Transgender. Habt ihr schon über Röcke und Kleider, Passing, Hormone und OP hinausgedacht und euch die eine Frage gestellt: Was kommt danach?
Helft mir mal, ich will endlich mein normales Leben zurück.

*Passing: So weiblich auszusehen, dass andere den ExMann in uns nicht bemerken.
*BioFrau: Nicht trans, sondern als Frau geboren (Echte Doppel-X Chromosomen, echte Cellulite :-)
*MzF: Mann zu Frau Transgender.

Freitag, 29. Januar 2010

Was mich glücklich macht

Svenja happy 101 awardVon der lieben Lavendelina habe ich einen Happy 101 Sweet Friends Award in Lieblingsrosa bekommen. Meine Aufgabe ist es jetzt, euch zehn Dinge zu nennen, die mich glücklich machen.

Ich hab gar nicht lange überlegen müssen, was es ist, das mein kleines Herz höher schlagen lässt.
Und weil der Happy 101 zugleich ein Stöckchen ist, reiche ich es hiermit huldvoll weiter an Lily von Blogorrhoe, damit endlich etwas rosa auf ihre Seite kommt. Jetzt bist du dran, liebe Lily ...


Es macht mich glücklich...
  1. gesund zu sein, oder wenigstens schlecht untersucht.
  2. endlich als Frau zu leben, ohne noch dauernd als Transgender erkannt zu werden.
  3. dass meine Eltern mich so lieben wie ich bin.
  4. wenn mir jemand Zuneigung, oder sogar Liebe entgegenbringt.
  5. wenn ich verliebt bin.
  6. wenn mein Leben in Ordnung ist und es keine losen Enden gibt.
  7. gemeinsam mit Freunden zu kochen und dabei dauernd den zu Kochwein probieren.
  8. mit der Enduro zu reisen mit Zelt und Schlafsack hinten drauf.
  9. dass ich schlank bin und mich schön anziehen kann.
  10. in einem freien und liberalen Land zu leben, wo ich so sein darf, wie ich bin.

Montag, 25. Januar 2010

Mein Karstadt macht zu - Oder: Shoppen für Svenja

Schließung Karstadt Kiel Filiale Alter MarktWas lese ich eben im Kieler Express? Meine Karstadt Filiale in Kiel, Am Alten Markt wird geschlossen? Ich fasse es nicht. Das ist mein absoluter Leib und Magen Lieblings Karstadt. Ich kauf da schon seit 27 Jahren immer wieder gerne ein. Nur scheinbar nicht genug, denn am 12. März 2010 ist letzter Verkaufstag.

In den Achtzigern hat Sven in dieser Filiale alles eingekauft, was Svenjas Herz begehrte. Und schon damals war es ziemlich nervig, mit Svenja einkaufen zu gehen. Rücksichtslos musste Sven alles anprobieren, das Svenja gefiel.

Svenja: "Jetzt probierst du noch den Jeansrock und das Oberteil."
Sven: "Aber ich hab doch eben schon zwei andere anprobiert. Was war mit denen denn nicht richtig?"
Svenja: "Mit denen war alles richtig und deshalb nehmen wir die auch alle beide."
Sven: "Oh, menno. Aber ich komm diesmal nicht aus der Umkleide und stell mich wieder vor den großen Spiegel. Die Teenys lachen immer über mich."
Svenja: "Meine Güte, Sven. Wie kann man nur so ein Mädchen sein. Stell dich nicht so an, das sind die Achtziger Jahre. Außerdem fand ich dich in dem hellblauen Trägerkleid schon ganz süß. Bis auf die behaarten Arme vielleicht, kicher...".
Sven: verdreht wortlos die Augen und verschwindet wieder in der Umkleidekabine.
Svenja: "Und danach fahren wir mit der Rolltreppe zu den Schuhen. Ich brauch Ballerinas. Den Rock kannst du solange anlassen."
Sven: "Oh, no! Das ist nicht dein Ernst, oder? Tut das wirklich Not?". Aber natürlich kennt er Svenjas Antwort schon vorher.

Und das Beste für Svenja war, dass ER hinterher auch noch die ganzen Klamotten, Schuhe und Strumpfhosen bezahlen musste. Auf der Kreditkarte stand schließlich noch sein Name :-)

Fazit: Für Außenstehende klingt es reichlich schizophren, aber Transgender kennen diese Situation aus der ersten Zeit ihrer Entwicklung. Solange die Frau in uns noch keinen eigenen Körper hat, muß unser männliches Alter Ego die Klamotten für uns anprobieren. Dass es dabei natürlich auch zu manch unfreiwilliger Komik und hoffentlich auch einer Menge Spaß kommt, sollte man einfach als Teil des Alltagstests akzeptieren. So what? Das hier ist Deutschland, hier dürfen wir das.

PS: Das Foto wurde im Sommer 2008 in der Kieler Holstenstraße aufgenommen. Im Hintergrund die Karstadt Filiale, die nun bald geschlossen wird. In jenem Sommer konnte Svenja ihre Klamotten schon selbst anprobieren. Sven hatte die Gute drei Jahre zuvor bei Nacht und Nebel verlassen. Männer eben. Leider nahm er auch seine Kreditkarte mit, so dass Svenja heute alles selbst bezahlen muss. Aber dafür hat sie jetzt ihre eigene VISA-Card.

Donnerstag, 14. Januar 2010

Frauen als Konkurrenz

Ich merke, wie ich langsam richtig schlechte Laune kriege. Die beiden Blondinen auf der Tanzfläche im Nightfever sehen ja wohl sowas von billig aus. „Sag mal, hast du das Kleid von der Dicken mit den Glubschaugen gesehen? Noch kürzer ging wohl nicht, oder was?“

Claudia guckt mich leicht schräg von der Seite an. Sie weiß genau, was es bedeutet, wenn ich meine Sätze mit „oder was?!“ beende. „Aber die sehen doch total süß aus und sind erst höchstens 20. Und die Kleine ist doch gar nicht fett. Im Gegenteil, die hat eine super Figur und wunderschöne große Augen.“.

"Falsche Antwort.", denke ich, aber Claudia ist nicht mehr zu bremsen: „Überhaupt, bist du doch nur sauer, weil ihr Kleid sogar noch kürzer ist als deins und sie dir damit die Show stiehlt und außerdem...“. Irgend etwas in meinem Blick lässt Claudia den Satz nicht beenden.

Welche Frau ist hübscher“ border=

"Ja, ich weiß, du hast ja Recht, aber ich kann manchmal einfach nicht anders."
, murmele ich vor mich hin, während ich meine Jacke hole und mir ein Taxi rufen lasse. „Billige kleine Schlampen, möge euch die Cellulite früh heimsuchen!“, füge ich so leise hinzu, dass Claudia es nicht hören kann.

Meine Laune ist im Eimer. Natürlich sehen die beiden Mädchen total süß aus und ihre Klamotten sind sogar richtig stylish und sexy. Ich platze fast vor Neid auf ihr schönes Aussehen, auf ihre Jugend und darüber, dass sie schon als Frauen geboren wurden und ich erst alles aufholen muss, wozu ich keine echte Chance habe, weil ich immer älter werde und mir allmählich die Zeit wegläuft. Bald werde ich 50 sein und da hilft es mir auch nicht, wenn ich mich scherzhaft auf süße 25 runterrechne.

Trotzdem ist dieser fiese Neid ein ganz unangenehmer Gedanke. So kenne ich mich überhaupt nicht. Ich bin sonst niemals neidisch. „Mein Auto, mein Haus, meine Yacht“, funktionieren bei mir nicht. Also, was ist los mit mir? Diese Gefühle waren mir als Mann völlig fremd.

Im Taxi murmelt Claudia: „Frag doch mal die BioFrauen*, die deinen Blog lesen, ob die das auch haben? Frag doch einfach mal.“

Als frage ich euch: Kennt ihr dieses Gefühl? Vergleicht ihr euch auch mit anderen Frauen und freut euch über jede, die schlechter aussieht? Und ärgert ihr euch, wenn jemand jünger und hübscher ist und fühlt euch dadurch gleich zurückgesetzt?

Ich merke schon, es ist gar nicht so einfach, eine Frau zu sein.


*BioFrauen: Frauen, die bereits als Frauen geboren wurden. Der Begriff wird benutzt, um sie von Transfrauen zu unterscheiden.

Montag, 11. Januar 2010

Svenja hat Geburtstag

Svenja Transgender im Kieler Schauspielhaus FoyerHeute habe ich Geburtstag. Und weil jeder weiß, dass T-Girl Jahre durch zwei geteilt werden, ist dies heute mein Vierundzwanzigster. Das ist nur gerecht als Ausgleich für die rosa glitzernde Teeny Wheeny Girly Pubertät, um die ich betrogen wurde. Und die feiere ich gerade nach. Übrigens schon im fünften Jahr. :-)

Ein Geschenk habe ich mir selbst gestern schon gemacht: Ich habe mir ein paar hammergeile Overkneestiefel im Internet bestellt. Graues Wildleder, flacher Absatz, aber kaum Nieten, Schnallen und Glitzer dran. Bestimmt sehen die total süß aus mit der hellgrauen gerippten Strickstrumpfhose und dem hellen Jeansmini. Mit 24 kann man sowas schließlich noch anziehen...


Prost, ihr Lieben. Bitte stoßt mit mir auf Svenjas Vierundzwanzigsten an.
PS: das ist übrigens eine ganz normale Strumpfhose, die ich unter der Fishnet trage, nur ein bisschen runtergerutscht. Aber das Problem haben wir ja bereits ausführlich diskutiert...

Nachlese: Es war ein netter Geburtstag und ich hab sogar ein paar tolle Geschenke bekommen: MCM Parfum Obelisk, ein Buch von Hirschhausen über das Wachstum der Leber, Max Goldt - Ein Buch namens Zimbo, einen riesigen Strauß rosa Rosen und eine Teetasse mit Motiven von Gustav Klimt.

Leider haben außer meinen Eltern und meiner besten Freundin Claudia alle den Tag vergessen, sogar mein bester Freund, die Familie sowieso (entschuldbar weil gegenseitig) und auch alle sonstigen "Freunde" und Bekannten. Das heißt, nein, nicht ganz: Dian hat mich nicht vergessen. Sie war vor 30 Jahren meine Verlobte und wir hatten eine tolle Zeit zusammen. Heute wohnt Dian wieder irgendwo in den Smoky Mountains in North Carolina, USA, aber sie vergisst niemals einen Geburtstag. Danke, honey, wie süß von dir, an mich zu denken.
Hier im Blog habe ich an die hundert mega schmeichelhafte Gratulationen bekommen. Und dafür danke ich euch allen von Herzen.

Samstag, 9. Januar 2010

Mein erstes Date

Svenja Kiel Holtenauer Straße Einkaufsbummel Schneetreiben„Lust auf ‘nen Kaffee?“ Ich bin völlig verblüfft. Vor mir steht ein junger Mann, vielleicht Mitte 30. Geschäftsmann, Boris Becker Typ. Er trägt einen Business Anzug und darüber ganz lässig einen Burberry Mantel. Alles zusammen vermutlich teurer, als mein Jahresbudget für Deichmann und Vero Moda zusammen. Nur gucken kann er wohl nicht so gut, denn er hält mich tatsächlich für eine BioFrau.

Mit meinen 9cm Keilabsätzen bin ich knapp über einsneunzig groß und es geschieht nicht gerade oft, dass ich hochschauen muss, um jemandem ins Gesicht zu sehen. Ich bin leicht verunsichert und ziemlich überrumpelt. Und selbst wenn ich es niemals offen zugeben würde, fühle ich mich zugleich ganz schön geschmeichelt.

„Ja, gerne.“, antworte ich und denke im selben Augenblick: „Mist. Zuviel Begeisterung. Die richtige Antwort wäre ein völlig uninteressiertes: ,Warum nicht?‘“ gewesen. Oh, wie ich diese Antwort früher gehasst habe. Erst in diesem Moment fange ich an, den Sinn dahinter zu verstehen.

In der Campus Suite am Europaplatz bestellt mein Begleiter zwei Becher Kaffee. Welch ein stranges Gefühl das ist, von einem Mann eingeladen zu werden. In meinem früheren Leben habe meistens ich für die Girls bezahlt. Bloß einmal, auf einem Motorradtreffen, hat ein Kumpel mir einen lappigen Pappbecher Bier hingestellt und dabei lässig gesagt: „Lass gut sein, Mann.“

Das hier fühlt sich anders an. Ganz anders. Ist das schon ein Date? Ich hoffe nicht, denn ich fühl mich auch so schon unwohl genug. Die Situation erinnert mich an mein Erlebnis im Tanzpalast vor einigen Monaten.

Ich erfahre, dass mein Date Coffee Buddy ,Hagen‘ heißt und Hagen ist ein ziemlich guter Small Talker. Er ist charmant, höflich und dabei eher ernsthaft als witzig. Er hat es wirklich recht gut drauf, nur eines nicht: Er hat immer noch nicht gemerkt, dass ich selbst mal ein ganz guter Frauen Small Talker gewesen bin. Ein wenig fühle ich mich wie ein Betrüger.

Wir unterhalten uns angeregt fast eine Stunde lang und ich bin hingerissen. Nicht von Hagen, sondern von mir selbst, von meinem Erfolg, von meinem Passing. Erst gegen Ende habe ich das Gefühl, dass Hagens Anstrengungen ein wenig nachlassen. Hat er was gemerkt? Ist es vielleicht meine Stimme? Oder hätte ich nicht sagen sollen, dass ich gute 15 Jahre älter bin als er und auch das mit den fünf Kindern und der ExFrau besser weggelassen?

Fazit: Es ist gar nicht so leicht, eine Frau zu sein, jedenfalls dann nicht, wenn man 43 Jahre lang als Mann gelebt hat und die Biester bisher nur aus der anderen Perspektive kannte.

Vor Jahrzehnten war ich es, der eingeladen hat, charmant war, Kaffee, Essen, Bier und free rides home ausgegeben hat, immer in der Hoffnung, ein Herz und hoffentlich mehr zu erobern. Um die Sache voranzutreiben, hab ich alles Mögliche getan und sogar einiges Unmögliche, aber eines, eines hab ich nie und never getan: Ich hab mich niemals mit den Worten verabschiedet:
„Man sieht sich!“
Blöder Kacker!

Notizen fürs Tagebuch:
1. Wieso ist mir diese Masche früher nicht selbst eingefallen?
2. Ob ich damit heute bei einer Frau noch Erfolg hätte? „Lust auf ,nen Kaffee?“

Sonntag, 3. Januar 2010

Rückblick auf ein Jahrzehnt

Sven Narvikstrasse Kiel1.1.2000
Ich lebe mit meiner Frau und unseren 5 Kindern in einem gemütlichen Reihenhaus in Kiel. Seit mehr als fünf Jahren bin ich jetzt verheiratet und wir sind eine etwas laute und manchmal chaotische, aber ansonsten recht glückliche 7-köpfige Familie.
Zwei Hunde, diverse Kleintiere, massenweise Fahrräder, Skateboards und Playstations und natürlich eine große Familienkutsche gehören ebenfalls zum Haushalt.






Sven in AustralienJanuar 2001
Meine Familie und ich fassen den Entschluss auszuwandern. Ich fliege für eine Weile nach Australien und bewerbe mich dort um einen Job bei der Polizei in Brisbane. Im Bereich Computer Forensics werden weltweit Spezialisten gesucht und die angebotene Stelle passt genau auf mein Profil. Leider bringt die Stelle zuwenig Geld ein und ich fliege weiter nach Neuseeland zu einem Job Interview bei der Polizei in Wellington. Dasselbe Ergebnis: Ich könnte auf der Südhalbkugel denselben Job erledigen, den ich auch in Kiel mache, nur für wesentlich weniger Geld. Zuwenig für eine siebenköpfige Familie. Wir verlieren den Mut.




November 2001
Meine Frau ist mit ihrem eBay Geschäft als Gold Powersellerin so erfolgreich, dass wir beschließen, in Deutschland zu bleiben und das Geschäft auszubauen. Ich programmiere ihr einen Onlineshop, der so gut funkioniert, dass wir uns ein größeres Haus kaufen können. Wir ziehen nach Trappenkamp und haben plötzlich 9 Zimmer und ein viel zu großes Grundstück.
Uns geht es ausgezeichnet. Wir sind eine glückliche Familie und schwimmen geradezu auf einer Woge von Glück und Erfolg.






Planetopia Layola Fashion Tina und SvenMärz 2004
Der Onlineshop meiner Gattin läuft so erfolgreich, dass Pro7 im Magazin Planetopia darüber einen Beitrag sendet. Der Server im Rechenzentrum bricht trotz aller Vorkehrungen innerhalb weniger Minuten nach Beginn der Sendung zusammen und die Verkäufe im OnlineShop explodieren. Der Erfolg überrollt uns ein wenig, aber die Ehe leidet darunter.
PS: Erkennt ihr den netten Fotografen links im Bild?






Sven mit seiner KTM in Schweden im Wald Wildcampen mit LagerfeuerAugust 2004
Ich kann mir endlich wieder ein Motorrad leisten, yippieh, und erfülle mir mit einer nagelneuen KTM Adventure einen lang ersehnten Traum. Endlich kann ich wieder auf Abenteuertour gehen und spannende Reisen unternehmen. Meine Frau hingegen ist eher der Strandtyp und fliegt nach Mallorca in die Sonne.








Sven ist traurig wegen der bevorstehenden Trennung19. Juli 2005
Meine Frau eröffnet mir: „Sven, ich halte es mit dir nicht mehr aus. Entweder du gehst, oder ich gehe mit den Kindern.“ Sie fordert mich auf, das gemeinsame Haus zu verlassen.

Ich bin völlig am Boden zerstört. Bis zu diesem Moment habe ich nicht das Geringste geahnt. Das müssen die männlichen Gene sein, Männer merken es immer zuletzt, wenn etwas in der Ehe nicht stimmt :-(
Mit diesem Ereignis starte ich im August 2005 meinen Blog Svenja-and-the-City. Anfangs noch ein rein privates Tagebuch, das ich erst später öffentlich freigeschalte.



Svenjas möbliertes Apartment in KielAugust 2005
Ich verlasse das gemeinsame Haus und ziehe in ein kleines möbliertes Apartment mitten in Kiel. In meinem blöden Schockzustand lasse ich alles zurück und bekomme von meiner Frau eine solide Grundausstattung mit: drei Handtücher, je drei kleine und drei große Teller, drei Messer, drei Gabeln und drei Löffel. An Möbeln nehme ich nur meinen Ohrensessel und meinen Computerstuhl mit. Das Apartment ist möbliert, ich brauche nichts.







Svenja geht zum Psychiater TransgenderSeptember 2005
Ich gehe zu einem Arzt, zu einem Spezialisten und stelle ihm die Frage, die mir schon so lange auf der Seele liegt: „Herr Doktor, was ist mit mir los? Ich bin ein 43jähriger Mann, beruflich erfolgreich, Kriminalhauptkommissar, aber ich habe schon mein ganzes Leben lang das Gefühl, in Wahrheit eine Frau zu sein. Das war schon mit sieben oder acht Jahren so. Manchmal ziehe ich heimlich Frauenkleider an und habe mir damit schon ein paarmal erheblich geschadet. Was ist bloß mit mir los?“ Der Doc antwortet...






Outing auf der Dienststelle04.Oktober 2005
Nach dem Verlust meiner Familie gibt es keinen Grund mehr, die männliche Rolle weiter aufrecht zu erhalten. Auf meiner Dienststelle oute ich mich als Transgender und kündige meinen Kollegen an, dass aus mir langsam eine Svenja werden wird.

Das Foto habe ich mit Selbstauslöser in meinem Büro gemacht. Einen Tag nach meinem Outing.





20.Oktober 2005
Ich lerne eine neue Partnerin kennen. Sie ist eine starke, kluge, selbstbewusste Frau und es ist fast Liebe auf den ersten Blick.


Zum ersten Mal im Rock zur ArbeitDezember 2005
Ich gehe zum ersten Mal im Rock zum Dienst und bin total glücklich dabei. Die Last von Jahrzehnten ist von mir abgefallen. Leider erwische ich in meiner Euphorie ein Outfit, in dem ich heute nicht mal zur Teeniedisco stöckeln würde. Die Kollegen sind mehr oder weniger geschockt, rollen heimlich mit den Augen, lassen mich aber in Ruhe. Danke Jungs, dass ihr mich so ertragen habt.






Juni 2006
Meine Ehe wird nach 11 Jahren geschieden. Ich bin geschockt und völlig durcheinander. Frau Liebetrau, unsere Standesbeamtin, hatte damals eine so rührende Rede gehalten und ich habe jedes Wort davon geglaubt. Sie hatte gesagt, so eine Ehe sei für immer. Ich war während der Zeremonie so aufgeregt und so heulig, dass ich kaum genug sehen konnte, um Tina den Ring an den Finger stecken zu können. Welch ein wunderglücklicher Tag.


August 2006
Ich trage zum ersten Mal einen BH, obwohl da überhaupt nichts ist, das gehalten werden müsste. Die Hormonbehandlung liegt noch in weiter Ferne. Ich stopfe ihn mit Falsies aus.


September 2006
Ich beginne mit der Laserepilation im Gesicht. Der dunkle Bartschatten, der spätestens ab 14 Uhr fröhlich durchs MakeUp wächst, ist immer noch mein schlimmstes Erkennungszeichen.


Oktober 2006
Meine Freundin Conny und ich erleben unseren ersten Jahrestag. Es ist unglaublich, wie sehr sie mich auf meinem Weg unterstützt und mit welchem Selbstbewusstsein sie zu mir hält. Wir können uns unglaublich gut unterhalten und führen oft stundenlange Gespräche. Ich bin wieder glücklich, vermisse gleichzeitig aber mein Familie so sehr, dass es manchmal mein Herz zerreißt.


Gerichtsbeschluss zur Vornamensänderung Sven zu SvenjaDezember 2006
Sechs Tage vor Heiligabend finde ich im Briefkasten den Gerichtsbeschluss mit meiner Vornamensänderung. "Hurra, es ist ein Mädchen!" Ich heißt jetzt endlich wirklich offiziell und ganz richtig Svenja. Oh, ich bin so glücklich.









Svenjas 25 jähriges DienstjubliäumSeptember 2007
Ich feiere mein 25-jähriges Dienstjubiläum als Kriminalbeamtin. Es gibt eine große Jahrgangsfeier mit einer Rede und einem gemeinsamen Essen. Ich habe mich hübsch angezogen und nehme voller Freude daran teil. Wie gefällt euch mein Outfit? Zu konservativ für eine Jubliäumsfeier?







Oktober 2007

Ich ziehe in das Haus meiner Freundin ein, behalte aber mein Apartment. Es dient jetzt nur noch als Schuh- und Klamottenlager. Wir leben jetzt wie eine kleine Familie zusammen und haben eine sehr glückliche Zeit.


April 2008
Es kommt zu einem schlimmen Streit mit meiner Freundin, der zum Ende unserer Beziehung führt. Ich ziehe bei ihr aus und bin zurück in meiner kleinen Wohnung in Kiel.


Ich verliere das Sorgerecht für meine KinderAugust 2008

Ich verliere das Sorgerecht für meine Kinder und zerbreche an diesem Tag beinahe daran. Es ist mir völlig unbegreiflich, wie es soweit hat kommen können. Trennung, Scheidung, keinen Kontakt zu meinen Kindern mehr: „Die Kinder wollen dich so nicht sehen.“
Ich bin am absoluten Tiefpunkt meines neuen Lebens angekommen. Von diesem Punkt aus kann es nur wieder besser werden und so ist es auch.





Die Pille für TransgenderDezember 2008
Mein Arzt verschreibt mir die Pille. Weniger aus Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft, sondern eher deshalb, weil mein Testosteronspiegel, das sind die männlichen Hormone im Blut, noch immer etwas zu hoch sind. Die Apothekerin merkt offenbar nicht, dass ich keine BioFrau bin und gibt mir Tipps, um eine Schwangerschaft ganz sicher zu vermeiden. Ich höre nur mit einem Ohr zu, denn ich bin mir auch so ziemlich sicher.





Dezember 2008
Auch wenn ich selbst immer überzeugender als Frau lebe, so vermisse ich doch aus tiefstem Herzen eine liebevolle Partnerin an meiner Seite. Ich fühle mich einsam und falle in eine schlimme Weihnachtsdepri.


Januar 2009
Ich fange endlich damit an, mir die Brust epilieren zu lassen. So hübsch meine Brüste auch gewachsen sind: unbehaart sind sie vielleicht noch femininer.


Mai 2009
Ich lerne eine Kollegin kennen und wir freunden uns spontan an. Sie ist ein ganzes Stück jünger als ich, aber weder das, noch meine besondere Lebenssituation scheinen sie zu stören. Wir verstehen uns bestens. Wir entdecken unsere gemeinsame Liebe zu Büchern, zur Kunst und füreinander :-)


Transgender Hormone Point of no Return SvenjaSeptember 2009
Meine Entwicklung erreicht den Point of no Return. Inzwischen gehe ich auch als Frau durch, wenn ich nicht besonders gestylt und geschminkt bin. Nur meine Stimme gibt mich manchmal noch weg, aber das ist nicht weiter schlimm.








Oktober 2009
Meine Partnerin macht Schluss und ich bin wieder Single.


Fazit: Im Streit hat meine inzwischen geschiedene Frau einmal zu mir gesagt:
„Du wirst es niemals schaffen, eine Frau zu werden. Du wirst immer ein Kerl in Frauenkleidern sein.“
Heute bin ich nicht mehr sicher, ob sie damit wirklich Recht hatte ...


Fortsetzung folgt in 10 Jahren...