1.1.2000Ich lebe mit meiner Frau und unseren 5 Kindern in einem gemütlichen Reihenhaus in Kiel. Seit mehr als fünf Jahren bin ich jetzt verheiratet und wir sind eine etwas laute und manchmal chaotische, aber ansonsten recht glückliche 7-köpfige Familie.
Zwei Hunde, diverse Kleintiere, massenweise Fahrräder, Skateboards und Playstations und natürlich eine große Familienkutsche gehören ebenfalls zum Haushalt.
Januar 2001Meine Familie und ich fassen den Entschluss auszuwandern. Ich fliege für eine Weile nach Australien und bewerbe mich dort um einen Job bei der Polizei in Brisbane. Im Bereich Computer Forensics werden weltweit Spezialisten gesucht und die angebotene Stelle passt genau auf mein Profil. Leider bringt die Stelle zuwenig Geld ein und ich fliege weiter nach Neuseeland zu einem Job Interview bei der Polizei in Wellington. Dasselbe Ergebnis: Ich könnte auf der Südhalbkugel denselben Job erledigen, den ich auch in Kiel mache, nur für wesentlich weniger Geld. Zuwenig für eine siebenköpfige Familie. Wir verlieren den Mut.
November 2001Meine Frau ist mit ihrem eBay Geschäft als Gold Powersellerin so erfolgreich, dass wir beschließen, in Deutschland zu bleiben und das Geschäft auszubauen. Ich programmiere ihr einen Onlineshop, der so gut funkioniert, dass wir uns ein größeres Haus kaufen können. Wir ziehen nach Trappenkamp und haben plötzlich 9 Zimmer und ein viel zu großes Grundstück.
Uns geht es ausgezeichnet. Wir sind eine glückliche Familie und schwimmen geradezu auf einer Woge von Glück und Erfolg.
März 2004Der Onlineshop meiner Gattin läuft so erfolgreich, dass Pro7 im Magazin Planetopia darüber einen Beitrag sendet. Der Server im Rechenzentrum bricht trotz aller Vorkehrungen innerhalb weniger Minuten nach Beginn der Sendung zusammen und die Verkäufe im OnlineShop explodieren. Der Erfolg überrollt uns ein wenig, aber die Ehe leidet darunter.
PS: Erkennt ihr den netten Fotografen links im Bild?
August 2004Ich kann mir endlich wieder ein Motorrad leisten, yippieh, und erfülle mir mit einer nagelneuen KTM Adventure einen lang ersehnten Traum. Endlich kann ich wieder auf
Abenteuertour gehen und spannende Reisen unternehmen. Meine Frau hingegen ist eher der Strandtyp und fliegt nach Mallorca in die Sonne.
19. Juli 2005Meine Frau eröffnet mir: „Sven, ich halte es mit dir nicht mehr aus. Entweder du gehst, oder ich gehe mit den Kindern.“ Sie fordert mich auf, das gemeinsame Haus zu verlassen.
Ich bin völlig am Boden zerstört. Bis zu diesem Moment habe ich nicht das Geringste geahnt. Das müssen die männlichen Gene sein, Männer merken es immer zuletzt, wenn etwas in der Ehe nicht stimmt :-(
Mit diesem Ereignis starte ich im August 2005 meinen Blog Svenja-and-the-City. Anfangs noch ein rein privates Tagebuch, das ich erst später öffentlich freigeschalte.
August 2005Ich verlasse das gemeinsame Haus und
ziehe in ein kleines möbliertes Apartment mitten in Kiel. In meinem blöden Schockzustand lasse ich alles zurück und bekomme von meiner Frau eine solide Grundausstattung mit: drei Handtücher, je drei kleine und drei große Teller, drei Messer, drei Gabeln und drei Löffel. An Möbeln nehme ich nur meinen Ohrensessel und meinen Computerstuhl mit. Das Apartment ist möbliert, ich brauche nichts.
September 2005Ich gehe zu einem Arzt, zu einem Spezialisten und stelle ihm die Frage, die mir schon so lange auf der Seele liegt:
„Herr Doktor, was ist mit mir los? Ich bin ein 43jähriger Mann, beruflich erfolgreich, Kriminalhauptkommissar, aber ich habe schon mein ganzes Leben lang das Gefühl, in Wahrheit eine Frau zu sein. Das war schon mit sieben oder acht Jahren so. Manchmal ziehe ich heimlich Frauenkleider an und habe mir damit schon ein paarmal erheblich geschadet. Was ist bloß mit mir los?“ Der Doc antwortet...
04.Oktober 2005Nach dem Verlust meiner Familie gibt es keinen Grund mehr, die männliche Rolle weiter aufrecht zu erhalten. Auf meiner Dienststelle
oute ich mich als Transgender und kündige meinen Kollegen an, dass aus mir langsam eine Svenja werden wird.
Das Foto habe ich mit Selbstauslöser in meinem Büro gemacht. Einen Tag nach meinem Outing.
20.Oktober 2005Ich lerne eine neue Partnerin kennen. Sie ist eine starke, kluge, selbstbewusste Frau und es ist fast Liebe auf den ersten Blick.
Dezember 2005Ich gehe
zum ersten Mal im Rock zum Dienst und bin total glücklich dabei. Die Last von Jahrzehnten ist von mir abgefallen. Leider erwische ich in meiner Euphorie ein Outfit, in dem ich heute nicht mal zur Teeniedisco stöckeln würde. Die Kollegen sind mehr oder weniger geschockt, rollen heimlich mit den Augen, lassen mich aber in Ruhe. Danke Jungs, dass ihr mich so ertragen habt.
Juni 2006Meine Ehe wird nach 11 Jahren
geschieden. Ich bin geschockt und völlig durcheinander. Frau Liebetrau, unsere Standesbeamtin, hatte damals eine so rührende Rede gehalten und ich habe jedes Wort davon geglaubt. Sie hatte gesagt, so eine Ehe sei für immer. Ich war während der Zeremonie so aufgeregt und so heulig, dass ich kaum genug sehen konnte, um Tina den Ring an den Finger stecken zu können. Welch ein wunderglücklicher Tag.
August 2006Ich trage
zum ersten Mal einen BH, obwohl da überhaupt nichts ist, das gehalten werden müsste. Die Hormonbehandlung liegt noch in weiter Ferne. Ich stopfe ihn mit Falsies aus.
September 2006Ich beginne mit der Laserepilation im Gesicht. Der dunkle Bartschatten, der spätestens ab 14 Uhr fröhlich durchs MakeUp wächst, ist immer noch mein schlimmstes Erkennungszeichen.
Oktober 2006Meine Freundin Conny und ich erleben
unseren ersten Jahrestag. Es ist unglaublich, wie sehr sie mich auf meinem Weg unterstützt und mit welchem Selbstbewusstsein sie zu mir hält. Wir können uns unglaublich gut unterhalten und führen oft stundenlange Gespräche. Ich bin wieder glücklich, vermisse gleichzeitig aber mein Familie so sehr, dass es manchmal mein Herz zerreißt.
Dezember 2006Sechs Tage vor Heiligabend finde ich im Briefkasten den Gerichtsbeschluss mit meiner
Vornamensänderung.
"Hurra, es ist ein Mädchen!" Ich heißt jetzt endlich wirklich offiziell und ganz richtig Svenja. Oh, ich bin so glücklich.
September 2007Ich feiere mein 25-jähriges
Dienstjubiläum als Kriminalbeamtin. Es gibt eine große Jahrgangsfeier mit einer Rede und einem gemeinsamen Essen. Ich habe mich hübsch angezogen und nehme voller Freude daran teil. Wie gefällt euch mein Outfit? Zu konservativ für eine Jubliäumsfeier?
Oktober 2007Ich ziehe in das Haus meiner Freundin ein, behalte aber mein Apartment. Es dient jetzt nur noch als Schuh- und Klamottenlager. Wir leben jetzt wie eine kleine Familie zusammen und haben eine sehr glückliche Zeit.
April 2008Es kommt zu einem schlimmen Streit mit meiner Freundin, der zum
Ende unserer Beziehung führt. Ich ziehe bei ihr aus und bin zurück in meiner kleinen Wohnung in Kiel.
August 2008
Ich verliere das
Sorgerecht für meine Kinder und zerbreche an diesem Tag beinahe daran. Es ist mir völlig unbegreiflich, wie es soweit hat kommen können. Trennung, Scheidung, keinen Kontakt zu meinen Kindern mehr:
„Die Kinder wollen dich so nicht sehen.“Ich bin am absoluten Tiefpunkt meines neuen Lebens angekommen. Von diesem Punkt aus kann es nur wieder besser werden und so ist es auch.
Dezember 2008Mein Arzt verschreibt mir die Pille. Weniger aus Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft, sondern eher deshalb, weil mein Testosteronspiegel, das sind die männlichen Hormone im Blut, noch immer etwas zu hoch sind.
Die Apothekerin merkt offenbar nicht, dass ich keine BioFrau bin und gibt mir Tipps, um eine Schwangerschaft ganz sicher zu vermeiden. Ich höre nur mit einem Ohr zu, denn ich bin mir auch so ziemlich sicher.
Dezember 2008Auch wenn ich selbst immer überzeugender als Frau lebe, so vermisse ich doch aus tiefstem Herzen eine
liebevolle Partnerin an meiner Seite. Ich fühle mich einsam und falle in eine schlimme Weihnachtsdepri.
Januar 2009Ich fange endlich damit an, mir die
Brust epilieren zu lassen. So hübsch meine Brüste auch gewachsen sind: unbehaart sind sie vielleicht
noch femininer.
Mai 2009Ich lerne eine Kollegin kennen und wir
freunden uns spontan an. Sie ist ein ganzes Stück jünger als ich, aber weder das, noch meine besondere Lebenssituation scheinen sie zu stören. Wir verstehen uns bestens. Wir entdecken unsere gemeinsame Liebe zu Büchern, zur Kunst und füreinander :-)
September 2009Meine Entwicklung erreicht den
Point of no Return. Inzwischen gehe ich auch als Frau durch, wenn ich nicht besonders gestylt und geschminkt bin. Nur meine Stimme gibt mich manchmal noch weg, aber das ist nicht weiter schlimm.
Oktober 2009Meine Partnerin macht Schluss und ich bin wieder Single.
Fazit: Im Streit hat meine inzwischen geschiedene Frau einmal zu mir gesagt: „Du wirst es niemals schaffen, eine Frau zu werden. Du wirst immer ein Kerl in Frauenkleidern sein.“
Heute bin ich nicht mehr sicher, ob sie damit wirklich Recht hatte ... Fortsetzung folgt in 10 Jahren...