Mittwoch, 25. Mai 2011

Reisefieber

Svenja Pieps SchottlandWelch eine aufregende Zeit das ist. Gerade erst bin ich mit dem Motorrad aus Dänemark zurück­ge­kommen und nun starte ich in ein paar Tagen schon wieder zu einer langen Reise mit Zelt und Schlafsack durch England und Schottland. Oh, ich freu mich schon so.

Die Ausrüstung habe ich längst zusammen­gesucht und diesmal nehme ich sogar noch weniger mit als sonst.

Für meine fünf Wochen Camping­reise brauche ich nur die rote Ortlieb Tasche und den Tank­ruck­sack. Das Zelt und einen Grill für den ersten Abend schnalle ich oben drauf. Fertig.

Am meisten beschäftigt mich diesmal die Suche nach dem passenden Outfit für die Abende, fürs Pub und überhaupt. Nur weil ich mit dem Motorrad unterwegs bin, muss ich ja nicht gleich shice angezogen sein. Also, was nehme ich mit? Irgendwas sexiges, aber auch nicht zu sexy, denn man weiß ja, was man über die Engländer sagt: "Always drunk, always horny..."

Diesmal muss ich mir richtig Gedanken machen. Nicht wie in Frankreich, wo ich beim Auspacken festgestellt habe, dass ich in meiner Urlaubseuphorie den kürzesten Fummel eingepackt hatte, den mein Kleiderschrank hergab. Dazu bloß eine schwarze Strumpfhose und ganz leichte, total feenhafte Ballerinas. Ich sah aus, wie meine Französischlehrerin auf Crack. (Der Erfolg war entsprechend)

Urlaubsgepaeck Svendura
Vielleicht der schwarze Jeansmini und zum Entschärfen eine Leggings? Dazu ein, oder zwei süße Tops. Ich kann ja ruhig immer dasselbe anziehen, was ich zuhause never machen würde, denn ich werde jeden Tag woanders sein und jeder kriegt mich und das Outfit nur ein einziges Mal zu sehen :-)

Oder nehm ich doch was Pinkes mit? Ich habe nämlich auch keine Lust, so völlig unbeachtet zu bleiben und im Pub irgendwo an der Seite zu stehen und alle Drinks selber zu bezahlen. Das wäre erst recht doof. Ich muss einen goldenen Mittelweg finden, auch wenn der vielleicht rosa ist. Irgendwelche Tipps?

Pieps hat sich ja schon ein total cooles Outfit für Schottland zugelegt. Die kleine Maus sieht darin sooo süß aus, dass ich sogar den Ärger wegen dem Campingklo auf Rømø vergessen habe. Welch ein Drama!

Claudia hat die letzten Tage an einer Halterung für die Helmkamera gebaut, die Volker mir geliehen hat, aber nach einigen Probeaufnahmen habe ich es verworfen, die Kamera mitzunehmen. Ich wollte sie ohnehin nur mitnehmen, um die Fahrt über den berühmten Pass of the Cattle zu filmen, der nach Applecross führt. Jetzt werde ich nur ein paar Fotos machen und die Überfahrt mit der Lumix filmen.

Svenja Pieps SchottlandIch bin jedenfalls schon total in Urlaubs­stimmung. Die green Cow hat extra neue Reifen und frisches Öl bekommen und steht nun start­bereit in der Tief­garage. Ich muss sie nur noch einmal gründlich putzen, polieren und die Kette fetten.

Dabei ist noch soo viel zu erledigen, bevor ich mit Pieps zum Fährhafen nach Esbjerg düse:
- Arme und Beine rasieren (nur ich)
- Englisch lernen (nur Pieps)
- Linksverkehr üben
  (nachts im Gewerbegebiet)

Fazit: In ein paar Tagen schon bin ich für einige Wochen unterwegs.  Wer noch einen guten Reisetipp für mich hat, nur her damit.


PS: Der Reisebericht über die Muschel­schubser-Tour nach Rømø ist fertig. Wer ihn lesen mag, findet ihn auf meiner Motorradseite.

Dienstag, 17. Mai 2011

Muschelschubser - Die Story

Svenja erklärt den AutostrandEin Dutzend Mal hatte ich Ela und den Jungs erklärt, wie das mit dem Muschelschubsen funktioniert und jetzt spielt ausgerechnet mein Motorrad irgendwie verrückt. Jedes Mal, wenn ich mich am Strand in die Kurve lege und gleichzeitig Vollgas gebe, rutscht mir die Maschine hinten weg. 

Ich kriege total die Panik und lasse das Gas stehen. Der Motor brüllt auf und bei 11.000 Touren fängt er an zu stottern. Ich habe Angst, dass etwas kaputt geht und schalte einen Gang höher. Das war ein Fehler, denn das Motorrad benimmt sich nur noch verrückter. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen klammere ich mich verzweifelt an die wildgewordene green Cow, die inzwischen quer über den endlosen Strand dahinschießt, während ich das Gefühl habe, gleich ohnmächtig zu werden.

Svenja driftet auf der KLX250 am Autostrand
Irgendwie schaffe ich es schließlich doch, das Motorrad zum Stehen zu bringen und bin völlig fertig. Habe ich etwas falsch gemacht? Ein Bedienungsfehler vielleicht? Wer weiß schon, wofür alle diese kleinen Lämpchen, Knöpfe, Schalter, Hebel und Pedale sind?

Nein, an mir liegt es definitiv nicht, denn die nächsten hundert Male passiert genau dasselbe: Das Hinterrad schleudert rum und schmeißt dabei mit Sand, dass ich Angst kriege. Dabei hatte mein Händler die KLX250 besonders für Anfänger sehr empfohlen. Sonst hätte ich dieses Motorrad doch niemals gekauft.

Inzwischen ackern sich Volker, Rainer, Eggi und Ela, der Rest der Gang, mit ihren starken Einzylinderenduros fleißig über den endlos scheinenden Autostrand und lockern den Sand, genau wie wir das bei unserer Einsatzbesprechung in der Rømø Bageriet abgemacht hatten.

Pieps mit Muschel und Enduroreifen am StrandIn einem Anfall von Wahnsinn fährt Volker ein Stück ins Meer hinaus Richtung England, überlegt es sich aber rechtzeitig anders, bevor er die Tenere noch endgültig versenkt. Außerdem mag er sowieso keine Fish and Chips. 

Rainer ist inzwischen völlig losgelöst, hat aber zeitweise mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, wie ich mit der green Cow. Was ist nur mit den Motorrädern los? Eggi fräst sich auf seiner riesigen schwarze Tenere durch den Tiefsand, während seine Ela mit ihrer MZ Baghira den Strand umpflügt, nur von dem Gedanken beseelt, den armen Muscheln zu helfen.

Sogar Pieps beteiligt sich ausnahmsweise und buddelt in Handarbeit die letzten Babymuscheln frei, die Ela mit ihren groben TKC80 Enduroreifen nicht erwischt hat. Hauptsache, ich finde heute nacht keine davon in meinem Schlafsack...

Endurowandern mit SvenjaRainer (XT660), Svenja (KLX250), Eggi (660 Tenere), Volker (660 Tenere), Ela (Baghira 660)

Auch Transgender fahren Enduro und sind glücklichFazit: Das Enduro Wochenende mit meinen Freunden am Autostrand war einmalig. In nur zwei Tagen bin ich fast hundert Kilometer im Sand gefahren und ich merke, dass ich noch lange nicht zu alt bin, um ab und zu ein wenig Staub aufzuwirbeln. Vielleicht hört das irgend­wann auf, wenn ich älter werde, dreißig oder so. Dann trage ich nur noch lange Röcke und Strickjacken, kaufe mir ausschließlich praktische Schuhe und unterschreibe bei Kawasaki einen bindenden No-Wheelies Vertrag. Bis dahin aber will ich noch jede Menge Spaß haben...

PS: Die tollen Fotos in diesem Beitrag haben Volker (pic 2,3,5) und Claudia  gemacht, die extra mitgefahren ist, um uns mit ihrem Renault Twingo, genannt der Bimbo, als Service- und Begleitfahrzeug zu unterstützen.(Inzwischen glaube ich aber, sie wollte mich hauptsächlich beim Grillen unterstützen...)

PPS: Den vollständigen Reisebericht in allen peinlichen Einzelheiten mit sämtlichen  kompromittierenden Fotos findet ihr auf meiner Motorradseite Svendura-Seite, wo alles noch einmal in epischer Breite durchgekaut wird :-)

Sonntag, 8. Mai 2011

Muscheln schubsen

SvenjaVieles in meinem Leben hat sich verändert, aber eines ist doch immer gleich geblieben: Der Spaß am Zelten, Grillen und mit der Enduro im Sand zu spielen.

Na klar ist das eigentlich typischer Jungskram, aber inzwischen bin ich ein großes Mädchen und spiele voller Begeisterung wieder mit.

Und das ist mein Plan: Am Freitag fahre ich zusammen mit meinen Motorradkumpels Volker, Ela, Eggi und Rainer nach Römö. Uns ist nämlich zu Ohren gekommen, dass sich der Sand am Autostrand über die langen Wintermonate dermaßen verdichtet haben soll, dass die armen Muscheln darunter kaum noch Luft kriegen. 

Mit den Stollenreifen unserer Enduros werden wir den Sand behutsam auflockern, um ein wenig Luft an die halb erstickten Viecher zu lassen. Wir sind nämlich alle große Tierfreunde.

Unsere Enduros, das sind vier Yamaha XT 660 und meine kleine green cow mit ihren mageren 250 ccm. Um gegen Ela und die Jungs nicht völlig abzustinken, werde ich mangelnde Motorleistung kurzerhand durch Wahnsinn wettmachen müssen.



Wir werden das ganze Wochenende über im Sand spielen, zelten, Spaß haben und mächtig angeben, wie das nicht nur Jungs können. Außerdem wollen wir testen, wieviel Grillfleisch man an einem Wochenende auf diesen kleinen Einweggrills verkohlen kann.

Meine Rettungsaktion zugunsten der Muscheln habe ich zum ersten Mal schon mit 16 Jahren gestartet und sie war seitdem immer ein großer Erfolg. Zuletzt habe ich mich 2005 aktiv um den Tierschutz auf den Nordseeinseln bemüht. (Die Claudia in dem Bericht ist übrigens nicht meine Claudia, sondern ein früherer Motorradkumpel.)

Endurowandern mit SvenjaYesterday's Hero: Sven 1978, die erste green cow 1982, Sven mit 30 (die Jacke trage ich heute noch)

Warum ich den Balkon klarmache? XT-Volker kommt schon am Donnerstag zu mir und wir wollen auf meinem Balkon eine letzte Einsatzbesprechung abhalten, bevor wir am Freitagmorgen starten.

Oh, ich bin schon so aufgeregt. Hoffentlich komme ich mit der green cow gut zurecht und noch hoffentlicher ist tolles Wetter. Ich bin dann mal unterwegs, Muscheln schubsen. Es wird nachberichtet...

PS: Ich merke gerade, dass dieses ganze trans-Thema für mich so ziemlich over ist. Ganz andere Dinge sind wieder wichtig für mich und wer meinen Blog wegen trans liest, der wird über kurz oder lang ziemlich entäuscht sein. Andererseits bin das immer noch ICH :-)

Sonntag, 17. April 2011

Svenja im Motorrad-Abenteuer Magazin

Svendura in der Motorrad-Abenteuer„Huhu, Svenja, hast du schon in die neue Motorrad-Abenteuer geschaut? Wenn nicht, dann blätter doch mal Seite 48 auf. LG, Ela.“

Welch eine merkwürdige SMS, denke ich. Was soll da denn drinstehen und wieso hat Ela die neue Ausgabe schon? Ich habe das Magazin doch ebenfalls abonniert?!

Ja, abonniert habe ich die Zeitschrift schon, aber heute habe ich noch nicht nach der Post gesehen. So schnell die grauen Overknees tragen, stöckele ich hinunter zum Briefkasten. Tatsächlich, da liegt die neueste Ausgabe des Abenteuer-Magazins.

Mit fliegenden Fingern reiße ich die Zeitung aus der Versandtasche und blättere sofort Seite 48 auf. Das gibts doch gar nicht: Wer grinst mir da im Minirock mit MotoCross Stiefeln fröhlich entgegen? Ich selbst als Svenja Svendura.

Die Motorrad Abenteuer ist ein Magazin über Fernreisen mit dem Motorrad und regelmäßig werden darin auch Websites zum Thema Motorradreisen vorgestellt. Der Bericht über meine Svendura Seite ist nicht nur total charmant und postitiv geschrieben, sondern widmet ihr sogar eine komplette Druckseite. Ich könnte platzen vor Stolz. Besonders Claudias wunderbare Zeichungen werden lobend erwähnt. Für das neue Headbanner hatte sie meine Frankreichtour komplett in eine Zeichnung verpackt: Von Kiel zum Edersee, durchs Weserbergland, die Vogesen, das Hotel du Tunnel in Frankreich, bis zum Campingplatz im Schwarzwald. Sogar an die Wolkenbrüche hat sie gedacht und mir passend dazu eine Regenkombi angezeichnet. Zwei Wochen lang haben wir jede freie Minute daran gearbeitet, literweise Kaffee getrunken und uns beim Zeichnen, Tüfteln und Montieren die Köpfe heißgeredet. (Und ich seh doch fett aus in der Regenkombi, Claudia!)

Endurowandern mit Svendura
Meine Motorradseite, Endurowandern mit Zelt und Schlafsack www.svendura.de
Die Motorradseite gab es schon Jahre vor Svenja-and-the-City und lange bevor ich rübergemacht habe. Damals habe ich als Svenduro Sven noch gerne mit nacktem Oberkörper in die Kamera gegrinst. Inzwischen verkneife ich mir diese Pose immer häufiger und gebe mir alle Mühe, auch auf Enduroreisen als Frau zu erscheinen und nicht wieder zum Kerl zu mutieren.

Die größte Freude ist es, dass mir nach anfänglichen Zweifeln meine Endurotouren mit Zelt und Schlafsack heute wieder genauso viel Freude machen, wie früher. Wundert euch bitte nicht, wenn es zurzeit bei Svenja-and-the-City etwas ruhiger zugeht, aber momentan brauche ich meine ganze Rechenzeit für die Motorradseite.

Fazit: Der supernette Artikel in der Motorrad-Abenteuer war eine tolle Überraschung und ich freue mich wie ein Schnitzel. Aber jetzt rufe ich erstmal meine Mama, meinen Papa, meine Schwester, die Jungs bei Triumph und sämtliche Arbeitskollegen an. Am besten rufe ich zuerst meinen Chef an, damit der sich nicht übergangen fühlt: Merkwürdig, es klingelt, aber da geht keiner ran. Der kann doch unmöglich um sechs noch schlafen und das an einem Sonntag...!?

Samstag, 26. März 2011

Aktion Gute Laune Teil 3: Ein Besuch bei Bijou Brigitte

"Aber du hast doch schon Dutzende von Ohrgehängen, Ohrringen und -steckern, Armreifen und Kettchen in allen mög­lichen Größen, Formen und Farben. Sogar in lila. Ein Weih­nachts­baum ist nichts dagegen. Wieviele Stücke von diesem billigen Tand willst du dir denn noch kaufen?" regt Claudia sich auf.

Kann man nicht einmal im Leben in Ruhe durch die Fußgängerzone stöckeln und dabei einen ganz beiläufigen Blick in das Schaufenster von Bijou Brigitte riskieren, ohne gleich dermaßen abgekanzelt zu werden?

"Das ist kein billiger Tand.", protestiere ich entrüstet. "Da sind welche drunter, die haben mal eben locker 5 Euro gekostet. Und außerdem ist Silber inzwischen das neue Gold und da lohnt es sich immer, ein wenig freies Geld anzulegen.", lasse ich die Finanzexpertin heraushängen.

"Du willst für 5 Euro billigen versilberten Modeschmuck kaufen und betrachtest das hochtrabend als Teil deiner Altersversorgung?", regt Claudia sich auf. "Du schaffst mich, Tinky Winky. Hauptsache, du behälst genug Geld übrig, um bei Tchibo nachher deinen Kaffee selbst zu bezahlen."

Zwei Minuten später stehe ich mit dem kleinen Körbchen in der Hand zwischen tausenden von Ohrhängern, -steckern und -ringen. Nehme ich die großen Silberscheiben mit den weißen Ornamenten, oder die langen Anhänger mit den drei Ringen? Ich kann mich nicht entscheiden und lege vorsichtshalber beide in den Korb.

Svenja kauft Schmuck bei Bijou Brigitte in Kiel

Als an der Kasse für den kleinen Korb voller Geschmeide 9,95 Euro aufgerufen werden, bekomme ich zuerst einen Schreck, aber mit stoischer Miene zücke ich meine EC-Karte und überreiche sie dem Schmuckhändler. Für eine Investition in die eigene Altersversorgung und für echten Schmuck muss man eben auch etwas Geld in die Hand nehmen, denke ich...

Donnerstag, 24. März 2011

Aktion Gute Laune Teil 2: Ein Besuch beim Friseur

„Wow, hast du lange Haare gekriegt.“, begrüßt mich Dorene, meine Lieblings­friseurin bei F.B.I.

Das ist ja auch kein Wunder, schließlich war ich zwei, oder drei Jahre nicht hier. Wieso zum Fifi erkennen mich eigentlich alle Menschen wieder, auch wenn sie mich erst einmal gesehen haben?

Heute lasse ich nur die Spitzen schneiden, denn es geht mir nicht so sehr um die Haare, sondern um den zweiten Teil meiner Anti-Depri-Aktion: Zurück ans Licht. Schuhe kaufen war Teil 1 und außerdem schon letzte Woche dran.

Die Girls bei F.B.I. tragen einheitliche Outfits. Diesmal sind es schwarze Overknee-Stiefel zum Longtop mit Leggings. Ich bin begeistert und es geht mir zusehends besser. Vielleicht kann ich  einfach mal so herkommen? Auf jeden Fall leisten sie sehr gute Arbeit und ich gehe nie woanders hin.

Fazit: Sogar ein Friseurbesuch kann hilfreich dabei sein, die dunklen Gedanken zu vertreiben. Der Trick ist einfach, gut zu sich selbst zu sein und viel unter Menschen zu gehen. Und dafür opfere ich im Fall meines Lieblingsfriseurs sogar 3 cm meiner Haare...

Montag, 21. März 2011

Flashback

SvenjaWas ist nur los mit mir? Vor ein paar Tagen hat mich ganz unvermittelt eine so tiefe Traurig­keit überfallen, dass ich wie unter Schock stand und es mich regelrecht erschreckt hat.

Seitdem sitze ich zuhause in meiner hübschen Wohnung. Die Kaffeemaschine läuft, Kerzen brennen und im Hintergrund läuft leise Klassik­radio. Aber nicht einmal Pachelbels Kanon in D-Dur kann mich heute aufheitern.

Ich muss auf der Stelle etwas unternehmen, sonst versinke ich immer tiefer in dieser blöden Traurigkeit. Aus der Vergangenheit weiß ich, dass Hausarbeit, oder die Gesellschaft fremder Menschen mich schnell ablenken können. Heute müssen es Menschen sein und in der Vergangenheit haben sich besonders jene bewährt, die sich in Schuh­geschäften aufhalten.

Bevor ich losfahre, rufe ich Claudia an, ob sie Lust hat, mitzukommen. Ich muss sie nicht lange überzeugen und kurz darauf sind wir gemeinsam unterwegs nach Raisdorf. Claudia kennt mich schon viele Jahre und merkt sofort, dass es mir nicht gut geht. Mit einem Gefühl, als sei mein Hund gestorben, lenke ich den kleinen Seat schweigend durch den Kieler Stadtverkehr.

Wenige Minuten später stelle ich das Auto im magischen Schuhdreieck zwischen Deichmann, Shoe-for-You und dem Hess-Schuhmarkt ab und betrete zum ersten Mal ein Schuhgeschäft ohne mein breites Grinsen voller Vorfreude auf die schönste Nebensächlichkeit der Welt.

Mit Trauermine schreite ich im ZickZack an sämtlichen Schuhregalen vorbei, ohne eines auszulassen. Außer den Birkenstocks und Turnschuhen natürlich. Die gülden nicht als Schuhe und turnen will ich auch nicht. Ich bin so traurig, dass mir heute gar nichts gefallen kann und ich nicht einmal etwas anprobiere.

Im Geschäft nebenan suche ich ohne echtes Interesse nach einer dünnen Fleecejacke für meine Motorradtour im Sommer. Die Jacke soll klein genug sein, um noch in meine Gepäckrolle zu passen und pink genug, dass ich sie auch leiden mag. „Die Pinke gibt es nur noch in M“, informiert mich eine nette Verkäuferin. „Ja.“, denke ich. „Und zwar in M für Hamster.“, denn ich komme nicht einmal mit dem Unterarm in den Jackenärmel hinein. Ich ärgere mich darüber, dass ich nichts Passendes finde und das ist gut so, denn alles ist besser als diese Traurigkeit. Ärger tut gut. Er überlagert dumpfe Gedanken und frisst Traurigkeit.

Den Hess-Schuhmarkt betrete ich ohne große Erwartungen. Hier gucke ich schon seit Jahren immer wieder, aber die Schuhe waren mir meistens einen Tick zu langweilig und altbacken. "Sowas kann ich noch tragen, wenn ich 30 bin.", denke ich, aber vielleicht ergattere ich wenigstens eine hübsche Strumpfhose im Angebot.

Freudlos und ohne echtes Interesse schreite ich die endlosen Reihen von Schuhen entlang. Trotzdem sind meine Gedanken jetzt nicht mehr ganz so trübe, wie noch vor Stunden. Die Ablenkung tut mir gut. "Claudie, guck mal!", rufe ich plötzlich laut durch den Laden und bin selbst erstaunt über die Freude in meiner Stimme: "Eine ganze Abteilung mit Sonderangeboten von Akira und Buffalo Girl." Buffalos sind meine absoluten Lieblingsschuhe, aber entweder sind sie zu teuer, oder zu klein. Meistens beides. Bei Buffalo ist 41 mehr eine Idee, als eine Größenangabe.



Ohne große Hoffnung probiere ich ein paar wunderschöne Slouchstiefel aus schwarzem Wildleder an. Es ist das letzte Paar und außerdem um die Hälfte reduziert. Ich wollte zwar keine Stiefel mehr kaufen, aber dies ist ein Notfall und da kann ich mich nicht von Grundsätzen gängeln lassen. Die Stiefel passen wie angegossen und ich nehme sie.

Gerade als ich meine Beute glücklich zur Kasse tragen will, entdecke ich die schwarzen Buffalo Stiefel, die ich schon seit Monaten gesucht habe. Es sind flache Overknees aus schwarzem Wildleder mit einem Futter aus hellem Kuschelfell. Die Stiefel sind handschuhweich und wie für mich gemacht. Ich nehme sie.

Die kleine Freude hat mit einem Schlag den Kokon aus Traurigkeit, Trübsinn und Grübelei durchbrochen und innerhalb von Minuten meine Laune deutlich aufgehellt. Ich kann das Dunkle im Hinterkopf noch spüren, aber im Moment hat es keine Macht mehr über mich und glücklich tänzele ich ein paar Schritte vor dem Spiegel umher, wie ich das gerne tue, wenn ich gute Laune habe. Claudia freut sich mit mir, aber am meisten wohl darüber, dass ich endlich einmal wieder gelacht habe.



Dreimal muss ich den Weg zur Kasse proben, bis Claudia endlich das richtige Foto im Kasten hat, weil andauernd irgendwelche mies gelaunten Landeier durchs Bild wanken. Nächstes Mal nehme ich eine Rolle Absperrband mit und werde auch die Angestellten briefen, damit sie nicht so unintelligent in die Kamera glotzen, wenn wir unsere Fotosession machen.

Einem freudlos dreinblickenden Mitfünfziger, der meinetwegen kurz warten muss, schenke ich ein Lächeln, mit dem ich normalerweise Krokusse unter 10 cm Eis hervorlocken kann, aber er starrt nur stumpf zurück. "Merkwürdig.", denke ich, "Licht ist an, aber keiner zuhause." Wie kann jemand an einem so schönen Tag nur dermaßen miese Laune haben? Ich verstehe solche Typen einfach nicht.

Fazit: Mir geht es gerade nicht so gut. Ich hatte einen furchtbaren Flashback* und bin deshalb traurig und deprimiert, aber ich tue selbst etwas dafür, damit es mir bald wieder besser geht. Schuhe kaufen ist ganz sicher kein Mittel gegen tiefe Traurigkeit, aber mir hat es heute geholfen. Mit Claudia habe ich noch lange drüber diskutiert, wie es möglich ist, dass etwas Belangloses eine so starke Wirkung haben konnte. Das kann unmöglich wegen irgendwelcher Schuhe sein. Ist es vielleicht das Erfolgserlebnis? Das Gefühl, etwas gewonnen und fette Beute gemacht zu haben? Mir ist darauf keine Antwort eingefallen. Aber auch wenn so ein Flashback vielleicht schlecht für die Seele ist, für unsere Wirtschaft ist er ein Segen.



*Flashback: Das psychologische Phänomen, wenn durch einen Schlüsselreiz eine ganz starke Erinnerung ausgelöst wird und man vergangene Gefühle noch einmal intensiv neu durchlebt und durchleidet.
siehe: Wikipedia, Flashback, psychologisch

Sonntag, 6. März 2011

Saisonstart 2011

Svenjas Motorrad SaisonstartBehutsam ziehe ich die staubige Plane von der kleinen Kawasaki. Mit jeder Bewegung erheben sich dicke graue Staubwolken im trüben Licht der Tiefgarage.

Ich drehe den kleinen schwarzen Schlüssel, höre das aufgeregte Summen der Benzinpumpe und mit einem kurzen Druck auf den roten Startknopf lasse ich den Motor an. Ruhig und gleichmäßig bollert der kleine Einzylinder im Stand vor sich hin.

Langsam rolle ich der Ausfahrt entgegen und ziehe im Vorbeifahren an dem dicken Seil, mit dem das große Rolltor geöffnet wird. Einen Augenblick später fahre ich hinaus ins gleißend helle Sonnenlicht und muss für einen Moment die Augen zusammenkneifen, so strahlend hell scheint die Sonne in meinen Helm. Trotzdem ist es noch immer leicht unter 0°C an diesem wunderschönen Kieler Morgen.

Langsam fahre ich die wenigen hundert Meter hinunter zum Hafen und folge der Werftstraße um die Kieler Innenförde herum. Dritter, vierter Gang, höher komme ich im Stadtverkehr noch nicht.

Es ist kalt und die Stadt sieht noch ganz verschlafen aus. Als ich an der Werft vorbeifahre, nimmt ein silberner Opel mir die Vorfahrt und ich kriege einen Riesenschreck. Das war knapp. Der Digitaltacho der Kawa zeigt 55 km/h. Ich sehe in den Rückspiegel, wo der Opel sich eilig entfernt, dabei ist hinter mir alles frei. Welch ein Hirni. Zwei Sekunden später wäre ich vorbei gewesen, aber soviel Zeit hatte der Herr wohl nicht. Motorradsaison 2011 und alles ist wie immer.

Ich erreiche die Kieler Stadtgrenze und erhöhe langsam die Drehzahl. Ich schalte den fünfen, dann den sechsten Gang und düse im strahlenden Sonnenschein in Richtung Raisdorf. Wie ich das vermisst habe, dieses vertraute Gefühl von Freiheit auf meiner Enduro. Ich schalte zwei Gänge runter, reiße das Gas auf und die Kawasaki trompetet fröhlich in die eiskalte Morgenluft. Welch ein tolles Gefühl.



Im Gewerbegebiet Raisdorf kenne ich einen alten, verlassenen Parkplatz, dessen einzelne Parkebenen durch steile Treppen verbunden sind. Ob ich das noch kann? Die green cow kann es ganz sicher. Ich sehe mich noch einmal um, ob auch keine Zuschauer da sind, die sich totlachen, falls ich es vermassele, aber ich bin ganz allein.

In den Fußrasten stehend fahre ich im ersten Gang noch etwas ängstlich auf die erste Treppe zu. Kurz bevor das Vorderrad die unterste Stufe erreicht, gebe ich Gas, hebe das Vorderrad an und lasse den Rest das Motorrad erledigen. Mit ihren langen Federwegen klettert die leichte Kawa mühelos die 16 Stufen hinauf. Nur nicht zu langsam werden. Wenn jetzt der Motor abstirbt, liege ich auf der Seite. Ich gebe etwas Gas und lande nach dem letzten Treppenabsatz mit einem kleinen Hüpfer sicher auf den beiden Stollenreifen. Das hat Spaß gemacht, aber ich merke auch, wie unsicher ich noch bin. Soviele Jahre habe ich das schon nicht mehr gemacht. Ich muss wieder häufiger üben.

Mit knapp 100 km/h fahre ich auf der alten B4 weiter in Richtung Süden. Der Asphalt trocknet nur langsam in der Wintersonne und in den Vorgärten und an den Straßenrändern liegt noch Schnee. Die Wettervorhersage hat für heute 4°C versprochen, aber davon sind wir noch weit entfernt.

Kurz vorm Einfelder Sees tun mir die Hände vor Kälte so weh, dass ich mich entscheide, umzukehren und auf Umwegen über Flintbek langsam nach Hause zu fahren. Zwei Stunden sind für heute genug.

Kawasaki an der Shell TankstelleAn der SHELL Tankstelle in der Hamburger Chaussee fülle ich den siebeneinhalb Liter Tank der Kawa mit dem guten V-Power auf. Beim Bezahlen lasse ich mir endlos Zeit, weil es im Kassenraum so kuschelig warm ist. Ich versuche, den Kassierer in ein Gespräch zu verwickeln, aber er ist eher der muffelige Typ. Dafür vertippe ich mich bei der Geheimzahl, weil meine Hände so zittern, dass ich die 7 nicht richtig treffe.

Um noch etwas Zeit zu schinden, drücke ich mich noch einen Moment vorm Zeitschriftenregal herum, bis ich plötzlich merke, dass ich die ganze Zeit vor den Tittenblättern stehe, die einzeln in Plastiktüten verpackt sind. Entschlossenen Schrittes verlasse ich den Kassen­raum und mache mich daran, den Reifendruck der cow zu checken, aber mit meinen klammen Aua-Fingern kriege ich die Ventilkappen nicht abgedreht und verschiebe die Kontrolle aufs nächste Mal.

Bevor ich den Helm aufsetze, rufe ich Claudia an, ob sie nicht Lust hätte, ein Frühstück für uns zu machen. Sie hat und ich freue mich schon auf ihr leckeres Essen mit Spiegeleiern, Nürnberger Bratwürstchen und mit ohne Brot.

Fazit: Als ich die Maschine in der Tiefgarage abstelle und die Sturmhaube vom Kopf ziehe, bin ich total aufgekratzt, zufrieden und glücklich. Es geht wieder los. Dieses vertraute Gefühl, das aber zugleich so aufregend, spannend und immer wieder neu ist, nutzt sich niemals ab. Es ist so stark wie es immer gewesen ist und zu Beginn einer Saison überwältigt es mich so sehr, dass nur die eisige Kälte mich davon abhält, gleich morgen mit Zelt und Schlafsack auf eine lange Tour zu starten. Aber bis dahin sind es ja nur noch ein paar Wochen...

Donnerstag, 3. März 2011

Svenja blitzt ab

Svenja"Wenn du meinen Vornamen errätst, spendiere ich eine Flasche Champagner.", raune ich der süßen Blonden zu, die auf dem Barhocker gegenüber sitzt und strecke ihr dabei meinen Busen entgegen, damit sie auch ja das Namens­­kettchen bemerkt, worauf in glänzen­dem Sterling­silber "Svenja" steht.

Die Blonde sieht interessiert aus. Ich beuge mich noch etwas weiter zu ihr hinüber, senke die Stimme und füge mit Verschwörer­mine hinzu: "Ich habe da noch eine ganz hervorragende Flasche Asti Spumante bei mir zuhause im Kühlschrank. Ist gar nicht weit von hier..."

Mit langen, weißen French Nails greift sie ihr pinkes Handy, steckt es in eine modische Handtasche aus Knautschlack, steht wortlos auf und geht. Jetzt sieht sie nicht mehr interessiert aus.

"Moment, warte doch!", brülle ich hinterher und versuche zu retten, was zu retten ist: "Das ist nicht irgend so ein Billigzeug, die hat drei Euro gekostet. Überlegs dir...!", aber die blonde Schönheit stöckelt auf dünnen Absätzen davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

"Sehr merkwürdig.", denke ich. "Das hat doch früher oft funktioniert...!?" Ich bin leicht verunsichert.

Montag, 28. Februar 2011

Menschen im Hotel

Leeres HotelzimmerWarum sind Hotel­zimmer nur so schrecklich unpersönlich? Ich bin zu Besuch beim BKA und wohne ein paar Tage im Hotel. Zum Glück habe ich diese unglaub­liche Bega­bung, jedes Zimmer mit wenigen Handgriffen in ein gemütliches Heim zu verwan­deln.

Ich packe meinen Koffer aus und reihe Schuhe und Stiefel säuberlich auf dem Teppich vor der Minibar auf. Sogar die, von denen ich jetzt schon weiß, dass sie nicht drankommen werden, weil sie entweder zu hoch, oder auf andere Weise too much sind.

Anschließend verwandele ich das Badezimmer von einer seelenlosen Sanitärkabine in einen 1A Wellnesstempel. Ich verteile nicht nur alle Komponenten für ein gewöhnliches 3-Schichten Tages-MakeUp vorm Spiegel, sondern lege zur Sicherheit auch eine Tube Rimmel Lasting Finish 301 bereit. Mit seiner latexartigen Textur überdeckt es so ziemlich alles und ersetzt damit leicht vier bis fünf Stunden Schlaf.

Svenjas Schminksachen

Zuletzt lege ich die guten BeBe Abschminktücher daneben, über die eine Freundin einmal bissig bermerkt hat, die seien ja wohl eigentlich für die junge Haut gedacht. Wir haben beide herzlich über ihren Scherz gelacht, die Bemerkung war ja schließlich nicht auf mich gemünzt. Trotzdem habe ich bei nächster Gelegenheit wegen irgendeiner Kleinigkeit einen fetten Streit vom Zaun gebrochen und der Arschkuh die Freundschaft gekündigt.

Dienstag, 22. Februar 2011

Svenja will Botschafterin werden

Svenja bewirbt sich zur Triumph MarkenbotschafterinWenn ihr auch nur das geringste Interesse an Motorrädern habt und nicht gerade hinterm Mond lebt, dann seid ihr in den letzten Monaten sicher auch über diese Aktion von Triumph gestolpert.

Der britische Motorradhersteller sucht in einem Kreativwettbewerb drei Botschafter. Die Gewinner dürfen in diesem Sommer eine nagelneue Triumph durch die Gegend fahren und brauchen nur das Benzin zu bezahlen. Alles andere übernimmt das Werk.

Außerdem wird man mit den coolsten Motorrad­klamotten eingekleidet und bekommt obendrein noch einen kompletten Freizeit­dress dazu. Die Sachen darf man anschließend behalten. Ich hoffe bloß, dass die nicht nur Jungskram haben.

Da bewerben sich sicher tausende von Leuten, aber wer kennt sich schon so total gut mit Motorrädern aus wie ich und kann auch noch prima Tipps zur Verkehrssicherheit geben? Wer sonst findet stilsicher den passenden Pumps zu jeder Maschine? Und auch mit der Marke bin ich bestens vertraut. Ich besitze zwei BHs davon.

Ich habe zwar selbst ein nagelneues Motorrad, aber das ist ja auch nicht das einzige Motiv für meine Bewerbung. Auf Wikipedia steht nämlich: „Ausländische Botschafter werden üblicherweise mit „Exzellenz“ angeredet. Im eigenen Land mit ,Frau Botschafter‘.“ Claudia wird platzen vor Neid.

Fazit: Gestern habe ich meine Bewerbung zur Triumph Markenbotschafterin eingereicht, auch wenn ich sie ein wenig umschreiben musste, weil nur drei Straßenmaschinen ausgelobt werden und ich als Svenja Svendura nur  eine Enduro gebrauchen kann. Also habe ich reingeschrieben, dass ich als Botschaftsfahrzeug eine Triumph Scrambler möchte. Bitte mit dieser tollen Einzelsitzbank und der coolen Start­nummern­tafel an der Seite. Ich habe nur vergessen, das mit dem Kochen reinzuschreiben und dass ich schon zwei BHs von denen habe. Moment, ich muss telefonieren...

Montag, 7. Februar 2011

Svenja muss sparen

Svenja kauft bei ALDI"Wie bitte?", zetert Claudia. "Du hast erst lächer­liche 47,50 EUR gespart für fünf Wochen Urlaub in Schottland? Für Essen und Trinken, Benzin und Über­nach­tung? Und wie kommst du überhaupt auf diese schräge Summe?"

"Weil ich genau soviel Geld gerade im Portmonee habe.", gebe ich zickig zurück. Und nach einer kurzen Pause, um die Wirkung zu erhöhen: "Plus einen Universal­chip für alle Einkaufs­wagen."

Doch das scheint Claudia nicht zu beeindrucken: "Du kannst doch unmöglich schon dein ganzes Weihnachtsgeld verpulvert haben und das, was dein Papa dir zum Geburtstag geschenkt hat?"

"Kann ich wohl!", erwidere ich und ziehe das 'o' dabei etwas in die Länge, damit es trotziger klingt. "Außerdem habe ich das nicht verpulvert, aber was kann ich denn dafür, wenn Buffalo zu Silvester 15 % auf alle PeepToes gibt und ich 10 % bei H&M bekommen habe? Und der fette 10 EUR Gutschein von Zalando? Soll ich das alles verfallen lassen? Weißt du eigentlich, was das für Werte sind? Na, du bist mir ja eine tolle Geschäftsfrau.", stelle ich kopfschüttelnd fest.

Ich wundere mich immer wieder darüber, wie unbedarft Claudia in Geldfragen ist. Sie erkennt überhaupt keine guten Gelegenheiten. Sogar die Gewinne und Kreditangebote, die manchmal in der Post sind, schmeißt sie einfach weg. Kann man sich sowas vorstellen?

Zum Glück denke ich ständig mindestens zwei Schritt voraus und lasse mir keine Gelegenheit zum Sparen entgehen. Wozu habe ich schließlich ein Hochleistungshirn, aber sie versteht es natürlich nicht: "Sag mal, Claudie: Hast du überhaupt die geringste Vorstellung davon, was mir das in der Vergangenheit schon alles eingebracht hat?"

"Ja.", erwidert Claudia trocken: "47,50 EUR."

"Tinky Winky, du musst endlich anfangen, zu sparen. Sonst wird das nichts mit deiner Reise und du stehst nach einer Woche schon wieder vor der Tür. Schuhe hast du doch nun wirklich genug und deine Lebensmittel musst du auch nicht unbedingt im edelsten Feinkostmarkt der Stadt einkaufen. Warum gehst du nicht mal zu ALDI, oder zu LIDL? Mehr Geld kann man doch gar nicht sparen."

Hmm, na gut. Vielleicht hat Claudia Recht, wenn auch nicht in der Schuhfrage. Aber wenn das stimmt, und man bei diesen Discountern wirklich alles billiger bekommt, warum nicht? Ich habe schon mal etwas über diese neuen Märkte gelesen und vielleicht gibts ja sogar hier in Kiel eines von diesen ALDI Geschäften. In Zukunft werde ich also beim Discounter einkaufen. Es ist ja auch völlig egal, wo ich nun meinen Blanchet, die Fuet und den Ofenkäse in den Einkaufswagen lege. Ich kenne da keine Vorurteile. Ich hoffe nur, dass die da Einkaufswagen haben...?

Außerdem finde ich es immer total spannend, eine neue Fleischabteilung auszuprobieren. Und selbst wenn sie kein Charolais Rind haben sollten, dann nehme ich eben Schottisches Angus Beef. Ich bin da nicht so festgelegt, denn wer sparen will, der muss auch mal bereit sein, zu verzichten.

Freitag, 4. Februar 2011

Trans ist nicht mein Hobby

Svenja - trans ist nicht mein HobbyIch wundere mich über mich selbst. So viele Jahre lang war mein Blog für mich unbe­schreib­lich wichtig. Im ersten Jahr war er der einzige Freund, dem ich mich überhaupt anvertrauen konnte. Aber schon seit einiger Zeit mag ich nicht mehr schreiben. Warum ist das so?

Ich glaube, ich weiß, weshalb das so ist. Der Leidensdruck ist weg. Trans bestimmt nicht länger mein Leben. Inzwischen bin ich eine ganz gewöhnliche, handelsübliche Frau, wie man sie an jeder Ecke trifft. Oder an beinahe jeder Ecke.

Jetzt weiß ich fast nicht mehr, worüber ich noch schreiben soll, denn man darf nicht vergessen: Trans ist nicht mein Hobby! Trans ist eine Entwicklungsphase, so ähnlich wie die Pubertät. Aufregend, neu, nach vorne gewandt und manchmal sehr schmerz­haft und emotional, aber irgendwann ist man durch damit.

Jetzt kann ich mich wieder meinen Hobbies widmen und trans ist mit Sicherheit keines davon. Ich möchte nicht nur auf dieses eine Thema reduziert werden. Motorrad­reisen, Endurowandern, Zelten, Computer, Bloggen, WebDesign, Mode, kochen und tausend schöne Dinge, alles das sind meine Hobbies. Aber trans? Ganz sicher nicht.

Und so wie ich irgendwann durch war mit meiner Pubertät, der Jagd nach Mädchen, Motorrädern und dem nächsten Abenteuer, bin ich auch mit trans im Grunde genommen durch. Nur manchmal beschäftigt es mich noch, denn ein paar Stellen, an denen nicht alles völlig  glatt verläuft,  wird es immer geben. Wenn mich das belustigt, überrascht, oder ärgert, dann blogge ich darüber.

Viele Menschen schreiben mir. Einige stecken selbst in der trans Pubertät, manche mailen mir schnell ein paar anerkennende Worte und andere erhoffen sich Rat oder Zuspruch. Ich freue mich über die vielen E-mails, aber noch lieber ist es mir, wenn ich sie als Kommentare im Blog bekomme, wo die Beantwortung mir besonders viel Freude bereitet. Deshalb seid bitte nicht entäuscht, wenn ich persönliche E-mails oft nur mit ein paar kurzen Sätzen beantworte und vor allem niemals auf Unterleibsfragen reagiere.

Transsexualität ist kein HobbyImmer wieder werde ich nach Hormonen gefragt, aber dazu könnt ihr von mir keine seriöse Antwort erwarten. Was verstehe ich denn davon? Ich bin Polizistin, keine Ärztin und habe null Ahnung von Medizin. Nach einem Jahr Alltagstest bin ich zum Doktor gegangen, habe mich untersuchen lassen, mir Hormone verschreiben und die Dosierung einstellen lassen und freue mich seitdem jeden Tag über die aufregenden Veränderungen, die mit mir geschehen sind. Aber jemand anderen beraten? Nein, das kann ich nicht. Dafür sind Ärzte da.

Zu Mode und Passing gebe ich allerdings gerne Tipps, obwohl ihr selbst Schuld sein, wenn ihr mir vertraut. Ich mag es nun einmal auffällig, flashy und immer einen Tick zu kurz. Und wusstet ihr, dass ich niemals Hosen trage? Ich mag die Biester nicht. Und so jemandem würdet ihr in Sachen Mode vertrauen? Holy moly...

Nein, ihr werdet euren eigenen Style entdecken müssen und auf dem Weg dahin habt ihr hoffentlich jede Menge Spaß und leistet euch auch ein paar absolute Fashion Disasters. Man muss sich auf jeden Fall erst ein paarmal richtig zum Löffel machen, bevor man endlich seinen eigenen Look gefunden hat. Glaubt mir, ich weiß alles darüber und den Rest kann Claudia euch erzählen.

Wer ernsthaft etwas für sein Passing tun möchte, sollte sich meine Passing Serie genau durchlesen. Sie kann euch dabei helfen, möglichst schnell den Charly‘s Tante Look loszuwerden.

Seid nicht entäuscht, wenn sich in Zukunft weniger Beiträge um das trans-Thema drehen, oder wenn ich seltener schreibe. Letztlich hat jedes Posting hier etwas mit trans zu tun, denn schließlich schreibe ICH die Beiträge und ich war ja früher selbst einmal trans. :-)

Fazit: Ich habe mich verändert und auch mein Blog Svenja-and-the-City hat sich verändert. Heute bin ich bloß noch Svenja, die Frau mit dem verrückten Motorradhobby, die es liebt, an ihrer Enduroseite zu basteln, sich gerne flippig anzieht, leidenschaftlich Single ist, viel zuviel Geld für Klamotten ausgibt und zwischendurch die fettesten Essen der Welt kocht. Ein besseres Leben kann ich mir gar nicht vorstellen.

Sonntag, 30. Januar 2011

Geschenk aus Karlsruhe

SvenjaAusgerechnet am 11. Januar, meinem Geburtstag, hat das Bundes­ver­fas­sungs­gericht mir ein ganz besonderes Geschenk gemacht, indem es eine wesent­liche Bestimmung des TSG für verfassungswidrig erklärt hat. Wir sind demnach nicht mehr ge­zwun­gen, uns operieren zu las­sen, um auch rechtlich im em­pfundenen Geschlecht aner­kannt zu werden.

TSG steht übrigens nicht für „Turn- und Sportverein“, sondern ist die Abkürzung für das Transsexuellengesetz, unseren Leitfaden für die Transition, das Handbuch zum Rübermachen. Darin steht alles, was man für den erfolgreichen Wechsel von Sven zu Svenja wissen muss. Allein in Modefragen hält der Gesetzgeber sich recht bedeckt. Im Gegensatz zu mir :-)

Bisher musste man sich in einer schwierigen Operation die Geschlechtsorgane entfernen lassen, um auch im Personen­stands­register den gewünschten Geschlechtseintrag männlich, oder weiblich, zu bekommen.

Im Klartext: Wer nicht bereit war, sich operieren zu lassen, der meinte es auch nicht ernst. Mediziner wissen schon seit vielen Jahren*, dass diese Schluss­folgerung falsch ist und selbst die beiden psychiatrischen Gutachter für die Namens­änderung haben mir damals trans bescheinigt, ohne überhaupt die Frage nach der OP gestellt zu haben.

Die Verfassungsrichter sind der aktuellen Lehrmeinung gefolgt, wonach nicht die Operation entscheidend sei, sondern "wie konsequent der Transsexuelle in seinem empfundenen Geschlecht lebt und sich in ihm angekommen fühlt". Für dieses Statement könnte ich sie küssen, die Jungs und das Mädel vom Bundesverfassungsgericht, denn genau das ist auch meine Überzeugung.

Es wird sicher noch eine Weile dauern, bis das TSG in einer geänderten Fassung vorliegt, aber die genannte Vorschrift darf bereits jetzt nicht mehr angewandt werden.

Doch neben aller Politik und Juristerei, was bedeutet das für mich ganz persönlich? Was habe ich davon? Ich kann jetzt endlich diesen blöden Fehler in meiner Geburtsurkunde ändern lassen: Es wurde damals in Klingberg kein Junge geboren, sondern ein Mädchen, wenn auch mit Extras.

Und was ändert sich für mich, nachdem ich meinen Personenstand habe ändern lassen? Auf Anhieb kommen mir nur zwei bedeutsame Konsequenzen in den Sinn: Falls ich mal wieder heiraten wollte, könnte mein Ehepartner nur noch ein Mann sein. Mit einer Frau könnte ich aber die eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen. Vorher war es umgekehrt. Und die zweite Konsequenz ist, falls ich mal in den Knast muss, wäre es dann der Frauenknast. Wobei ich mit den Konsequenzen zu 2 wesentlich leichter leben könnte, als mit denen zu 1, fürchte ich.

Sollte ich nämlich jemals wieder heiraten wollen, so müsste es schon eine supersüße, nette, sexy, langbeinige Blondine mit einem Herzen aus Gold sein, mit der ich mich schon vor der Hochzeit anzicken würde, wer wohl das schönere Kleid tragen wird.

Glücklicherweise beträgt die aktuelle BHW (Blondinenheiratswahrscheinlichkeit) exakt NULL. Und meine Ansicht über das Heiraten kennt ihr ja bereits: „Eher stöckele ich im nassen T-Shirt auf PeepToes über eine Baustelle.“

Fazit: Ich freue mich sehr über die Entscheidung 1 BvR 3295/07* aus Karlsruhe, denn auch für mein eigenes Leben hat sie ganz konkrete Auswirkungen. Ich werde endlich die Personenstandsänderung erreichen können, ohne dass ich vorher ins Krankenhaus muss. Es ist genau so, wie die Richter sagen, entscheidend ist, wie konsequent man sein neues Leben führt und sich in ihm angekommen fühlt. Und in dieser Disziplin gebe ich mir selbst mal eben volle hundert Punkte. Auch ohne OP...


* weiß jemand, wann und wo die alte Lehrmeinung erstmal infrage gestellt wurde?
* der Leitsatz zum Beschluss des Ersten Senats vom 11. Januar 2011 findet sich unter 1 BvR 3295/07

Samstag, 8. Januar 2011

Überraschung beim TÜV

Svendura„Und jetzt möchte ich bitte noch den Verbandkasten sehen.“, for­dert mich der junge Prüfer bei der Kieler DEKRA auf.

Bis jetzt ist die Prüfung prima gelaufen. Sogar die ungleichmäßig wirkende Handbremse war noch im Normbereich, was sie deutlich von dem schwarzen Mikromini unterscheidet, den ich als Outfit für meinen Besuch bei der DEKRA an­ge­zogen habe.

„Der Verbandkasten?“, erwidere ich, „Kein Problem, der liegt irgendwo im Kofferraum unter der Bodenplatte.“

Während der Prüfer mir über die Schulter sieht, öffne ich die Heckklappe und tatsächlich, die kleine Tasche liegt noch so da, wie ich sie 2003 bei PLAZA gekauft habe, nachdem ich den nagelneuen, kleinen Seat erst eine Stunde zuvor übernommen hatte.

Aber was ist das? In der Felge meines Reserverades liegt etwas. Da hat jemand offenbar ein komplettes Girly Outfit hastig hineingestopft. Einen grünen Faltenminirock, ein lachsfarbenes Shirt mit Spitze und ein Paar bordeaux­roter Leder­ballerinas mit einer winzigen, süßen Spange an der Stelle, wo der kleine Zeh sitzen soll. Wo kommt ihr denn her?, denke ich und im selben Moment fällt es mir wieder ein.

Wie vermutlich viele Transgender in einer frühen Phase ihrer Entwicklung, hatte ich wie ein Eichhörnchen meine Geheimverstecke angelegt. Nur dass ich nicht Beeren und Früchte, sondern Miniröcke und Strumpfhosen versteckt habe. Und genau wie die Eichhörnchen habe ich einige meiner Verstecke anschließend vergessen. Warum blieb dieses so lange unentdeckt? Weil ich nie einen Platten hatte und weil der Verbandkasten beim letzten Mal noch nicht geprüft worden ist.


Die Sachen hatte ich in meinem ersten Leben vor langer Zeit bei eBay ersteigert und sie hier gelagert. Wenigstens ab und zu habe ich heimlich, peinlich und ungeschminkt ein paar Schritte darin gewagt und trotz haariger Beine, Jungs­frisur und eines fetten Bartschattens davon geträumt, eine wunderhübsche Frau zu sein. Puh, welch eine schwierige, leid­volle Zeit das gewesen ist und wie weit ich seitdem gekommen bin...

Ich spüre den fragenden Blick des KFZ-Experten und mit einem befreiten Grinsen überreiche ich ihm strahlend das kleine Verbandpäckchen, das noch immer glänzt wie neu.

„Der ist aber längst abgelaufen.“, klärt der Prüfer mich freundlich auf und so lerne ich, dass sogar Verbandkästen inzwischen ein Haltbarkeitsdatum besitzen. Das ist genau wie mit Leberpastete und mit Girly Outfits, denke ich: Nur weil man das Zeug jahrelang nicht auspackt, kann es trotzdem schlecht werden, oder sogar aus der Mode kommen. (das Outfit meine ich, nicht die Leberpastete)

Fazit: Heute habe ich längst meinen eigenen Style gefunden und ziehe an, was mir gefällt, selbst wenn es einmal grenzwertig ist. Na und? Das war die Wirkung der Handbremse des Seat auch und die neue TÜV-Plakette haben wir trotzdem bekommen.

PS: Ob ich das Girly Outfit auch heute noch tragen würde? Ganz sicher nein. Eher würde ich im nassen T-Shirt über eine Baustelle stöckeln...